Die Normalisierung der Beziehungen zwischen Israel und dem Sudan ist eine schlechte Nachricht für die Hamas

Die Führung der Terrororganisation befürchtet das Normalisierungsabkommen könnte ihre Aktivitäten in dem nordafrikanischen Land lähmen.

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Hamas-Anhänger in Gaza verbrennen ein Modell eines Sarges, mit einem Bild des US-Präsidenten Donald Trump und des israelischen Premierministers Benjamin Netanjahu. Foto Majdi Fathi/TPS
Hamas-Anhänger in Gaza verbrennen ein Modell eines Sarges, mit einem Bild des US-Präsidenten Donald Trump und des israelischen Premierministers Benjamin Netanjahu. Foto Majdi Fathi/TPS
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Die Terrororganisation Hamas ist offenbar sehr besorgt über die Normalisierung der Beziehungen zwischen dem Sudan und Israel. Der Sudan, ein sunnitisch-muslimischer Staat, war viele Jahre lang ein idealer Standort für die Muslimbruderschaft und die Hamas und aufgrund seiner Lage am Roten Meer eine lebenswichtige Schmuggelroute für Waffen aus dem Iran in den Gaza-Streifen.

Das israelisch-sudanesische Normalisierungsabkommen ist sowohl für den Iran als auch für die Hamas ein doppelter Schlag ins Gesicht.

von Yoni Ben Menachem

Am 23. Oktober gab die Hamas eine Erklärung ab, in der sie die Vereinbarung verurteilte und das sudanesische Volk aufforderte, „alle Formen der Normalisierung zu bekämpfen und nicht mit dem kriminellen Feind zu kooperieren.“ In ihrer Erklärung warnte die Hamas davor, dass das Abkommen dem Sudan keine Stabilität bringen, seine Lage nicht verbessern und „den Sudan selbst zerreissen“ würde.

Ein geächteter Staat

Der Sudan unterstützte in der Vergangenheit Terroristen, beherbergte die al-Qaida und ihren Führer Osama bin Laden und operierte zudem eng mit der Hamas.

Diese Politik wurde von Omar al-Bashir betrieben, der den Sudan von 1989 bis 2019 regierte, die Nationalversammlung auflöste und das Scharia-Kriegsrecht anwandte. Im März 2009 wurde al-Bashir vom Internationalen Strafgerichtshof im Zuge von Verbrechen gegen die Menschlichkeit wegen Mord, Vergewaltigung und Plünderung in Darfur angeklagt. Al-Baschir wurde im April 2019 durch einen Staatsstreich abgesetzt.

Israelische Luftangriffe im Sudan

Vor mehr als 10 Jahren entdeckte der israelische Geheimdienst, dass der Sudan als Hauptroute für Waffenlieferungen vom Iran in den Gaza-Streifen diente.

Ausländischen Quellen zufolge (und von israelischen Sicherheitsquellen im Laufe der Jahre bestätigt) griff die israelische Luftwaffe im Rahmen des israelischen Kampfes gegen den iranischen Waffenschmuggel mehrmals Ziele innerhalb des Sudan an.

Video des zerstörten Konvois im Sudan. (YouTube, Al Jazeera)

Im März 2009 veröffentlichte das Time Magazine Berichte von israelischen Sicherheitsbeamten, wonach israelische Flugzeuge und unbemannte Flugzeuge während der „Operation Gegossenes Blei“ in Gaza einen sudanesischen Konvoi angegriffen hätten. Der Konvoi bestand aus 23 Lastwagen mit Waffen, die für den Gaza-Streifen bestimmt waren. Die israelische Luftoperation zielte darauf ab, die Waffenlieferungen an die Hamas zu stoppen und dem Iran eine Warnung über Israels genaue nachrichtendienstliche und operative Fähigkeiten zu übermitteln.

Der Angriff auf den Konvoi war eine komplexe Operation fast 3000 Kilometer von Israel entfernt und erforderte eine Betankung der F-16-Kampfflugzeuge in der Luft über dem Roten Meer. Der Konvoi beförderte etwa 120 Tonnen iranischer Waffen, darunter Panzerabwehrraketen und Fajr-3-Raketen, die Ziele in 40 km Entfernung erreichen konnten und mit 45 kg schweren Sprengköpfen bestückt waren. Mehrere iranische Zivilisten und sudanesische Schmuggler wurden bei dem Angriff getötet.

