Jerusalem Foundation: Gemeinsam gegen die Krise mit Technologie

Lesezeit: 9 Minuten

Jerusalem ist vor allem dafür bekannt, eine der heiligsten Städte der Welt für zwei grosse Weltreligionen, dem Judentum, sowie dem Christentum und zumindest die zweitheiligste Städte nach Mekka für den Islam, zu sein. Doch die Hauptstadt des Jüdischen Staates hat noch viele andere Gesichter, die es zu entdecken gilt.

Hierbei spielt eine Organisation, die sich vor allem sozialen und kommunalen Projekten in Jerusalem verschrieben hat, eine bedeutende Rolle im täglichen Leben der Heiligen Stadt. Die Jerusalem Foundation, die im Jahr 1966 vom ehemaligen Jerusalemer Bürgermeister Teddy Kollek ins Leben gerufen wurde, hat nicht nur seit ihrer Gründung über 4.000 langfristige Projekte und Initiativen ins Leben gerufen, sondern sich auch aktiv für Bildungs- und Verständigungsarbeit der hebräisch und arabisch sprechenden Bevölkerung eingesetzt. Ein aktuelles Beispiel für die Arbeit der Organisation ist ihre rasche und präzise Hilfestellung für die unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen Jerusalems während der Corona Epidemie.

Audiatur-Online wollte mehr über die Arbeit und die Organisation der Jerusalem Foundation wissen. Irène Pollak-Rein, Direktorin der deutschsprachigen Abteilung der „Jerusalem Foundation“ erteilte bereitwillig Auskunft:

Die Jerusalem Foundation konnte während der Coronakrise Schüler und Menschen mit besonderen Bedürfnissen mit Tablets ausstatten und ihnen somit ermöglichen, am digitalen Schulleben teilzunehmen. Wie erfolgte die Auswahl der jeweiligen Familien und gibt es ähnliche Projekte/Organisationen in anderen israelischen Städten?

Das Team der Jerusalem Foundation arbeitet eng mit Bürgermeister Moshe Lion und seinen Fachkräften zusammen, um die Effektivität der Nothilfe Dienstleistungen zu maximieren. Die Jerusalem Foundation registriert und koordiniert die Bedürfnisse zusammen mit dem städtischen Sozialamt und den Gemeindezentren in den jeweiligen Stadtvierteln, um sicherzustellen, dass die am stärksten gefährdeten Gruppen die Hilfe erhalten, die sie benötigen.

Bürgermeister Moshe Lion zusammen mit Shai Doron, Präsident der Jerusalem Foundation, und Stadtratsmitglied Yehuda Freidiger (zuständig für Sonderpädagogik). Foto Jerusalem Foundation

Wenn sich die Situation jeweils vor Ort ändert, passen wir unsere Unterstützung an, die auch weiterhin unerlässlich sein wird. Jerusalem ist die grösste und ärmsten Stadt des Landes.

Entsprechend haben das Wohlfahrtsamt und die Bildungsbehörden der Stadt in Zusammenarbeit mit lokalen Fachkräften der Stadtviertel darüber entschieden, welche Familien unterstützt werden sollen.

Zudem kooperiert die Jerusalem Foundation immer eng mit anderen Organisationen in der Stadt, damit die Hilfe effizient und effektiv verteilt werden kann. Im Fall der Verteilung von Computern und Tablets während der Krise, hat die Jerusalem Foundation u.a. mit folgenden Organisationen zusammengearbeitet:

    • Telem: die Jugendliche in schwierigen Situationen unterstützt.
    • AKIM Jerusalem: eine Organisation, die begleitetes Wohnen für beeinträchtige Erwachsene bietet.
    • Machshava Tova: eine Organisation, die Familien mit sozioökonomisch schwachen Hintergründen und fehlender Ausbildung Unterreicht auf Computern als Mittel von Kommunikation und Arbeitsbeschaffung erteilt
    • AV Association: unterstützt Familien mit hörgeschädigten oder tauben Kindern. Die Computer und Tablets wurden mit der nötigen Software und den Apps ausgerüstet, um die Therapie während des Lockdowns zu ermöglichen
    • Wie oben erwähnt, städtische Behörden.

