In Erinnerung an Dr. Manfred Gerstenfeld: Wahrheit gegen Mythos

Lesezeit: 5 Minuten

Es gibt einen bitteren Witz, der in den Niederlanden erzählt wird, und der besagt, dass die meisten Holländer Teil des Anti-Nazi-Widerstands waren, sich aber «nach dem Krieg» angeschlossen hätten. Wie alle guten Witze entlarvt er die Mythen, die wir Menschen über uns selbst erschaffen, um die Schuld und Scham abzuwehren, die unsere Handlungen erzeugen können.

von Ben Cohen

Doch die Wahrheit – dass in den Niederlanden während des Krieges die Kollaboration mit den deutschen Besatzern weit verbreitet war, dass viele Menschen die Augen davor verschlossen haben, dass die überwältigende Mehrheit der Juden des Landes deportiert und vernichtet wurde – können nicht für immer verborgen bleiben, egal wie sehr wir versuchen, uns selbst und andere zu täuschen.

In dieser Hinsicht war Dr. Manfred Gerstenfeld, der am 25. Februar im Alter von 84 Jahren in Jerusalem verstarb, ein unübertroffener Meister der Kunst, Mythen zu dekonstruieren, um die nackte Wahrheit zu enthüllen. Er tat dies durch seine unzähligen Bücher und Artikel, in denen er das Fortbestehen des Antisemitismus nach dem Holocaust analysierte, vor allem in den verschiedenen Ländern Europas, dem Kontinent, in dem er geboren wurde und den grössten Teil seines Lebens verbrachte.

Ich kannte Manfred Gerstenfeld persönlich seit fast 20 Jahren als Freund und intellektuellen Mentor. Äusserlich war er der Inbegriff eines europäischen Gentleman, immer tadellos gekleidet und mit einem Akzent, der seine Wiener Wurzeln verriet. Auf mehreren Reisen nach Jerusalem besuchte ich ihn in der Wohnung, wo er mit seiner Frau lebte, und wo ich – in seinem mit Büchern vollgepackten Wohnzimmer sitzend und mit einem Glas Scotch in der Hand – seinen Erkenntnissen über die Ausbrüche von Antisemitismus lauschte, die immer öfter in Europa und und anderen Ländern auftraten, wobei ich Gerstenfelds Fähigkeit bewunderte, die Ideen und Themen auszumachen, die scheinbar unzusammenhängende Ereignisse miteinander verbanden.

Als der sogenannte «neuen Antisemitismus» um die Jahrhundertwende an Fahrt aufnahm, waren nur wenige Wissenschaftler, darunter Gerstenfeld, in der Lage zu erklären, dass der Wein zwar neu, die Schläuche aber alt waren. «Das weit verbreitete Wiederaufleben des europäischen Antisemitismus nach dem Holocaust deutet darauf hin, dass er in der europäischen Kultur und den europäischen Werten verankert ist», stellte er in einem Artikel von 2005 klar. Wie das Ballett, so fuhr er fort, habe der europäische Antisemitismus viele Kritiker und Verleumder, und doch – wiederum wie das Ballett – sei seine Bedeutung für die Entwicklung der europäischen Kultur unbestreitbar, und er hätte eine grosse Zahl von Bewunderern bewahrt. «Die Statistik würde wahrscheinlich zeigen, dass die Zahl der europäischen Antisemiten bei weitem jene übersteigt, die Ballett mögen», bemerkte er.

Gerstenfelds Einfluss war überall, wo in den letzten zwei Jahrzehnten über Antisemitismus debattiert wurde, präsent: Der akademische Boykott Israels und die noch breitere «Boykott-, Desinvestitions- und Sanktions»-Bewegung (BDS), die nach 2003 merklich aufkeimte; die Rhetorik über jüdisches Geld und Macht und doppelte Loyalität, die die wiedererstarkte Feindseligkeit gegenüber Israel sowohl bei der extremen Linken als auch unter den Mainstream-Liberalen und Sozialdemokraten dominierten; die internationale Kontroverse, die durch die Veröffentlichung des Buches «Die Israel-Lobby» der amerikanischen Politologen John Mearsheimer und Stephen Walt im Jahr 2006 ausgelöst wurde; die wachsende Tendenz, den Holocaust zu verhöhnen und zu verzerren, um Israel und Juden im Allgemeinen anzugreifen; die weltweiten Kampagnen zur Dämonisierung Israels als Schurkenstaat, welche die Kriege gegen das Hamas-Regime in Gaza 2008/09 und 2014 begleiteten; und die Auswirkungen der Masseneinwanderung aus muslimischen Ländern auf die Ausprägung des Antisemitismus in Europa.

