Israel: „Follow The Lights“-Party mitten in Corona-Zeiten

Jerusalem gibt Hoffnung

Lesezeit: 4 Minuten

Während in Berlin und Zürich (u.a. in Europa) gestritten wird, ob und wie lange der nächste Lockdown dauert, feiert Jerusalem diese Woche Party und gibt seinen Bürgern mitten in der Corona-Pandemie Hoffnung, Hoffnung auf bessere Zeiten: „Follow the lights“ (Folge dem Licht) heisst das Motto und Zigtausende radeln, gehen und fahren mit dem Auto abends von der beleuchteten Altstadtmauer zu den Scheinwerfern auf dem Parlamentsgebäude der Knesseth, die wie feurige Finger in den Himmel strahlen, als wären sie in der Heiligen Stadt auf der Suche nach dem einzig helfenden Gott.

Die Jugend trifft sich unterdessen auf Einladung des Radiosenders FM106 auf einem Parkplatz unterhalb der „Hebron Road“. Denn dort geht bei Pop und Rock die Post ab. Sie tanzen auf den Dächern ihrer Vans im Rhythmus mit und ohne Kippa auf dem wackelnden Haupt. Pizza gibt es manchmal kostenlos – natürlich streng kosher.

Party in Jerusalem ist nur möglich, weil Israel anerkannter Impf-Weltmeister ist. Während in der Schweiz und Deutschland unter zehn Prozent verimpft sind, kann der israelische Gesundheitsminister am 3. März verkünden: 89 % aller Bürger über 50 und 58 % über 16 sind mindestens einmal geimpft. Eine Statistik, die Menschenleben rettet. In Israel sind in dem Pandemie-Jahr 5797 Menschen „mit oder an Corona“ gestorben, wie die offiziellen Zahlen der John-Hopkins-Universität belegen. Die beiden reichsten Länder Europas nach Pro-Kopf-Einkommen und mit einem herausragenden Gesundheitssystem, Schweiz und Deutschland, beklagen weitaus höhere Sterbeziffern. Die Eidgenossen – mit fast gleich vielen Einwohnern wie Israel – betrauern mittlerweile rund 10’000 Tote und Deutschland, das neunmal mehr Bürger zählt 70’926 Verstorbene.

Bayern, Sachsen und Thüringen sind in diesen Tagen stolz, dass sie dem befreundeten, angrenzenden EU-Staat Tschechien, der in Europa am schwersten vom Covid-19-Virus heimgesucht wurde, 15’000 Impfdosen zur Verfügung stellen können.

Demgegenüber steht die Entscheidung der Regierung in Jerusalem vom Sonntag, die in Kürze 120’000 Palästinenser mit Impfstoff aus Israel versorgen. Dabei sollte nicht übersehen werden: Die drei genannten deutschen Bundesländer sind fünfmal so gross wie Israel, haben doppelt soviel Einwohner und eine mehrfach höhere Wirtschaftskraft.

Die israelische Impfgeste gegenüber den Palästinensern ist vor allem auch ein Selbstschutz: die ca. 120’000 Gastarbeiter aus der Westbank verdienen ihren Unterhalt in Israel, vorwiegend in der Landwirtschaft und auf dem Bau und könnten das Virus inklusive Mutanten einschleppen.

Die Ursachen, warum Israel grossflächig impft und Europa langatmig streitet, aber nach Schuldigen sehr selten fahndet, werden gerne verdrängt. Denn man müsste zugeben, dass die politisch Verantwortlichen aus dem reichen und fortschrittlichen Kontinent die Pandemie und ihre Auswirkungen „unterschätzt“ haben, wie die deutsche Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, von Beruf Ärztin, eingestehen musste.

Dr. Lisa Federle, Notärztin und Pandemie-Beauftragte in Tübingen hält mit ihrer Meinung laut BILD-Zeitung nicht hinter dem Berg: „Uns fehlt komplett der Pragmatismus in der Krise! Es geht einfach nicht, dass wir jedes Gesetz fünfmal umdrehen, dann zehnmal ausschreiben und uns dann noch mal überlegen, ob dort wirklich alles geregelt und genauestens besprochen ist. Wir stehen uns damit total mit unserer Bürokratie im Wege.“

Dem stimmt ihr Oberbürgermeister Boris Palmer, ein prominenter Grüner, zu und hält die berühmte deutsche Gründlichkeit in einer Pandemie-Situation nicht nur für falsch, sondern auch für verheerend.

„Wenn man ewig wartet, bis alle Voraussetzungen erfüllt sind, dann sind die Impfdosen verkauft, die Schnelltests vergeben und die Menschen unter Umständen schon tot. Ich glaube daher, dass zu lange abwarten in der Pandemie die falsche Strategie ist. Da muss man loslegen, wenn man sich zu 80 Prozent sicher ist, dass die Sache läuft.“

Beide beschreiben überdeutlich den israelischen Weg Covid-19 zu bekämpfen. Und der Weg ist offenbar erfolgreich. So erfolgreich, dass sich der Bundeskanzler in Wien, Sebastian Kurz und seine Amtskollegin in Kopenhagen, Mette Frederiksen von der EU demonstrativ abwenden und am heutigen Donnerstag nach Tel Aviv fliegen um mit Benjamin Netanyahu eine Impfallianz einzugehen. Der selten Israel-freundliche „SPIEGEL“ spricht von einer „publikumswirksam inszenierten Ohrfeige für die Impfstrategie der EU“. Bern und Berlin schweigen zu der inzwischen weltweit wirkenden Aktion der beiden EU-Mitglieder. Aufgewacht ist bisher nur der Generalsekretär der oppositionellen FDP in Berlin, Volker Wissing: „Die Bundesregierung sollte jede Möglichkeit – auch, wenn es hilfreich ist – ein Gespräch mit Herrn Netanjahu nutzen, um bei der Beschaffung von Impfstoff voranzukommen“. Viel Glück!

Godel Rosenberg

Über Godel Rosenberg

Journalist, Autor, High­techunternehmer. Godel Rosenberg war Pressesprecher der CSU und von Franz Josef Strauß, Fernsehjournalist, TV­-Moderator und Repräsen­tant des Daimler­-Konzerns in Israel. Von 2009 bis 2018 war Godel Rosenberg der Repräsentant Bayerns in Israel.

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