Einheit 8200. Foto: IDF
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Absolventen der berühmten Einheit 8200 der IDF stehen oft an der Spitze von Israels High-Tech-Industrie – und die Personalabwerber der Industrie machen oft vor nichts Halt, um Mitglieder der Einheit in den Privatsektor zu locken.

von Yoav Limor

Das israelische Militär verstärkt seine Bemühungen, um zu verhindern, dass proprietäre Technologie und Fähigkeiten den Weg in zivile High-Tech-Firmen finden.

Als Teil des Kampfes gegen die Abwanderung von Fachkräften hat die IDF-Eliteeinheit 8200 vor kurzem damit begonnen, ihre Reservisten Geheimhaltungsvereinbarungen und die Offenlegung von Interessenskonflikten unterzeichnen zu lassen. Die Einheit des militärischen Nachrichtendienstes, die für das Sammeln von nachrichtendienstlichen Signalen und die Entschlüsselung von Codes zuständig ist, versucht damit, den inzwischen fast natürlichen Wechsel von Spitzenpersonal vom Militär in die zivile Technologie- und Verteidigungsindustrie zu begrenzen.

Die Absolventen der Einheit 8200 stehen oft an der Spitze der israelischen High-Tech-Industrie. Viele von ihnen haben Technologieunternehmen gegründet oder wurden von solchen eingestellt. Viele dieser Unternehmen entwickeln dann bahnbrechende Software, Hardware und andere Produkte, die auf den Anstrengungen und Fähigkeiten des Militärnachrichtendiensts basieren.

Darüber hinaus schrecken die Personalabwerber der High-Tech-Industrie oft vor nichts zurück, um das Personal der Einheit 8200 von einer militärischen Laufbahn weg und in den privaten Sektor zu locken. Dies gilt insbesondere für Privatunternehmen, die sich auf Cyber-Verteidigungstechnologie spezialisiert haben.

Die Personalabwerber bezeichnen das Personal des militärischen Geheimdienstes oft als „Diamanten“ – Offiziere oder Soldaten, die über einzigartige Fähigkeiten oder Fachkenntnisse verfügen. Letztes Jahr nutzte ein grosses Unternehmen sogar eine Plakatwand vor dem Hauptquartier der Einheit 8200, um eine Anzeige mit der Aufschrift „Wir jagen normalerweise den Feind“ zu schalten. Jetzt sind wir auf der Suche nach Talenten. Schliessen Sie sich uns an.“

Der unverschämte Versuch, IDF-Personal abzuwerben, verärgerte die Kommandeure der Einheit, die das Plakat – und nicht nur dieses – entfernen liessen.

Die Bemühungen der IDF, der Abwerbung von Talenten entgegenzuwirken, wurden nach diesem Vorfall erheblich verstärkt. Dazu gehörte auch die Verfeinerung der Richtlinien und Normen, welche Soldaten, Offiziere und Reservisten der Einheit 8200 einhalten sollen, insbesondere im Hinblick auf die Verlagerung einzigartiger Fachkenntnisse in den privaten Sektor.

„Einheit 8200 verkörpert Fähigkeiten und Fachwissen auf gesamtstaatlicher Ebene. Es ist undenkbar, dass solche Fähigkeiten ohne die entsprechende Genehmigung einfach von hier weggehen dürfen“, sagte ein hochrangiger Geheimdienstoffizier gegenüber Israel Hayom.

In einem Brief, der im vergangenen Jahr an das gesamte Personal von Einheit 8200 geschickt wurde, schrieb der stellvertretende Kommandeur der Division, Oberst A.: „Verschiedene Medienberichte lassen den Schluss zu, dass einige Absolventen der Einheit in letzter Zeit Informationen, Methoden und Kenntnisse aus ihrer Dienstzeit verkauft haben. Dies deutet auf unmoralisches, unethisches und gieriges Verhalten hin.

„Während Ihres Dienstes sind Sie mit streng geheimen Informationen vertraut, und von Ihnen wird erwartet, dass Sie anwendbare Lösungen für äusserst komplexe Fragen finden, die oft als unmöglich zu lösen gelten. Viele unserer Erfolge beruhen auf einzigartigen Methoden, in welche die Aussenwelt nicht eingeweiht ist.

