Burak Bekdil über die Haltung der Türkei gegenüber Israel

Die Türkei war das erste muslimische Land, das Israel anerkannte, aber die Demographie änderte sich, so dass der Hass auf Israel von einer Mehrheit der Türken offenbar akzeptiert wird.

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Angriff auf eine Synagoge in der Türkei 2017. Foto Screenshot Youtube
Angriff auf eine Synagoge in der Türkei 2017. Foto Screenshot Youtube
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Jahre bevor die einstmals liberale türkische Zeitung «Hurriyet Daily News» von einem regierungsfreundlichen Geschäftsmann gekauft wurde, veröffentlichte sie Material von Burak Bekdil, einem mutigen Journalisten, dessen Beobachtungen scharfsinnig und sein Stil oft witzig waren…

von Faith Quintero

Im August sprach der Autor Faith Quintero mit Burak Bekdil über die bedingungslose Unterstützung der Türkei für die palästinensischen Araber, einschliesslich der Terrororganisation Hamas, über das Unrecht, welches Journalisten in der Türkei widerfährt und über die Haltung der Türkei gegenüber Israel.

Faith Quintero: Was könnte angesichts der aktuellen Situation vor Ort, so wie sie jetzt ist, getan werden, um die widersprüchliche Haltung [der Türkei gegenüber Israel] umzukehren?

Burak Bekdil: Ich glaube an keinen „Ismus“, ausser an Realismus. Dieser Realismus sagt mir, dass man nicht viel tun kann, um diese Feindschaft umzukehren, die sich in der heutigen türkischen Erinnerung eingeprägt zu haben scheint. So wie es heute aussieht, ist diese Feindseligkeit nicht nur die vorherrschende Staatsideologie, die ein autoritärer Führer unschuldigen Bürgern aufzwingt, die sie aus Angst vor einem islamisch-faschistischen Regime akzeptieren müssen. Sie wurde von einer grossen Mehrheit der Türken akzeptiert, und zwar aus verschiedenen Gründen: Linke hassen Israel aus ideologischen Gründen, konservative Muslime hassen Israel aus religiösen Gründen, andere ohne ideologische Identität hassen Israel, nur weil alle anderen es hassen.

Es wird wahrscheinlich mehrere Generationen dauern, bis die Türken ihre eigene Geschichte kennen lernen und ihren Hass auf eine Nation, die ihnen nie feindlich gesinnt war, überdenken werden. Als junge Republik war die Türkei das erste muslimische Land, das den neugegründeten Staat Israel anerkannte. Die vorherrschende kulturelle Demographie der Türkei hat sich seit 1948 erheblich verändert, gegen einen säkularen, relativ pluralistischen Geschmack und zugunsten einer streng mehrheitlichen Ideologie, die den sunnitischen Islamismus und die türkische Vorherrschaft vermischt.

Seit ich Sie beobachte, betrachte ich Ihre journalistische Integrität als heroisch. Jedes Mal, wenn ich Sie anfeuere, mache ich mir gleichzeitig Sorgen. Was hat Sie inspiriert, den BESA-Artikel über die türkische Amnesie zu schreiben – ein weiterer scheinbar riskanter Artikel?

Die bittere Realität. Ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Eine Stimme gegen das Mittelalter. In Zeiten der Dunkelheit sollten einige Menschen gegen den Wind segeln und sagen, was sie für richtig halten. Ich bin kein Held, weil ich der Wahrheit treu bleibe. Die meisten meiner Schriften bleiben unbemerkt, weil ich auf Englisch schreibe.

Ich habe fast 200 Kollegen im Gefängnis, deren einziges Verbrechen darin bestand, die Wahrheit zu sagen, und das auf Türkisch. Sie sind die Helden. Ich weiss, dass das, was ich über die „türkische Amnesie“ geschrieben habe, auf taube Ohren stossen wird. Ein paar englischsprachige Türken müssen es gelesen haben, einige von ihnen haben vielleicht zugestimmt. Die Massen, die mit ihrem Wahlrecht Regierungen einsetzen und absetzen, werden nie wissen, was ich geschrieben habe, oder von ihrer eigenen Geschichte mit Fakten und Zahlen. Sie ziehen es vor, an eine offizielle Erzählung zu glauben, die auf einer erfundenen Geschichte beruht.

Welche Art von Rezeption erhalten Sie von Ihren Mitbürgern?

Ich brauche wohl nicht zu sagen, dass ich nicht der Liebling der regierungsfreundlichen, islamistischen Medien bin. Ich wurde oft [verbal] als Verräter, Spion, innerer Feind, zionistischer Söldner, Kryptojude, Grieche oder Armenier angegriffen, manchmal in grossen Schlagzeilen, dann wieder in Blogs, in denen Redakteure Wege vorschlagen, wie ich und meine Familie am besten eliminiert werden können. Nichts davon ist überraschend.

Ein amerikanischer Freund schlug mir einmal vor, um Polizeischutz zu bitten. Meine Antwort war: „Wer wird mich vor der Polizei schützen?“

Es gibt nur wenige Türken, die mir zustimmen würden, wenn ich über den arabisch-israelischen Konflikt schreibe. Die meisten, ob Islamisten oder Linke, verurteilen mich lieber. In Griechenland, in meiner Heimat fernab der Heimat, ist das Bild nicht viel besser. Die Griechen haben ihre eigenen Gründe, „intellektuell anti-israelisch“ zu sein. Nicht religiöse Gründe, sondern Gründe, an denen sie festhalten. Ich kann nicht sagen, dass meine Ansichten über den arabisch-israelischen Streit in Griechenland willkommen sind.

