Ulrich Sahm: Plötzlich Patient im Hadassah

Lesezeit: 7 Minuten

Falls jemand den Autor in den letzten Wochen vermisst haben sollte – er hat Sie alle auch vermisst. Er war Patient. Und zwar nicht irgendwo, sondern im berühmtesten Krankenhaus des Nahen Ostens. Er bekam dort nicht nur die nötige medizinische Hilfe, sondern lernte dabei wichtige Dinge über Bibi und andere Worte mit „P“. Und am Ende des Textes werden Sie wissen, was Balagan ist.

Wie eine riesige Burg steht das Hadassah Hospital mit seinem 19 Stockwerke hohen Patiententurm im westlichen Jerusalemer Viertel Ein Kerem. Seit der Bronzezeit ist diese Gegend besiedelt. Anlass für die Gründung des Ortes war eine Wasserquelle. Heute ist dort ein Universitätsklinikum, eine Quelle modernster Medizinforschung: Hadassah – Allen Nahostfehden zum Trotz kennt und schätzt jeder Prominente im mittleren Osten diesen Namen. Weder mangelnde diplomatische Beziehungen noch ein bestehender Kriegszustand hindern sie daran, nach Jerusalem zu kommen und sich in Hadassah anzumelden. Und so ist man dort nicht nur für die normalen Patienten der Region, sondern auch für den Medizintourismus vorbereitet. Selbst ein erkrankter deutscher Journalist findet hier ein Bett.

Jeder Teilnehmer der Show bekommt ein Armband

In der grossen Anmeldehalle sitzt auf der linken Seit unter dem Schild „Empfang für ausländische Patienten“ ein gewissenhafter Beamter. Hier werden die Personalien aufgenommen und die Bezahlung geregelt. Saudische Scheichs zücken hier ihre Scheckbücher während europäische Kunden ihre Versicherungen kontaktieren können, damit die Kosten übernommen werden. Nach erfolgreich absolvierter bürokratischer Prozedur wird ein Armband aus Plastik ausgedruckt und am Unterarm befestigt. Damit ist der Journalist offiziell Patient. Kein Beobachter mehr, sondern Beteiligter. Und damit plötzlich jenseits von jedem normalen Alltag. 

Das Armband ist das Eintrittsticket, mit dem man zur Notaufnahme gehen kann, um von dort irgendwann in die relevante Abteilung überwiesen zu werden. Ein paar Tage in einem schlichten Raum neben der Notaufnahme bieten einen guten Einblick in das Funktionieren dieses Hospitals. Immer wieder versammelten sich hier rund 40 Helfer, Ärzte und anderes Personal in einem grossen Saal. Die Zusammenkunft ist so vielfältig wie die Vereinten Nationen, aber lauter als jeder Diplomatencocktail. Alle rufen durcheinander in einem unbeschreiblichen Kauderwelsch aus Hebräisch und Arabisch. Je nach religiöser Zugehörigkeit tragen alle Frauen die unterschiedlichsten farbigen Kopfbedeckungen, vom Turban bis zum Kopftuch. Einige sind bis unter die Augen auch noch verschleiert. Sie wirken, als kämen sie aus Iran. Der müde Patient hofft auf ungestörten Schlaf, aber das ist offenbar nicht vorgesehen. Tag und Nacht verschwimmen. Irgendwer kommt irgendwann und macht irgendetwas. Man vergisst die Zeit.

