Neun Gründe warum Israel beim Impfen weltweit führend ist

1
Das grösste Covid-19 Impfzentrum Israels wurde am Rabin-Platz in Tel Aviv aufgestellt. Foto Eitan Elhadez-Barak/TPS
Das grösste Covid-19 Impfzentrum Israels wurde am Rabin-Platz in Tel Aviv aufgestellt. Foto Eitan Elhadez-Barak/TPS
Lesezeit: 8 Minuten

Israel hat bereits einen grösseren Anteil seiner Bevölkerung gegen das neuartige Coronavirus geimpft als jedes andere Land der Welt. Obwohl es viele Politiker gibt, die gerne die Lorbeeren für Israels Glanzleistung einheimsen würden – nicht zuletzt Premierminister Benjamin Netanjahu – ist hier mehr im Spiel als nur kleinkarierte Politik.

von Maayan Jaffe-Hoffman

„Ich werde überall auf der Welt gefragt, wie Israel das macht“, sagte Gesundheitsminister Yuli Edelstein am Sonntag gegenüber der Jerusalem Post. „Der Grund dafür ist, dass wir rechtzeitig vorbereitet waren, rechtzeitig mit den führenden Unternehmen Verträge abgeschlossen haben und sie überzeugt haben, dass, wenn sie uns den Impfstoff geben, die Krankenkassen wissen, wie sie ihn in kürzester Zeit verabreichen können. Das ist genau das, was jetzt passiert.“

Hier sind neun weitere Gründe, warum Israel derzeit die Nummer 1 unter den Ländern ist, die impfen:

  1. Einheitliches Krankenversicherungssystem 

Das einheitliche Krankenversicherungssystem gab es in Israel schon vor der Staatsgründung und ist seitdem ein wertvoller Faktor geblieben. Laut Dr. Dorit Nitzan, Direktorin für Notfälle bei der Weltgesundheitsorganisation, hat die Coronavirus-Pandemie bewiesen, dass diese Art der Versorgung der Schlüssel zur Bewältigung der Gesundheitskrise war.

Jetzt, so Ran Balicer, Leiter der Innovationsabteilung von Clalit Health Services und Vorsitzender des Nationalen Expertenbeirats der Regierung für COVID-19, erweist sie sich als wesentlich für die Impfung gegen das Virus.

Als Teil eines umfassenden Versorgungsangebots werden die kritischsten Arten der Versorgung den Bürgern kostenlos zur Verfügung gestellt, darunter Allgemeinmedizin, dringende Krankenhausaufenthalte, Laboruntersuchungen und Impfungen.

„Das System dreht sich um die persönliche Beziehung zwischen den Bürgern und ihrem Gesundheitsdienstleister, von der Wiege bis zur Bahre“, sagte Ran Balicer und fügte hinzu, dass Allgemeinmediziner eine Liste von Menschen haben, für die sie sich in Gesundheit und Krankheit verantwortlich fühlen, was sich als entscheidend erwiesen hat, um die älteren und chronisch kranken Menschen des Landes zu erreichen und sie zum Impfen in ihre Einrichtungen zu bekommen.

Laut Tamar Fishman-Magen, einer erfahrenen Krankenschwester und Mitglied der Pflegeabteilung der Meuhedet Health Maintenance Organization, „ist dies der Beweis, auf den wir schon so lange gewartet haben – die Wichtigkeit von medizinischen Dienstleistungen in der Nähe.“

  1. Menschen vertrauen ihrer Krankenkasse

In einer Zeit, in der laut dem Israel Democracy Institute etwa 62 % der Bevölkerung kein Vertrauen in ihren Premierminister haben, ist es erstaunlich festzustellen, dass laut einer vom Myers-JDC-Brookdale durchgeführten Umfrage aus dem Jahr 2020 rund 90 % der Israelis mit ihren Krankenkassen zufrieden sind. Nur etwa 1% der Israelis entscheiden sich jährlich für einen Wechsel zu einer anderen Krankenkasse, obwohl es einfach ist, dies zu tun, so Balicer.

„Das sagt etwas über das Mass an Vertrauen und die über die Jahre aufgebaute Infrastruktur aus“, sagte er.

