Militärparade von Hisbollah. Foto Twitter/Defapress
Militärparade von Hisbollah. Foto Twitter/Defapress
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Die gegenwärtigen Spannungen zwischen Israel und Hisbollah müssen im Kontext der andauernden, nicht deklarierten Militärkampagne Israels gegen den Iran verstanden werden. Sie lassen sich auch nicht von dem gegenwärtigen Status der „Partei Gottes“ als de-facto Herrscherin des Libanon trennen.

von Jonathan Spyer

Seit dem Libanonkrieg von 2006 herrscht zwischen Israel und Hisbollah eine gegenseitige Abschreckung. Beide Seiten sind vorerst daran interessiert, dass diese Situation anhält. Neben dem Schattenkrieg gegen den Iran in Syrien und anderenorts konzentriert sich Israel derzeit auf die Pandemie und ihre verschiedenen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Kosten.

Der Schwerpunkt des Libanon und der Hisbollah ist notwendigerweise derselbe. Die Hisbollah ist heute die dominierende Kraft im Libanon. Der Block, zu dem sie gehört, verfügt über eine Mehrheit im 128 Mitglieder zählenden Parlament und eine Mehrheit im Kabinett. Ministerpräsident Hassan Diab ist sein gehorsamer Diener. Das bedeutet, dass die Wirtschaftskrise, die das Land derzeit erfasst, der Hisbollah in den Schoss fällt. Sie ist gefordert, als Regierungsmacht zu agieren und Entscheidungen zu treffen, um einen sozioökonomischen Zusammenbruch zu vermeiden, der im Libanon nun eine reale Möglichkeit darstellt.

Diese Dynamik sollte dazu beitragen, dass die angespannte Ruhe entlang der Grenze anhält. Allerdings ist die Hisbollah mehr als ein erfolgreicher lokaler politischer Akteur. Sie ist vielmehr ein Franchiseunternehmen der islamischen Revolutionsgarden des Iran (IRG). In der Tat ist ihre lokale Vorherrschaft eine direkte Folge der massiven Unterstützung, die ihr im libanesischen Kontext durch Teheran zuteilwird. Als IRG-Franchise ist die Hisbollah ein integraler Bestandteil der iranischen Regionalstrategie. Israel befindet sich derzeit in einer laufenden Kampagne, um ein bestimmtes Element dieser Strategie – nämlich die Bemühungen des Iran, seine Präsenz in Syrien zu konsolidieren und auszuweiten – einzuschränken und zurückzudrängen.

Für die Hisbollah wiederum ist der Ausbau dieser Präsenz von grundlegendem Interesse. Der iranische Einsatz in Syrien bietet der Hisbollah ein strategisches Hinterland und eine mögliche erweiterte Frontlinie gegen Israel im Kriegsfall. Syrien umfasst auch Knotenpunkte entlang der Landkorridore und Luftbrücken, über die der Iran versucht, seinen libanesischen Vertrete zu versorgen, um seine Kapazitäten und Fähigkeiten zu verbessern. Die iranische Präsenz in Syrien wird nicht nur oder hauptsächlich durch iranisches Personal aufrechterhalten. Teheran unterhält eine Vielzahl sowohl syrischer als auch internationaler (arabischer und nicht-arabischer) Stellvertreter vor Ort, um seine Interessen in diesem Gebiet zu voranzutreiben. Dazu gehören afghanische, irakische und pakistanische Elemente. Die Hisbollah ist als IRG-Ableger ebenfalls eine integrale Komponente der iranischen Strategie in Syrien.

Aus diesem Grund befinden sich Israel und die Hisbollah trotz des gegenseitigen Interesses an Ruhe entlang der israelisch-libanesischen Grenze in einem anhaltenden, direkten Konflikt auf benachbartem Boden. Israel hat weder den Wunsch noch die Fähigkeit, die Hisbollah-Komponente in Syrien von seinen Luftangriffen auszunehmen. Es stellt sich also die Frage, wie sich der gegenseitige Wunsch nach Ruhe an der israelisch- mit dem andauernden Schattenkonflikt in Syrien vereinbaren lässt.

Es liegt auf der Hand, dass die Hisbollah Israel soweit abschrecken will, damit es aufhört, ihrem Personal im syrischen Kontext Schaden zuzufügen. Dies scheint unmöglich. Deshalb muss die Hisbollah zeigen (nicht zuletzt der eigenen Öffentlichkeit und auch ihren iranischen Schirmherren), dass das Blut ihrer Kämpfer nicht ohne Kosten vergossen werden kann. Um dies zu erreichen, muss sie Israel einen beträchtlichen Preis abverlangen, zugleich einen gross angelegten israelischen Vergeltungsschlag im Libanon zu provozieren. Einen solchen kann und will sie sich zurzeit nicht leisten.