Bibi und andere unaussprechliche Worte

Nach ein paar Tagen kommt der Bescheid, mit dem Fahrstuhl in das 19. Stockwerk zu fahren. Dort warte ein Krankenbett. Tatsächlich findet sich das Zimmer, allerdings ohne angeschlossenes Bad. Aber das wird erst nach dem salzlosen Frühstück und einer begleitenden treibenden Medikation deutlich. Die Stationsschwester empfiehlt den unbeschilderten Flur hinunter zu gehen und an einer der roten Türen rechts abzubiegen. Gesagt getan. Aber es gibt mehrere rote Türen und nirgendwo ist ein entsprechendes Örtchen zu finden. Die Medizin wirkte hervorragend. Nach dem verlorenen Rennen liegt der Patient schliesslich erschöpft wieder im Bett. Die Helfer haben volles Verständnis für die ungeplante Misere, müssen aber passen. Im Augenblick herrsche Mangel an trockner Wäsche. Die reine Quelle, wonach der Ort benannt ist, erwies sich in der folgenden Zeit ebenfalls als Fata Morgana. An Dusche war nicht zu denken. Nach einer Weile stellt sich ein fürchterlicher Juckreiz an Bauch und Rücken ein. Besonders ärgerlich, wenn man mit Schläuchen und Kabeln ans Bett „gefesselt“ ist. Allerdings muss man jetzt wenigstens nicht mehr durch endlose Gänge „rennen“, denn von Zeit zu Zeit stellten arabische Helfer den betroffenen Herren sogenannte Pinkeldosen aus Karton zur Verfügung. Ein kleines Kuriosum am Rande: Araber können kein „P“ aussprechen. Deswegen leben sie zum Beispiel im Westjordanland in der Stadt Nablus, die ursprünglich von den Römern „Neapolis“ genannt wurde. So ergibt sich, dass die Patienten ihr „Bibi“ in Bibi-Büchsen ablassen. Das „Bibi“ wird dann in der Toilette entsorgt. Bekanntlich ist der israelische Premierminister, gegen den täglich Tausende demonstrieren, in Israel unter seinem Spitznamen „Bibi“ bekannt. Bibi möge mir verzeihen, aber es wird mir vermutlich nicht mehr möglich sein, einen politischen Text zu schreiben, ohne an diese absurde Situation zu denken. Fest steht: So gut die technische und medizinische Ausstattung dieser Klinik auch ist – und sie ist wirklich gut, so planlos, ziellos und chaotisch erscheint alles, was mit Zeitstruktur (täglich kommen andere zu anderen Zeiten) oder gar Grundpflege (es reicht doch, wenn die Einstichstelle desinfiziert ist – waschen wird völlig überbewertet) zu tun hat.

Was macht eigentlich dieser Orlish hier?

In der 2. Woche steht der Umzug ins 4. Stockwerk an. In dieser Abteilung ist der Standard unvergleichlich besser. Es gibt sogar ein angeschlossenes Bad, sodass endlich Zähneputzen und Duschen möglich gewesen wären, wenn nicht die am Körper befestigten Schläuche und Kabel letzteren Vorsatz erfolgreich verhindert hätten.

Auf dieser letzten Station schauen sich die behandelnden Ärzte das anfangs ausgestellte Armband genauer an. Denn plötzlich tritt das Gerücht auf, hier läge ein Patient, der nicht bezahlt habe. Eine genaue Überprüfung ergibt, dass der „gewissenhafte“ Beamte bei der Aufnahme typisch israelische „ganze“ Arbeit geleistet hat. Der deutsche Vorname war einem kreativ gemalten „Orlish“ gewichen, der Nachname war verdreht zu „Sham“ und die sogenannte ID-Nummer ist frei erfunden. Mit der vorgelegten Passnummer hatte sie nichts zu tun. Die Frage, wessen Rechnung die Krankenkasse denn nun bezahlt hat, harrt noch der Klärung.

Willst Du etwa schon wieder weg?

Die Mahlzeiten haben den Charme der üblichen Krankenhauskost, die ja bekanntlich international so gestaltet wird, dass die Patienten möglichst keine Stunde länger als irgend nötig verweilen. Das bereitgestellte Trinkwasser ist vorzüglich, so dass man niemals Durst leidet, vorausgesetzt, man kann die Helfer erfolgreich daran hindern, die vor wenigen Minuten noch bereitgestellte Flasche genau so schnell wieder zu entfernen, was nicht immer gelingt.

