Amir Peretz wird der Schnurrbart abrasiert. Foto https://www.facebook.com/Peretz.Amir
Amir Peretz wird der Schnurrbart abrasiert. Foto https://www.facebook.com/Peretz.Amir
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Amir Peretz ist in jeder Hinsicht eine imposante Erscheinung. Populär wurde er durch seinen über Jahrzehnte gepflegten Schnurrbart, den er sich im August 2019 in einer hochdramatischen „Read my lips“ – Geste abrasierte: „Ich habe beschlossen, meinen Schnurrbart zu entfernen, damit ganz Israel genau versteht, was ich sage, und meine Lippen lesen kann: Ich werde nicht mit Bibi zusammensitzen“. Jetzt will er Staatspräsident werden.

Womit er meinte, dass seine damalige Partei Labor-Gesher niemals einer von Benjamin Netanjahu geführten Regierung beitreten würde.“ Seine Auftritte sind oft von theatralischer Komik, aber er hat Israel einen entscheidenden Dienst erwiesen, als er im Februar 2007 als Verteidigungsminister den Iron Dome als Raketenabwehrsystem der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte gegen Kurzstreckenraketen auswählte.

Die Sache mit dem Schnurrbart

In Boujad (Marokko) geboren und als Kind nach Israel gekommen, wohnt der 68jährige jetzt in Sderot, einer von Raketen der Hamas im Gazastreifen immer wieder beschossenen Grenzstadt. Dort wohnte die Familie auch, als seine Eltern nach Israel kamen. Die heutige Stadt Sderot war damals ein Durchgangslager. Peretz’ Vater, früherer Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Marokko, fand Arbeit in einer Fabrik, seine Mutter arbeitete in einer Wäscherei. Der derzeitige Wirtschaftsminister war auch schon Verteidigungsminister sowie Umweltminister. Doch Karriere hat er vor allem als Gewerkschafter gemacht und ja sie haben richtig gelesen: Der Mann ist jetzt auch ohne Schnauz Wirtschaftsminister im Kabinett Netanjahus. Die Sache mit dem Schnurrbart scheinen ihm seine Fans nicht weiter übel zu nehmen.

Grosse Aufmerksamkeit erhielt der Orientale, als er sich 2019 an die Spitze der traditionell nach Europa ausgerichteten sozialistischen Arbeitspartei stellte. Viel Glück hatte er damit nicht. Diese traditionelle Linkspartei hatte einst den Staat Israel mitbegründet und jahrelang mit absoluter Mehrheit im Parlament die Geschicke des Landes im Alleingang gelenkt. Mit Peretz in der Führung schien ihr Untergang bei den letzten Wahlen unausweichlich. Tatsächlich schrammte sie knapp an der Sperrklausel von 3,25% vorbei und zog mit nur noch 3 Abgeordneten in die Knesset ein. Da half auch nicht mehr die von den israelischen Medien wie ein Weltereignis berichtete Geste des urwüchsigen Politikers. Peretz rasierte übrigens 2002 zum ersten Mal seinen Schnurrbart ab, als die Vereinigung der Gehörlosen des Landes ihn kontaktierte, weil man seine Lippen nicht lesen konnte. Zu den Besonderheiten dieses Politikers gehört unbedingt auch seine Masche, lautstark knappe Parolen von sich zu geben. Manche Medien fragten, ob er auch seiner Ehefrau in „speziellen“ Augenblicken politische Parolen an den Kopf werfe.

Vom Iron Dome – Minister zum Staatspräsident?

Als Vorsitzender der gescheiterten Arbeitspartei gehört Peretz heute zwar nicht zu den Schwergewichten der israelischen Innenpolitik. Gleichwohl ist er im Lande sehr populär. Jedes Kind kennt ihn. Und so verwundert es nicht, wenn er im Rundfunk verkündet, sich als Kandidat für das Amt des Staatspräsidenten aufstellen lassen zu wollen. Im kommenden Jahr, 2021, endet die 7-jährige Kadenz des derzeitigen Präsidenten Reuven Rivlin.

Wer dann gewählt wird, ist unklar. Man sollte allerdings gerade in Israel nie etwas ausschliessen. Ob mit oder ohne Parolen oder Schnurrbart: alberne Komponenten sagen nichts über den Erfolg einer Sache aus. Das von Peretz favorisierte Verteidigungssystem ist das beste Beispiel dafür. Einer der führenden Entwickler des Iron Dome sagte gegenüber Hayadan , der Zeitschrift des Technion-Israel Institute of Technology, dass aus Zeit- und Budgetgründen einige der Raketenkomponenten des Iron Dome aus einem Spielzeugauto stammen, das er für seinen Sohn in einem örtlichen Toys R Us-Geschäft gekauft hatte. Und auch das Iron Dome-System ist nicht für Schwergewichte ausgelegt. Es wurde laut Hayadan so konzipiert, dass es von einer durchschnittlichen israelischen Soldatin mit einer Grösse von 160 Zentimetern und einem Gewicht von 48 Kilogramm problemlos bedient werden kann. Zu Beginn sagten zudem viele Kritiker voraus, dass der Iron Dome niemals funktionieren würde. Bis der seltsam aussehende Kasten schon beim ersten Einsatz acht von acht Raketen auf Aschkelon und Beerscheba zerstörte. 

Amir Peretz vereint in seiner Person so ziemlich alle in Israel gängigen negativen Vorurteile und ist auch noch stolz darauf. Mehr noch, sie begründen seine Popularität: Er ist ein Orientale aus Marokko. Die gelten per se als „ungebildet“. Er scheint unfähig, auch nur einen einzigen vernünftigen Satz auszuformulieren und zudem wohnt er auch noch in Sderot – das ist vom hippen Tel Aviv aus gesehen die allertiefste Provinz, wo nur die Ungebildeten das Sagen haben. Die Krönung des Ganzen ist die Geschichte mit seinem Schnauzbart. Peretz könnte also durchaus den Zuschlag erhalten und der nächste Staatspräsident werden. Seine Fans sitzen jedenfalls nicht nur in seiner Heimatstadt.

Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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