Konsequenzen nach der Tötung des iranischen Atomprogramm-Direktors

Lesezeit: 6 Minuten

Die Tötung des Leiters des verdeckten iranischen Atomwaffenprogramms, Mohsen Fakhrizadeh, am Stadtrand von Teheran hat die iranische Regierung erwartungsgemäss dazu veranlasst, mit dem Finger auf Israel zu zeigen. Dies begleitet von der Androhung von Vergeltungsmassnahmen.

von Meir Gershuni

Es ist noch kein Ende in Sicht für den andauernden Kampf gegen terroristische Angriffe aus dem Iran und gegen seine Vertreter, mit Schwerpunkt auf der Hisbollah. Und je härter die erlittenen Schläge für den iranischen Aggressor werden, desto stärker wächst das Ausmass der Bedrohung für Israel. Die Erfahrungen der Vergangenheit und unsere Erfahrungen mit dem Gegner zeigen, dass zu diesem Zeitpunkt eine langfristige Wachsamkeit und der Umgang mit verschiedenen Angriffsarten erforderlich sein wird. Während der Iran Angriffe an ausgewählten Standorten und zu bestimmten Zeitpunkten plant, muss das Sicherheitssystem überall und jederzeit einsetzbar sein. Das ist keine einfache Herausforderung.

Zwei schmerzhafte Autobombenanschläge wurden in der Vergangenheit unter dem Vorwand der Rache an israelischen und jüdischen Zielen von den iranischen Revolutionsgarden in Zusammenarbeit mit Hisbollah-Agenten durchgeführt. Der Angriff auf die israelische Botschaft in Buenos Aires am 17. März 1992, einen Monat nach der Tötung des damaligen Hisbollah-Sekretärs Abbas Mousavi, und der Angriff auf das jüdische Gemeindezentrum in Buenos Aires – „Beit Amiya“ – am 18. Juli 1994, für den sich die Hisbollah als Vergeltungsmassnahme nach dem Bombenangriff der israelischen Luftwaffe auf ihren Ausbildungsstützpunkt in Ein Dardera verantwortlich erklärte, bei dem 50 Terroristen der Organisation getötet worden waren.

Zwischen den oben genannten Ereignissen fanden zwei weitere bedeutende Anschläge statt: Etwa drei Wochen nach der Ermordung von Mousavi wurde Ehud Sadan, der Sicherheitsbeamte der israelischen Botschaft in Ankara, durch einen unter seinem Fahrzeug angebrachten Sprengsatz getötet. Doch der Iran hatte noch weitere Absichten, und offenbar war die Ermordung Sadans nur ein erster Schritt auf dem Weg zum gewichtigsten Racheakt, der dann in Form des Angriffs auf die israelische Botschaft in Buenos Aires erfolgte. Auf der gleichen Zeitachse, zwischen dem Anschlag in Ein Dardera und dem Angriff auf Beit Amia am 18. Juli 1994, noch vor dem Autobombenanschlag in Beit Amia, ereignete sich ein weiteres bedeutendes Ereignis: am 13. März 1994 scheiterte der Versuch der Hisbollah, die israelische Botschaft in Bangkok mittels einem mit Hunderten Kilogramm Sprengstoff beladenen Lastwagen in die Luft zu sprengen.

„Angemessene“ Rache

Bei der Betrachtung dieser Vorgehensweise des Gegners ist ein Vergleich zwischen der jüngsten Tötung des iranischen verdeckten Atomwaffenprogrammdirektors Fakhrizadehs und den Terroranschlägen in Argentinien angebracht. Es ist erwähnenswert, dass man kurz nach der Ermordung Fakhrizadehs explizite Aussagen der Iraner vernahm, welche eine „angemessene“ Rache nach der Tötung des hohen iranischen Beamten fordern.

