Berichterstattung über Israel: Unwichtiges verdrängt Wichtiges

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Premierminister Benjamin Netanjahu empfängt den griechischen Premierminister Kyriakos Mitsotakis am 8. Februar 2021 in Jerusalem. Foto Haim Zach / GPO
Premierminister Benjamin Netanjahu empfängt den griechischen Premierminister Kyriakos Mitsotakis am 8. Februar 2021 in Jerusalem. Foto Haim Zach / GPO
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Die Berichterstattung über Israel vom Montag, den 8. Februar 2021, ist ein schlagendes Beispiel wie (fast) Unwichtiges wichtige Informationen verdrängt. Auf vielen TV- und Radio-Kanälen in Europa wird schon fast im Stundentakt über das 20-minütige Gerichtsverfahren des israelischen Ministerpräsidenten Netanyahu berichtet. Dass am gleichen Tag beim Treffen zwischen Netanyahu und Griechenlands Ministerpräsidenten Kyriakos Mitsotakis in Jerusalem europäisch-nahöstliche Energie-Geschichte fortgeschrieben und ein länderübergreifendes Corona-Projekt gestartet wird, fällt weitgehend unter den News-Tisch.

Um Missverständnissen vorzubeugen: dass ein amtierender Ministerpräsident vor Gericht geladen wird, ist natürlich ein Thema. Aber dieser Termin war lange vorher angekündigt, Beteiligte und Beobachter wussten, dass bei den bekannten Vorwürfen nichts entschieden wird. Das Verfahren dauert noch Monate, wenn nicht Jahre. Bis dahin gilt in einem Rechtsstaat: im Zweifel für den Angeklagten. Der Nachrichtenwert eher „unter ferner liefen“.

Kurz nach dem Gerichtstermin empfing Netanyahu den griechischen Ministerpräsidenten Mitsotakis. Auf der Tagesordnung stand neben dem Austausch diplomatischer Höflichkeiten die Weiterentwicklung des EastMed-Pipeline-Vertrages zwischen Griechenland, Zypern und Israel, der die Energie-Zukunft der Länder rund ums östliche Mittelmeer und die der Europäische Union (EU) nicht unwesentlich beeinflussen wird. Nicht zu vergessen, die damit verbundenen Auswirkungen auf die Abhängigkeit der EU von den Gaslieferungen aus Russland und die sich anbahnende Energie-Kooperation mit Israels neuen Partnern Vereinigte Arabische Emirate (VAE) und Bahrain im Arabischen Golf.

Die Rede ist von 455 Milliarden Kubikmeter israel-kontrollierter Gasvorkommen und weiteren 1’600 Milliarden Kubikmeter, die rund um das griechische Zypern vermutet werden. Die Mengen reichen aus, den Energiebedarf Israels der nächsten 40 Jahre zu sichern und dabei auch noch kräftig exportieren zu können. Mit Ägypten und Jordanien bestehen bereits langfristige Lieferverträge. Gas und US-Dollar fliessen bereits.

Mitbewerber von Gazprom

Zukunftsmusik ist eine 1900 Kilometer lange Pipeline von Israel über Zypern zur griechischen Insel Kreta oder direkt zum Festland auf dem Peloponnes. Von dort könnte Gas nach Europa geliefert und Israel könnte damit zum Mitbewerber der russischen Firma Gazprom werden. Dass diese Pläne nicht ganz unrealistisch sind mag man daran erkennen, dass einer der weltweit grössten Energie-Firmen, CHEVRON, in den USA beheimatet, 2020 fünf Milliarden US-Dollar in das Projekt investiert hat. Dagegen wirken die 39 Millionen US-Dollar Fördergelder der EU wie ein Betrag aus der Portokasse. Brüssel fürchtet wie so oft politische Schwierigkeiten mit der Türkei und tritt auf Zehenspitzen auf, anstatt einen angemessenen Fussabdruck zu hinterlassen. Irgendwie kommt einem diese Vorgehensweise der Brüsseler Bürokratie aktuell bekannt vor.

Damit sind wir beim alles übergreifenden Thema „Corona“. Israel ist auf diesem Pandemie-Spielfeld nicht nur Impf-Weltmeister, sondern hat an einem seiner grössten Krankenhäuser, dem Sourasky Medical Center in Tel Aviv, ein vielversprechendes Medikament entwickelt. 29 der ersten 30 mittelschweren bis schweren Covid-19-Erkrankten, die „EXO-CD24“ verabreicht bekommen haben, sind nach drei bis fünf Tagen als gesund entlassen worden. Die geheilten Patienten sprechen in den israelischen Nachrichten „von einem Wunder“.

Netanyahu, dessen hebräischer Titel eines „Machers“ von Freund und Feind unbestritten ist, hat seinem Ruf alle Ehre gemacht. Der griechische Ministerpräsident hat von dem heilenden Corona-Medikament aus der Presse erfahren und seinem Gastgeber dazu Interesse bekundet. Netanyahu bestellte die beiden verantwortlichen Ärzte, Prof. Nadir Arber und Dr. Sharon Shapiro spontan zu einem Treffen mit seinem Amtskollegen aus Athen. Und die Vier hatten einen Deal: ein grosses griechisches Krankenhaus wird sich an der Versuchsreihe mit „EXO-CD24“ beteiligen „zum Wohle der Menschen in beiden Ländern und vielleicht der ganzen Welt“, wie beide Politiker übereinstimmend verkündeten.

Damit endet der News-Wert des 8. Februar 2021 noch nicht. Netanyahu konnte seinem griechischen Gast berichten, dass Israels Bevölkerung im April mehrheitlich doppelt geimpft und damit nach bisherigen Erkenntnissen nicht mehr infektiös sei. Was würde dagegen sprechen, dass israelische Touristen ausgestattet mit einer grünen Gesundheitskarte ab dem Frühjahr in Griechenland wieder willkommen geheissen und zum Wiederaufschwung der Reisebranche millionenfach beitragen? Beide anwesende Tourismus-Minister versprachen, den Vorschlag wohlwollend zu prüfen.

Journalist, Autor, High­techunternehmer. Godel Rosenberg war Pressesprecher der CSU und von Franz Josef Strauß, Fernsehjournalist, TV­-Moderator und Repräsen­tant des Daimler­-Konzerns in Israel. Von 2009 bis 2018 war Godel Rosenberg der Repräsentant Bayerns in Israel.

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