Hinter den Rachedrohungen des Iran verbirgt sich ein globales Terrornetzwerk

Lesezeit: 6 Minuten

Die wiederholten Drohungen des Irans, die Ermordung seines leitenden Atomwissenschaftlers Mohsen Fakhrizadeh zu rächen, der im November ausserhalb von Teheran erschossen wurde, erhöhen die Wahrscheinlichkeit eines bewaffneten Vorgehens des Irans gegen israelische Ziele. Die Drohungen erinnern auch daran, dass der Iran eine lange Geschichte hat, in der er den Terrorismus sowohl gesponsert hat als auch aktiv mit eigenem Personal daran beteiligt war und Jahrzehnte damit verbracht hat, ein globales, hochaktives schiitisches Terrornetzwerk aufzubauen.

von Yaakov Lappin

Mohsen Fakhrizadeh, der 2013 Nordkoreas unterirdischem Atombombentest beiwohnte, war für die Bewaffnungsphase des iranischen Atomprogramms verantwortlich, früher bekannt als Amad. Während die Atomenergie-Organisation des Iran für die Lagerung von Uran zuständig ist, wurden Fakhrizadeh und sein Team vom iranischen Regime nach der Entscheidung, zu Atomwaffen überzugehen, herangezogen.

Der Oberste Führer Ayatollah Khamenei und das Korps der Islamischen Revolutionsgarden (IRGC) prüfen nun die Optionen und den möglichen Zeitpunkt für eine Vergeltung für die Tötung Fakhrizadehs, die Ende November erfolgte. Vermutlich wägen sie Möglichkeiten ab, empfindliche Angriffe zu starten, während sie versuchen, einen umfassenden regionalen Krieg zu vermeiden.

Um ein Bild davon zu bekommen, wie die Vergeltung des Regimes aussehen könnte, lohnt es sich, daran zu erinnern, wie es reagierte, als vier seiner Atomwissenschaftler zwischen 2010 und 2012 auf iranischem Boden ermordet wurden.

Im Februar 2012 versuchten iranische Attentäter innerhalb von zwei Tagen, israelische Diplomaten in Georgien, Indien und Thailand zu ermorden. Israel machte die iranische Elitetruppe Quds Force, die für Umsturzkampagnen jenseits der iranischen Grenzen sowie für die Bewaffnung und Aktivierung internationaler Terrornetzwerke verantwortlich ist, für die Durchführung dieser Anschläge verantwortlich.

In Neu-Delhi wurden die Frau eines israelischen Diplomaten und drei weitere Personen verletzt, als ein Angreifer auf einem Motorrad eine Magnetbombe an ihrem Fahrzeug befestigte. In Bangkok wurden zwei iranische Männer verhaftet und später ins Gefängnis gesteckt, nachdem eine enorme Explosion ein Haus, in dem sie sich aufhielten, zerrissen hatte. Bei der anschliessenden Verfolgung durch die Polizei verlor einer der Verdächtigen seine Beine durch eine Explosion, nachdem er versucht hatte, einen Sprengsatz auf die thailändische Polizei zu schleudern.

Die thailändische Polizei sagte, die beiden gehörten zu einem Killerkommando, das israelische Diplomaten in Bangkok töten sollte. Ein dritter Iraner wurde nach seiner Flucht aus Thailand in Malaysia festgenommen und später ausgeliefert und inhaftiert.

Im November liess Thailand die drei Männer als Teil eines Gefangenenaustausches frei, um die Freilassung der australisch-britischen Wissenschaftlerin Kylie Moore-Gilbert zu sichern, die seit zwei Jahren wegen Spionagevorwürfen in einem iranischen Gefängnis sass und von Teheran als Tauschobjekt festgehalten wurde.