Wir fokussieren uns ausschliesslich auf Jerusalem und können deshalb nicht für andere Städte oder Organisationen sprechen. Innerhalb von Jerusalem ist unsere Foundation gut vernetzt und fördert auch lokale Initiativen, um die Kommunen zu stärken.

Gibt es neben der Unterstützung von Firmen wie Intel Israel und der Jerusalemer Stadtverwaltung während der Coronakrise auch Unterstützung von arabischen Firmen, Privatpersonen oder Organisationen?

Wir konnten primär auf unser bestehendes Netzwerk von Spendern zurückgreifen, welche uns auch vor der Coronakrise unterstützt haben. Vor allem lokale Spender, ein Schweizer Spender und Donatoren aus dem englischsprachigen Raum sind in die Bresche gesprungen. Diese Unterstützung ermöglichte der Jerusalem Foundation unmittelbar nach dem Lockdown die ersten Nothilfepakete zu schnüren.

In demokratischen Gesellschaften spielen NGO´s und Volontärarbeit eine wichtige Rolle. Diesen Bürgeraktivismus, muss man in anders organisierten Gesellschaftskreisen zuerst aufbauen. Diese Aufgabe nimmt das von der Jerusalem Foundation gegründete und stark geförderte Jerusalem Intercultural Center seit  vielen Jahren wahr. Mittlerweile verfügt das Center über sehr viel Kompetenz in diesem Bereich und hat zahlreiche Erfolge vorzuweisen. Von diesen Erfolgen profitiert jetzt die arabisch sprechende Bevölkerung. Sie verfügen über funktionierende Bürgerinitiativen, um an Programmen zur Selbsthilfe mitzuwirken und die Lebensbedingung positiv zu gestalten. Zur Zeit der aktuellen Pandemie hat diese Haltung eine wichtige Rolle gespielt. So haben lokale arabisch sprechende Ärzte über Social Media die Bevölkerung in arabisch für das richtige Verhalten zur Prävention von Ansteckungen gewarnt und mitgewirkt. Auch bei der Verteilung von Paketen mit Essen waren es die Volontäre aus den Gemeinden und die arabischstämmigen Gemeindezentren die wichtige Arbeit leisteten.

Die Foundation ermöglichte ebenfalls älteren Menschen den Zugang zu Medikamenten und Lebensmitteln. Wie gestaltete sich diese Hilfestellung und wer waren hierbei die Kooperationspartner (Suppenküchen etc.?)?

Wir können hier nicht alle Organisationen aufzählen, da wir viele Kommunen ebenfalls unterstützt haben. Im Bereich der Betreuung von älteren Mitbürgern spielten folgende Organisationen eine wichtige Rolle, jedoch ist die Liste nicht abschliessend:

    • Ken Lazaken (Ja zum Alten)
    • Gemeindezentren für die arabisch sprechende Bevölkerung in Abu-Tor, Silvan und Ras al-Amud und die Altstadt
    • Für die Hebräisch sprechende Bevölkerung Tagesheime und Zentren wie das Bet Hofmann, das Gideon Palmach Gemeinschaftszentrum, Café Europa für Holocaust Überlebende und weitere Gemeinschaftszentren in armen Stadtvierteln
    • Die städtischen Sozialdienste

Auch hier war ein enges Zusammenspiel zwischen den Organisationen, den Sozialdiensten und der Jerusalem Foundation die oberste Priorität.

 

Ihre Organisation unterstützt unter anderem von Armut betroffene Familien, hierbei ist es egal, ob es sich um ultraorthodoxe oder arabisch sprechende Einwohner handelt. Wie wurde die Hilfe angenommen? Gibt es neben positiven Feedbacks auch Probleme und Kritik?