  1. Schwerpunkt auf Prävention

Die Krankenkassen konzentrieren sich darauf, dass ihre Kunden sich auch selber um ihre Gesundheit kümmern und sie nicht nur heilen, wenn sie krank sind. Einige Gesundheitsexperten vermuten, dass einer der Gründe, warum die Coronavirus-Sterblichkeitsrate in Israel niedriger ist als in anderen Ländern, darin liegt, dass es in dem Land weniger unbehandelte und nicht diagnostizierte chronische Krankheiten gibt.

In Israel werden die Krankenkassen nach einem altersangepassten Pro-Kopf-Betrag für jeden Versicherten bezahlt und nicht nach erbrachten Leistungen. Daher wird viel Wert auf präventive, proaktive Pflege und aufsuchende Betreuung gelegt, und die Kunden sind es gewohnt, von ihren Krankenkassen zu hören.

Die Krankenkasse Clalit ist beispielsweise dazu übergegangen, Vorhersagemodelle, fortschrittliche Big-Data-Analysen und künstliche Intelligenz zu nutzen, um Patienten schon vor ihrer Erkrankung zu ermitteln und sie präventiv zu versorgen. Noch vor der Coronavirus-Impfung hat Clalit diese Mechanismen genutzt, um Patienten mit dem höchsten Risiko für Komplikationen mit Grippeimpfstoffen zu versorgen, so Balicer.

Das Clalit Covid-19-Impfzentrum in Bnei Brak am 3. Januar 2021. Foto Eitan Elhadez-Barak/TPS
  1. Israel kennt Notsituationen

„Wir sind wie Sprinter“, erklärt Arnon Afek, stellvertretender Generaldirektor des Sheba Medical Center in Tel Hashomer. „Israel weiss, wie man mobilisiert.“

Er erinnerte sich daran, wie Israel im Jahr 2010, als Haiti von einem massiven Erdbeben heimgesucht wurde, innerhalb von 48 Stunden vor Ort war und bereits ein hochentwickeltes Feldlazarett betrieb, noch bevor die Amerikaner eintrafen.

„Wir haben uns daran gewöhnt, im Ausnahmezustand zu arbeiten“, sagte Balicer. „Unsere vier Krankenkassen haben sich daran gewöhnt, schnell zu handeln, sich sofort auf Notfälle einzustellen und komplexe Umschichtungen von viel Personal vorzunehmen.“

  1. Eine Menge Leute arbeiten für die Krankenkassen

Clalit ist mit mehr als 45.000 Mitarbeitern der grösste Arbeitgeber in Israel. Laut der Website von Leumit Health Care Services beschäftigt die Kasse unter ihren zehntausenden Mitarbeitern rund 2.000 Spezialisten.

Mit dieser immensen Manpower – eine Klinik in jedem Viertel des Landes vom Norden bis zum Süden – haben die Gesundheitskassen eine Menge Macht, so Balicer.

  1. Es ist nicht das erste Mal, dass eine Menge Menschen geimpft werden

„Wir führen ständig Impfkampagnen durch“, erklärt Fishman-Magen. „Wir machen das jeden Winter, wenn wir gegen Grippe impfen, und wir mussten auch schon gegen andere Dinge impfen. Zum Beispiel Masern oder Polio. Das ist etwas, woran wir uns gewöhnt haben.“

Laut Ido Hadari, dem Leiter der Kommunikations- und Verwaltungsabteilung von Maccabi Healthcare Services, verfügen die Kassen daher über die nötige Infrastruktur, um die Impfkampagne gegen das Coronavirus in grossem Stil durchzuführen.

„Termine für die Impfung zu vereinbaren, sie zu informieren oder daran zu erinnern, dass sie morgen einen Termin haben, zu verstehen, warum sie nicht gekommen sind, den zweiten Termin für die zweite Dosis während der ersten Interaktion zu vereinbaren – das alles ist sehr einfach“, so Hadari.

Bei dieser speziellen Impfkampagne war es für die Kassen wichtig, die gesunden Patienten, die zur Impfung kamen, von den kranken zu trennen, was bedeutete, separate Impfstellen zu errichten.