Dies ist ein schwieriger Balanceakt, welcher in den vergangenen Wochen erneut auf die Probe gestellt wurde. Der Tod des Hisbollah-Kämpfers Ali Mohsen bei einem angeblichen israelischen Luftangriff in der Nähe von Damaskus am 20. Juli machte eine Reaktion entlang der Grenze unausweichlich. Die israelischen Streitkräfte wurden in Erwartung einer feindlichen Aktion entlang der Grenze im Alarmbereitschaft versetzt. Ein fehlgeschlagener Versuch, bei dem einige Hisbollah-Kämpfer die Grenze überquerten, fand nach Angaben der IDF am 27. Juli statt. Die Truppe wurde entdeckt, von der IDF unter Beschuss genommen und zog sich dann rasch zurück.

Dies war der dritte derartige Schlagabtausch in den vergangenen fünf Jahren. Die Wirksamkeit der Hisbollah-Reaktionen hat in diesem Zeitraum abgenommen. Doch bereits von Anfang an standen die Gegenschläge in keinem Verhältnis zu dem Schaden, den sie jeweils erlitten hatte.

Im Januar 2015 gelang es der Hisbollah als Vergeltung für die Tötung eines hochrangigen Kommandeurs, eines iranischen Generals und fünf weiteren Kämpfer im syrischen Grenzgebiet, eine Panzerabwehrrakete auf einen Jeep der IDF abzufeuern. Zwei Infanteriesoldaten der IDF wurden getötet. Im September 2019 reagierte die Bewegung auf einen israelischen Drohnenangriff in Beirut am 25. August und die Tötung von zwei Kämpfern bei einem Luftangriff auf Damaskus einen Tag zuvor. Bei dieser Gelegenheit begnügte sich die Hisbollah damit, Panzerabwehrraketen auf einen Aussenposten der IDF und einen Krankenwagen entlang der Grenze abzufeuern. Es gab keine Todesopfer. Beim letzten Zusammenstoss scheint die Hisbollah noch weniger erreicht zu haben.

Nachdem Grenzvorfall bestritt die Hisbollah am selben Abend, einen Infiltrationsversuch unternommen zu haben. Stattdessen behauptete sie, dass „unsere Vergeltung für den Märtyrer Ali Mohsen sicherlich kommen wird“. Die IDF wird in den kommenden Tagen zweifellos in erhöhter Alarmbereitschaft bleiben.

Bemerkenswert ist jedoch die rückläufige Reaktion der Hisbollah auf die Ermordung ihrer Mitglieder durch die IDF in Syrien in den letzten Jahren. Anscheinend ist Israel dabei, die Konvention durchzusetzen, dass die Tötungen libanesischer Hisbollah-Mitglieder ausserhalb des Libanon weitergehen werden und dass die „Partei Gottes“ aufgrund ihrer gegenwärtige Lage mit symbolischen Reaktionen vorliebnehmen muss. Die konventionelle Überlegenheit Israels ist die eine Seite dieser Gleichung.

Die andere Seite ist die innenpolitische Lage der Hisbollah im Libanon. Ibrahim Amin, Herausgeber der pro-Hisbollah-Zeitung Al Akhbar, reflektiert in seinen Leitartikeln oft das Denken der Hisbollah-Führung. In einem Artikel von letzter Woche schrieb Amin, dass „der Widerstand [d.h. die Hisbollah, Anm. Audiatur] die Kriegserklärung nicht initiiert hat, sondern im Gegenteil immer gesagt hat – und er meint, was er sagt -, dass er keinen Krieg will. Aber nicht um jeden Preis. In dem Sinne, dass der Widerstand, der keinen Krieg will, wird er zugleich auch nicht kapitulieren, um keinen Krieg zu haben“.

Der merkwürdig defensive Ton dieser Erklärung steht im Widerspruch zum üblichen Pathos von Amins Leitartikeln. Diese lesen sich oft wie hochmütigen Edikte eines triumphierenden Generals. Dieser Artikel hingegen möchte der libanesischen Öffentlichkeit in einer Zeit beispielloser innenpolitischer Krisen versichern, dass die Hisbollah nicht versucht, sie in einen erneuten Konflikt zu verwickeln. Für sie (und ihre Schirmherren in Teheran) ist die dominante innenpolitische Position der Bewegung von grosser Bedeutung. Sie kann nicht allein durch Zwang aufrechterhalten werden.

Damit steht die Hisbollah zwischen dem Wunsch, Israel weiter von Angriffen auf ihre Kämpfer abzuschrecken und der dringenden Notwendigkeit, keinen neuen Krieg zu provozieren. Daraus ergibt sich, dass sie Angriffe auf ihre Kämpfer in Syrien auf absehbare Zeit hinnehmen muss, solange Israel sie, in Ermangelung von weiteren Provokationen seitens Hisbollah, im Libanon in Ruhe lässt ­. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob diese Spiegelregeln für den libanesische IRGC-Ableger vorerst akzeptabel sind.

Jonathan Spyer ist Direktor des Middle East Center for Reporting and Analysis und Ginsburg/Ingerman Writing Fellow beim Middle East Forum. Zuerst erscheinen auf Englisch bei Jerusalem Post. Deutsche Übersetzung von Audiatur-Online.

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