Recep Tayyip Erdoğan. Foto kremlin.ru, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=88471748
Recep Tayyip Erdoğan. Foto kremlin.ru, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=88471748
Lesezeit: 5 Minuten

Die Führungsschwäche des türkischen Präsidenten Recep Tayyip löst weltweit Feuersbrünste aus und fügt seinem Land viel Leid zu.

von Fiamma Nirenstein

Im vergangenen Monat wurde – Papst Franziskus und die gesamte christliche Welt zum Trotze – der Traum von Sultan Erdogan Wirklichkeit. Bilder, die den Erzengel Gabriel, die Jungfrau Maria und den Christus Pantokrator sowie zahlreiche andere berühmte Mosaiken und Gemälde in der berühmten Hagia Sophia in Istanbul zeigen, sind seither durch Schiebevorhänge verdeckt, denn laut Islam sind in Moscheen keine Bilder erlaubt.

Der türkische Präsident Recept Tayyip Erdogan schloss sich am Freitag, dem 24. Juli, mit Tausenden  – nach Angaben des Sultans Hunderttausenden – von muslimischen Gläubigen zu den Eröffnungsgebeten vor dem aus byzantinischer Zeit stammenden – und jetzt in eine Moschee umgewandelten –  Bauwerk zusammen. Ihre Gebetsteppiche gemäss den Richtlinien der sozialen Distanzierung sorgfältig verteilt. Lassen Sie sich nicht täuschen: Was an diesem Freitag in Istanbul geschah, war keine einfache Gebetszeremonie. Es war eine Kriegserklärung.

Am Tag nach Erdogans Dekret vom 10. Juli, demzufolge die ehemalige Kathedrale wieder in eine Moschee umgewandelt werden sollte, veröffentlichte er ein Video auf Twitter, in dem er argumentierte, dass ihre „Wiederauferstehung“ als islamische Stätte für die gesamte muslimische Welt, von „Buchara bis Andalusien“, von Wert sei. Darüber hinaus gelobte er, die al-Aqsa-Moschee in Jerusalem von ihren „Eindringlingen“ (den Juden) zu „befreien“. Für Erdogan geht es stets um die muslimische Umma [d.h. die Gemeinschaft aller Muslime, Anm. Audiatur].

Die Hagia Sophia-Unternehmung war Teil einer weitreichenden, religiös motivierten politischen Operation, die ihren Ursprung innerhalb der sunnitisch-islamischen Welt hat, parallel und in Konkurrenz zu den Bemühungen des schiitischen Iran, der seit Jahrzehnten nicht nur doktrinäres, sondern auch kriegerisches Engagement für die Idee eines grösseren muslimischen Staates verkündet. Sowohl für die Schiiten als auch für die Sunniten sind die Juden und Christen die grössten Feinde der Umma, aber sowohl im Iran als auch in der Türkei spielen die Juden eine besonders wichtige Rolle, da die beiden Regimes sie missbrauchen, um ihre Anhänger um sich zu scharen.

So das Gelübde von Sultan Erdogan zur Eroberung von Jerusalem, das einst Teil des Osmanischen Reiches war. Tatsächlich ist dies nach islamischer Sichtweise immer noch die wahre Identität der Stadt, in historischer, moralischer und religiöser Hinsicht. Die Juden sollen ausgelöscht werden, ebenso wie der christliche Ursprung der Hagia Sophia. Die muslimische Umma soll nach Erdogans Plan vollständig wiederhergestellt werden, einschliesslich aller Gebiete, Gebäude und Völker, die jemals zu ihr gehört haben. Was immer er auch vorgibt, in der Hoffnung, die Legitimität der Türkei in den Augen des Westens zu erhalten und ihre NATO-Mitgliedschaft aufrechtzuerhalten, so sieht er seine Hauptfeinde in den beiden anderen monotheistischen Grundreligionen – plus abtrünnige Muslime, Saudis, Ägypter und alle anderen, die sich dem Westen gegen seine Ambitionen angeschlossen haben.