Maccabi stellte 85 Anlagen im ganzen Land auf, aber laut Hadari hatten sie dazu nur eine einzige Generalprobe ein paar Monate zuvor.

„In normalen Jahren verabreichen wir die Grippeimpfung in der Klinik“, sagte er. „Aber in diesem Winter, mit dem Coronavirus, haben wir begonnen, die Grippeschutzimpfungen ausserhalb zu geben, die meisten in den gleichen Einrichtungen, die wir jetzt für COVID verwenden.“

Die Krankenkassen haben den Ablauf zu einer Wissenschaft gemacht. Maccabi weiss, dass es sieben Minuten dauert, jemanden zu impfen, also werden alle sieben Minuten Termine vergeben, wobei ein zusätzlicher Platz frei bleibt, um für Unvorhergesehenes gerüstet zu sein, damit es nicht zu einem Rückstau kommt, so Hadari.

„Mein Mann und ich hatten [die Impfung] durch Maccabi in der Shlomo Arena in Tel Aviv“, schrieb Shelley Goldman letzte Woche in einer Facebook-Antwort auf eine Anfrage von The Jerusalem Post zu ihrer Impfung. „Alles war sehr gut organisiert.“

„War in Haturim [in Jerusalem]“, schrieb eine andere Befragte, Deborah Lustig. “ Überhaupt keine Wartezeit. Kein Gedränge. Super beeindruckt.“

Hinzu kommt die Herausforderung, Impfstoffverluste zu vermeiden; jede Impfstoffdosis kostet den Staat Israel etwa 25 Euro, also 50 Euro pro Person. Laut Balicer musste Israel bisher weniger als 0,1 % seiner Dosen vernichten.

Obwohl die Kassen mit ihren Terminen super organisiert sind, wie Hadari erklärte, enthält eine Dose von Pfizer jeweils fünf bis sechs Einheiten, und wenn am Ende des Tages ein Fläschchen geöffnet werden soll, um zwei Patienten zu impfen, sind die Kassen flexibel genug, um auch Leute zu erreichen, die keine Termine haben, und diese einzuladen.

Das Covid-19-Impfzentrum in der Ein Sara Sporthalle in Nahariyya, Nordisrael am 24. Dezember 2020. Foto Sara Yahimovich/TPS
  1. Daten und Technologie

Die Krankenkassen arbeiten alle mit computergestützten Aufzeichnungen, die Daten sicher und ohne Preisgabe privater Details an das Gesundheitsministerium weiterleiten, um den Fortschritt der Impfkampagne und etwaige Nebenwirkungen oder andere Informationen zu verfolgen, die von denjenigen gemeldet werden, die sie erhalten.

„Israel hat einen technologischen Vorsprung“, so Arnon Afek vom Sheba Medical Center gegenüber der Jerusalem Post.

Obwohl es keinen Vertrag mit Pfizer gibt, um Daten zu teilen, sagte er, nimmt er an, dass die Firma „die Möglichkeit von Israel sah, nicht nur zu impfen, sondern auch zu überwachen, ob die Leute Nebenwirkungen haben, und erkannte, dass Israel eine internationale Testarena werden kann, um eine schnelle und effektive Impfung der Öffentlichkeit zu sehen… Für jede Firma ist das sehr wertvoll.“

Aber diese Daten helfen auch den Patienten, so die Krankenschwester Fishman-Magen.

Die personalisierten Krankenakten der Kassen reichen 50, 60 und 70 Jahre zurück, und Ärzte und andere relevante medizinische Fachkräfte können schnell sicherstellen, dass Patienten, die geimpft werden sollen, keine Kontraindikationen oder Probleme haben, die durch die Verabreichung der Impfstoffe verursacht werden könnten.

  1. Kommunikation

Das Land habe nicht nur eine Kampagne gestartet, sondern zusammen mit den Krankenkassen und Krankenhäusern eine breit angelegte Fernseh-, Radio- und Zeitungskampagne durchgeführt, um die Menschen zu ermutigen, sich impfen zu lassen, so Fishman-Magen.

Bei einigen Krankenkassen wird jede Person, die sich impfen lässt, ermutigt, sich selbst zu fotografieren und das Foto in den sozialen Medien zu teilen, um andere zu ermutigen, die vielleicht noch zögern.

