Das „Who is who“ im Rennen um den politischen Spitzenplatz in der Hamas

Lesezeit: 6 Minuten

Während sich ein Grossteil der Welt auf die US-Präsidentschaftswahlen im November dieses Jahres konzentriert, wird ein weiteres politisches Rennen vor unseren Augen zu Ende gehen, das grosse Auswirkungen auf Israel haben wird: die Wahl der Führungsspitze des politischen Flügels der Hamas.

von Dean Shmuel Elmas und Daniel Siryoti 

Ab sofort konkurrieren der Chef des Hamas-Politbüros, Ismail Haniyeh, sein Vorgänger Khaled Mashaal und der Führer der Hamas in Gaza, Yahya Sinwar, um den Posten. Haniyehs rechte Hand, Salah al-Arouri, könnte ebenfalls seinen Hut in den Ring werfen.

Die Wahl wird in einem Machtkampf zwischen dem Iran, der Türkei und Katar ausgetragen. Ägypten ist ebenfalls beteiligt. Aber um die beteiligten Kräfte zu verstehen, muss man neun Jahre zurückgehen.

Der Ausbruch des Syrischen Bürgerkriegs im März 2011 stellte die Hamas-Führung unter Mashaal, der damals in Damaskus stationiert war, vor ein Dilemma. Mashaal wollte neutral bleiben, aber der syrische Präsident Baschar Assad forderte seine Unterstützung. Das Problem wurde gelöst, als Mashaal gezwungen war, Syrien zu verlassen und nach Doha (Katar) zurückkehrte.

„Mit diesem Schritt löste sich Mashaal von Syrien und dem Iran und schloss sich der Achse Türkei-Katar an“, erklärt der Nahost-Forscher Yoni Ben-Menachem vom Jerusalem Center for Public Affairs.

Mit einer weiteren Krise sah sich Mashaal während der israelischen Operation „Protective Edge“ im Sommer 2014 konfrontiert, als er sich mit dem militärischen Flügel der Hamas, insbesondere mit Sinwar und Mohammad Deif, dem Anführer der Izz ad-Din al-Qassam Brigaden, dem militärischen Flügel der Hamas, zerstritten hatte.

Khaled Mashaal (links) am 23. Februar 2012 in Kairo mit dem Führer der Palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmoud Abbas. Foto Mohammed al-Hums/Flash90.

„Er hatte einen Agenten, der als Bataillonskommandeur des militärischen Flügels der Hamas in der Nähe von Zeitoun eingesetzt war“, so Yoni Ben-Menachem. „Er [der Agent] rief Mashaal an und berichtete, was im militärischen Flügel vor sich ging, und die Hamas liess ihn hinrichten.“

Schon vor der Krise mit Assad näherte sich Mashaal der Türkei. Im Jahr 2006 sorgte Ahmet Davutoğlu, damals ein enger Berater des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, dafür, dass Mashaal die Tür offenstand, als er das Hauptquartier der AKP-Partei von Erdoğan besuchte. Sechs Jahre später wurden Mashaals Verbindungen zu Erdoğan aufgedeckt, als Mashaal bei einer Veranstaltung anlässlich des 10-jährigen Bestehens der AKP sprach. Alle diese Veranstaltungen und viele Besuche später stärkten die Beziehungen zwischen der Hamas und der Türkei.

„Die Türkei behandelt die Hamas als eine rechtmässige Instanzt, denn so wie sie es sieht, wurde [die Hamas] demokratisch gewählt“, sagte Hay Eytan Cohen Yanarocak, ein Wissenschaftler mit Schwerpunkt Türkische Gegenwartsgeschichte am Jerusalem Institute for Strategy and Security.

„Erdoğan sieht seine [türkische] Beziehung zur Hamas durch die Linse des ‚guten Muslims'“, erklärte Yanarocak.

Engere Beziehungen zu Ankara hielten ihn jedoch nicht im Amt; bei der letzten Wahl um die politische Spitze der Hamas wurde Mashaal abgewählt und durch Haniyeh ersetzt.

„Der militärische Flügel der Hamas, der dem Iran nahesteht, ist es, der Haniyeh zum Sieg und Yahya Sinwar zur Wahl an die Spitze der Hamas in Gaza geführt hat“, erklärte Ben-Menachem. „Die letzte Wahl führte auch dazu, dass die Hamas-Führung zum ersten Mal seit der Ermordung von Scheich Ahmad Jassin [2004] wieder in den Gaza-Streifen zurückkehrte.“

Und dann, am 3. Januar dieses Jahres, wurde der ehemalige Kommandeur der iranischen Eliteeinheit Quds Force, Generalmajor Qassem Soleimani, bei einem US-Schlag im Irak getötet, was für Haniyeh sehr schlecht war. Er hatte Gaza vor der gezielten Tötung verlassen, um sich auf die Wahl vorzubereiten und Ägypten versprochen, nicht in den Iran zu reisen. Er entschied sich jedoch dagegen, um an Soleimanis Beerdigung teilzunehmen, und sprach dort sogar und nannte Soleimani „einen Schahid [Märtyrer] von Jerusalem“. Seither ist Kairo verärgert und weigert sich, Haniyeh nach Gaza zurückkehren zu lassen. Vor zwei Wochen verwehrte Ägypten Haniyehs Frau, seinen beiden Töchtern und deren Ehemännern den Grenzübertritt nach Katar, wo diese sich mit ihm wiedervereinigen wollten.