Wenige Tage vor dem Angriff warnten die USA die sudanesische Regierung davor, den Waffenschmuggel aus ihrem Gebiet zuzulassen. Die sudanesische Regierung ignorierte diese Warnung.

Doch trotz des erfolgreichen israelischen Angriffs wurde der Waffenschmuggel vom sudanesischen Territorium in den Gazastreifen fortgesetzt.

Yuval Diskin, der damalige Leiter des israelischen Allgemeinen Sicherheitsdienstes, enthüllte bei einem Regierungstreffen im Jahr 2009, dass in den Monaten nach der „Operation Gegossenes Blei“ 22 Tonnen Standardsprengstoff, 45 Tonnen Rohmaterial zur Herstellung von Waffen, Dutzende von Standardraketen, Hunderte von Mörsergranaten und Dutzende von Flugabwehr- und Panzerabwehrraketen in den Gazastreifen geschmuggelt worden seien.

Ägypten wusste vom Waffenschmuggel aus dem Sudan in den Gaza-Streifen und arbeitete auch während der Herrschaft von Präsident Hosni Mubarak daran, den Schmuggel zu unterbinden. Im März 2011 gab Ägypten offiziell bekannt, dass die ägyptische Armee fünf Fahrzeuge mit Waffen aus dem Sudan auf dem Weg in den Gaza-Streifen gestoppt habe, und die Waffen wurden im Grenzgebiet zwischen Ägypten und dem Gaza-Streifen beschlagnahmt. Die Lieferung umfasste grosse Mengen von Mörsergranaten, Granaten und Sprengstoff, die durch die Tunnel in den Gazastreifen geschmuggelt werden sollten.

Ausländischen Quellen zufolge griffen im Oktober 2012 vier Flugzeuge der israelischen Luftstreitkräfte (IAF) die iranische al-Yarmouk-Anlage im Sudan an, die Munition und Waffen für die Hamas im Gaza-Streifen produzierte. Bei dem Angriff wurden zwei Menschen getötet. Verschiedenen Berichten zufolge hatte der Iran die Fabrik bereits 2008 errichtet.

Nach Angaben von Geheimdienstexperten wurde ein grosser Vorrat an Fajr-5-Raketen, die für die Hamas bestimmt waren, bei dem Angriff zerstört. Möglicherweise befanden sich in dem Lager auch ballistische Mittelstreckenraketen des Typs „Shahab-3“ mit einer Reichweite von 1280 km, die im Sudan stationiert gewesen waren und zur Bedrohung Israels eingesetzt werden sollten.

Wann hat der Sudan begonnen, gegen die Hamas tätig zu werden?

2014 gab es im Sudan einen Wendepunkt, als der damalige Herrscher Omar al-Bashir mit dem Iran in Konflikt geriet und behauptete, Teheran verbreite aktiv die schiitische Religion im sunnitischen Sudan. Der Sudan verwies den iranischen Kulturattaché des Landes und schloss iranische Kulturzentren. Die sudanesische Entscheidung wurde offenbar auf Druck Saudi-Arabiens, des Feindes Teherans, getroffen.

Die Krise in den Beziehungen zwischen dem Sudan und Iran wirkte sich auch auf die Beziehungen zur Hamas aus. Der Sudan vereinbarte mit dem Iran den Waffenschmuggel über sein Territorium nach Ägypten und von dort in den Gaza-Streifen. Die Waffen kamen in iranischen Schiffen, die regelmässig in Port Sudan anlegten.

Im März 2014 beschlagnahmten die Marinekommandos der israelischen Verteidigungsstreitkräfte IDF das Schiff KLOS-C im Roten Meer. Das in Panama registrierte Schiff, das 100 Container mit Waffen und Zement aus dem Iran geladen hatte, war für Port Sudan bestimmt gewesen. Die IDF erbeutete Raketen mit 200 km Reichweite, die durch die Tunnel der Hamas nach Gaza geschmuggelt hätten werden sollten.