„Die Absolventen der Einheit 8200 sind verpflichtet zur Geheimhaltung der nachrichtendienstlichen, technologischen und operativen Methoden, denen sie während ihres Militärdienstes ausgesetzt waren“, erklärte er und betonte, dass „nach dem Gesetz keine Informationen, Fähigkeiten, Methoden oder technologischen Produkte, die in der Einheit entwickelt wurden, weitergegeben werden dürfen“.

Oberst A. lobte die Absolventen der Einheit für ihren Beitrag zur israelischen High-Tech-Industrie, die ihr den Spitznamen „Start-up-Nation“ eingebracht hat, warnte sie jedoch vor,  „einem Interessenkonflikt in Bezug auf die intimen Kenntnisse, die sie während ihres Dienstes und ihrer zivilen Tätigkeiten erworben haben“.

Die Absolventen der Einheit 8200, so schrieb er, „dürfen weder direkt noch indirekt Methoden, Fähigkeiten oder sensible Informationen nutzen, in die sie während ihres Dienstes eingeweiht wurden; und sie müssen verantwortungsvoll handeln und jeden Vorfall melden, bei dem sie vermuten, dass eine Aktivität nicht mit unseren Werten und unserer Ethik übereinstimmt“.

Der Privatsektor ist jedoch nach wie vor bestrebt, das Personal der Einheit 8200 ausserhalb der IDF zu rekrutieren, was ein Problem im Hinblick auf den Einsatz von Reservisten der Einheit darstellt, die in der Spitzentechnologie- und Verteidigungsindustrie beschäftigt sind.

„Diese Situation wirft einen potenziellen Interessenkonflikt zwischen der Art des Reservistendienstes und der Arbeit der Reservisten in diesen Unternehmen auf“, sagte A. „Sie fördert die reale Besorgnis, dass Informationen [an den Privatsektor] durchsickern und die Fähigkeiten gefährden können, die der Tätigkeit der Einheit zugrunde liegen.

„Die Reservisten sollten aufgefordert werden, sich mit Aufgabenstellungen n zu [befassen], die keine potenziellen Interessenkonflikte mit ihren zivilen Berufen schaffen. … Während des aktiven Reservistendienstes muss die Einheit sicherstellen, dass die Reservisten kontrollierten Zugang nur zu für sie relevanten Angelegenheiten haben. Nicht jeder, der einberufen wird, kann automatisch über alle Fähigkeiten der Einheit informiert sein“.

Vor etwa zwei Monaten begann auch die Einheit 8200 damit, ihre Reservisten anzuweisen, Geheimhaltungsvereinbarungen und die Offenlegung von Interessenkonflikten zu unterzeichnen.

„Die meisten Reservisten waren von diesem neuen Protokoll überrascht, aber bisher hat sich noch keiner geweigert, [die Formulare] zu unterzeichnen. Schliesslich schützen sie beide Parteien“, sagte ein hochrangiger Offizier der Einheit.

Die Befehlshaber der Einheit betonten, dass die gegenwärtigen Schritte nicht darauf abzielen, einen Krieg gegen den privaten Sektor oder die einheimische bzw. internationale High-Tech-Industrie zu führen. Sie übten aber dennoch scharfe Kritik an den Schritten, die von einigen Unternehmen unternommen wurden.

Einem Offizier der Einheit 8200 zufolge wenden vor allem israelische Unternehmen äusserst aggressive Rekrutierungsmethoden finanzieller Art, an, um Mitarbeiter der Einheit abzuwerben. „Lokale Unternehmen haben viel tiefere ethische Standards als ihre internationalen Kollegen“, sagte er.

„Stellen Sie sich vor, wenn El Al versuchen würde, einen IAF-Kampfpiloten abzuwerben, oder wenn eine zivile Firma mitten im Krieg einen Bataillonskommandeur abwerben würde? Das ist es, was hier vor sich geht, und es ist moralisch falsch.

„Einige normative Linien können nicht überschritten werden. Wenn jemand seinen Dienst abgeschlossen hat, dürfen sich Technologiefirmen an ihn wenden. Aber sie haben kein Recht, sich an diejenigen im Einsatz zu wenden. Das ist gleichbedeutend mit einer Gefährdung der nationalen Sicherheit.“

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