„School for Unlearning Zionism“ – Boykott gegen Israel lernen?

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Symbolbild. Foto Adi Gefen/TPS
Symbolbild. Foto Adi Gefen/TPS
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An einer Berliner Hochschule fand eine mit Steuergeldern finanzierte Veranstaltungsreihe statt, in der Zionismus verlernt werden soll. Diese „Schule“ weist Verbindungen zur antisemitischen BDS-Bewegung auf – ein Versuch, Sympathien für Boykott gegen Israel oder gar für Terrorismus beizubringen? Es fügt sich in ein Muster.

Die „School of Unlearning Zionism“ sorgte für grosses Aufsehen. Einen ganzen Monat lang sollte an der Kunsthochschule Berlin-Weissensee Vorträge, Workshops, Filmabende und Gesprächsrunden digital stattfinden. Die Kritik flammte auf, dass viele Referenten bekannt für ihre Nähe zur antisemitischen und israelfeindlichen BDS-Bewegung („Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen“) seien, die versucht durch Boykott-Aktionen Israel international unter Druck zu setzten, um die Besetzung der palästinensischen Gebiete zu beenden. Innerhalb der Bewegung gibt es viele Gruppen, die Antisemitismus verbreiten, zu Gewalt aufrufen, Terrorismus befürworten und Verbindungen zu Terrororganisationen pflegen.

Der Grünen-Politiker Volker Beck nannte die Schule eine „propagandistische Ungeheurlichkeit“. Die israelische Botschaft machte deutlich, dass der Titel bereits die Existenzgrundlage Israels negieren würde und bezeichnete diese Schule als eine „Umarmung des Antisemitismus“. Besonders für Aufregung sorgte, dass dieses Programm mit Steuermitteln finanziert werde. Die Kunsthochschule wirbt auf ihrer Website mit der Förderung durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung. Das American Jewish Committee (AJC) twitterte: „Für die Deligitimierung Israels dürfen keine Steuergelder verwendet werden“.

Die Kunsthochschule reagierte auf die Kritik und bekundete, dass sie sich an den Bundestagsbeschluss „Der BDS-Bewegung entschlossen entgegentreten – Antisemitismus bekämpfen“ (15.05.2019) halten würde. Gegenüber der Berliner Zeitung beschwerte sich die Sprecherin der Gruppe, Yehudit Yinhar,: „BDS zum Massstab der Debatte zu machen, und Antisemitismus und Antizionismus gleichzusetzen, das ist unterkomplex. Das hilft nicht, Antisemitismus zu bekämpfen.“ Die Veranstaltungsreihe wurde weiter fortgesetzt, auch ohne den Rahmen der Kunsthochschule. 

„School for Unlearning Zionism“

Auf der eigenen Facebook-Seite bezeichnet sie sich als eine „Schule zum Verlernen des Zionismus“, die „ein in Berlin geborener künstlerischer Raum, ein Raum des gemeinsamen Lernens“ sei. Die Schule habe sich zum Ziel gemacht, das Wissen, was in „Machtsystemen“ – womit Israel gemeint ist und der Staat in ein totalitäres Bild gerückt wird – zu verlernen. Deshalb solle Wissen „ausserhalb“, in Berlin „als Ort zwischen Tel Aviv und Ramallah“, erworben werden. Die Schule sei aus dem Wunsch entstanden, Partner in dem Abbau von Strukturen zu sein, „die aus Ungleichheit, Unterdrückung und Ausbeutung entstanden sind, seit Palästina Israel geworden ist“. Aus deren Facebook-Seite und dem geplanten Programm an der Kunsthochschule lässt sich entnehmen, dass der Staat Israel von dieser „Schule“ als Kolonialmacht angesehen wird. Einige Vorträge werden unter Titel wie „Mizrachi – Kampf als Teil der Entkolonisierung?“ und „Zionismus als Siedler-Kolonialismus“ geführt. Diese Vorstellung, dass Israel eine Politik des Kolonialismus führe, ist ebenso bei der BDS-Bewegung grundlegend vertreten. So verwundet es nicht, dass beispielsweise einer der Referenten der Historiker Ilan Pappe ist – ein bekannter und aktiver BDS-Unterstützer. Brisant: Das Goethe-Institut wirbt für die Online-Veranstaltung der „School for Unlearning Zionism“ mit Pappe.

