„Blasphemie“ und die Angriffe auf französische Kirchen

Lesezeit: 6 Minuten

In verschiedenen Analysen und Kommentaren in den Medien wurde auf Frankreichs „extreme Form des Säkularismus“ (das Prinzip strenger Trennung zwischen Religion und Staat , Anm.d.Red.) als Grund für die „Wut“ der Terroristen auf Frankreich hingewiesen. Die Terroranschläge sehen jedoch viel eher nach Hassverbrechen gegen Christen aus, einschliesslich des Anschlags auf eine Kirche in Al-Tabqah in Syrien, als dass sie einen Protest gegen den französischen „Säkularismus“ darstellen.

von Seth Frantzman

Es ist angebracht, die falsche Behauptung zu entlarven, dass der französische „Säkularismus“ Terroranschläge verursacht. Wenn dies der Grund für Angriffe wäre, dann würde man meinen, dass säkulare Symbole des französischen Staates ins Visier genommen würden. So funktioniert Terrorismus doch normalerweise. Nachdem uns gesagt wurde, dass es beim Terrorismus darum gehe, durch symbolische Gewaltakte Aufmerksamkeit zu erregen, sollte die Terrorgruppe das Symbol des Staates oder die Sache, gegen den sie sich richtet, ins Visier nehmen.

Es gibt jedoch nur wenige Beispiele dafür, dass diese „Terroristen“ in Frankreich Institutionen des Staates angreifen. Sie stürzen auch keine nackten Statuen vom Sockel. Sie attackieren Kirchen. Und sie tun dies nicht nur in Frankreich; die Angriffe richten sich in der Regel gegen Kirchen und Christen weltweit. Wenn diese Extremisten radikalisiert werden, indem sie wegen „Blasphemie“ und Beleidigungen ihres Glaubens zur Gewaltanwendung bereit sind, warum besteht dann deren Reaktion aus Angriffen gegen religiöse Gebäude und unschuldige religiöse Menschen?

Im Januar 2015, nachdem in Frankreich Karikaturen veröffentlicht wurden, die als anstössig angesehen wurden, kam es zu Angriffen auf 45 Kirchen in Niger. Diese Kirchen hatten keine Verbindung zu den Karikaturen, und Charlie Hebdo ist keine christliche Zeitschrift. Kurz gesagt, der grundsätzlich religionskritische Säkularismus neigt dazu, das Christentum und den Islam zu kritisieren, und doch besteht die extremistische Reaktion darin, Christen zu töten und Kirchen zu bombardieren.

In ähnlicher Weise haben der Iran, Malaysia und andere Länder mit der Leugnung des Holocaust reagiert. Dies deutet auf eine Reaktion hin, bei der es nicht darum geht, wegen Karikaturen beleidigt zu sein, sondern vielmehr um eine Quelle des Hasses gegen Juden und Christen in vielen Ländern und Bevölkerungsteilen durch islamistische Extremisten, die jeden Vorwand suchen, um Hassverbrechen gegen religiöse Minderheiten zu begehen.

Es ist wichtig zu verstehen, wie diese giftige Mischung aus mediengetriebenem Hype um die „Beleidigung der Religion“ zu Angriffen auf Minderheiten in aller Welt führt, und zwar unter dem Deckmantel Extremisten seien „wütend auf den Säkularismus“. Vor zwanzig Jahren beinhalteten die verschiedenen Erklärungen für den gegen Israel und später gegen die USA gerichteten Terrorismus die Theorie, dass die Mörder wütend darüber waren, „unterdrückt“ zu werden, oder dass „Armut und Verzweiflung den Terrorismus antreiben“.

Später wurde klar, dass Osama bin Laden und seine Kumpanen weder unterdrückt noch arm oder gar verzweifelt waren – sie waren im Grunde privilegierte Männer, die den Extremismus als eine Art Tourismus verstanden hatten, der sie in verschiedene Länder führte, um dort den gewaltsamen „Dschihad“ durchzusetzen, oft gegen arme Menschen, und das höchste Ziel war der Angriff gegen die Vereinigten Staaten.

Die meisten Opfer des Terrorismus sind in der Regel arm, die Täter dagegen stammen eher aus der Mittelschicht und haben eine bessere Bildung. Während des Aufstiegs des IS schlossen sich rund 50.000 Menschen aus der ganzen Welt der Gruppe an, darunter 5.000 Europäer. Viele kauften Flugtickets, um in das „Kalifat“ zu reisen, weil sie glaubten, dass ihnen neue Häuser von religiösen Minderheiten beschlagnahmt würden und dass sie Sklaven besitzen könnten. Diese IS-Touristen waren nicht verzweifelt – eher könnte man sie mit ehemaligen Nordamerikanischen Einwanderern vergleichen, die es in die Südstaaten zog, weil sie dort Plantagen mit Sklaven kaufen wollten.

„Gewalttätiger Extremismus“ in zunehmendem Masse Völkermordideologie

Wie der Aufstieg des IS gezeigt hat, ist der sogenannte „gewalttätige Extremismus“ in zunehmendem Masse zu einer Völkermordideologie geworden, die sich gegen arme Minderheitengemeinschaften richtet – in der Regel gegen Christen, Yeziden, Ahmadis, Schiiten oder andere Gruppen. Die jüngste Kontroverse in Frankreich kontrastiert diese Entwicklung anschaulich.

