Hamas Ausbildungscamp in Khan Yunis im südlichen Gaza-Streifen am 6. Februar 2020. Foto Majdi Fathi/TPS
Hamas Ausbildungscamp in Khan Yunis im südlichen Gaza-Streifen am 6. Februar 2020. Foto Majdi Fathi/TPS
Lesezeit: 8 Minuten

„War of Return“. Krieg der Rückkehr. Die israelische Politologin Einat Wilf hat zusammen mit dem Journalisten Adi Schwartz ein bislang nur auf Englisch erschienenes Buch veröffentlicht, das für Israelis wie für Europäer ein bedeutsamer Augenöffner sein könnte. In vielen Artikeln und Webinaren wird es zurzeit diskutiert. Aber es ist keine leichte Kost, denn seine Konsequenz bedeutet die Abkehr von vielen Träumen.

Wilf schildert in ihrem Buch ihren Weg von der „typischen linken Israeli“ zur Politwissenschaftlerin. Natürlich war sie als engagierte linke Studentin gegen die Siedlungen und überzeugt, dass Frieden einkehren würde, sowie Israel sich aus den besetzten Gebieten zurückziehen würde und die Palästinenser im Westjordanland und in Gaza den ihnen zustehenden Staat gründen könnten. Alle Probleme schienen so leicht zu lösen. Für Wilf kam das erste Aufwachen im Sommer 2000 als der israelische Premierminister Ehud Barak dem PLO-Chef Jassir Arafat fast das ganze Westjordanland und noch dazu Ostjerusalem zur Einrichtung einer „Hauptstadt“ angeboten hatte. Sie konnte es nicht begreifen, was da passierte. Warum lehnte Arafat das alles ab? Das ganze wiederholte sich 2008, als Premierminister Ehud Olmert dem Nachfolger Arafats, Mahmoud Abbas, ein noch weitreichenderes Angebot machte. Plötzlich verstand Wilf, dass ihr langer Kampf gegen die Siedlungen und ihre Kritik an der rechten Regierungspolitik nicht mehr mit der Realität zusammenpasste.

Was wollten die Vertreter der PLO?

Als Wissenschaftlerin prüfte Wilf über 1700 palästinensische Dokumente, öffentliche Erklärungen und andere Zeitzeugnisse. Sie wollte verstehen, warum die israelischen Angebote ausnahmslos abgelehnt worden waren. Sie kam zum Schluss, dass weder die israelischen Linken noch die Europäer und Andere den Palästinensern jemals richtig zugehört hätten. Alle hätten übersehen, dass es den Palästinensern gar nicht um die Errichtung eines eigenen Staates im Westjordanland mit Ostjerusalem als Hauptstadt ging. Vielmehr ergebe die Lektüre der palästinensischen Dokumente, dass Ihr Hauptziel das „Recht auf Rückkehr“ für alle Nachkommen und Verwandten von Arabern aus Palästina sei, also eine Überschwemmung des jüdischen Staates mit über 5 Millionen arabischen Bürgern, um mit demografischen Mitteln aus Israel einen Staat mit muslimisch-arabischer Mehrheit zu machen. Anders ausgedrückt: Mit Hilfe möglichst vieler „Heimkehrer“ sollte Israel als jüdischer Staat abgeschafft werden. So liess sich auch nachweisen, dass die von den Europäern vorangetriebene „Zwei-Staaten-Lösung“ keinerlei Frieden oder „Lösung“ des Konflikts herbeiführen kann, weil dieses Ziel nicht das Hauptanliegen der Palästinenser berücksichtige: Rückkehr in ihre alten 1948 verlassenen Häuser und Dörfer, wo längst israelische Ortschaften und Städte wie Tel Aviv entstanden sind.