Eine Million Dollar in bar

In der Zwischenzeit sorgte Sinwar dafür, seine Position beim ägyptischen Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi zu verbessern. Sinwar verfügt weder über die strategischen Fähigkeiten Mashaals noch über die beeindruckende Rhetorik Haniyehs, aber er weiss, wie man eine Situation gewinnbringend ausnutzt.

„Er [Sinwar] kümmerte sich darum, Beziehungen zu hohen Beamten in Ägypten zu pflegen. Die Beziehungen zum Islamischen Staat im Sinai brach er ab, und veranlasste Ägypten im Gegenzug, den Grenzübergang Rafah zu öffnen. Er kam auch auf die Idee der ‚Märsche der Rückkehr‘ und der mit Sprengstoff beladenen Ballons“, berichtete Ben-Menachem.

Während Sinwar nach Gaza Ausschau hielt und die Unterstützung des militärischen Flügels der Hamas gewann, haben Haniyeh und Mashaal um die Stimmen der Palästinenser am Persischen Golf und im Libanon geworben. Haniyeh tut dies im Gegensatz zu Mashaal viel offener. Am 22. August traf er sich in Istanbul mit Erdoğan und erhielt eine Million Dollar in bar. Letzte Woche begann er, den Libanon zu bereisen und das Geld zu verteilen.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan empfängt die Hamas-Führer am 22. August 2020 in Istanbul. Foto Republic of Turkey Directorate of Communications

„Das ganze Geld, das Erdoğan als Spende schickt, soll die Herzen und Köpfe der Menschen gewinnen, die in ihm einen ‚grossen Bruder‘ sehen“, sagt Yanarocak. Während seines Besuchs im Libanon war Haniyeh nicht nur darum bemüht, in den palästinensischen Flüchtlingslagern vorzusprechen, sondern auch für sich selbst auf der schiitischen Achse zu werben. In Beirut traf er mit dem Hisbollah-Führer Scheich Hassan Nasrallah zusammen. Das Treffen fand statt, nachdem Sinwar aufgrund der jüngsten Eskalation mit Israel einem Waffenstillstand zugestimmt und damit bewiesen hatte, wer der wahre Boss in Gaza ist. Sinwar wickelte den Handel über Katar ab und machte sich nie die Mühe, Haniyeh einzubeziehen.

Und was beschäftigt die Hamas anderswo in der Welt?

„Wer auch immer gewählt wird, wird wahrscheinlich keinen grossen Einfluss ausüben auf die Ableger und Aktivitäten der Hamas an weit entfernten Orten wie dem Jemen, wo sie mindestens drei Vertreter unter den Houthi-Rebellen hat“, sagte Michael Barak vom International Institute for Counter-Terrorism in Herzliya.

„Es ist nicht unmöglich, dass es dort auch hochrangige Mitglieder des militärischen Flügels [der Hamas] gibt, die gekommen sind, um den Houthis ihre Kenntnisse weiterzugeben“, sagte Barak.

Hamas in Malaysia

Unterdessen stellen die terroristischen Aktivitäten der Hamas in Malaysia ein weiteres militärisches Problem für Israel dar.

„Der militärische Flügel der Hamas gewinnt dort an Macht. Die Organisation verfügt über Ausbildungslager, die dort immer noch in Betrieb sind, auch zweieinhalb Jahre nachdem Fawdi al-Batsh dort getötet wurde“, so Barak.

Ein weiteres wichtiges Thema wird die Wahl des Schura-Rates sein, der dafür zuständig ist, sich auf strategische Entscheidungen zu einigen.

„Wenn Sinwar zum Chef des Politbüros gewählt wird, wird dies die Führung zurück in den Gaza-Streifen bringen“, sagte Ben-Menachem. Und sollte Sinwar zum Chef des Departements für politische Angelegenheiten der Hamas gewählt werden, wird dies zudem die Wahl eines Hamas-Führers für den Gaza-Streifen selbst erforderlich machen.

Es ist aus einer Reihe von Gründen schwer einzuschätzen, wie es um das Rennen steht. Es gibt keine offizielle Kandidatenliste, es gibt kein Wählerverzeichnis, aus dem die palästinensische Öffentlichkeit ersehen könnte, wer die Stimmen abgibt, und die Hamas hat noch kein Datum für die Wahl bekannt gegeben. Im Grunde trifft sich der Schura-Rat der Organisation heimlich zu einem unangekündigten Termin, und der Wahlprozess selbst findet unter strengster Geheimhaltung an einem nicht bekannt gegebenen Ort statt. Der Rat gibt die Identität des Siegers bekannt, und es gibt kein Berufungsverfahren.

Dieser Artikel erschien zuerst in Israel Hayom. Übersetzung Audiatur-Online

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