Palästinenser: Nein zur Normalisierung mit dem „zionistischen Gebilde“

Lesezeit: 5 Minuten

Falls und wenn es der Biden-Administration gelingt, den Friedensprozess zwischen Israel und den Palästinensern wiederzubeleben, wird man in Betracht ziehen müssen, dass die arabische Kampagne gegen eine Normalisierung mit Israel so aggressiv bleibt wie eh und je.

von Khaled Abu Toameh

Die Anti-Normalisierungskampagne, die auch von Palästinensern geführt wird, bedeutet, dass jeder palästinensische Führer oder Unterhändler, der mit einem Israeli zusammensitzt, von Palästinensern und möglicherweise anderen Arabern als Verräter gebrandmarkt wird.

Zwei aktuelle Beispiele für die laufende Kampagne:

Am 6. Januar warnte das Palästinensische Journalistensyndikat (PJS), eine Gewerkschaft die von der regierenden Fatah-Fraktion des palästinensischen Präsidenten Mahmoud Abbas dominiert wird und Hunderte von palästinensischen Journalisten vertritt, seine Mitglieder davor, sich auf Normalisierungsaktivitäten mit Israelis einzulassen.

Die Warnung kam als Reaktion auf Berichte, dass die israelischen Verteidigungsstreitkräfte palästinensische Journalisten zu einem Zoom-Briefing über Israels Massnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung des Coronavirus eingeladen hatten.

Einige der palästinensischen Journalisten, die Berichten zufolge die Einladung erhalten hatten, alarmierten die Gewerkschaft, die umgehend eine Warnung an alle ihre Mitglieder herausgab.

Es ist wichtig, den Wortlaut der Erklärung zu beachten, die von der PJS herausgegeben wurde, deren Leiter als Getreue von Abbas gelten:

„Das Syndikat drückt seine vollständige Ablehnung solcher Einladungen aus und bekräftigt, dass diese Konferenzen und Treffen, die von der Besatzungsarmee abgehalten werden, gefährlich sind, auch wenn sie mit Gesundheitsfragen zu tun haben. Alle diese Treffen, auch wenn sie über soziale Medien [Plattformen] abgehalten werden, führen nur zu einer Normalisierung mit der zionistischen Entität. Das Syndikat warnt vor der Teilnahme an diesen Treffen.“

Erstens sagt die palästinensische Journalistengewerkschaft, dass sie sich nicht um das Thema des Treffens kümmert, auch wenn es mit einer Pandemie zu tun hat. Sie ist gegen jedes Treffen mit Israelis, weil das die Normalisierung mit Israel fördern würde. Wenn die Journalisten strikt gegen eine medizinische Zusammenarbeit zwischen Israel und den Palästinensern sind, warum hat die PJS die palästinensische Führung nicht dafür verurteilt, dass sie am 1. Februar Impfstoffe aus Israel angenommen hat? Warum ist es für die Palästinensische Autonomiebehörde akzeptabel, Impfstoffe aus Israel zu erhalten, während palästinensische Journalisten nicht an einer von Israel gesponserten Zoom-Konferenz über das Coronavirus teilnehmen dürfen?

Zweitens kann die Warnung selbst als eine Drohung an jene Journalisten verstanden werden, die an irgendwelchen Online-Konferenzen mit Israelis teilnehmen. Die Drohung impliziert, dass die Journalisten aus der PJS ausgeschlossen werden können oder ihre Namen auf eine schwarze Liste gesetzt werden, was bedeutet, dass sie von ihren Kollegen boykottiert und als Verräter gebrandmarkt werden, weil sie mit Israelis in Kontakt treten. In der Vergangenheit hat die PJS zum Boykott der israelischen Medien aufgerufen und ihren Mitgliedern die Teilnahme an Konferenzen mit Israelis überall verboten, auch in Europa und den USA.

Drittens: Indem die PJS Israel als „zionistisches Gebilde“ bezeichnet, signalisiert sie, dass sie, wie die Hamas und der Iran, Israel nicht anerkennt. Sie betrachten das Wort „Israel“ als Unwort, bis zu dem Punkt, dass sie sich nicht einmal dazu durchringen können, es zu erwähnen.

Es ist auch erwähnenswert, dass die Warnung der PJS zeigt, dass es keinen grossen Unterschied zwischen Fatah und Hamas gibt, besonders wenn es darum geht, Israel als „zionistische Entität“ zu bezeichnen und jede Form der Normalisierung mit Israel zu verbieten.