Die stetig wachsende Flüchtlingslawine

Wilf interpretiert die Unterstützung dieses palästinensischen Bestrebens als fortwährenden Versuch, den jüdischen Staat wieder von der Landkarte zu wischen. Und sie benennt Ursachen: Ein Hauptspieler sei die UNO mit der Errichtung der UNRWA, der Flüchtlingshilfeorganisation für die arabischen Flüchtlinge aus Palästina. Das Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten, englisch United Nations Relief and Works Agency for Palestine Refugees in the Near East, UNRWA, war 1949 als temporäres Hilfsprogramm der Vereinten Nationen eingerichtet worden, um Flüchtlinge, die nach dem Unabhängigkeitskrieg Israels 1948 hilfsbedürftig geworden waren, zu versorgen. Seitdem ist das Mandat regelmässig um jeweils drei Jahre verlängert worden. Während aber jüdische Flüchtlinge aus dem ehemaligen Mandatsgebiet Palästina längst in Israel oder anderen Staaten eine neue Heimat gefunden haben, hat die UNRWA für die Araber der umstrittenen Gebiete, die seit 1968 oft Palästinensische Gebiete genannt werden, einen Status erfunden, der für keine der anderen Millionen Flüchtlinge seit dieser Zeit gilt. So dürfen die Palästinenser ihren Flüchtlingsstatus auf ihre Nachkommen vererben. Aber dieses Privileg ist ein Fluch. Anstatt sich umgehend in ihren Zufluchtsländern zu integrieren und eine neue Existenz aufzubauen, wurden und werden diese Menschen dazu angehalten, sich stets als „Flüchtlinge“ zu betrachten und die Träume von einer Rückkehr in ihre teils nicht mehr existierenden Dörfer auch ihren Kindern weiterzugeben. So wird das Problem ständig immer grösser. Mit samt Kindern, Kindeskindern, Adoptivkindern und eingeheirateten Frauen ist die Masse dieser Flüchtlinge inzwischen auf über 5 Millionen Menschen angeschwollen und wächst unaufhaltsam weiter. Die Kinder dieser Menschen werden dazu verdammt, niemals selbstständig zu werden. Die Organisation verschlingt Milliarden, die man andernorts Menschen in Not vorenthält. So entsteht eine menschliche Lawine, die keiner der Verantwortlichen gewillt ist, zu stoppen.

An dieser Stelle können auch Parallelen zu Deutschland im Europa der Nachkriegszeit gezogen werden. Wie in Nahost wurden auch in Europa infolge des verlorenen Krieges die Grenzen neu gezogen. Millionen Deutsche wurden aus den sogenannten Ostgebieten vertrieben, wo die Russen oder die Polen eingezogen waren. Dazu gehören Städte wie Königsberg und Danzig sowie klassische deutsche Landschaften wie Ostpreussen. Man stelle sich jetzt nur mal vor, dass eine grosse, wohlfinanzierte UNO-Organisation, oder gar die Bundesregierung diesen Menschen beständig einreden würde, dass sie in ihre alte Heimat zurückkehren könnten, und dass die Besetzung dieser Gebiete durch Polen und Russland „völkerrechtlich illegal“ sei. Dass jegliche Art des Terrors legitim sei, weil sie sich ja gegen ein Unrecht richte. Können wir uns eine Vertriebenen–Hamas vorstellen, die ein Gaza an der Küste zu Dänemark aufbaut und Schulbücher, die wegen der verlorenen Städte des Elsass gegen Frankreich hetzen? Dann gäbe es heute keinen „Frieden“ in Europa.

Wilf zitiert aus dem Anlass Willy Brandt, der 1970 den Vertrieben erklärte, dass es für sie keine Rückkehr mehr gebe. Sie sagte, dass die Palästinenser dringend einen „Willy Brandt benötigen“, der sie von ihren Rückkehrträumen heilen könne. Es lohnt sich, an diese Rede Brandts im Wortlaut zu erinnern. Er sagt nicht, dass man vergessen solle. Er redet das Leid der Menschen nicht klein. Aber er spricht angesichts der Ostverträge und des damit verbundenen Gebietsverlustes von Verantwortung:

„Wir haben uns nicht leichten Herzens hierzu entschieden. Zu sehr sind wir geprägt von Erinnerungen und gezeichnet von zerstörten Hoffnungen. Aber guten Gewissens, denn wir sind überzeugt, dass Spannungen abgebaut, Verträge über Gewaltverzicht befolgt, die Beziehungen verbessert und die geeigneten Formen der Zusammenarbeit gefunden werden müssen, um zu einer europäischen Friedensordnung zu gelangen. Dabei muss man von dem ausgehen, was ist; was geworden ist. Auch in Bezug auf die Westgrenze Polens. Niemand hat uns zu dieser Einsicht gezwungen. Wir sind mündig geworden. Es geht um den Beweis unserer Reife und um den Mut, die Wirklichkeit zu erkennen.“ (7. Dezember 1970)

