Foto echiner1 - https://www.flickr.com/photos/decadence/3249209282/, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7570521
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Es ist ein interessanter Zufall, dass die Unterzeichnung eines Friedensabkommens zwischen den arabischen Golfstaaten – den Vereinigten Arabischen Emiraten und Bahrain – und Israel, Mitte September 2020 erfolgt, genau 50 Jahre seit dem „Schwarzen September“, dem Beginn des Krieges von 1970-1971 zwischen palästinensischen Fraktionen und dem Haschemitischen Königreich Jordanien. Letzteres ist ein wichtiges Ereignis in der Geschichte des Nahen Ostens und Palästina/Jordaniens, jedoch bereitet es vielen Menschen Unbehagen – nirgendwo mehr als in Jordanien selbst, mit einer überwiegend palästinensischen Bevölkerung und seit 1999 sogar mit einer palästinensischen Königin.

von Alberto M. Fernandez

Nach dem Verlust des Westjordanlandes im Sechs-Tage-Krieg von 1967 wurde Jordanien für palästinensische Fedayeen-Gruppen noch mehr als zuvor zu einem sicheren Hafen, um grenzüberschreitende Angriffe in die von Israel kontrollierten Gebiete zu starten. Die PLO wurde mit der Zeit immer mächtiger und zu einem schwer bewaffneten Staat innerhalb eines Staates, der von Nassers Ägypten und dem baathistischen Irak unterstützt wurde und ihre Macht in Jordaniens Städten, Flüchtlingslagern und Stützpunkten für Guerillaoperationen zur Schau stellte. Schon vor dem „Schwarzen September“ forderten blutige Zusammenstösse viele Menschenleben, darunter auch das von US-Armee-Attaché Major Robert P. Perry, der in seinem Haus in Amman von palästinensischen Guerillas getötet wurde. Zu den wiederholten Demütigungen des jordanischen Staates durch die palästinensische Führung gehörte sogar ein fehlgeschlagener Attentatsversuch auf den jordanischen König Hussein.

Trotz wiederholter Beschwichtigungsbemühungen von König Hussein brach im September 1970 ein offener Krieg aus. Als der König seine Armee gegen von der PLO gehaltene Teile Ammans entfesselte, griffen syrisch kontrollierte Einheiten der Palästinensischen Befreiungsarmee (PLA) ein und erklärten Jordaniens zweite Stadt, Irbid, zur „befreiten Zone“. Da der syrische Verteidigungsminister Hafez Al-Assad keine Luftdeckung bot, konnten die Jordanier diese Truppen vertreiben. Die irakische Drohung, direkt auf der Seite der Palästinenser zu intervenieren, wurde nie in die Tat umgesetzt. Sowohl die USA als auch Israel hatten Notfallpläne, um im Falle eines Sturzes Husseins und seines Regimes einzugreifen.

Obwohl die Jordanier dann im Sommer 1971 triumphierten, war es eine knappe Sache, die leicht ein anderes Ende hätte finden können. Die Sympathien der meisten arabischen Machthaber lagen sehr stark auf palästinensischer Seite, und sie verspotteten den jordanischen König offen. Die Jordanier wurden in der damaligen arabischen Presse als Faschisten diffamiert und beschuldigt, Zehntausende Palästinenser getötet zu haben. Und natürlich schuf die Fatah von Jassir Arafat die Terrorgruppe Schwarzer September als Auslöser für blutige Gewalttaten im Nahen Osten und in Europa.

27. März 1973, Interview mit „Guerillaführer“ Abu Daoud zum Schwarzen September

Nach ihrer Niederlage in Jordanien zog die PLO in den Libanon weiter, wo sie einige Jahre später eine Schlüsselrolle bei der Auslösung des libanesischen Bürgerkriegs, der syrischen Militärintervention und dann der jahrzehntelange Besatzung des Libanon gespielt hat. Eine weiter Folge des Krieges war das zunehmende Misstrauen gegenüber den Palästinensern und die Herausbildung einer eigenen jordanischen Identität als Reaktion auf die sich entwickelnde palästinensische Identität.

In der Zwischenzeit wurde die „Palästinensische Sache“ zur willkommenen Kriegsflagge und ein gern getragenes blutiges Hemd für jeden Schurken und völkermörderischen Verrückten in der Region – Hafiz al-Assad und sein Sohn Bashar, Saddam, Gaddafi, Khomeini, Khamenei, Erdogan und andere. Die palästinensische Führung hatte sie alle benutzt – und wurde wiederum von ihnen benutzt. Assad (unter Einsatz seiner libanesischen und palästinensischen Stellvertreter, insbesondere Amal) hatte während des „Krieges der Lager“ im Libanon 1985-1988 mehr Palästinenser getötet, als von den libanesischen Streitkräften in Sabra und Shatila getötet wurden. Die PLO unterstützte 1990 Saddam Husseins Invasion in Kuwait und hatte bereits 1979 sogar Kämpfer nach Uganda geschickt, um zu verhindern, dass Idi Amin den Streitkräften Tansanias in die Hände fiel.

