Der Präsident von Tunesien verunglimpft die Juden

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Zehn Jahre nach Beginn des sogenannten „Arabischen Frühlings“ in Tunesien ist das Land wieder in den Schlagzeilen. Eine Reihe von gewalttätigen Demonstrationen hat dort vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Not stattgefunden. Der tunesische Präsident Kais Saied, von den Demonstrationen beunruhigt, griff zu einem klassischen Mittel, um sich Unterstützung zu holen und Kritik von sich selbst abzulenken: Er gab Israel und den Juden die Schuld.

von Edy Cohen

Das ist es, was Saddam Hussein während des Golfkrieges 1991 tat, als er 39 Raketen auf Israel abfeuerte, nachdem die von den USA angeführte internationale Kampagne ihn aus Kuwait vertrieben hatte. Viele andere arabische Führer, sowohl vor als auch nach Saddam, haben die gleiche Taktik angewandt. Feindseligkeit gegenüber Israel oder den Juden dient routinemässig als einigendes Element und als bequemes Mittel zur Ablenkung.

Und jetzt haben wir Präsident Saied, der bei einem kürzlichen Besuch in einem Vorort von Tunis erklärte, die Juden seien nichts als Diebe. „Wir wissen sehr gut, wer die Leute sind, die das Land heute kontrollieren“, sagte er zu einer Menschenmenge in einer Rede, die auf Video aufgezeichnet wurde. „Es sind die Juden, die den Diebstahl begehen, und wir müssen dem ein Ende setzen.“ Der Vorwurf des Diebstahls ist eine bekannte antisemitische Beleidigung, die seit Jahrhunderten gegen die Juden verwendet wird.

Das Komitee der europäischen Rabbiner verurteilte Saieds Worte und macht ihn für alles verantwortlich, was den Juden in seinem Land zustossen könnte: „Die tunesische Regierung ist der Garant für die Sicherheit der tunesischen Juden. Die Äusserungen von Präsident Kais Saied bedrohen die Integrität und Sicherheit einer der ältesten jüdischen Gemeinden der Welt.“ Auch Dr. Miriam Gaz-Abigail, Vorsitzende der Zentralorganisation der Juden aus den arabischen Ländern und dem Iran (ein Dachverband, der jüdische Organisationen verschiedener Gemeinden aus der arabischen Welt umfasst), veröffentlichte eine Verurteilung auf der Facebook-Seite der Organisation.

Video Express TV / fr.expresstv.ma

Das Video von Saieds Rede kursierte schnell in den tunesischen Medien. Viele sagen, die Verunglimpfung der Juden sei ein blosser Versprecher gewesen, obwohl das Wort „Juden“ in dem Video deutlich zu hören ist. Regierungsvertreter behaupten, Saied habe nicht „Juden“ gesagt, sondern ein ähnlich klingendes Wort auf Arabisch.

Saieds Büro gab eine Erklärung zu der Angelegenheit ab, die mehrere Teile enthielt:

  1. Eine komplette Bestreitung, dass der Präsident irgendeine Religion verleumdet habe.
  2. Die Behauptung, dass der Präsident einen Unterschied zwischen der jüdischen Religion und dem Zionismus macht.
  3. Eine Erinnerung daran, dass Saied kürzlich eine tunesische Synagoge besuchte (wo er seine Gastgeber beleidigte, indem er sich weigerte, eine Kippa zu tragen, was jedoch in der Erklärung nicht erwähnt wurde).
  4. Die Behauptung, dass die ganze Geschichte eine Verschwörung gegen das tunesische Volk sei.
  5. Ein Vers aus dem Koran.

Tunesien ist insofern einzigartig, weil es dort Tausende von Juden gibt und kaum einer von ihnen zu Schaden gekommen ist. Drei jüdische Minister waren in der Regierung, darunter Rene Trabelsi, der als Minister für Tourismus in der Regierung vor Saied diente.

Das heisst nicht, dass das tunesische Volk die Juden grundsätzlich sympathisch findet. Saied wurde vor zwei Jahren mit dem Wahlversprechen gewählt, dass er keine Beziehungen zu Israel unterhalten würde, dass eine Normalisierung mit Israel Verrat sei und dass er Israelis den Besuch des Landes verbieten würde. Dennoch hat Saied keine Kritik an den vier arabischen Staaten geübt, die in den letzten Monaten Friedensabkommen mit Israel unterzeichnet haben.

Dr. Edy Cohen ist Wissenschaftler am BESA Center und Autor des Buches The Holocaust in the Eyes of Mahmoud Abbas (auf Hebräisch). Er ist spezialisiert auf interarabische Beziehungen, den arabisch-israelischen Konflikt, Terrorismus und jüdische Gemeinden in der arabischen Welt. Übersetzung Audiatur-Online.

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