Israels ehemaliger Botschafter in Thailand, Itzhak Shoham, reagierte wütend auf die Freilassung und sagte: „Es macht mich traurig, die Bilder zu sehen, wie [die Iraner] feiern, anstatt im Gefängnis zu schmoren.“

Während der Anschlagswelle im Jahr 2012 bemerkte ein Fahrer der israelischen Botschaft in der georgischen Hauptstadt Tiflis einen unter seinem Fahrzeug platzierten Sprengsatz, alarmierte die Behörden und verhinderte so einen Terroranschlag.

Der Modus Operandi des Irans ist eindeutig: Das Land zielt regelmässig auf israelische diplomatische Einrichtungen in Übersee. Aber der Iran arbeitet auch eng mit der Hisbollah bei der Durchführung von internationalen Terroranschlägen zusammen. Wenn sich diplomatische Ziele als schwieriger erweisen als geplant, nimmt sich die schiitische Achse weiche Ziele vor: israelische Touristen.

Die Arbeitsteilung zwischen dem Iran und der Hisbollah hat sich in den letzten zehn Jahren ziemlich klar herauskristallisiert: Iranische Agenten zielen auf israelische Botschaften und Diplomaten, während die Hisbollah israelische zivile Ziele in Übersee angreift.

Im September 2020 verurteilte ein bulgarisches Gericht zwei mutmassliche Hisbollah-Aktivisten in Abwesenheit für einen Busanschlag im Jahr 2012 in der Ferienstadt Burgos, bei dem fünf israelische Touristen und ihr bulgarischer Fahrer getötet wurden.

Dieses Muster ist nicht neu. Im Jahr 1992, einen Monat nachdem Israel den Hisbollah-Chef Abbas Musawi im Libanon mit einem Apache-Hubschrauberangriff ermordet hatte, griffen Bombenleger die israelische Botschaft in Buenos Aires, Argentinien, an. Neunundzwanzig Menschen wurden bei diesem Attentat ermordet und 250 verletzt. „Der Iran steht hinter diesem abscheulichen Angriff; der Iran konzipierte und plante den Angriff und führte ihn durch seinen Stellvertreter, die Hisbollah, aus“, erklärte damals das israelische Aussenministerium.

Zwei Jahre später, 1994, griff ein Selbstmordattentäter mit einem Lastwagen das jüdische Gemeindezentrum AMIA in Buenos Aires an, tötete 85 Menschen und verletzte Hunderte. Der argentinische Staatsanwalt Alberto Nisman und sein Kollege Marcelo Martínez Burgos beschuldigten offiziell hochrangige Vertreter des iranischen Regimes, an dem Anschlag beteiligt gewesen zu sein, und die Hisbollah, ihn ausgeführt zu haben. Im Januar 2015 wurde Nisman in seinem Haus in Buenos Aires tot aufgefunden, nur einen Tag bevor er vor einem argentinischen Kongressausschuss bezüglich seiner Anklage gegen die ehemalige argentinische Präsidentin Cristina Fernandez de Kirchner aussagen sollte, die Nisman beschuldigte, die Rolle des Irans beim AMIA-Anschlag zu vertuschen.

Das iranisch-schiitische Terrornetzwerk hat in den letzten Jahren keine Anzeichen einer Schwächung gezeigt, auch wenn es erfolgreiche Vereitelungen seiner Anschlagspläne gab. In den Jahren 2013 und 2014 versorgte die iranische Quds Force Hisbollah-Zellen weltweit mit Hunderten von Tonnen Ammoniumnitrat-Sprengstoff, um zukünftige Anschläge vorzubereiten.

Im September 2015 führte die britische Anti-Terror-Polizei eine Razzia auf vier Grundstücken in London durch und entdeckte dabei drei Tonnen Ammoniumnitrat, die in Tausenden von Kühlakkus gelagert waren.

Im Jahr 2015 fand die zypriotische Polizei 8,2 Tonnen Ammoniumnitrat in Eispackungen und verhaftete einen mutmasslichen Hisbollah-Agenten, der Anschläge auf israelische Ziele auf der Mittelmeerinsel geplant hatte. Die Ermittlungen ergaben, dass der Sprengstoffvorrat seit 2011 an Ort und Stelle versteckt war und als „Exportpunkt“ für andere Ziele auf der ganzen Welt verwendet werden konnte.

