Esmail Qaani: Wer ist der Chef der iranischen Quds-Brigaden?

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Die Quds-Brigaden, die schätzungsweise 10.000 bis 12.000 Kämpfer umfasst, ist die militärische Eliteeinheit des Korps der Islamischen Revolutionsgarden des Iran (englisch Islamic Revolutionary Guards Corps, IRGC). Sie wurden bis zum 3. Januar 2020 von Qassem Soleimani geführt, der in Bagdad durch einen US-Luftangriff getötet wurde. Esmail Qaani (Esmail Ghaani, Ismail Qaʾani) Soleimanis Stellvertreter in Afghanistan, wurde vom Obersten Führer des Iran zum Nachfolger Soleimanis als Leiter der Quds-Brigaden ernannt.

von Erfan Fard

Qaani unterscheidet sich von Soleimani in mehrfacher Hinsicht. Ihm fehlt zum Beispiel Soleimanis Charisma und auch sein Bildungsniveau. Er glaubt jedoch – wie Soleimani – an eine aggressive Aussenpolitik und äussert sich häufig mit extremer Anti-Amerika-Rhetorik. Er ist als religiöser Extremist bekannt, ein erklärter Feind des Staates Israel und setzt sich für die Verbreitung des islamischen Extremismus ein.

Qaani macht Geschäfte mit schiitischen Milizen und islamischen Extremistengruppen in Pakistan, Afghanistan, Usbekistan und anderswo und hat wiederholt islamistische Bewegungen in der östlichen Region des Iran unterstützt. Er unterstützt eine Vielzahl von aufständischen Gruppen, die im Irak und in Afghanistan Terroranschläge verüben.

Qaanis beruflicher Hintergrund liegt im Spionagenetzwerk der Quds-Brigaden. Er wurde im Nachrichtendienst der IRGC und in der Organisation für den Schutz des Geheimdienstes ausgebildet. Er ist also eher ein Spionageexperte als ein militärischer Befehlshaber.

Qaani ist ein radikal-konservativer Hardliner und ideologisch extrem antiamerikanisch und antiisraelisch eingestellt. Er ist dafür bekannt, finanziell korrupt und opportunistisch zu sein, sowie politisch gut vernetzt. Er steht den Kreisen sowohl von Ali Laridschani, dem derzeitigen Sprecher des Majlis, als auch von Mesbah Yazdi, einem der wichtigsten islamistischen Hardliner in Teheran, nahe.

Qaanis Hauptaufgabe ist es, das iranische Programm für ballistische Raketen zu erweitern und schiitische Milizen im gesamten Nahen Osten zu unterstützen. Es ist wahrscheinlich, dass es während seiner Zeit als Chef der Quds-Truppe zu vielen militärischen Zusammenstössen zwischen US-Streitkräften und iranischen Stellvertretern kommen wird. Qaani glaubt, wie auch Soleimani, an destabilisierendes Verhalten als eine politische Entscheidung. Obwohl er zögert, sich an einer direkten Kriegsführung gegen US-Streitkräfte zu beteiligen, stellt er eine ernsthafte Bedrohung für die US-Präsenz in der Region sowie für Israel und Saudi-Arabien dar.

Qaani wird sein Bestes tun, um dem Obersten Führer Khamenei so nahe wie möglich zu bleiben, noch bevor dieser stirbt, und er wird sich wie Soleimani bemühen, seine persönlichen Beziehungen zu den iranischen Verbündeten auszubauen. Qaani, der sich besonders gut mit den östlichen Nachbarn des Irans auskennt, hat herzliche Beziehungen zu den Fatimiyoun (Afghanistans schiitische Miliz) und den Zaynabiyoun (Pakistans schiitische Miliz). Unter Soleimanis Führung nutzte Qaani diese Gruppen in Syrien, um das Assad-Regime zu schützen.

Wie alle Geheimdienstler der Quds-Brigaden glaubt Qaani an das Modell der militärischen Stellvertreter und hat Verbindungen zu mehreren Al-Qaida-Führern sowie zu den Taliban. Qaani war eine der Figuren der Quds-Brigaden, die die Idee unterstützten, Eritrea als Stellvertreter zu benutzen, um die jemenitischen Houthis bei ihren Angriffen auf Saudi-Arabien zu unterstützen. Er hat auch Gruppen mit speziellen Vorgehensweisen gefördert.

Qaani steht völlig unter dem Einfluss von Khamenei, und zwar so sehr, dass man ihn als eine Art Ja-Sager betrachten kann. Zwar mag Qaani das Charisma und die Originalität von Soleimani fehlen, aber ihre ideologischen Weltanschauungen sind genau dieselben und decken sich genau mit denen von Khamenei.

Demnach sind die ideologischen und finanziellen Investitionen Teherans in seine arabischen Stellvertreter nicht von seinem langjährigen Konflikt mit den USA zu trennen, einem Feind, den das Regime als globalen Imperialisten charakterisiert. Das zentrale Ziel des Regimes und damit auch Qaanis ist es, den Iran als revolutionären Staat zu erhalten und die amerikanische Vorherrschaft im Nahen Osten und darüber hinaus anzufechten.

Im Moment ist das unmittelbare Ziel, die USA zu schwächen. Man kann davon ausgehen, dass Qaani und die Quds-Brigaden dieses Ziel verfolgen werden, indem sie die USA als primäres Terrorziel beibehalten. Unter Qaanis Führung werden die Quds-Brigaden versuchen, die terroristischen Operationen verschiedener Gruppen in der Region und auf der ganzen Welt zu intensivieren und zu koordinieren.

Die Quds-Brigaden haben Zellen in Afrika, Südamerika und Lateinamerika aufgebaut und sind in der Lage, Angriffe an der US-Grenze durchzuführen. Sie sind auch bereit, Sabotage und Terrorismus einzusetzen, um die USA im Persischen Golf zu konfrontieren. Wie der neue US-Präsident Joe Biden wahrscheinlich feststellen wird, kann die Ausübung von Druck auf den Iran auch gewalttätige Folgen haben.

Erfan Fard ist Analyst für Terrorismusbekämpfung und Forscher für Nahoststudien in Washington, DC. Auf Englisch zuerst erschienen bei Begin-Sadat Center for Strategic Studies BESA. Übersetzung Audiatur-Online.

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