„Unlearning Zionism“ verbunden mit dem Wunsch Israel aufzulösen

In Deutschland tritt „Unlearning Zionism“ scheinbar zum ersten Mal in den Bildungseinrichtungen auf. Doch in den USA ist „Unlearning Zionism“  etwas, das bereits an Universitäten stattfindet und mit dem Aufruf der Auflösung Israels einhergeht. Beispielsweise fand an der Universität Irvine in Kalifornien 2016 die Veranstaltung „Unlearning Zionism“ statt. Der Veranstalter war das „International jüdische antagonistische Netzwerk“ (IJAN), welches Israel als Apartheidstaat und den Zionismus als rassistische Bewegung betrachtet. IJAN selbst sagt über sich: „Unser Engagement gilt dem Abbau Israel“. Ein damaliger Student der Universität Irvine, Kevin Baum, berichtete auf der Website der Zionist Organization of America (ZOA) als Teilnehmer über diese Veranstaltung. Die Gastgeber hätten Israel in mehrere „supremacistische“ Gruppen, wie die Referenten es nannten, eingeteilt: Rassistische Vorherrschaft, männliche Vorherrschaft, christliche Vorherrschaft und heterosexuelle Vorherrschaft. Aus dem Programm lässt sich entnehmen, dass auf der Veranstaltung auch Fragen wie „Was ist Antisemitismus und wie wird er vom Zionismus missbraucht und manipuliert?“ oder „Welche Rolle spielen antizionistische Juden bei der Unterstützung des Kampfes für die palästinensische Befreiung?“ behandelt wurden. Der ehemalige Student schrieb, dass die Referenten den Willen bekundeten, den Staat Israel aufzulösen.

Boykott gegen Israel lernen?

Auf dieser Veranstaltung an der Universität in Kalifornien wurden ergo den Teilnehmern versucht beizubringen, dass der Staat Israel den Antisemitismus für Zionismus missbrauchen würde und für die „palästinensische Befreiung“ aufgelöst werden solle. Dass auf solchen Veranstaltungen sowohl in Irvine als auch in Berlin im Zuge „des Verlernen von Zionismus“ ebenso versucht wird Boykott gegen Israel zu befürworten und damit beizubringen ist sehr wahrscheinlich. Die Veranstaltung an der Kunsthochschule Berlin weist sogar gewisse Verbindungen zu der Universität in Irvine auf. So ist beispielsweise der BDS-Aktivist Ilan Pappe sowohl Referent bei der „School of Unlearning Zionism“ in Berlin als auch Referent bei dem Veranstalter von „Unlearning Zionism“, dem IJAN, gewesen.

Ein anderes Indiz dafür, dass auf der Berliner Veranstaltungsreihe Boykott gegen Israel beigebracht werden könnte, sind problematische Referenten. Der Beitragende der „School for Unlearning Zionism“ Yadav Zohar ist ein Vertreter des „Israelischen Komitee gegen Hauszerstörung“ (ICAHD). Die ICAHD hat ebenfalls in der Vergangenheit zu Boykott-Aktionen gegen Israel aufgerufen, was wiederum der Strategie der antisemitischen BDS-Bewegung gleicht. 2005 plädierte das ICAHD für Handelssanktionen gegen Israel, da das Assoziations-Abkommen mit der EU – Verkaufsverbot von Siedlungsprodukte unter dem Etikett „Made in Israel“ – verletzt wurde. Auch warb das ICAHD für den Boykott von Siedlungsprodukten und Gesellschaft, „die den Siedlungsbau fördern“ und hatte Regierungen, Handelsunionen und Universitätsgemeinschaften aufgerufen, „alles zu tun, was möglich ist, um Israel für seine Besatzungspolitik und -Aktionen verantwortlich zu halten.“ Der ICAHD-Gründer, Jeff Halper, ist ein bekannter Unterstützer der BDS-Bewegung.

Die pro-palästinensische Webseite publicsolidarity ist ein Medienprojekt, das Akteure von ICAHD, BDS und IJAN veröffentlicht. Auch die von der Berliner Zeitung nicht überprüfte Sprecherin der „School of Unlearning Zionism“ in Berlin, Yehduit Yinhar, wird auf dieser kritisch zu betrachtenden Website aufgeführt, da sie an einer Konferenz 2018 von dem „Bündnis zur Beendigung der israelischen Besatzung (BIB) teilnahm. Der Journalist Benjamin Weinthal zeigte 2019 in der Jerusalem Post Verbindungen der BIB zur BDS auf, indem die BIB eine BDS-Veranstaltung mit der BDS-Aktivistin Shir Hever mitfinanzierte. Zudem hält nach eigenen Aussagen Andreas Zumach, Beirat des BIB, die BDS-Bewegung für nicht antisemitisch.

„Unlearning Zionism“-Kurse – ein neues BDS-Instrument?

