Eine Machtübernahme durch die Hisbollah in Beirut würde den Iran vor die Haustür Israels bringen

Der Libanon steht am Rande des Zusammenbruchs, wodurch die reale Möglichkeit besteht, dass Teheran seine Vision der Übernahme des Landes realisieren kann.

Lesezeit: 4 Minuten

Eine offizielle Hisbollah-Delegation unter Leitung des libanesischen Abgeordneten Mohammad Ra’ad ist am Montag auf Einladung des russischen Aussenministeriums zu einem dreitägigen Besuch in Moskau eingetroffen. Die Hisbollah-Vertreter trafen sich mit dem russischen Aussenminister Sergej Lawrow, seinem Stellvertreter Michail Bogdanow, dem Vertreter von Präsident Wladimir Putin für den Nahen Osten, dem nationalen Sicherheitsberater und Mitgliedern der Duma, dem russischen Parlament.

von Dr. Shimon Shapira

Russland versucht, eine Lösung für die politische Krise im Libanon zu finden, die die Bildung einer dauerhaften Regierung in Beirut verhindert und die Kontrollmechanismen des konfessionellen Regierungssystems bedroht, das im Libanon seit 1943 besteht.

Währenddessen bricht im Hintergrund die libanesische Wirtschaft zusammen. Die libanesische Lira hat seit Oktober 2019 90 Prozent ihres Wertes verloren. Der Verfall der Lebensbedingungen im Libanon hat bereits zu wütenden Demonstrationen in Beirut geführt, die die Stabilität des Staates bedrohen.

Gleichzeitig betreibt die Hisbollah ein alternatives Regierungssystem, getrennt von der Zentralregierung in Beirut. Es umfasst ein unabhängiges Wirtschaftssystem, einschliesslich Hisbollah-Banken mit Geldautomaten, sowie ein Gesundheitssystem, welches eine Teillösung für die Unfähigkeit des Staates bietet, mit der Coronavirus-Pandemie fertig zu werden. Es gibt ein unabhängiges Bildungssystem, das Kindergärten, Grund- und weiterführende Schulen umfasst, ein Pfadfinderwesen und ein System von 32 Hawzat (religiöse Studienseminare) und Wohlfahrtseinrichtungen im ganzen Libanon.

Die Finanzierung dieses allumfassenden Systems wird auf 1 Milliarde Dollar pro Jahr geschätzt, und die Mittel kommen weiterhin aus dem Iran, trotz der gegen ihn verhängten Wirtschaftssanktionen. Mit den Worten des Hisbollah-Generalsekretärs Hassan Nasrallah: „Solange der Iran Geld hat, haben wir Geld … So wie wir die Raketen erhalten, mit denen wir Israel bedrohen, so erhalten wir auch unser Geld.“

Dass der Iran die Hisbollah im Libanon unterstützt, entspringt keinen selbstlosen Motiven. Grosse Teile der schiitischen Gemeinschaft sind dem theologischen Prinzip des Welāyat-e Faqih treu, das den iranischen Obersten Führer Ali Khamenei als politischen und religiösen Wächter und Hassan Nasrallah als seinen Vertreter im Libanon betrachtet.

Der immer grösser werdende Fussabdruck des Irans im Libanon

Seit dem Ausbruch des Aufstandes in Syrien vor einem Jahrzehnt hat der Iran seine Einmischung in die Angelegenheiten der Hisbollah verstärkt. Nasrallah war gezwungen, den Befehlen des damaligen iranischen Quds-Force-Kommandeurs General Qassem Soleimani nachzukommen und mehr als 8.000 Kämpfer nach Syrien zu schicken. Mehr als 2.000 kehrten in Särgen zurück, und doppelt so viele wurden bei den Kämpfen verwundet.

Als der Kommandeur der Hisbollah-Kräfte in Syrien, Mustafa Badreddine, Vorbehalte gegen die weitere Beteiligung der Hisbollah am Krieg in Syrien äusserte, wurde er von Soleimani mit dem Einverständnis Nasrallahs eliminiert. Es gibt kein Porträt von Badreddine, einem der wichtigsten Kommandeure der Hisbollah, unter den Bildern, die am „Tag der Märtyrer-Kommandeure“ neben Ragheb Harb, Abbas al-Musawi und Imad Mughniyeh zu sehen sind.

Nasrallah ist sich der Last der Verantwortung bewusst, die der Iran auf seine Schultern legt. Der Zusammenbruch der Zentralregierung in Beirut, zusammen mit der Dysfunktion des Regierungs- und Wirtschaftssystems, verwandelte den Libanon von einem gescheiterten Staat in einen Hisbollah-Staat, in dem das alternative System der Hisbollah vollständig vom Iran unterstützt wird.

Die Hisbollah sieht davon ab, die Regierungsstruktur formell zu übernehmen, und Nasrallah versteht die weitreichende Bedeutung einer Machtergreifung im libanesischen Präsidentenpalast in Baabda. In diesem Stadium hat der Iran geostrategische Ziele, die ihn daran hindern, die Vision zu verwirklichen, den Libanon in eine islamische Republik zu verwandeln, wie es Ayatollah Khomeini befohlen hatte. Das unmittelbare Ziel des Irans ist es, das von der Biden-Administration geöffnete Zeitfenster zu nutzen und zu den Bedingungen Teherans zum Atomabkommen zurückzukehren.

Allerdings scheinen die internen Prozesse im Libanon schneller voranzukommen, als es dem Iran und der Hisbollah lieb ist. In dieser Situation kann ein extremes Szenario entstehen, in dem der libanesische Staat wie eine reife Frucht in die Hände der Hisbollah fällt und der Iran seine Vision der Übernahme des Landes verwirklichen kann. Dieses Szenario stellt den Iran vor die folgenden strategischen Optionen:

– Das Einlaufen von Kriegsschiffen in den Hafen von Beirut und dessen Übernahme, die Nutzung der Kontrolle der Hisbollah über den internationalen Flughafen von Beirut, um ihn als Militärflugplatz zu gebrauchen, und die gleichzeitige Einrichtung eines Militärflugplatzes in Baalbek.

– Entsendung der Quds-Truppen aus dem Iran und Syrien in die libanesischen Regionen Baalbek und Baqaa, um als Schirm für afghanische, pakistanische, irakische und jemenitische schiitische Milizen zu dienen, die von Syrien aus einmarschieren werden. Diese Kräfte wurden zuvor von Nasrallah aufgerufen, sich am nächsten Krieg gegen Israel zu beteiligen.

Die Hisbollah würde damit drohen, dass jeder Angriff auf iranische und schiitische Kräfte im Libanon zu Raketenangriffen tief im Inneren Israels führen würde, und mit der Unterstützung des Irans die Produktion von Präzisionssprengköpfen für Lang- und Mittelstreckenraketen erhöhen.

Das Szenario ist zwar extrem, aber angesichts der anhaltenden Verschlechterung der Lage im Libanon nicht unwahrscheinlich. Eine solche Entwicklung würde das regionale Kräftegleichgewicht verändern und Israel direkt bedrohen.

IDF-Brigadegeneral a.D. Dr. Shimon Shapira ist leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter am Jerusalem Center for Public Affairs. Er diente als militärischer Sekretär des Premierministers und als Stabschef des israelischen Aussenministeriums. Übersetzung Audiatur-Online.

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