Letztes Jahr verhaftete die Hamas mehrere palästinensische Aktivisten im Gazastreifen unter dem Vorwurf des Hochverrats, nachdem sie an einer sogenannten “ WEconference“ mit Israelis teilgenommen hatten. Zur Erklärung der Verhaftungen sagte das von der Hamas kontrollierte Innenministerium: „Jegliche Aktivität oder Kontakt mit der israelischen Besatzung unter irgendeinem Deckmantel abzuhalten, ist ein Verbrechen, das strafbar ist, und ein Verrat am [palästinensischen] Volk und seinen Opfern.“

Obwohl sie sich seit 14 Jahren einen erbitterten Machtkampf liefern, haben sowohl die Fatah-Fraktion von Abbas als auch die Hamas die im vergangenen Jahr unterzeichneten Normalisierungsabkommen zwischen Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrain, Sudan und Marokko abgelehnt. Fatah und Hamas sind beide bereit, ihre blutige Fehde beiseite zu legen, um sich jeder Form der Normalisierung mit Israel zu widersetzen, nicht nur von Seiten der Palästinenser, sondern auch von Seiten der arabischen Länder.

Das zweite Beispiel, dass die Anti-Normalisierungskampagne aktiv ist und weitergeht: Palästinensische Denunziationen eines Interviews mit dem israelischen Verteidigungsminister Benny Gantz durch den in Ägypten ansässigen Fernsehsender Al-Ghad.

Der TV-Sender wird jetzt von Palästinensern (und anderen Arabern) verurteilt, weil er angeblich die Normalisierung mit Israel fördert, indem er einen Israeli interviewt. Auf Twitter rufen viele Palästinenser zum Boykott des Senders auf und beschuldigen ihn, sie zu „verraten“.

Wenn es palästinensischen Journalisten verboten ist, Israelis zu treffen, und wenn ein arabischer Fernsehsender keinen Israeli interviewen darf, wie werden dann die Palästinenser reagieren, wenn sie Abbas oder einen anderen Palästinenser an einem Verhandlungstisch mit Israel sitzen sehen? Die palästinensischen Vertreter werden zweifelsohne beschuldigt werden, Verrat zu begehen.

Wenn es der Biden-Administration mit der Wiederaufnahme des israelisch-palästinensischen Friedensprozesses ernst ist, muss sie berücksichtigen, dass Aufrufe zum Boykott Israels oder zum Verbot von Normalisierungsaktivitäten jeden Palästinenser vom Verhandlungstisch vertreiben werden.

Solange die anti-israelischen Stimmen und Kampagnen unter den Palästinensern wüten, werden Abbas und seine Entourage tausendmal darüber nachdenken, bevor sie sich damit einverstanden erklären, einem Israeli gegenüber an einem Tisch zu sitzen.

Das Letzte, was ein palästinensischer Funktionär will, ist es, als Verräter abgestempelt zu werden, denn in der Welt von Fatah und Hamas wird dieses Verbrechen mit dem Tod bestraft. Wenn Abbas andererseits ein solches Schicksal vermeiden will, muss er eine Kehrtwende vollziehen und der anti-israelischen Hetze ein Ende setzen, die in erster Linie von seinen eigenen Getreuen ausgeht.

Khaled Abu Toameh ist ein preisgekrönter arabisch-israelischer Journalist und TV-Produzent. Auf Englisch zuerst erschienen bei Gatestone Institute. Übersetzung Audiatur-Online

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1 KOMMENTAR

  1. Ach, bitte …
    … ich gäbe was darum,
    würde man im Nahost-Konflikt nicht beständig die Semantik vergewaltigen!

    Friedens-prozess, -initiative, – gespräche,
    Konsultationen zum Friedensprozess, usw.

    WAS
    hat das mit „Frieden“ zu tun?
    – und warum wäre eine Alternative zu diesem Begriff wichtig?

    „Was ist ein Name?
    Was uns Rose heißt,
    wie es auch hieße, würde lieblich duften.“
    William Shakespeare

    Stimmt! … aber der Begriff „Friede“ in Verbindung mit dem Nahost-Konflikt
    will einfach keinen Duft entfalten!

    Die Positionen der beiden wesentlichen Parteien sind schlicht zu weit voneinander entfernt,
    als dass es zu einem abgestimmten Verhalten der Kontrahenten
    außerhalb von Hass, Ignoranz und Unterminierung kommen könnte!

    Die Erwartungen bei Konsultationen würden gleich viel realistischer werden,
    wenn man nicht ausschließlich das schwierigste Ziel (Frieden) anvisieren würde.
    KEIN Autoverkäufer käme auf die Idee,
    seine Mittelklassewagen mit einem Preisschild von 100’000 Euro auszuweisen!
    Was würde ein solches Vorgehen im potentiellen Käufer verursachen …?

    Ein realistisches Ziel wären 32’000 Euro!
    – also warum nicht im Nahen Osten Verträge über gemeinsam getragenes Verhalten
    anvisieren?!
    Konkrete, kleine Schritte formulieren – step by step!

    Würden die Medien doch bloß das Wort „Frieden“ weglassen und stattdessen laut anfragen,
    warum man arabischen Staaten, die einigungswillig wären,
    nicht direkt mal Handelserleichterungen in Aussicht stellt.

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