Als Teddy Kollek vor über 50 Jahren die Jerusalem Foundation gründete war er sich bewusst, dass in einer so multikulturellen Stadt mit oft sehr ausgeprägtem Charakter der Bevölkerung, Gemeindezentren die jeweiligen Bedürfnisse ortsnah kennen und für die spezifischen Wünsche Dienstleistungen übernehmen können. Diese Zentren spielen auch jetzt eine wichtige Rolle und die Hilfe wird dankbar angenommen. Die lokalen Fachleute sind mit der jeweiligen Bevölkerung vertraut.

In der Praxis heisst das, dass wir Essenspakete verteilen, die sich nach den Bedürfnissen und Traditionen der Empfänger richten. Wir beachten ihre Feiertage, ihre Ernährungsgewohnheiten bis runter zu spezifischen Gewürzen. Dies deckt die Bedürfnisse aller bedürftigen Bewohner, unabhängig von Religion.

Jerusalem umfasst über 900,000 Bewohner, davon ca. 38 % arabisch sprechend. Sie sind mehrheitlich Muslime, 33% säkulare und modern religiöse Juden und fast 30 % Ultra-Orthodoxe. Welche ihrer Projekte unterstützen, ihrer Meinung nach, am besten den interkulturellen Austausch zwischen den hebräisch und arabisch sprechenden Bevölkerungsteilen? Was waren ihre grössten Erfolge?

Für mich persönlich sind das die Bildungsprojekte, welche wir unter «Learning together»  zusammenfassen.

Beispiele hierfür sind die Max-Rayne-Hand in Hand Schule für bilinguale Erziehung oder das Museum of Islamic Art in Jerusalem, die gemeinsame Bildung fördern und gegenseitige Vorurteile abbauen.

Zurzeit wünscht die Jerusalem Foundation das Museum for Islamic Art umzubauen, damit mehr Klassen von den Kursen und Seminaren des Museums profitieren können. Damit das möglich wird, müssen die Räumlichkeiten des Museums zweckmässig angepasst werden. Geplant ist, die Teilnehmerzahlen der Bildungsprogramme um 50% von heute 14’000 auf 21’000 Teilnehmer pro Jahr zu erhöhen. Hierfür werden noch Spenden gesucht und wir alle hoffen, dass Covid-19 bald den regulären Unterricht und Museumsbesuch wieder ermöglicht.

Es besteht auch das dringende Bedürfnis ultra-orthodoxen Kindern den Zugang zu MINT Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) zu ermöglichen, nicht alle Bildungsprogramme beziehen sich auf den traditionellen interkulturellen Austausch.

Teddy Kollek gründete die Jerusalem Foundation im Jahr 1966 und stand, als erster Bürgermeister in Jerusalem nach der Wiedervereinigung im Jahr 1967, vor einer grossen Aufgabe. Was würden Sie sagen, sind ihre grössten Erfolge, die sie in den letzten 54 Jahren verzeichnen konnten?

Teddy Kollek war im multikulturellen Wien zwischen den beiden Weltkriegen aufgewachsen und stark davon geprägt, dass schöne Gartenanlagen und ein reichhaltiges Kulturleben wichtige Teile der Lebensqualität sind. Anfangs der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts war er für den Bau des Israel Museums verantwortlich und nach dem er 1965 Bürgermeister wurde, waren seine Freunde durch die von ihm gegründete Jerusalem Foundation an der Bereicherung der Stadt Jerusalem beteiligt: So sind der:

    • biblische Zoo
    • das Bloomfield Wissenschaftsmuseum
    • die Cinematheque
    • Mishkenot Sha´anim mit dem Konrad Adenauer Konferenzzentrum
    • das Sherover Theater
    • das Museum on the Seam
    • das Khan Theater wie auch die
    • Sam Spiegel Film Schule
    • das Teddy Stadium

und vieles mehr, auf Spenden seiner Freunde zurückzuführen.