Gerade in diesem letzten Punkt rief Gerstenfelds Arbeit Widerstand hervor, vor allem von den Linken. Seine unzweideutigen Ausführungen kollidierten mit dem Widerwillen, anzuerkennen, dass muslimische Gemeinschaften, die zweifellos auch Opfer von Rassismus wurden, selbst einen Antisemitismus ausbrüten können, der – wie wir in den letzten Jahren in Frankreich mehrfach gesehen haben – eine mörderische Qualität annehmen kann. Auf einer akademischen Konferenz in London vor einigen Jahren führte Gerstenfelds Betonung der unverhältnismässig hohen Zahl muslimischer Angreifer bei gemeldeten Angriffen auf Juden dazu, dass ein britischer Professor aus dem Raum stürmte, die Worte «Sie sind ein Rassist!» brüllte und sich demonstrativ weigerte, das private Gespräch zum Abbau von Spannungen zu führen, das der stets höfliche Gerstenfeld ihm anbot.

Aber jeder, der Gerstenfeld begegnete, wusste, dass er keine Person war, die Zugeständnisse an politische Dogmen jeglicher Couleur machte. Das Weltbild vieler Nationalisten und Christdemokraten wäre vermutlich erschüttert worden, hätten sie Gerstenfelds Analyse von 2005 gelesen, über die drei wichtigsten strategischen Fehler, die Europa nach dem Zweiten Weltkrieg begangen hat.

Der erste Fehler, so sagte er – und nahm damit eine ähnliche Klage amerikanischer Konservativer mehr als ein Jahrzehnt später vorweg -, war Europas «Unwilligkeit, die Verantwortung für seine eigene Verteidigung gegen den totalitären Kommunismus zu übernehmen.» Dies habe zu einer «widerstandsarmen Mentalität» geführt, die davon ausging, dass der Schutz des Kontinents vor Bedrohungen wie dem Kommunismus und später dem islamistischen Terrorismus in der Verantwortung anderer liege, vor allem der Vereinigten Staaten.

Der zweite Fehler, so Gerstenfeld, bestand darin, dass die Abhängigkeit Europas vom arabischen und iranischen Öl das letzte moralische Rückgrat seiner politischen Führer brach. Ein längst vergessenes Beispiel dafür war die Entscheidung des französischen Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing von 1977, Ayatollah Ruhollah Khomeini politisches Asyl zu gewähren, der zwei Jahre später die islamistische Machtübernahme im Iran anführte. Indem Frankreich auf seine Energieinteressen allem voran stellte, so Gerstenfeld, spielte das Land eine Schlüsselrolle bei der Legitimierung eines Regimes, das auch mehr als 40 Jahre später weltweit eine existenzielle Bedrohung darstellt.

Foto Facebook / Manfred Gerstenfeld

Europas dritter Fehler, so Gerstenfeld, sei die «exzessive Abhängigkeit» von der Einwanderung, um seinen wirtschaftlichen Wohlstand zu fördern. Ausländische Einwanderer, grösstenteils aus den muslimischen Nachbarländern Europas sowie aus ehemaligen Kolonien, «wurden benötigt, um Arbeitskräfte bereitzustellen, das Defizit an Europas Geburtenraten auszugleichen und auch um die zukünftigen Renten derjenigen zu garantieren, die heute arbeiten.»

Zusammengenommen hatten diese drei «Fehler» tiefgreifende negative Konsequenzen für die jüdischen Gemeinden in Europa sowie für die europäischen Beziehungen zum Staat Israel. Sie spielten auch eine entscheidende Rolle, dass Europa nach vier Jahrhunderten imperialer Expansion wieder in die Rolle des «Weltgewissens» schlüpfen konnte – indem sie den Rassismus bekämpften und sich gegen vermeintliche amerikanische und israelische Einschüchterungen im Nahen Osten zur Wehr setzten.

Das jüdische Volk konnte sich glücklich schätzen, dass Gerstenfeld diese andauernden Heucheleien unermüdlich demaskierte. Wie alle grossen Denker wird er nicht leicht zu ersetzen sein, obwohl sein Einfluss sicherlich andauern wird. Möge sein Andenken ein Segen sein.

Ben Cohen ist ein in New York City ansässiger Journalist und Autor. Auf Englisch zuerst erschienen bei Jewish News Syndicate. Übersetzung Audiatur-Online.

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1 KOMMENTAR

  1. Der Tod von Dr. Manfred Gerstenfeld ist ein großer Verlust. Ich habe seine Beiträge bei audiatur-online immer mit großem Interesse gelesen. Typisch für ihn ist seine brillante Analyse der wichtigsten strategischen Fehler Europas seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Seinen Erkenntnissen ist nichts hinzuzufügen, außer dass in Europa weiterhin unbeirrt dieses Versagen kultiviert wird.

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