Der Mut, die Wirklichkeit zu erkennen

Die EU und Deutschland, wo die von Israelis und Palästinensern abgelehnte „Zwei-Staaten-Lösung“ als einziger Weg zu einem Frieden gehandelt wird, lassen zurzeit diese Reife und den Mut, die Wirklichkeit zu erkennen, schmerzlich vermissen.

Doch als langjähriger Korrespondent in dieser Region kann ich diese „Entdeckungen“ von Wilf nur bestätigen. In allen Büros von PLO-Spitzenpolitikern und Geheimdienstleuten hängen wohlplatziert hinter den Schreibtischen grosse Landkarten von „Palästina“. Nirgendwo sind auf irgendwelchen offiziellen Papieren oder in Veröffentlichungen der PLO auch nur andeutungsweise die Grenzen Israels oder der umstrittenen oder besetzten Gebiete zu sehen. Und bei genauem Hinschauen sind dort auch nicht die heutigen Namen israelischer Städte wie Tel Aviv eingetragen, sondern die Bezeichnungen der längst nicht mehr existierenden arabischen Ortschaften, über die Israel seine Städte gebaut hat. Von einer Anerkennung Israels als existierender Staat kann da keine Rede sein. Entsprechende Landkarten hängen auch in den Schulklassen der UNRWA in Gaza, im Westjordanland und in den umliegenden arabischen Staaten. Die Schulbücher zu ändern und Hetze gegen Israel einzustellen, wie in letzter Zeit gefordert, ändert nichts an der Tatsache, dass die palästinensischen Lehrer in diesen Schulen ihr „Narrativ“ lehren, bestätigt durch die Landkarten, über die niemand redet.

Ein alter Eisenschlüssel ist das Symbol für die Rückkehr

Die riesige Nachbildung eines alten Schlüssels ist an vielen Stellen zu sehen, zum Beispiel über eine Art Stadttor am Eingang eines Flüchtlingslagers mitten in Bethlehem. Auch die sehr tödlichen Demonstrationen entlang der Grenze zwischen dem Gazastreifen und Israels stehen unter diesem Motto und sie bedienen sich bewusst der Kinder. Die im Gazastreifen herrschende Hamas karrt mit Bussen wohlorganisiert Tausende Jugendliche an die Grenze im vollen Bewusstsein, dass auf den gegenüber liegenden Hügeln israelische Scharfschützen stationiert sind. Die Kinder werden vorgeschickt, damit sich in deren Windschatten paramilitärische Formationen der Hamas vordrängen können. Die israelischen Grenzwächter können kein Eindringen nach Israel dulden, mit der ausdrücklichen Absicht, israelische Bürger zu ermorden. Trotz grösster Vorsicht werden deshalb dann auch Kinder getroffen.

Symbolischer Rückkehr-Schlüssel bei der Einreise in das Flüchtlingslager in Betlehem. Foto Emilywilder1 , CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=69712270

Zum Mythos der Rückkehr gehören auch die Brand- und Sprengsätze, die mit heliumgefüllten Luftballons mit dem Wind nach Israel getragen werden und schon Tausende Hektar Wald oder Felder verbrannt haben. Manche Sprengsätze sind in Kindergärten oder Schulhöfen gelandet, als Spielzeug getarnt, freundlich und bunt verpackt, um Kinder anzulocken, die netten „Geschenke“ zu öffnen. Jedes israelische Kind an der Grenze wächst mit dem Bewusstsein auf, dass die bunten Grüsse der Nachbarn von der anderen Seite des Zaunes eine mörderische Fracht tragen.