Teddy Kollek in Jerusalem. Foto Harnik Nati / GPO Israel
Teddy Kollek in Jerusalem. Foto Harnik Nati / GPO Israel

Nach seinem Tod im Jahre 2007 haben die amerikanischen Freunde beschlossen, den Teddy Park zu bauen der all das symbolisiert, an was Teddy glaubte: ein herrlicher Park der alle Bevölkerungsteile verbindet und wo sich im Wasserspiel  hebräisch und arabisch sprechende Kinder tummeln, wo sich religiöse und säkulare Familien treffen und Freude haben und so Vorurteilen entgegengewirkt werden kann.

Was sind ihre Visionen für die Zukunft?

Heute ist das Aufgabenspektrum der Jerusalem Foundation aktueller denn je. Mit Blick auf die vor uns liegenden gesellschaftlichen und sozialen Herausforderungen haben wir ein Modell für kultur- und kommunenübergreifendes Engagement aller Bevölkerungsgruppen in Jerusalem geschaffen. Dieser 10-Jahres-Plan bis 2030 verfolgt EIN grosses Ziel: Verbesserung der Zukunftsperspektiven für unsere Stadt.

Als Institution bei der Vergabe von Zuschüssen für den kulturellen und kommunalen Sektor sind wir führend. Unsere Initiativen und Projekte fussen auf drei Säulen: Kommune gestalten, Kultur & Kreativität sowie Leadership.

Die bisherigen Errungenschaften der Stiftung prägten die moderne Stadt über ein halbes Jahrhundert. Nun richten wir den Blick auf das nächste Jahrzehnt und haben unsere Prioritäten entsprechend zielgerichtet angepasst, um die weitere Entwicklung Jerusalems zu unterstützen. Dabei orientieren wir uns an den neu entstehenden Bedürfnissen der gesamten Einwohnerschaft.

Während meines Interviews mit der Leiterin der Abteilung für deutschsprachige Länder der Jerusalem Foundation, Frau Irène Pollak-Rein, fragte ich abschliessend, wie es zum jetzigen Zeitpunkt, nachdem einige Lockerungen bezüglich des Coronavirus beschlossen wurde, mit der Hilfestellung der Organisation ausschaut. Frau Pollak-Rein meinte, dass nun der Fokus auf der einzigartigen Kulturszene in Jerusalem liege, da sie schwer unter den finanziellen Einbussen durch die Pandemie gelitten habe. Wer schon einmal in Jerusalem war, weiss um die gemütlichen Restaurants und Geschäfte, sowie die kulturellen, musikalischen und künstlerischen Darbietungen in den verschlungenen Gassen, die den Charme der Goldenen Stadt ausmachen. Diese Präsenz soll erhalten und vor allem nach der Pandemie wiederbelebt werden. Auch das Herauslösen aus der Filterblase von Religion und Konflikt liegt Frau Pollak-Rein am Herzen. Denkt man etwa an Innovation und Technik, so erscheint zumeist Tel Aviv sofort vor dem geistigen Auge, dabei hat Jerusalem unzählige Startup Unternehmen, die es zu einem unvergleichlichen Mix aus Antike und Zukunft machen. So stammt z.B. die Selfie App „Facetune“ der Firma Lightricks aus der heiligen Stadt, von der Weltstars und Influencer, wie etwa die Kardashians, schwärmen. Die grössten Exits wie z.B. Mobileye haben in Jerusalem ihren Sitz.

Abschliessend wollte ich wissen, wie man der Organisation, neben finanziellen Zuwendungen, helfen könne. Frau Pollak-Rein antwortete, dass die Organisation immer gerne Praktikanten aufnehme, die dann vor allem im organisatorischen Bereich bei der Büroarbeit helfen könnten. Wer also Interesse an einer Organisation hat, die sich dem Erhalt und der Unterstützung der kommunalen Stärke, der Kunst- und Kulturszene, sowie der Zukunft Jerusalems verschrieben hat, ist ein gern gesehener Gast der Jerusalem Foundation und hat die Möglichkeit, zur Zukunft und interkulturellen Verständigung beizutragen.

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