Die vergessenen Flüchtlinge des Nahen Ostens

Lesezeit: 5 Minuten

Der 30. November ist jeweils der Gedenktag, an dem Israel sich der 850.000 Juden erinnert, die aus arabischen Ländern und dem Iran geflohen sind. Auch 2020 haben die Regierungen, die jetzt in diesen Ländern herrschen, diesem Gedenktag keine Aufmerksamkeit geschenkt. Das soll hier nachgeholt werden.

von Clifford D. May

Etwa 80 Prozent der Israelis sind Juden. Eine bedeutende Minderheit der Israelis, fast 20 Prozent, sind Araber (oder Palästinenser – sie mögen sich bezeichnen, wie sie wollen). Die Mehrheit der israelischen Juden stammt nicht aus den Familien, die vor Jahrhunderten aus dem Nahen Osten nach Europa eingewandert sind. Die meisten sind Mizrahim, Juden, die seit Tausenden von Jahren unter Arabern, Persern und anderen Völkern des Nahen Ostens und Nordafrikas gelebt haben.

Der verstorbene Publizist Charles Krauthammer bemerkte, dass Israel „die einzige Nation auf der Erde ist, die das gleiche Land bewohnt, den gleichen Namen trägt, die gleiche Sprache spricht und den gleichen Gott anbetet wie vor 3.000 Jahren.“

Imperialistische Invasionen und Besatzungen, gegen welche die Juden kämpften, führten zur Zerstreuung des jüdischen Volkes in Länder in der ganzen Region. Dort wurden sie von einer langen Liste von Eroberern beherrscht, bis im 20. Jahrhundert die meisten zu Untertanen innerhalb der Nationalstaaten wurden, die nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches entstanden waren.

Die Mizrahim litten unter Verfolgung, aber zu manchen Zeiten und an manchen Orten herrschte Toleranz, die es ihnen ermöglichte, zu gedeihen und einen Beitrag zu den Gesellschaften zu leisten, in denen sie lebten – im Handel, in der Wissenschaft, in der Kunst und sogar als Regierungsberater. Von Marokko bis zum späteren Pakistan überlebten jüdischen Gemeinden.

Dann, 1940, bezwang Nazi-Deutschland Frankreich. Die französischen Kolonialgebiete Marokko, Algerien und Tunesien kamen unter die Herrschaft von Vichy, einer kollaborierenden Regierung, die „Rassengesetze“ einführte, die Juden diskriminierte, sie von bestimmten Berufen ausschloss und jüdisches Eigentum konfiszierte.

Im Jahr 1941 übernahm ein faschistisches Regime die Macht im Irak. Wenige Monate später kam es zum Farhud, der „gewaltsamen Enteignung“ der Juden von Bagdad, die damals bis zu einem Drittel der Stadtbevölkerung ausmachten.

Der prominenteste arabisch-muslimische Führer in Palästina, welches nach dem Ersten Weltkrieg von osmanischer zu britischer Herrschaft überging, war Haj Amin el-Husseini, der Mufti von Jerusalem. In den Jahren 1929 und 1936 entfachte er blutige Unruhen gegen palästinensische Juden. Im Jahr 1941 zog er nach Berlin, wo er sich mit Hitler traf und die deutschen Kriegsanstrengungen unterstützte, indem er pro-nazistische und antijüdische Beiträge in den Nahen Osten sendete.

In Ländern, in denen deutsche Truppen direkt die Macht ausübten, wie z.B. in Tunesien ab 1942, wurden Juden genötigt, gelbe Sterne zu tragen, zur Zwangsarbeit herangezogen und in Konzentrationslagern eingekerkert.

Der Sieg der Alliierten 1945 rettete das Leben vieler Mizrahim. Aber die Verschärfung der Feindseligkeit gegenüber Juden, die von den Nazis herbeigeführt wurde, löste sich nicht auf.

1947 verabschiedeten die Vereinten Nationen eine Resolution, welche die Teilung Palästinas in zwei Staaten forderte: „ein arabischer und ein jüdischer“ Staat sollten gebildet werden. Die jüdische Bevölkerung in Palästina akzeptierte die Resolution. Die arabische Bevölkerung in Palästina lehnte sie jedoch ab.

Am 14. Mai 1948 wurde in Palästina die Flagge des Britischen Empires eingeholt und der Staat Israel proklamiert. Am 15. Mai marschierten die Armeen von Ägypten, Jordanien, Syrien, Libanon und Irak ein.

Die jordanische Armee eroberte Judäa und Samaria, welches sie bald in „Westjordanland“ umbenannte. Alle Juden, einschliesslich derer im jüdischen Viertel der Altstadt von Jerusalem, wurden vertrieben.

Trailer zum Film Farewell Baghdad aus dem Jahr 2013.

Doch den arabischen Herrschern gelang es nicht, Israel zu vernichten. Stattdessen richteten sie ihren Zorn gegen die eigenen jüdischen Bürger, ermutigten zu Pogromen gegen die jüdische Minderheit, beraubten sie ihres Eigentums und ihrer Staatsbürgerschaft und zwangen sie zur Flucht. Die meisten fanden ihren Weg nach Israel, wo viele auf Vorurteile und Diskriminierung stiessen. Zunehmend ist das Land jedoch zu einem regelrechten Schmelztiegel geworden.

Ich sollte anmerken, dass der Iran, ein mehrheitlich persisches Land, einen anderen Weg eingeschlagen hat. Ursprünglich hatten Israel und der Iran herzliche Beziehungen. Dann, 1979, gab es eine islamische Revolution.