Ohne auf die spezifischen nachrichtendienstlichen Informationen Bezug zu nehmen, die erforderlich sind, um die Sicherheitsvorkehrungen für einen möglichen Angriff zu lenken, ist es bei der Beurteilung der Optionen der Hisbollah/Iran für Angriffe auf israelische Ziele im Ausland notwendig, sich auf ein breites Spektrum möglicher Vorgehensweisen vorzubereiten. Dem Gegner stehen verschiedene Wege zur Auswahl, um ein israelisches Ziel so symbolträchtig wie möglich anzugreifen, welches in seinen Augen ein „angemessenes“ Ziel für Rache ist.

Dabei ist es wichtig, keine dieser Möglichkeiten zu unterschätzen oder ausser Acht zu lassen. Besonders der Einsatz einer Autobombe als Vergeltungsakt muss hervorgehoben werden, denn angesichts der vielen Vorteile eines solchen Anschlags – für terroristische Organisationen – ist dies die am weitesten verbreitete Methode unter den globalen Terrororganisationen. Sowohl die physischen als auch kommunikativen Effekte dieser Art von Angriff liegen auf der Hand, wobei eine „Waffe“ eingesetzt wird, die betont „konventionell“ ist.

Die Sicherheitskräfte müssen besondere Sicherheitsmassnahmen durchführen, welche Komponenten der Doktrin, Verfahren und technologischen Mittel umfassen, die im Laufe des jahrelangen Kampfes mit den Terroristen entworfen und entwickelt wurden. Diese sicherheitsrelevanten Massnahmen wurden im Hinblick auf die Herausforderungen entwickelt, vor die das israelische Sicherheitssystem sowie andere westliche Länder gestellt sind, die ebenfalls Ziele solcher blutigen Angriffe waren. Beispiele solcher internationalen Angriffe sind u.a. der Autobombenanschlag auf die Zwillingstürme im Februar 1993, der Anschlag auf die Stützpunkte der US-Soldaten in Dahran, Saudi-Arabien, im Juni 1996, die beiden Anschläge vom August 1998 auf die US-Botschaften in Nairobi und Daressalam, die von der Nummer 2, dem „Kopf“ der Al-Qaida, Abdullah Ahmad,  geleitet worden waren;  Ahmad wurde im vergangenen August im Iran getötet. Zu erwähnen ist ausserdem der Anschlag auf die australische Botschaft in Indonesien im September 2004 sowie viele andere Bombenanschläge auf internationaler Ebene.

Diese und andere Angriffe haben zu Lehren in verschiedenen Aspekten und zu einer recht wirksamen Reaktion auf Autobombendrohungen geführt. Der Gegner seinerseits verfolgt jedoch die Entwicklungen im Sicherheitsbereich aufmerksam und sucht nach neuen Angriffsmöglichkeiten, um maximalen Schaden zu erzielen.

Bewaffnete Drohnen

Irans Revolutionsgarden haben in der Vergangenheit bewaffnete Luftfahrzeuge – von Marschflugkörpern bis hin zu UAVs und Drohnen – gegen die US-Botschaft im Irak, Öleinrichtungen in Saudi-Arabien und andere Ziele eingesetzt. Bewaffnete Drohnen wurden auch auf Ziele in Israel abgeschossen, aber sie wurden von der israelischen Luftwaffe abgefangen. Die bedeutende Entwicklung solcher Systeme, Drohnen und Luftfahrzeuge aller Art, die auch als zivile Technologien für terroristische Organisationen zur Verfügung stehen, wo auch immer sie sich befinden, stellen eine bedeutende Bedrohung dar, die die Aufmerksamkeit der Sicherheitskräfte auf der ganzen Welt erfordert. Dies wurde durch Drohnen veranschaulicht, die 2013 bzw. 2015 abstürzten, eine zu Füssen der deutschen Bundeskanzlerin während einer Wahlkampfveranstaltung in Dresden, die andere auf dem Rasen des Weissen Hauses. Zu diesen Fällen kommt die Aufdeckung und Vereitelung von Terroranschlägen hinzu, die in ähnlicher Weise in der ganzen Welt geplant sind, wie z.B. ein von einem IS-Mitarbeiter im vergangenen Mai in Spanien geplanter Anschlagsversuch, bei dem er während eines Fussballspiels zwischen Barcelona und Real Madrid eine bewaffnete Drohne in die Luft sprengen wollte.