Mündig zu werden ist harte Arbeit

Anders als „normale“ Politiker, bietet Wilf keine „Lösung“ an, sondern überlässt es dem reichlich frustrierten Leser, sich Gedanken über seine bisherigen offenbar fehlgeleiteten „Friedenshoffnungen“ zu machen, die sich als unrealistisch und falsch herausstellen. Wilf wirft sich selber und den Israelis vor: „Wir haben den Palästinensern nie ordentlich zugehört.“ Gleicher Vorwurf gilt natürlich auch den Europäern, die auf kolonialistische Art die Araber und speziell die Palästinenser bevormundet haben, und ihnen selbstverständlich eine „Friedenssehnsucht“ nachgesagt haben, die es in Wirklichkeit so jedoch noch nie gab. Auf diese Illusion hin wurden chancenlose „Friedensprozesse“ initiiert, die nicht funktionieren konnten, weil sie keine Rücksichten auf die eigentlichen Ziele der Palästinenser nahmen. Hinzu kamen noch Geldspenden in Milliardenhöhe, die wie nicht anders zu erwarten in den privaten Taschen einer korrupten Führung versandeten. Ein kurzer Besuch in Ramallah, Bethlehem, Nablus oder Hebron könnte anhand der teuren Limousinen und Glaspaläste jeden Besucher ganz leicht davon überzeugen, wohin die kostbaren europäischen Steuergelder fliessen. Erstaunlicherweise sind nur die dort weilenden europäischen Diplomaten sowie die meisten europäischen journalistischen Besucher wie von Blindheit geschlagen. Denn warum sonst wird die Kluft zwischen der schrecklichen Armut der angeblich von Israel so unterdrückten Palästinenser einerseits und dem „stinkenden“ mit teuren Limousinen und säulenbestückten kitschigen riesigen Palästen zur Schau getragenen Reichtum nie thematisiert ?  

Solange europäische Politik im Nahen Osten so wenig mit der Wirklichkeit zu tun hat, sondern ein Produkt der eigenen Illusion bleibt, solange wird es auch für die Araber aus dem ehemaligen Mandatsgebiet keine Zukunft geben.

Die Antwort auf die Probleme der Palästinenser könnte vielleicht ein alter Kaliningrader geben, aus der Zeit, als die Stadt noch Königsberg hiess und deutsch war. Immanuel Kant: „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“

Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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3 KOMMENTARE

  1. @ chaika grossmann

    Die meisten, so auch ich, haben lange Zeit wie Einat Wilf geglaubt, dass es eine gute Idee wäre, den sogenannten Palästinensern Gebiete zurückzugeben und damit einen Frieden einzuhandeln. Leider ist es so, dass erst eine intensivere Beschäftigung mit dem Thema die tatsächlichen Gründe für die Haltung der „Palästinenser“ ans Tageslicht bringt. Sie wollen keinen Frieden, keine Gebiete, keinen Staat sondern ganz einfach und nichts weniger als die Vernichtung Israels. Und ja, ich fürchte, diese Erkenntnis muss tatsächlich zu jedem einzelnen Menschen persönlich kommen.

    Das einzige, was helfen könnte, während tatsächliche Freunde der arabischen Palästinenser, die ihnen knallhart die Wahrheit ins Gesicht sagen und ihre vielgestaltigen Lebenslügen („Nakba“, Rückkehrrecht usw.) unmissverständlich zurückweisen. Doch die sind weit und breit nicht in Sicht.

    • Hier hilft leider nichts, denn es ist der Islam, dessen Lehre es verbietet, dass auf einst islamischem Territorium Andersgläubige herrschen. Es ist eben ein zutiefst religiöser Konflikt, weshalb die Araber und heute auch die Palästinenser die Existenz Israels bekämpfen und jegliche Lösungsangebote zurückgewiesen haben. Man lasse sich nicht durch arabische Freundlichkeiten täuschen, deren Ursachen strategischer Art sind – nach dem Motto: Der Feind meines Feindes (Iran) ist mein Freund.

  2. Was ist an dieser Erkenntnis neu? Jeder Mensch, der auf das Rückkehrrecht besteht, will Israel auflösen. Das wollen viele Linke und noch mehr Rechtsradikale. Das ist israelbezogener Antisemitismus. Die Araber müssen leider zum Frieden gezwungen werden. Diese Erkenntnis kam mir bereits vor dreißig Jahren. Offenbar muss sie jedem Menschen persönlich kommen, wie tragisch.

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