Es macht den Anschein als seien Kurse eines „Unlearning Zionism“ ein gezieltes Instrument von BDS-Akteuren und -Unterstützern, um gegen den Staat Israel zu arbeiten. In diesem Fall wäre das Ziel, Israel akademisch zu boykottieren. Dass ein Referent des ICAHD eingeladen wird, passt in diese Theorie hinein. Denn in einer überarbeiteten Stellungnahme der ICAHD von 2010 plädierten sie für einen Boykott israelischer akademischer Institutionen, „die ihre Verantwortlichkeit für die akademischen Freiheiten ihrer palästinensischen Gegenüber nicht erfüllt haben“. Zweifellos arbeitet die ICAHD ebenso wie die BDS an einen akademischen Boykott gegen Israel. Diese beschriebene „Verantwortlichkeit“ werden in deren Augen auch deutsche und US-amerikanische Universitäten nicht erfüllen, weshalb der Boykott-Versuch sich dieser Logik folgend auf deutsche und US-amerikanische Bildungseinrichtungen ausweiten müsste. Die Strategie dahinter ist jedoch nicht einen Boykott gegen diese Universitäten auf deutschen Boden auszurufen. Viel mehr versucht man gezielt, in universitären Einrichtungen Studenten und Hochschullehrern spezifisch für den akademischen, aber auch für jegliche Boykott-Versuche zu gewinnen. Auf der Website der BDS-Kampagne Deutschlands steht unter „Akademischer Boykott“:

„Es könnte ein erster Schritt sein, Professor*innen, Studierende und eine kritische Öffentlichkeit über solche Kooperationsprojekte zu informieren und sie für die Einhaltung des Aufrufs zum akademischen Boykott zu gewinnen.“

Gemeint sind hier Kooperationsprojekte zwischen deutschen und israelischen Universitäten.

Dies wäre eine neu entdeckte Strategie von Boykott-Kampagnen: In den Diskurs um Israel und „Palästinenser“ an Universitäten einzugreifen, zu manipulieren und Unterstützer für Boykott-Kampagnen anzuwerben. Dies würde einen gefährlichen Versuch einer Ideologisierung von BDS-Funktionären und -Unterstützern bedeuten, da vor allem antisemitisches Gedankengut verbreitet werden könnte. Weil innerhalb der BDS-Bewegung zunehmend Kontakte zu Terrororganisationen wie der HAMAS und der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) gepflegt werden, ist die Wahrscheinlichkeit da, dass mit solchen Veranstaltungen Sympathien für terroristische Aktivisten aufgebaut werden, mit dem Ziel Israel auszulöschen. Der israelische Regierungsbericht „Terroristen in Anzügen – Die Verbindung zwischen Nichtregierungsorganisationen, die BDS fördern, und Terror-Organisationen“ von 2019 zeigte auf, dass BDS-Organisationen von Terroristen zunehmend und gezielt unterwandert werden.

„Unlearning Zionism“ fügt sich in ein Muster

Doch wie neu ist diese Strategie, in universitären Räumen Zionismus zu verlernen, Sympathien für den Boykott gegen Israel oder gar für Terrorismus beizubringen? Wie viele „Unlearning Zionism“-Kurse fanden bereits unter anderen Namen in Deutschland statt, von denen noch nicht bekannt ist? Denn für Aufsehen sorgte diese Veranstaltung in Berlin nur, weil der Name provokant war. In US-amerikanischen Universitäten lassen sich etliche solcher Veranstaltungen unter anderen Namen wie „Seperating Political Ideologe from Religion“ oder „Zionism und Judaism“ ausfindig machen, die alle Verbindungen zur BDS-Bewegung aufweisen. Eine neue Idee ist solch ein Instrument nicht. Das Vorbild dafür ist offensichtlich die 2005 entstandene „Israeli Apartheid Week“, die jährlich in Form von Kundgebungen und Universitätsveranstaltungen in den USA, Kanada, England, Südafrika, Deutschland und weiteren Ländern im Februar und März stattfindet. Diese Aktion dient gezielt zur Unterstützung der BDS-Kampagne. Möglicherweise haben BDS-Akteure wegen der aufflammenden Aufmerksamkeit dieser Woche, seit einigen Jahren begonnen, einzelne anti-israelische Veranstaltungen zu erstellen. Die BDS-Bewegung ist sich der Kritik bewusst – spätestens seit dem Bundestagsbeschluss von Mai 2019. Das „Anwerben“ von Studenten und Hochschullehrern für einen akademischen Boykott scheint für BDS immer wichtiger zu werden, da sie weltweit fordern den akademischen Boykott zu „intensivieren“, aufgrund der „neuen Welle israelischer Bombenangriffe auf Gaza“, wie es auf der deutschen BDS-Website heisst.

Zara Riffler

Über Zara Riffler

Zara Riffler studiert Fachjournalistik Geschichte an der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Ihre Schwerpunkte liegen in den Themenbereichen Islam, Naher Osten und Antisemitismus. Zuvor studierte sie Kunstgeschichte und Klassische Archäologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main.

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