In Ermangelung gezielter nachrichtendienstlicher Erkenntnisse (und selbst wenn es sie gibt) sind umfassende Sicherheitsvorkehrungen erforderlich, um Terroranschläge verschiedener Art und gegen verschiedene Ziele zu verhindern und zu vereiteln, wobei der Schwerpunkt auf israelischen Amtsträgern und Botschaftern im Ausland, auf Infrastruktur und Einrichtungen und natürlich auf Cyberattacken liegt (obwohl man davon ausgehen kann, dass die Iraner im vorliegenden Fall einen physischen Angriff im Sinne haben). In erster Linie ist ein proaktives Handeln nötig, um mögliche Angriffe zu verhindern. Mit anderen Worten: Prävention auf taktischer Ebene ist sowohl zur Rettung von Leben als auch zur Ermöglichung einer strategischen Verschnaufpause zur Verhinderung einer Eskalation des Konflikts unerlässlich.

Vor dem Hintergrund der Berichte und Erklärungen hochrangiger Regierungsvertreter über Racheabsichten des Iran wird hier eine klare Absichtserklärung in Verbindung mit einer nachgewiesenen Fähigkeit zur Durchführung von Terroranschlägen vorgelegt, unabhängig davon, ob man sich auf iranische diplomatische Vertretungen oder Extremisten in lokalen Gemeinschaften im Ausland stützt. Dies führt zu einer Einschätzung eines hohen Bedrohungsgrades, was eine langfristige Bereitschaft bei den Sicherheitsbemühungen sowie eine langfristige Wachsamkeit erfordert, die meines Erachtens bereits gegeben sind.

Meir Gershuni ist ein ehemaliges hochrangiges Mitglied der israelischen Sicherheitsbehörde (ISA) und Eigentümer der Beratungsfirma „Meir Gershuni Consulting Ltd. Auf Englisch zuerst erschienen bei IsraelDefense Magazine.

Artikel zum Thema

1 KOMMENTAR

  1. Der Anschlag auf den Bombenbastler von Teheran
    war etwas Besonderes:
    denn nun ist der iranischen Führung klargemacht worden,
    dass JEDER eliminiert werden kann.

    Statt des Maschinengewehrs hätte auch ein panzerbrechender Granatwerfer
    auf dem Pickup aufmontiert sein können
    – was helfen da Begleitfahrzeuge und muskulöse Leibwächter?!

    Entweder jemand verkriecht sich oder er kann
    getötet werden
    – die Erkenntnis wird nun auch auf anderen Tunichtguten
    lasten.

    Der vom Iran ausgerufene Krieg gg Israel ist
    – aus Sicht beider Bevölkerungen –
    eine Geldverbrennungsmaschine!

    Da sogar Selbstverständlichkeiten wie eine Erklärung der UN,
    dass Hezbollah, Islamic Jihad und Hamas als Paramilitär
    dem Iran fortan zugerechnet werden,
    NICHT resolutionsfähig wäre,
    kann der Iran weiterhin unter Pseudonymen wie Hezbollah
    Krieg gg Israel führen
    ohne dass damit eine gültige Kriegserklärung ausgesprochen
    wird!

    DAS muss sich ändern!

    Solange aber wird Israel ein Krieg aufgezwungen
    und uns bleibt nichts anderes übrig,
    als Israel unsere Sympathie
    und volle Unterstützung auszusprechen.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Stay Connected

5,396FansGefällt mir
214NachfolgerFolgen
1,381NachfolgerFolgen

NEU

Wenn Ihnen dieser Beitrag gefallen hat: Unterstützen Sie uns. Danke!