Als ich damals über diesen Umbruch berichtete, besuchte ich gerade den Oberrabbiner des Landes. Über seinem Schreibtisch hing ein Porträt von Ayatollah Ruhollah Khomeini. Er sagte mir, dass die iranischen Juden nach Tausenden von Jahren der Koexistenz bezüglich ihrer Iranischen Mitbürger nichts zu befürchten hätten. Er irrte sich. In den letzten 41 Jahren haben die iranischen Juden unter harter Unterdrückung gelitten, und die meisten sind ausgewandert.

Irans Herrscher drohen heute den Israelis mit Völkermord und entwickeln gleichzeitig Atomwaffen, die das zu einer ernsthaften Möglichkeit machen könnten.

Palästinensische Führer in Gaza loben das theokratische Regime. Die palästinensischen Führer im Westjordanland sind weniger offen kriegerisch, aber dennoch nicht bereit, einer „Zwei-Staaten-Lösung“ zuzustimmen, die als zwei Staaten für zwei Völker definiert ist und ihren Konflikt beendet. Sie fordern weiterhin, dass allen palästinensischen Flüchtlingen des Krieges von 1948, zusammen mit ihren Millionen von Nachkommen, ein „Recht auf Rückkehr“ nach Israel gewährt wird, wo sie eine Mehrheit der Bevölkerung bilden würden.

Wie viel weiss der durchschnittliche Palästinenser über die jüdischen Flüchtlinge aus arabischen Ländern? Ich vermute sehr wenig.

Ägypten und Jordanien haben seit mehr als einer Generation Frieden mit Israel geschlossen, aber es war ein kalter Frieden. Es wäre nützlich, wenn die ägyptischen und jordanischen Führer den Mut hätten – wenn auch nur an einem Tag im Jahr – einzugestehen, dass ihre jüdische Bevölkerung misshandelt und letztlich ethnisch gesäubert wurde. Ich kann diesen Regierungen nur empfehlen, folgendes Buch auf Arabisch herauszugeben: „Uprooted: How 3,000 Years of Jewish Civilization in the Arab World Vanished Overnight“ (Wie 3.000 Jahre jüdische Zivilisation in der arabischen Welt über Nacht verschwanden) von Lyn Julius, der Tochter irakisch-jüdischer Flüchtlinge.

Der Sinn der Übung wäre nicht, dass sich Ägypter, Jordanier und andere schuldig fühlen. Es ginge darum, dass sie sich mit ihrer Geschichte vertraut machen, und mit der Geschichte ihrer Cousins, eines autochthonen Volkes des Nahen Ostens, dessen Selbstbestimmung in einem Teil seines angestammten Heimatlandes sowohl gerecht als auch notwendig war und ist.

Clifford D. May ist Gründer und Präsident der Foundation for Defense of Democracies (FDD) und Kolumnist für die Washington Times. Übersetzung Audiatur-Online.

Artikel zum Thema

1 KOMMENTAR

  1. Sollten die Nationen, die UN und die westlichen Staaten,
    TATSÄCHLICH die jüdischen Flüchtlinge vergessen haben?

    Ja! … das ist so!

    Während des Unabhängigkeitskrieges versuchte die UN mit ihren gewohnt
    untauglichen Mitteln „Frieden“ zu stiften.
    Dazu formulierte sie u.a. die Resolution 194,
    nachzulesen bei Wikipedia.

    Wo informiert sich die Welt angeblich immer korrekt – bei Wikipedia!
    Na, dann schauen wir dort einmal hinein und in den Artikel:
    „United Nations General Assembly Resolution 194“
    (deutsch: UN-Generalversammlung Resolution 194)

    Dort erläutert Wikipedia so eigenständig wie falsch:
    „The Resolution defines principles for reaching a final settlement
    and returning Palestine refugees to their homes.“

    (Deutsch: Die Resolution definiert Prinzipien zum Erreichen einer endgültigen Einigung
    und Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge in ihre Heimat“

    Wikipedia stellt also NUR auf die „palästinensischen Flüchtlinge“ ab!
    DAS IST SACHLICH FALSCH!

    Hier der Auszug direkt aus der Resolution:
    „refugees wishing to return to their homes and live at peace with their neighbours
    should be permitted to …“

    (Deutsch: Flüchtlinge die in ihre Heimat zurückzukehren und in Frieden mit ihren Nachbarn
    zu leben wünschen, sollten die Erlaubnis erhalten …“)

    Merke:
    die Resolution der UN 194 aus 1948 schränkt seine Forderungen nach einem Rückkehrrecht
    NICHT ALLEIN auf pali-arabische Flüchtlinge ein!
    Bewusst und gewollt nicht!
    Ergo:
    gleiches Recht auf Rückkehr oder Schadenersatz AUCH für jüdische Flüchtlinge!

    Ist es nicht interessant,
    dass selbst das Online-Lexikon Wikipedia – ob bewusst oder nicht –
    mittlerweile das Narrativ der pali-arabischen Flüchtlinge übernommen hat
    und damit impliziert die Rechte von einer Million ermordeter oder zwangsvertriebener Juden
    auslöscht, bzw. unterminiert?!

    Wie war das noch?
    – wenn etwas tausendmal gesagt wird – dann ist es wahr!

    WIR WISSEN, dass das organisierte Vergessen eine Untat und eine Lüge ist!
    Daher sollten wir NICHT AUFHÖREN,
    das Gedenken auch an diese Flüchtlinge lebendig zu erhalten
    und sollten ihrer BEWUSST gedenken.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Stay Connected

5,408FansGefällt mir
214NachfolgerFolgen
1,306NachfolgerFolgen

NEU

Wenn Ihnen dieser Beitrag gefallen hat: Unterstützen Sie uns. Danke!