Irène Pollak-Rein. Foto Screenshot Youtube
Irène Pollak-Rein. Foto Screenshot Youtube
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Seit nahezu 30 Jahren setzt sich Irène Pollak-Rein von der Jerusalem Foundation dafür ein, die interkulturelle und interreligiöse Verständigung in Israels Hauptstadt zu fördern und die Lebensqualität für alle Bewohner zu verbessern.

Für ihr Engagement wird die langjährige Leiterin der deutschsprachigen Länder der Jerusalem Foundation vom Bürgermeister der Stadt, Moshe Lion, nun am 8. September 2020 mit dem Yakir Yerushalayim ausgezeichnet. Der Preis wird seit 1967 jährlich an 12 Bewohner der Stadt verliehen, die durch ihre Persönlichkeit und durch ihre Arbeit einzigartige Beiträge für die Stadt und die Menschen geleistet haben. Irène Pollak stand Audiatur-Online für ein Interview zur Verfügung

Audiatur-Online: Vor 50 Jahren zog es Sie von der Schweiz nach Israel. Was hat Sie dazu bewegt und wie kamen Sie zur Jerusalem Foundation?

Ich bin 1969 nach meinem Schulabschluss ausgewandert. Unterschiedliche Gründe haben mich zu diesem Schritt bewegt. Zum einen waren es  familiäre Gründe. Eine Tante von mir lebte bereits in Israel. Mein Grossvater hatte diese Saat schon vor der Staatsgründung gesät. Dr. Moses Erlanger war von 1909 -1911 als erster jüdischer Augenarzt in Jerusalem. Kehrte jedoch wieder in die Schweiz zurück. Zum anderen haben mich historische Ereignisse, wie der 6 Tage Krieg von 1967 und meine Mitgliedschaft im zionistischen Jugendbund Bnei Akiwa geprägt. Für mich war immer klar, dass wenn ich nach Israel auswandere, dass ich mich in Jerusalem niederlassen werde.

Ich bin ausgebildete Historikerin mit Lehrerdiplom von der Hebräischen Universität. Allerdings spielten meine 5 Kinder zuerst die Hauptrolle. Mein Mann ist Professor und wir waren in einem Sabbatical in Kalifornien (Berkeley). Im Sommer 1991 kehrten wir nach Jerusalem zurück. Ich war auf der Suche nach einer neuen Aufgabe. Ich bewarb  mich auf ein Inserat, dass in der Jerusalem Post veröffentlich war und (. Ich) begann als Assistentin der damaligen Leiterin der deutschsprachigen Abteilung. Wenige Jahre später übernahm ich die Leitung der Abteilung. Während der vergangenen fast dreissig Jahren hatte ich das Privileg nicht Geschichte zu unterrichten, sondern bei der Gestaltung der Geschichte der Stadt Jerusalem mitwirken zu dürfen. Eine Stadt und deren Menschen mir am Herzen liegen.

Am 8. September 2020 wurden Sie vom Jerusalemer Bürgermeister Moshe Lion für Ihre Verdienste geehrt. Der „Yakir Yerushalayim“ wird jedes Jahr an 12 Personen verliehen, die sich auf unterschiedlichste Art und Weise für Jerusalem und seine Bürger engagiert haben. Welches waren für Sie die wichtigsten Projekte während Ihrer Zeit als Leiterin der deutschsprachigen Länder der Jerusalem Foundation?

Mir liegen drei Projekte besonders am Herzen. Erstens das Learning-Togehter: der Ausbau der Bildungsprogramme für gemeinsames Lernen, um die gegenseitigen Vorurteile abzubauen. In diesen Programmen werden Klassen aus unterschiedlichen Stadtteilen, mit diversen Hintergründen zusammengebracht, um sich kennenzulernen. Die Bildungsprogramme finden im Museum for Islamic Art statt. Zu sehen, wie diese Kinder im Anschluss an die Programme ungezwungen miteinander umgehen ist immer erfreulich. Es ist ein besonderer Beitrag für die Zukunft unserer Stadt.

Zweitens die Bildungsprogramme für Kinder aus benachteiligten sozioökonomischen Verhältnissen: Oft sind es Kinder aus armen Familien, deren Eltern über wenig Bildung verfügen und die Kinder entsprechend nicht genug fördern können. Wenn wir Stipendiate an Kinder aus armen Verhältnissen verleihen können und die es dann in die besten Gymnasien schaffen, dann ist jeder Shekel sinnvoll investiert und macht mich glücklich. Bildung zieht immer weite Kreise und ist mir deshalb so wichtig. 

Und drittens das Café Europa: der Treffpunkt für Holocaustüberlebende in Jerusalem. Viele ältere Bewohner sind von Einsamkeit betroffen. Holocaustüberlebende trifft diese Einsamkeit besonders hart. Hier setzt das Café Europa als Treffpunkt an. Es ist mir wichtig, diesen Menschen den bestmöglichen Lebensabend, wenn immer möglich befreit von Einsamkeit, zu bieten. 

Was waren Ihre grössten Erfolge?

Es sind immer unsere Erfolge, die der Jerusalem Foundation, und letztlich die unserer Spender. Ein Erfolg ist die Hand-in-Hand Schule für billinguale Erziehung, die mir grosse Freude bereitet. Nach ihrem Vorbild wurden auch andere Schulen im ganzen Land eröffnet. Geselleschaftszentren, die so wichtig sind für die unterschiedlichen Gemeinschaften. Am 9. November werden wir das Palmach Gemeinschaftszentrum eröffnen, dass von unserer Stiftungsrätin Erika Gideon direkt aus der Schweiz finanziert wurde. Das Gemeinschaftszentrum verfügt über einen grossen Garten. Dieser ist im aktuellen Umfeld der Pandemie besonders wichtig und bietet einen Begegnungsort. Und immer wieder Bildungsprogramme. Bildung für Frauen, damit sie ein

Auskommen für ihre Familien haben, Bildung für Mädchen und Bildung, die dazu beiträgt, dass die Menschen sich in unserer Stadt näher kommen.

Was können wir in der Zukunft erwarten und in wie fern spielt die Schweiz dabei eine Rolle?

Aktuell beschäftigt uns die Erhöhung der Kapazitäten der Learning-Together Programme, die im Museum for Islamic Art stattfinden. Die Jerusalem Foundation möchte die Kapazität um 50% von 14’000 Plätze auf 21.000 Plätze erhöhen. Unter anderem verfolgen wir auch das Ziel, die Leader der Zukunft auszubilden. Die Rolle der Schweiz besteht darin, dass wir tolle und wichtige Kontakte und einen intensiven Austausch pflegen. Von der Schweiz können wir in Sachen Kompromissfindung viel lernen. Und persönlich ist es für mich immer schön, zu meinen Wurzeln in der Schweiz zurückzukehren, wenn ich unsere Spender und Gönner besuchen kann. Dies, sofern mich keine Viren davon abhalten.

Frau Pollak, vielen Dank für das Interview.

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