Waffenarsenal beschlagnahmt durch IDF, nachdem sie die Klos-C im Roten Meer gestoppt hatte. (Büro des Sprechers der IDF)

Die Beschlagnahmung erfolgte rund 1500 km von Israel entfernt und bewies einmal mehr Israels überlegene Aufklärungs- und Operationsfähigkeiten im Krieg gegen den Terrorismus von Iran und Hamas.

Nach den Zusammenstössen mit dem Iran schloss der Sudan die Hamas-Büros auf seinem Territorium und verhaftete einen Hamas-Funktionär, der eine terroristische Infrastruktur im Land aufgebaut hatte.

Nach dem Treffen von Premierminister Benjamin Netanjahu am 3. Februar in Entebbe (Uganda) mit dem Vorsitzenden des Sudanesischen Souveränen Rates, General Abdel Fattah al-Burhan, wurde berichtet, dass die Hamas versucht habe, im Sudan eine Aussenstelle für Geheimdienstmissionen in Afrika einzurichten.

Die Website der Intel Times berichtete im Juli 2020, dass die sudanesischen Behörden in Khartum Muhammad Ramadan‘ Abd al-Gafur, den Leiter des Afrika-Zweigs der Geheimdienstabteilung des militärischen Flügels der Hamas, festnahmen. Dies ist der Zweig der Hamas, der sich mit dem Aufbau der militärischen Kraft der Organisation durch ihre Mitgliedsorganisationen in Malaysia, der Türkei und im Libanon befasst.

Angesichts der umfangreichen Aktivitäten der Hamas im Sudan in der Vergangenheit befürchtet die Organisation nun, dass das Normalisierungsabkommen des Landes mit Israel Zusätze in Bezug auf die Terrorismusbekämpfung der beiden Länder enthalten wird, die die Überwachung der Hamas-Agenten im Land verschärfen werden.

Erklärung der Hamas zum Normalisierungsabkommen zwischen dem Sudan und Israel. Youtube / LuaLua TV

Hamas-Aktivisten sind nach wie vor im Land präsent und werden von Aktivisten der Muslimbruderschaft und Oppositionellen unterstützt.

Nachdem Präsident Trump den Sudan von der Liste der staatlichen Unterstützer von Terrorismus gestrichen hat, ist das Regime in Khartum nun motiviert, sich der Welt gegenüber als ein Land darzustellen, das entschlossen den Terrorismus bekämpft.

Der Prozess der Normalisierung der Beziehungen zwischen den arabischen Ländern und Israel ist eine sehr schlechte Nachricht für die Hamas, wenn es um ihre „militärischen“ Aktivitäten geht. Die Golfstaaten schränken die Schritte der Hamas bereits ein. In Saudi-Arabien werden 60 Hamas-Aktivisten strafrechtlich verfolgt, weil sie Geld durch die Türkei zum „militärischen“ Flügel der Hamas im Gazastreifen geschmuggelt haben.

Die Hamas geht davon aus, dass jeder arabische oder islamische Staat, der sich dem Normalisierungsprozess mit Israel anschliesst, sich gegenüber den Vereinigten Staaten und Israel verpflichten muss, den Terrorismus zu bekämpfen. Das bedeutet, dass den „militärischen“ Operationen der Hamas im Ausland schwerer Schaden zugefügt wird, zusätzlich zum politischen Schaden für die Organisation, die als „terroristische Organisation“ eingestuft wird.

Im Rahmen des Friedensabkommens mit Israel dürfte dies auch eine Bewährungsprobe für den Sudan sein – die Verpflichtung, sowohl schiitische als auch sunnitische Terrororganisationen zu bekämpfen, einschliesslich der Hamas, die aufgrund ihrer früheren Aktivitäten ganz oben auf der Liste steht. Israel und die Vereinigten Staaten werden in dieser Frage nicht nachgeben, und deshalb steht die Hamas unter erheblichem Druck.

Yoni Ben Menachem ist leitender Nahost-Analyst des Jerusalem Center for Public Affairs, ein unabhängiges israelisches Forschungsinstitut für politische und gesellschaftliche Fragen mit Sitz in Jerusalem. Übersetzung Audiatur-Online.

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