Warum ist es für Sie wichtig, zugunsten Israels zu schreiben?

Ich bin kein Israeli. Ich bin kein Jude. Ich bin kein Krypto-Jude. Soweit ich weiss, stamme ich auch nicht aus einer Shabbetai-Familie [ein mittelalterlicher falscher Messias, der, um sein Leben zu retten, versehentlich eine Bewegung von zum Islam konvertierten Juden, die Donmeh, ins Leben rief]. Ich versuche nur, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen.

Ich habe noch keine Antworten von Türken und anderen gefunden, die meinen Ansichten widersprachen, als ich ihnen ein paar sehr wichtige Fragen stellte:

  1. Glauben Sie, dass Juden in einem Land mit arabischer Bevölkerungsmehrheit mit den gleichen Rechten leben dürfen wie arabische Israelis, die in Israel leben?
  2. Glauben Sie wirklich, es gäbe einen einzigen lebenden Juden im Nahen Osten, wenn die arabischen Nationen die gleiche militärische Macht besässen wie die IDF heute?
  3. Können Sie sich ein arabisches Land vorstellen, in dem es unter anderem einige wenige jüdische politische Parteien gibt, die demokratisch im arabischen Parlament vertreten sind?

Die Ungerechtigkeit in der intellektuellen Welt ist widerwärtig, wenn man auf der Seite der Gerechtigkeit steht. Ich versuche, darüber zu schreiben, was meiner Meinung nach in meinem Land und seiner weiteren Region schief läuft. Ich bin betrübt über die allgemeine, voreingenommene, türkische und internationale Meinung zum arabisch-israelischen Konflikt. Ich werde mich weiterhin freiwillig dazu bereit erklären, die Wahrheit zu sagen.

Sie schreiben über das Unrecht, welches Journalisten in Ihrem Land widerfährt. Da Sie sich der Tatsache bewusst sind, dass die Berichterstattung über eine Wahrheit, die Offizielle zu verbergen versuchen, zu schrecklichen Konsequenzen für diejenigen führen könnte, die darüber berichten, fürchten Sie nicht auch um Ihre eigene Sicherheit?

Manchmal, besonders wenn Hass-Mails im Übermass kommen. Aber wenn sich jemand entschieden hat, etwas zu unternehmen, kann ich ihn schliesslich nicht aufhalten. Ich hoffe, dass das, was ich bekomme, nur ein Bellen ist und nicht zu einem Beissen wird. Nochmals, ich muss darauf hinweisen, dass ich nicht zu den mutigen türkischen Journalisten gehöre, die einen hohen Preis zahlen. Bis zu dem Tag, an dem ich dies tue, werde ich glücklich und dankbar bleiben.

Bislang bestand die erfolgreichste Drohung gegen mich in der Zensur. Besonders dankbar bin ich den Verlagen, die meine Arbeit veröffentlichen, möglicherweise in Gefahr für sie. Dazu gehören das BESA, das Middle East Forum, das Gatestone Institute und einige andere Zeitungen und Think Tanks – und jetzt Arutz Sheva mit diesem Interview.

Wie empfinden Sie für die Türkei?

In Spionagegeschichten gibt es Menschen, die ihre Länder verraten. Niemand hat je eine Spionagegeschichte geschrieben, in der ein Land Menschen verrät. Ich fühle mich verraten. Dies ist nicht das Land, von dem ich geträumt habe. Es ist nicht das Land, das ich einst so innig geliebt habe. Ich tue es immer noch, aber mit grosser Enttäuschung.

Welche Bedeutung hat die Benennung der Hagia Sophia als Moschee? Was wird das für die Türkei bedeuten und was für das Verhältnis der Türkei zu ihren internationalen Nachbarn?

Mit typisch türkischem schwarzen Humor eroberte Erdogan seine eigene Stadt, um seine sinkende Popularität aufzuhalten. Diese Antwort würde eine ganze Seite einnehmen. Ich habe sie letzten Monat in meinem Beitrag im Middle East Forum, „Hagia Sophia und die türkische Vorherrschaft“, vertieft.

Was würden Sie sich im Rahmen des Möglichen wünschen?

Wie der grosse kretische Dichter Nikos Kazantzakis schrieb: „Ich erwarte nichts. Ich fürchte nichts. Ich bin frei.“

Burak Bekdil ist ein in Ankara ansässiger politischer Analyst und ein Fellow des Middle East Forum. Er schreibt regelmäßig für BESA, das Gatestone-Institut und Defense News. Faith Quintero ist der Autor von Loaded Blessings, einer Familiensaga, die zwischen dem Spanien der Inquisitionsära und dem heutigen Israel wechselt. Auf Englisch zuerst erschienen bei Arutz Sheva / Middle East Forum.

1 KOMMENTAR

  1. Gerne würde ich die drei Fragen meinen Bundestagsabgeordneten zu kommen lassen. dies in Bezug des Verhältnisses Deutschland zu Israel. Klar Stellung beziehen tut Deutschlöand u.a. in der UNO nicht.
    Die Fragen sind kurz – kanpp – doch sehr tief und fassen das westentliche zusammen.

    Danke dafür Herr Burak Bekdil.

    Es würde mcih freuen, wenn ich die Fragen, mit verwendung des Schreibers, benutzen dürfte. Gerne lasse ich IHnen über auditor ein Exemplar bzw. den Hinweis, zukommen.

    Volker Bayer

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