Die „Palästinensische Sache“ wird bis heute zynisch ausgenutzt. Die Hisbollah stürzte den Libanon 2006 um des „Widerstands“ gegen Israel willen in den Krieg mit Israel. Die Hisbollah und der Iran griffen auch direkt in die völkermörderische Unterdrückung Assads innerhalb Syriens ein, alles unter dem Deckmantel des Palästinensischen Widerstands. Als Hamas-Politikchef Ismail Haniyeh im September 2020 ein libanesisches Flüchtlingslager besuchte, wurde seine Reise von Unterstützern aus der Türkei, Katar, dem Iran und der Hisbollah gefördert, und Haniyeh prahlte damit, dass Raketen der Hamas aus dem von der Hamas regierten Gazastreifen Tel Aviv erreichen konnten.

Trotz dieser Machtdemonstration Haniyehs und der lautstarken Anprangerung arabischer Staaten, die sich mit Israel „normalisieren“, verändert sich die Region. Dabei geht es nicht so sehr um Israel, sondern um die arabische Region und ihre Nachbarn als Ganzes. Die aggressiven und aufdringlichen nicht-arabischen Mächte in der Region sind heute nicht Israel, sondern die Türkei und der Iran. Das mag die palästinensische Führung, die sich bequem in Ramallah versteckt hält, nicht beunruhigen, aber für die Staaten, die sich in der Schusslinie befinden, ist das ein unmittelbares und ernsthaftes Problem. Einem Iran, der sich damit brüstet, vier arabische Hauptstädte zu kontrollieren, stehen die fieberhaften neo-osmanischen Träume des türkischen Machthabers gegenüber, der gegenwärtig Teile Syriens besetzt, den Irak bombardiert und Einsatzkräfte nach Libyen und Katar entsendet.

Abgesehen von den verbrecherischen Aktionen Ankaras und Teherans steht die arabische Welt vor einer ganzen Reihe dringender sozioökonomischer Probleme, welche die «Palästinensische Sache» in den Schatten zu stellen scheinen: Eine hitzige, durstige, wütende, arme und zumeist arbeitslose Region sucht Antworten und Lösungen von Regimen, die mehr auf Unterdrückung und Doppelzüngigkeit als auf Regierungsführung spezialisiert sind. Palästina mag in manchen Gegenden ein beliebtes Thema sein, ein notwendiges Traktandum auf der To-Do Liste, aber seine Existenz oder Abwesenheit wird der Region weder Wasser noch Arbeitsplätze bringen.

Arabische Regimes könnten das tun, was sie schon immer getan haben – sich in diese Sache einwickeln, sich in Schein und Täuschung hüllen und versuchen, Zeit zu gewinnen – oder sie könnten die Region kühl und logisch durch die Linse ihrer eigenen drängenden nationalen Interessen betrachten. Genau das tun die VAE und Bahrain und vielleicht auch andere, indem sie ausrechnen, wie ein Bündnis mit der am wenigsten bedrohlichen und technologisch und militärisch fortschrittlichsten der drei aufstrebenden nicht-arabischen Grossmächte in der Region ihre Sicherheit und ihr Wohlergehen in einer äusserst instabilen Region verbessern kann. Dies ist gesunder Menschenverstand, der zweifellos durch die amerikanische Diplomatie gefördert wird. Beide Staaten wurden bereits lange vor dem Abschluss eines Abkommens mit Israel von der Türkei und dem Iran und ihren islamistischen Stellvertretern explizit bedroht. Sie hätten sich für die übliche Heuchelei entscheiden können, wählten aber einen mutigeren Weg. Sie setzen auf einen echten, normalen „herzlichen“ Frieden und nicht auf den von den Regimes in Ägypten und Jordanien praktizierten kalten Frieden mit Israel.

Für die korrupte und unfähige politische Palästinenser Führung und für eine Reihe westlicher Experten und Intellektueller, die mit dem „Friedensprozess“ eine lukrative Karriere gemacht haben, sind die jüngsten Ereignisse wie ein Eimer eiskaltes Wasser eingetreten. Es ist nicht so, dass Palästina nicht wichtig wäre, aber anstatt es fälschlicherweise und unehrlich auf eine Art künstliches Podest zu stellen, sehen immer mehr Staaten in der Region Palästina als eines von vielen Problemen und für die meisten Akteure ist es nicht das dringendste.

Wie bei jeder politischen Entwicklung besteht die Möglichkeit eines Kurswechsels und einer Kurskorrektur, auch von palästinensischer Seite, ebenso wie die Gefahr eines Rückfalls in vergangene Torheiten der alternden Revolutionäre von Ramallah. Trotz des Gejammers der PLO-Führung und der Drohungen der üblichen regionalen Verdächtigen scheint dieser September für viele weniger schwarz als der vor 50 Jahren, und diese bescheidenen, positiven Schritte in Richtung Frieden und Dialog könnten Früchte tragen. Mit Sicherheit hat der andere Weg, der in den letzten fünf Jahrzehnten beschritten wurde, wenig gebracht.

Alberto M. Fernandez ist Vizepräsident von MEMRI. Auf Englisch zuerst erschienen bei The Middle East Media Research Institute (MEMRI). Übersetzung Audiatur-Online.

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