Ein tolles Projekt in Gaza. Foto مالديف غزة - Maldive / Facebook
Ein tolles Projekt in Gaza. Foto مالديف غزة - Maldive / Facebook
Lesezeit: 5 Minuten

Es gibt eine Seite des Gazastreifens, die westliche Journalisten ihren Lesern und Zuschauern nur selten zeigen: die Welt der Reichen. Die Welt der Gourmetrestaurants, der Einkaufstempel und der Fünf-Sterne-Hotels – wie dem Hotel Mashtal oder dem Blue Beach Resort, zu dessen Gästen laut einem Bericht der Website Middle East Monitor „Journalisten, Entwicklungshelfer und Mitarbeiter der UNO und des Roten Kreuzes“ gehören – mit ihren imposanten 50-Meter-Swimmingpools, wo die Hotelgäste, wenn sie wollen, unter realistischen Bedingungen für Olympia trainieren können.

In einem der seltenen Beiträge über Gazas High Society berichtete die Washington Post 2015 von Massagesalons, Personal Trainern, Sushi Nights, Luxuswagenhändlern und Boutiquen, die Designerjeans verkaufen. Der Autor sprach von einer „Parallelwirklichkeit“ für „Gazas Mittelschicht“. Wie mag dann erst die Oberschicht leben?

Ein neu eröffnetes, dreistöckiges Luxusrestaurant an Gazas traumhaftem Strand heisst „Malediven“. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete kürzlich darüber und erklärte, dass es „eines von zahlreichen neuen Strandcafés“ im Gazastreifen sei, die „die Namen von Traumreisezielen“ trügen. Andere nennen sich Marbella, Dubai oder Sharm el-Sheikh.

Man muss sich unbedingt darüber freuen, dass es in Gaza Unternehmer gibt, die ihren Verstand nicht dafür benutzen, um neue Raketenabschussanlagen zur Tötung von Juden zu entwickeln. So weit, so schön. Leider können manche Journalisten nicht darüber reden, ohne daraus ein antiisraelisches Propagandastück zu machen. So, wie der deutsche Nachrichtensender n-tv, der einen Zwei-Minuten-Film mit dem Titel „Ruheoase im Krisengebiet: Palästinenser holen Malediven-Idylle nach Gaza“ produziert hat.

„Es ist das Paradies inmitten eines der grössten Krisengebiete der Welt“, beginnt der Beitrag. Wie der Autor die „grössten Krisengebiete der Welt“ definiert, sagt er nicht. Die in vielen Regionen der Welt verbreitete Gefahr, zu verhungern oder zu verdursten, scheint nicht zu der von ihm verwendeten Krisendefinition zu gehören, sonst würde er das nicht sagen. Meinte er, dass ihm Gaza ein Begriff ist, während der Jemen, der Südsudan oder Burkina Faso ihm böhmische Dörfer sind? Weiter geht es so:

„Hier gibt es ein kleines Stück Maledivenidylle, am Strand des Gazastreifens. Viele Palästinenser haben diesen noch niemals verlassen, denn die Nachbarn Ägypten und Israel kontrollieren, wer ein- und wer ausreist. Die meisten müssen eben drinnen bleiben. Fremde Orte kennen sie deshalb nur übers Internet.“

„Die Nachbarn Ägypten und Israel kontrollieren, wer ein- und wer ausreist“? Hier täte etwas Kontext gut: Als der Gazastreifen noch von Israel kontrolliert wurde (also zwischen 1967 und dem Gaza-Jericho-Abkommen von 1994) durften dessen Bewohner in Israel frei herumreisen, es gab nicht mal Checkpoints. Erst als die Terrororganisation Hamas sich 2007 an die Macht putschte, schränkten Israel und auch Ägypten die Grenzübertritte ein: Israel erlaubt Ein- und Ausreisen für Händler, für Studenten, die im Ausland studieren, und für Personen, die medizinische Versorgung ausserhalb Gazas benötigen. Ägypten hält seinen Grenzübergang seither fast immer geschlossen – aus Angst vor einem Einsickern von Terroristen. Die erwähnt der Autor nicht. Dass der Reiseverkehr in die von der Terrororganisation Hamas beherrschte Entität beschränkt ist, muss dem Zuschauer als reine Willkür und Schikane erscheinen.