Die Hagia-Sophia-Kathedrale (Kathedrale der Heiligen Weisheit), die 537 n. Chr. vom byzantinischen Kaiser Justinian I. erbaut wurde, wurde erstmals 1453 nach dem Fall Konstantinopels (Istanbul) an das Osmanische Reich zur Moschee. Im Jahr 1934 entschied türkische Präsident Mustafa Kemal Atatürk jedoch, sie in ein Museum umzuwandeln – dies als Teil seiner zahlreichen Reformen, die darauf abzielten, die Türkei in eine historische Brücke für die muslimische Welt zu Demokratie und Modernität zu verwandeln.

Leider ist das nicht der Fall. Stattdessen tauchte Erdogan auf. Seit seiner Machtübernahme hat der türkische Präsident zweihunderttausend Dissidenten inhaftiert, die Kurden verfolgt, den Islamischen Staat finanziert und ihm geholfen, syrische Flüchtlinge und andere Migranten als Druckmittel für Verhandlungen benutzt, Zeitungen und Dissidenten mit Tausenden von Polizeirazzien zum Schweigen gebracht und bei jeder Gelegenheit zum Judenhass angestiftet. Unterdessen hat seine Türkei Gewalt und Korruption gefördert.

Die konservativen muslimischen Kreise, die stets gefordert haben, dass die Hagia Sophia wieder zu einer Moschee wird, schliessen sich der Theorie des „hellenischen Feindes“ an, die auf dem Hass gegen Griechenland basiert, wie auch Erdogan selbst, unter den vielfältigen Hassgefühlen, die er endlos aufbaut.

Es ist überdeutlich, dass es eine strukturelle Schwäche in seiner Führung gibt, die in der ganzen Welt immer wieder Brände entfacht, die Armee seines Landes von Libyen über Syrien bis in den Irak schickt, der Hamas Gelder zur Verfügung stellt und sogar so weit geht, neue Verbindungen mit dem schiitischen Regime in Teheran zu suchen. Darüber hinaus haben die ernste wirtschaftliche Lage seines Landes, die seine völlige Misswirtschaft zeigt, zusammen mit dem Verlust des Konsenses selbst in seiner Hauptstadt Ankara, und sein Umgang mit der Coronavirus-Pandemie dazu geführt, dass die Türkei unermesslich leidet.

Damit nicht zufrieden, entwirft Erdogan neue Allianzen für die Zukunft; in den letzten Monaten hat sich ein beunruhigendes neues Verhältnis zwischen der Türkei, Malaysia, Indonesien, Pakistan und mit Katar als zusätzlichem Partner herausgebildet. Der malaysische Premierminister Mahathir Mohamed, ein Anführer des Antisemitismus in der islamischen Welt, hat die antiwestlichsten Herrscher zu einem Gipfel in Kuala Lumpur eingeladen.

Neue Bündnisse mit Iran und China, belebt durch Besuche und Pläne, befeuern Erdogans regionale Träume. Er strebt eine Position der Stärke im gesamten Mittelmeerraum an, fordert Griechenland, Zypern, Frankreich und Israel in Bezug auf die marinen Gasreserven heraus, greift Ägypten und Saudi-Arabien an, während er gleichzeitig, wie der Iran, die Zerstörung Israels gelobt.

Im Zentrum all dessen steht jetzt eine prächtige, der christlichen Welt liebgewonnene Basilika, die nun in eine Moschee umgewandelt wurde. Und wieder einmal findet die christliche Welt, trotz der direkten Herausforderung durch Erdogans ungeheuerliche Einladung des Papstes zur islamischen Amtseinführung, nicht die Worte, um darauf zu antworten.

Fiamma Nirenstein war Mitglied des italienischen Parlaments (2008-13), wo sie als Vizepräsidentin des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten in der Abgeordnetenkammer tätig war. Sie war im Europarat in Straßburg tätig und gründete und leitete den Ausschuss für die Untersuchung des Antisemitismus. Sie ist Fellow des Jerusalem Center for Public Affairs. Zuerst erschienen auf Englisch bei Israel Hayom. Übersetzung: Audiatur-Online.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.