Pro-Erdogan Kundgebung in Gaza. Foto Qudspress
Pro-Erdogan Kundgebung in Gaza. Foto Qudspress
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Gegenwärtig scheint das aussenpolitische Kalkül der Türkei, insbesondere wenn es um Angelegenheiten im Zusammenhang mit Israel geht, das Denken eines kleinen Kindes widerzuspiegeln. Ich mag David nicht mehr und du Bassam willst mit ihm spielen. Also mag ich dich auch nicht mehr.

von Burak Bekdil 

Genau so verhielt sich die 97-jährige türkische Republik, als Israel und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) ankündigten, sie würden ihre diplomatischen Beziehungen normalisieren. Kein Wort darüber, wie ein Land, welches seit 71 Jahren diplomatische Beziehungen zu Israel unterhält, gegen die Entscheidung eines anderen Landes, diplomatische Beziehungen mit dem jüdischen Staat aufzunehmen, protestieren kann.

Die Türkei blieb während des arabisch-israelischen Krieges von 1948 neutral. Am Ende dieses Krieges erkannte die damals junge türkische Republik am 28. März 1949 als erstes muslimisches Land den noch jungen Staat Israel an.

Im Januar 1950 schickte Ankara einen Karrierediplomaten, Seyfullah Esin, als ersten türkischen Chargé d’affaires (Geschäftsträger, Anm.d.Red.) nach Tel Aviv. 1951 schloss sich die Türkei dem westlichen Block von Ländern an, die gegen die Entscheidung Kairos protestierten, israelischen Schiffen die Durchfahrt durch den Suezkanal zu verweigern. Anfang der 1950er Jahre eröffnete der israelische Geheimdienst Mossad eine Niederlassung auf türkischem Boden. 1954 forderte der türkische Premierminister Adnan Menderes bei einem Besuch in den USA die arabischen Staaten auf, Israel anzuerkennen.

1958 beantragte ein El Al-Flugzeug wegen mechanischer Probleme eine Notlandung auf dem Istanbuler Flughafen Yeşilköy. Wie sich herausstellte, handelte es sich bei den Passagieren an Bord um David Ben-Gurion, Golda Meir und den Stabschef der IDF, die in geheimer Mission unterwegs waren. Zweck des Besuchs, der von der türkischen Regierung begrüsst wurde, war es, die kulturelle und nachrichtendienstliche Zusammenarbeit aufzubauen und zu verstärken.

Von 1949 bis zum ägyptisch-israelischen Friedensvertrag von 1979 blieb die Türkei das einzige muslimische Land, das diplomatische Beziehungen zu Israel unterhielt. Nach dem Oslo-Abkommen von 1993 trat Jordanien dem Club der muslimischen Nationen bei, die den jüdischen Staat anerkennen. Und am 13. August dieses Jahres stimmten die VAE der Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit Israel zu. Andere mehrheitlich muslimische Staaten signalisieren, dass sie diesem Beispiel folgen möchten.

Was ist falsch daran, dass arabische Nationen mit Israel Frieden schliessen? Vieles, so der Iran, die Hamas und die Türkei, ein Trio, das sich durch die Schritte zum Frieden im Nahen Osten beleidigt fühlt. Unter diesen drei Friedenshassern ist die Türkei jedoch einzigartig.

Am Tag nach dem historischen Abkommen zwischen den Vereinigten Arabischen Emiraten und Israel sagte der islamistische Machthaber der Türkei, Präsident Recep Tayyip Erdoğan: „Ich habe meinem Aussenminister Anweisungen gegeben … Wir können Schritte unternehmen, um die diplomatischen Beziehungen zu den VAE auszusetzen oder unseren Botschafter in Abu Dhabi zurückzurufen … Weil wir auf der Seite des palästinensischen Volkes stehen“.

In einer Erklärung des türkischen Aussenministeriums hiess es: „Die Geschichte und das Gewissen der Völker der Region werden dieses heuchlerische Verhalten der VAE, das die palästinensische Sache um ihrer engstirnigen Interessen willen verrät, nicht vergessen und niemals verzeihen“.

Die Hamas befindet sich in einem Terrorkrieg gegen Israel. Der Iran hat keine diplomatischen Beziehungen zu Israel und verspricht oft, dass er eines Tages den jüdischen Staat vernichten wird. Die Hamas und der Iran sind die „Schurkenseite“ des Trios. Die Türkei unterscheidet sich in zwei wichtigen Punkten von ihnen: Sie ist Mitglied der NATO und Kandidat für eine Vollmitgliedschaft in der EU.

Aber selbst ohne Berücksichtigung dieser Aspekte ist die Antwort der Türkei unsinnig. Ankara protestiert gegen die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen den VAE und Israel, während die Türkei selbst seit 71 Jahren diplomatische Beziehungen zu Israel unterhält. Wenn, wie Ankara argumentiert, die VAE die „palästinensische Sache“ verraten haben, indem sie diplomatische Beziehungen mit Jerusalem aufgenommen haben, dann hat die Türkei seit 1949 die „palästinensische Sache“ verraten.

Wie kann ein zurechnungsfähiges Land ein anderes Land dafür verantwortlich machen, dass es diplomatische Beziehungen zu einem Staat aufnimmt, mit dem es seit Jahrzehnten diplomatische Beziehungen unterhält? Wenn es um Israel geht, ist die Türkei von Erdoğan nicht zurechnungsfähig.

Ankara will keinen Frieden im Nahen Osten. Wie der Iran liebt es die Türkei, jedes Friedensabkommen im arabisch-israelischen Konflikt zu verabscheuen. Wie der Iran liebt es auch die türkische Führung, innenpolitisch Gewinne zu erzielen, indem sie die „Notlage der Palästinenser“ missbraucht. Ankara wird wahrscheinlich zutiefst enttäuscht sein, wenn es Israel und den Palästinensern eines Tages tatsächlich gelingt, sich die Hand über einen tragfähigen Friedensvertrag zu reichen.

Derzeit befindet sich innerhalb des NATO-Bündnisses also ein Staat, der mit den Grundsätzen des Iran und der Hamas sympathisiert – ein wirklich merkwürdiger Zustand.

Burak Bekdil ist Kolumnist in Ankara. Er schreibt regelmässig für das Gatestone Institute und Defense News und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Middle East Forum. Darüber hinaus ist er einer der Gründer des Thinktanks Sigma mit Sitz in Ankara. Übersetzung Audiatur-Online.

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