Der Vorsitzende des Nationalen Expertenbeirats der Regierung für COVID-19, Ran Balicer, wies auch auf die Bemühungen hin, in der Öffentlichkeit Vertrauen in die Sicherheit und Wirksamkeit der Impfstoffe zu gewinnen, bevor die Impfungen begannen.

„Wir haben uns die Zeit genommen, die wissenschaftlichen Beweise zu erklären“, sagte er. „Ich ging persönlich zu wichtigen Sitzungen mit der Haredi [ultra-orthodoxen] Gemeinschaft und führte lange Gespräche mit ihrer Führungsebene, bis wir eine rabbinische Entscheidung hatten, dass Impfstoffe sicher sind und angestrebt werden sollten.“

Das Bewusstsein des Landes für die Notwendigkeit von viel kultureller Kompetenz und zielgerichteten Botschaften hat sich bewährt, sagte er.

Vor Beginn der Kampagne“, so Fishman-Magen, „sagten nur etwa 40 % der Bevölkerung, dass sie sich impfen lassen würden, und der Rest sagte vielleicht oder war nicht interessiert. Jetzt sehen wir, dass alle interessiert sind, und wir müssen Prioritäten setzen“.

Quelle: Gesundheitsministerium des Staates Israel 04.Januar 2021.
  1. Der Spirit des israelischen Volkes

Aber am Ende kommt es auf die Menschen an, sagte Afek.

Erstens das medizinische Fachpersonal, das freiwillig Überstunden machte, um sicherzustellen, dass die Menschen geimpft werden. Aber auch die breite Öffentlichkeit.

„Sie können alle Mitarbeiter vorbereitet und geschult haben und das Material zur Verfügung stellen, aber wenn die Öffentlichkeit nicht kooperiert, kann es nicht durchgeführt werden“, sagte Hadari.

„Wir haben wirklich das Gefühl, dass die Öffentlichkeit auf diese Impfungen gewartet hat wie auf eine Hoffnung, die sich nun erfüllt“, fügte er hinzu.

Hadari erinnerte sich daran, wie er als Kind während des Ersten Libanonkrieges in einem Dorf im Norden lebte. Wenn ein Hubschrauber in der Nähe des Dorfes landete, kamen die Leute mit Kuchen und Saft herausgerannt, um den Soldaten zu danken.

„Jetzt bringen die Leute unseren Mitarbeitern Pizza und Hamburger und Schalen mit Obst“, sagte er. „Wir fühlen uns jetzt wie die Soldaten, und die Öffentlichkeit umarmt uns wirklich herzlich. Die Bevölkerung ist wirklich dankbar.“

Maayan Jaffe-Hoffman ist Nachrichtenredakteurin und Leiterin der Abteilung für Online-Inhalte und Strategie bei der Jerusalem Post. Auf Englisch zuerst erschienen bei The Jerusalem Post.

1 KOMMENTAR

  1. Sehr schön und positiv dargestellt. Die ganze Technologie hat auch ihren Preis. Überwachung und totale Kontrolle.
    Weitere Punkte wurden vergessen.
    – Natanjahu soll bis 40% mehr bezahlt haben für die Impfdosen ?
    Man will ja als grosser Retter wiedergewählt werden.
    – Israel ist durch seine Abschottung der Grenzen und nur einem grossen Flughafen wie eine Insel.
    Ein gutes Testfeld für die Pharma. Böse Zungen haben dafür noch andere Worte.
    Bleibt noch zu erwähnen das in Israel langsam durchsickert das nach der 1. Impfung nicht 80% der Geimpften Antikörper entwickeln sondern nur wieviel ? Weniger als 50% ?
    Nachdem jetzt die Lieferungen reduziert werden (warum wohl ?), wird es knapp mit den Impfdosen für die 2.Impfung. Hört man jetzt plötzlich das es ev gar keine 2. Impfung braucht oder die auch später stattfinden kann …
    Nebenbei noch, es gibt die Verschwörungstheoretiker und die Regierungsgläubigen. Dazwischen gibt es aber noch sehr viele Andere.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.