Unterdessen bezeichnen immer mehr Länder weltweit und insbesondere in der EU die Hisbollah endlich als Terrororganisation und erkennen damit ihre zentrale Rolle in einem globalen Terrornetzwerk an. Slowenien und Lettland haben die Organisation kürzlich verboten, ebenso wie die Tschechische Republik.

Die Betreibung von Terrorismus ist für das islamische Regime im Iran eine Selbstverständlichkeit, so sehr, dass es sogar dreist seine eigenen Diplomaten auf Bombenangriffe auf europäischem Boden geschickt hat. Ende November begann in Belgien ein Prozess gegen einen iranischen Diplomaten, der angeklagt war, einen Bombenanschlag auf eine iranische Oppositionskundgebung ausserhalb von Paris geplant zu haben.

2018 verhafteten die belgischen Behörden ein belgisch-iranisches Paar in einem Fahrzeug mit 500 Gramm TATP-Sprengstoff und einem Zünder. Die Ermittlungen ergaben, dass der iranische Diplomat Assadollah Assadi, der als dritter Botschaftsrat an der iranischen Botschaft in Wien tätig war, das Komplott mit Unterstützung des iranischen Regimes organisierte. Das Ehepaar, Assadi und ein weiterer Mitverschwörer sind derzeit alle vor Gericht.

„Der Angriffsplan wurde im Namen des Iran und unter dessen Führung konzipiert. Es war keine persönliche Initiative von Assadi“, sagte Jaak Raes, Leiter des belgischen Staatssicherheitsdienstes (VSSE), gegenüber Staatsanwälten im Februar 2020.

Frühere Operationen, die auf iranische Oppositionelle abzielten, wurden vom iranischen Geheimdienstministerium organisiert, das für Tötungs- und Entführungsmissionen zuständig ist. Vor einem Monat wurde ein oppositioneller iranischer Ahwahzi (eine arabische Gemeinschaft im Südwesten des Irans), der in Schweden lebte, von iranischen Geheimdienstagenten in die Türkei gelockt, wo er entführt und zurück in den Iran gebracht wurde.

Der Iran hat eindeutig mehrere Möglichkeiten, die er in Betracht ziehen kann, wenn er mit Vergeltung für die Tötung seines wichtigsten Atomforschers droht. Zu den Optionen gehört die Aktivierung von Terrorzellen, die in Südsyrien an der Grenze zu Israel stationiert sind, obwohl die Aktivitäten des Irans in Syrien stark von israelischen Militäraktionen abhängig sind. Der Iran könnte sogar versuchen, eine Terrorzelle innerhalb Israels zu aktivieren, eine Möglichkeit, vor der israelische Ex-Atomwissenschaftler Berichten zufolge gewarnt wurden.

Wie auch immer der Iran zu reagieren gedenkt, er wird weiterhin versuchen, ein globales schiitisches dschihadistisches Terrornetzwerk aufzubauen, das von der Quds-Truppe beaufsichtigt wird und Hisbollah-Agenten einschliesst. Das Ziel des Netzwerks wird es sein, Angriffsmöglichkeiten gegen israelische und jüdische Ziele in Übersee zu etablieren. Wie eine israelische Sicherheitsquelle festgestellt hat, funktioniert das Netzwerk als eine vollständig koordinierte Achse in der mörderischen Ausübung des internationalen Terrorismus und macht keinen Unterschied zwischen Diplomaten und Touristen.

Yaakov Lappin ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Begin-Sadat Center for Strategic Studies. Dies ist eine überarbeitete Version eines Artikels, der von The Investigative Project on Terrorism am 16. Dezember 2020 veröffentlicht wurde. Übersetzung Audiatur-Online.

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