Die Entlassung verläuft dann ebenfalls sehr originell. Als der ausländische Patient zu Beginn der 3. Woche wieder einigermassen auf den Beinen steht und damit „droht“, notfalls auch eigenmächtig nach Hause zu verschwinden, verkündet plötzlich einer der Ärzte, dass ein Entlassungsschreiben bereit liege, verrät aber trotz Nachfragen nicht, wo und bei wem es abgeholt werden könne. 2 Tage und viele Recherchen später findet sich zum Glück bei der Stationsschwester eine Aktenmappe mit EKG Resultaten, Arztbericht und Rezepten für die Weiterbehandlung zum Einreichen bei einer Apotheke. Hier ist der Name richtig geschrieben und es wird deutlich, dass auch die Medikation durchaus modernen Standards folgt, nur stehen da auch Dinge drin, die dem staunenden Patienten völlig neu sind. Aber wenn man hier der Ansicht ist, dass man Ulrich Sahm schon im Rambam – Hospital in Haifa gesehen habe, wer bin ich, daran zu zweifeln? Die Aussicht auf einen Besuch im eigenen Bad lässt jedes Widerwort verstummen.

Wie eine riesige Burg steht das Hadassah Hospital mit seinem 19 Stockwerke hohen Patiententurm im westlichen Jerusalemer Viertel Ein Kerem. Foto Avraham Graicer, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=44108801

Balagan ohne Ende

Nach der Heimkehr werden die letzten Kabel vom Körper abgerissen und es geht endlich unter die Dusche. Eine kräftige Bürste und viel heisses Wasser machte aus dem bronzezeitlichen Urmenschen wieder einen neuen Mann. Die Haut juckte zwar immer noch, aber das ist unerheblich, denn die Kette der Minikatastrophen ist noch nicht zu Ende. So stellt sich heraus, dass die Telefongesellschaft Bezeq trotz vorliegender Einzugsermächtigung die Telefonleitung „wegen unbezahlter Rechnungen“ gekappt hat. Nach einem langen Wochenende ohne Kontaktmöglichkeit wegen“ geschlossener Büros“ ergibt sich erst am Sonntag, dem ersten Werktag in Israel, die Möglichkeit zu erfahren, dass Bezeq zwar immer noch über die gültige Kreditkartennummer verfügt, diese aber aus welchem Grund auch immer nicht ausprobiert hat. Innerhalb von Minuten funktionieren Telefon und auch das daran angeschlossene Internet wieder. Über 1800 Mails harren hier inzwischen. Und so macht man sich denn endlich wieder an die Arbeit. Die Waschmaschine läuft, es herrscht himmlische Ruhe im Haus und man unterbricht das Mailmarathon nur, um sich eine Suppe zu kochen. Pustekuchen. Das Gas ist abgestellt. Während man noch am Schreibtisch sass, ist der Anschluss aussen am Haus überprüft worden und die Prüfer gingen davon aus, dass hier mangels häuslichem Krach kein Mensch wohne.  Eine Klingel zu betätigen fiel ihnen wohl nicht ein. Wieder ein Anruf. Wieder ein paar Stunden Wartezeit. Jetzt sitze ich vor einem leckeren Teller selbstgekochter Suppe. Aber ich bin sicher, dass das nächste kleine Chaos schon irgendwo lauert.

Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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4 KOMMENTARE

  1. Lieber Ulrich,
    ich kann mich den vorstehenden Kommentaren nur anschließen.
    Ich wünsche Dir gute Genesung weiterhin und eine schöne Adventszeit.
    Andreas aus Schaumburg-Lippe

  2. Lieber Ulrich Sahm
    Ein sehr erfrischender Artikel, über den ich mich sehr gefreut habe!
    Ich wünsche Ihnen von Herzen chaosfreie Genesung und alles Gute 🙂

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