Zu den Opfern in Nizza gehörten der 55-jährige Vincent Loques, ein Kirchenvorsteher, und eine Brasilianerin namens Simone Barreto Silva, Mutter von drei Kindern. Wenn der Terrorismus von Verzweiflung getrieben ist und in Religionsbeleidigung wurzelt, warum sollte dann eine Südamerikanerin und Mutter von drei Kindern das Terroropfer eines tunesischen Mannes werden? Warum sollten verletzte religiöse Gefühle aufgrund einer Karikatur einen Mann dazu bringen, eine Kirche anzugreifen? Warum sollte die Wut aufgrund „Religionsbeleidigung“ einen Mann dazu veranlassen, eine Frau in einer Kirche zu erstechen?

Während der Terroranschläge im Jahr 2015 wurde ein jüdisch-koscherer Markt ins Visier genommen. Der damalige US-Präsident Barack Obama wurde kritisiert, weil er die Angreifer als „bösartige Eiferer“ bezeichnete, „die Menschen enthaupten oder wahllos in einem Feinkostladen auf einen Haufen Leute schiessen.“ Das Problem war, dass dies nicht willkürlich geschah. Der Angriff auf den koscheren Markt war ein gezielter Angriff auf Juden. Es war kein zufälliger Markt. Er wurde wegen des Hasses gegen Juden ausgewählt. Im Juli 2016 ermordeten zwei bekennende IS-Anhänger Jacques Hamel, einen 85-jährigen Priester in seiner Kirche in der Normandie.

Ähnlich gab es im Laufe der Jahre zahlreiche Angriffspläne, die sich gegen Kirchen und Weihnachtsmärkte in Europa richteten. So gab es im Jahr 2000 in Strassburg das Bombenattentat auf einen Weihnachtsmarkt beim Münster und 2015 in Frankreich verschiedene Anschläge auf Kirchen. Im Jahr 2016 wurde ein Lastwagen benutzt, um einen Weihnachtsmarkt in Berlin anzugreifen. Länder in ganz Europa haben die Sicherheit aufgrund dessen erhöht, was Grossbritannien „einen starken Anstieg der Fahrzeug-Rammungen“ nannte.

Weihnachtsmärkte sind gezielte Hassverbrechen gegen Christen; anders als in den 1990er Jahren definiert, sind solche terroristischen Angriffe wenig bis gar nicht politisch motiviert. Diese Verbrechen ähneln viel mehr dem Ku-Klux-Klan-Terror, der sich vornehmlich gegen Gemeinschaften als gegen Länder richtet. Der aktuelle Terror wird weitgehend vom Hass auf Christen und Juden angetrieben, und an Orten wie Pakistan ist der Hass auf Schiiten, Ahmadis und andere Minderheiten der Terror-Brandbeschleuniger.

Die Heuchelei, die den Blasphemie-Vorwürfen gegen Frankreich zugrunde liegt, wird durch die Angriffe auf Kirchen und Christen deutlich. Wenn es blasphemisch ist, eine Karikatur zu veröffentlichen, dann ist es ebenso blasphemisch, eine Frau in einer Kirche zu enthaupten oder einen Priester zu erstechen. Wenn die „Religionsbeleidigung“ diese Männer „radikalisiert“, warum greifen dann dieselben Männer religiöse Symbole an?

Bei genauem Hinsehen wird deutlich, dass der französische Säkularismus nicht der Stein des Anstosses ist; vielmehr haben religiöse Extremisten, die mit globalen islamistischen Bewegungen verbunden sind, Generationen junger Männer gelehrt, Christen, Juden, Schiiten, Kurden, Ahmadis, Yeziden, Hindus, Sikhs, Buddhisten und andere zu hassen. Dabei wird jede Kontroverse als legitimer Vorwand benutzt, um Angehörige dieser Gemeinschaften zu töten, wobei oft ihre Gotteshäuser das Ziel sind.

Aus diesem Grund sind Synagogen von Tunesien bis Marokko, der Türkei, Israel und anderswo ins Visier genommen worden. Deshalb wurden Christen am Palmsonntag in Ägypten 2017, an Ostern 2019 in Sri Lanka und 2016 in Pakistan angegriffen. Aus diesem Grund wurden 2013, 2016, 2019 und 2020 hinduistische Tempel in Bangladesch niedergebrannt, im März 2020 ein Sikh-Tempel in Afghanistan, 2010 Ahmadi-Moscheen in Pakistan und 2016, 2018 und 2019 schiitische Moscheen in Afghanistan attackiert.

Die Flut zunehmender Angriffe auf Gotteshäuser, die fast ausschliesslich von islamistischen Extremisten verübt wurden, macht deutlich, dass der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, nicht vom Säkularismus in Frankreich ausgeht, sondern von rechtsextremen islamistischen Gruppen, die Religionsgemeinschaften weltweit ins Visier nehmen. Die Kontroverse um die französischen Karikaturen war lediglich ein Vorwand, um Männer zu radikalisieren, die Hassverbrechen gegen Angehörige anderer Religionen ausüben. Dieser Hass ist grundlegender Bestandteil ihrer Ideologie.

Seth J. Frantzman ist Nahost-Berichterstatter für die Jerusalem Post und Autor beim Middle East Forum. Auf Englisch zuerst erschienen bei The Jerusalem Post. Übersetzung Audiatur-Online.

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