Ganz entspannt geht es weiter. Ein weiblicher Gast – vornehm gekleidet, wie auch die anderen im Film zu sehenden Gäste – erzählt vor der Kamera:

„Natürlich habe ich schon von den Malediven gehört und sie im Netz gesehen. Das sind diese Inseln im Indischen Ozean, die wir alle gern mal besuchen würden. Neben den andauernden Kämpfen und den schwierigen Umständen ist es echt schön, etwas zu haben, das sich wie auf den Malediven anfühlt.“

Im Bild zu sehen ist, wie eine Melone zerteilt wird. Dann sagt der Autor:

„Ein Stückchen Urlaub in der Heimat – mehr können die Palästinenser vorerst nicht rausholen. Die Devise: Wenn sie schon nicht in das Paradies können, kommt das Paradies eben nach Gaza – mit den passenden Urlaubshäppchen, versteht sich: Trauben, Wassermelone & Co., die Besucher lieben es.“ 

Ein Gast bestätigt das: „Wir fühlen uns, als seien wir auf den Malediven: Der Ort, das Meer, die Atmosphäre, die Getränke, einfach alles.“ Das Konzept komme gut an, resümiert der Autor. Dann erzählt er eine faustdicke Lüge: „Und es entstand aus reiner Nächstenliebe.“ Ein Luxusetablissement, das aus reiner Nächstenliebe entstand? Das ist etwa so glaubhaft, als wenn n-tv behaupten würde, der Las Vegas Boulevard sei aus reiner Nächstenliebe entstanden. Ein nicht namentlich genannter Mann, der wohl der Firmengründer sein muss, sagt:

„Die Idee, diesen Laden hier zu bauen und ihn nach den Malediven zu benennen, ist gekommen, weil die Menschen hier viel Leid ertragen müssen. Sie können die Malediven nicht besuchen, und wir haben uns gedacht: Dann bringe wir die Malediven eben zu ihnen.“

Das passt ja auch: Im Gazastreifen gilt die Scharia und auf den Malediven auch, da erleiden die Gäste keinen Kulturschock. Befremdlich ist indessen die Art deutscher bzw. westlicher Journalisten, ihre eigenen wirtschaftlichen und touristischen Massstäbe auf Bewohner des Nahen Ostens zu übertragen. Waren alle Deutschen und Schweizer schon mal auf den Malediven in den Ferien? Die meisten Europäer machen Urlaub zu Hause. Im benachbarten Ägypten leben mehr als 30 Millionen Menschen in elendesten Verhältnissen. Auch im Gazastreifen hätte der Journalist Armut filmen können. Das hätte dann einen schönen Kontrast gegeben zu der High Society, die es sich in der Strandbar gut gehen lässt. Da hätte der Zuschauer etwas lernen können: Wenn n-tv mal nachgeforscht hätte, was die augenscheinlich wohlsituierten Gäste, die das Team interviewt hat, eigentlich beruflich so machen. Also: Was muss man im Gazastreifen eigentlich tun, um so reich zu werden? Warum können nicht alle Gazaner sich fühlen, als wären sie auf den Malediven? Aber das wollte n-tv nicht wissen. Stattdessen wurde alles durch die stets ratternde Anti-Israel-Maschine gedreht: Israel verwehrt den Palästinensern das Menschenrecht auf Urlaub auf den Malediven. Das ist wirklich grausam.

Über Stefan Frank

Stefan Frank ist freischaffender Publizist und lebt an der deutschen Nordseeküste. Er schreibt regelmässig über Antisemitismus und andere gesellschaftspolitische Themen, u.a. für die „Achse des Guten“, „Factum“, das Gatestone Institute, die „Jüdische Rundschau“ und „Lizas Welt“. Zwischen 2007 und 2012 veröffentlichte er drei Bücher über die Finanz- und Schuldenkrise, zuletzt "Kreditinferno. Ewige Schuldenkrise und monetäres Chaos."

Alle Artikel

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.