Der Narzisst als Opfer

Lesezeit: 2 Minuten

Heute tendieren viele dazu, sich bei einer Debatte oder Diskussion relativ schnell angegriffen oder verletzt zu fühlen. Statt Argumente zu widerlegen und Denkarbeit zu leisten, geht man dann in die Opferrolle und klagt an. Statt aufzuzeigen, warum gewisse Ideen schlecht sind, zeigt man lieber auf, warum gewisse Menschen schlecht sind. Schlechte Menschen: das sind Täter. Gute Menschen: das sind Opfer.

Auch in der öffentlichen Diskussion zeigen sich Politiker oder Aktivisten öfters verletzt. Sie inszenieren sich als Stimme von Opfern der Gesellschaft, um sich selber mit moralischer Überlegenheit auszustatten. Es ist dann natürlich wichtig, den politischen Gegner gezielt zu missverstehen und ihm zum Beispiel rassistische, sexistische oder rechtsradikale Aussagen zu unterstellen, die er nie gemacht hat, und böse Absichten, die auf einen bösen Charakter hinweisen. Es gehört zum moralischen Überlegenheits-Wahn, dem Publikum einen möglichst bösen Täter zu präsentieren, um im Vergleich dazu selber möglichst gut dazustehen. Ein Verhaltensmuster, das man „Opfer-Narzissmus“ nennen könnte. Es geht um Selbstgerechtigkeit, um ein übertrieben unschuldiges Selbstbild auf Kosten des Täters. Der Opfer-Narzisst sagt im Grunde: „Behandelt mich gut und verurteilt den Täter. Betrachtet alle meine Ansprüche als legitim, denn ich bin das Opfer.“

Zahlreiche Gruppen entdecken für sich den Opferstatus und erwecken den Eindruck, die Gesellschaft produziere immer mehr Unterdrückte. Das nehmen die Medien dann auf: Arme als Opfer von Reichen, Frauen als Opfer von Männern, Nicht-Weisse als Opfer von Weissen, Nicht-Heterosexuelle als Opfer von Heterosexuellen. Wenn das so weitergeht und sich der Opferstatus überall durchsetzt, werden auch reiche, weisse, männliche Heterosexuelle eines Tages als Opfer dastehen wollen. Als Opfer derer, die sie als Täter brandmarken. Dann wird man verzweifelt nach neuen, noch unentdeckten Tätern suchen, aber man wird keine mehr finden. Und vielleicht wird man endlich wieder erkennen, dass die Annahme der eigenen Unschuld weder das Herz noch die Gesellschaft besser macht. Wie es schon die jüdische Weisheit aus dem babylonischen Talmud (6. Jahrhundert) gelehrt hat: „Der Mensch soll sich zur Hälfte für unschuldig halten und zur Hälfte für schuldig.“

Über Giuseppe Gracia

Giuseppe Gracia (52) ist Schriftsteller und Medienbeauftragter des Bistums Chur. Sein neuer Roman «Der letzte Feind» ist erschienen im Fontis Verlag, Basel.

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1 KOMMENTAR

  1. Hier wird ein wichtiges Thema kurz und bündig angesprochen. Es geht letztlich auch um die Vermeidung einer Auseinandersetzung, die die „Opfer“ mangels Intellekt und überzeugender Argumente nie gewinnen könnten. Es ist eine Seuche, statt der Thematik den Menschen anzugreifen, das geschieht inzwischen auf fast allen Seiten, wo Meinungen zugelassen werden.
    Doch in einem Punkt widerspreche ich. Reiche, weisse, männliche Heterosexuelle werden es nie schaffen, eine Opferrolle einzunehmen. Sie wurden vielmehr als Täter auserkoren, sie stehen auf Platz eins, und da werden sie immer bleiben.

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