PFLP Kundgebung. Screenshot Youtube / PFLP
PFLP Kundgebung. Screenshot Youtube / PFLP
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Die israelischen Verteidigungskräfte (IDF) haben in dieser Woche den Teilabriss des Hauses von Qassem Shibli, auch bekannt als Qassem al-Barghouti, im Dorf Kobar im Gebiet von Ramallah durchgeführt. Shibli wird verdächtigt, an der Ermordung der 17-jährigen Rina Shnerb beteiligt gewesen zu sein, die im vergangenen August bei einer Bombenexplosion an der Quelle Ein Bubin in der Nähe der Gemeinde Dolev getötet wurde.

von Jonathan Spyer

Die Zerstörung dieses Hauses ist der jüngste Schritt der israelischen Behörden gegen ein palästinensisches Terrornetzwerk im Westjordanland, welches von der Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP) betrieben wird.

Nach der Ermordung von Shnerb verhafteten die Behörden rund 50 Mitglieder des mutmasslichen Netzwerks und entdeckten grosse Mengen an Waffen und Sprengstoff. Unter den festgenommenen Personen befanden sich einfache Aktivisten, wie etwa Shibli, aber auch namhafte, hochrangige PFLP-Mitglieder.

Das Netzwerk wurde nach Angaben israelischer Sicherheitsbehörden von Walid Muhammad Hanatsheh geleitet. Samer Arbid kommandierte die Zelle, die den Dolev-Angriff durchführte. Khalida Jarrar, eine bekannte und hochrangige Vertreterin der PFLP im Westjordanland, gehörte ebenfalls zu den Verhafteten.

Diese Ereignisse sind insofern besonders bemerkenswert, als sie das Augenmerk auf die aktuellen wiedererstarkten Aktivitäten der PFLP lenken. Lange Zeit als Fossil des Kalten Krieges betrachtet, hat die Organisation in den letzten Monaten wieder eine bescheidene Bedeutung erlangt.

Was ist der Grund für die gesteigerten Aktivitäten und Möglichkeiten der PFLP in der letzten Zeit?

Die Erklärung liegt nicht in einem Stimmungsumschwung an der Basis in der palästinensischen Bevölkerung. Wie andere säkulare arabisch-nationalistische Fraktionen hat die PFLP nie eine breite öffentliche Unterstützung genossen. Vielmehr hat die komplexe und sich verändernde Geopolitik des Nahen Ostens dazu geführt, dass der PFLP in den letzten Jahren mehr Ressourcen zur Verfügung standen. Diese haben wiederum zu einem Aufschwung ihrer Aktivitäten geführt.

Die Beobachtung eines anderen derzeit laufenden Gerichtsverfahrens gibt Hinweise auf die spezifische Quelle, aus der die PFLP offenbar Nutzen zieht.

Anfang April wurde ein arabischstämmiger israelischer Staatsbürger, Ayman Haj Yihye, 50, vor dem Bezirksgericht von Lod angeklagt und einer Reihe schwerer Sicherheitsverstösse beschuldigt. Dazu gehörten gemäss der Anklageschrift: Kontakt mit einem ausländischen Agenten, ein Vergehen gemäss Abschnitt 114 (a) des Strafgesetzbuches; und die Weitergabe von Informationen an den Feind mit der Absicht, die Staatssicherheit zu beeinträchtigen, ein Vergehen gemäss Abschnitt 111 des Strafgesetzbuches. Er wurde auch wegen Geldwäsche und des Versuchs, eine gerichtliche Untersuchung zu stören, angeklagt.

Gemäss der Anklageschrift hatte sich Haj Yihye mit zwei Agenten des iranischen Geheimdienstes (in der Anklageschrift als „Abu Samah“ und „Abu Hussein“ bezeichnet) getroffen und eine Zusammenarbeit mit ihnen begonnen, mit der Absicht, „den Staat Iran in seinen Bemühungen zu unterstützen, dem Staat Israel durch das Sammeln von Informationen in den Bereichen Geheimdienst, Sicherheit, Politik, Zivilgesellschaft, Gesellschaft und Medien zu schaden, was dem Iran in seinem Krieg gegen den Staat Israel von Nutzen sein könnte“.

Die Person, die Haj Yihye für diesen Zweck rekrutiert hat, wird in der Anklageschrift als Khaled Yamani identifiziert, ein palästinensischer Bewohner des Flüchtlingslagers Baddawi im Libanon und ein bekanntes und hochrangiges Mitglied der PFLP. Das bedeutet, dass der PFLP-Aktivist Yamani offenbar gleichzeitig als Rekrutierer und Agent für die Geheimdienste des Iran tätig ist.

Yamanis Doppelrolle wirft einen weiteren interessanten Punkt in Bezug auf die PFLP auf: Im Gegensatz zu ihren islamistischen Pendants scheint die Gruppe organisatorisch nicht zwischen klandestinen militärischen Aktivitäten und offener politischer Arbeit zu unterscheiden. Sowohl Yamani als auch Arbid, Hanatsheh und Kahlida Jarrar scheinen an beiden gleichzeitig beteiligt gewesen zu sein.

Die Einzelheiten dieser Anklageschrift belegen am anschaulichsten die derzeit öffentlich zugänglichen Beweise für die spezifische Kraft, die hinter der gegenwärtigen Wiederbelebung der ehemals maroden PFLP steht. Die Bewegung hat in den letzten Monaten aufgrund einer sich entwickelnden Beziehung zur Islamischen Republik Iran wieder an Bedeutung gewonnen.

Diese wachsende Verbindung zwischen der PFLP und dem Iran ist keine neue Offenbarung. Bereits im September 2013 bemerkte ein Artikel des in Gaza lebenden palästinensischen Journalisten Hazem Balousha im Al-Monitor die wachsende „finanzielle und logistische“ Unterstützung des „politischen und militärischen Flügels“ der PFLP durch Teheran.

Dem Bericht Baloushas zufolge fanden in Beirut, Damaskus und Teheran eine Reihe von Treffen zwischen Vertretern des Iran und der PFLP statt. Die Treffen, so Balousha, seien von der Hisbollah vermittelt worden. Sie führten zur Wiederbelebung der direkten iranischen Unterstützung für die PFLP.

Der palästinensische Journalist zitierte eine „hochrangige PFLP-Quelle“, die prognostizierte, dass „nach der Wiederaufnahme der iranischen Unterstützung die Stärke des militärischen Flügels der PFLP, der Abu Ali Mustafa-Brigaden, nach Abschluss der internen Reorganisation der Gruppe bald dramatisch zunehmen wird“.

Die erwähnte Reorganisation hat offensichtlich stattgefunden.

Was war der Grund für die Entscheidung des islamistischen Teheran, mit der Unterstützung für die offensichtlich säkulare und linke PFLP zu beginnen?

Erstens sollten die angeblich linken oder „progressiven“ Bekenntnisse der PFLP nicht überbewertet werden. Der Gründer der Bewegung, Dr. George Habash, hielt es für angebracht, sich in den späten 1960er Jahren zu einem „Marxisten-Leninisten“ zu erklären, zu einer Zeit, als sowjetische Waffen und Finanzmittel denjenigen zur Verfügung standen, die sich zu solchen Loyalitäten bekannten.

Vor dieser Zeit hatte Habash die Arabisch-Nationalistische Bewegung, eine Organisation der Nasseristen, gegründet und geleitet. Habashs angebliche Wendung nach links änderte nichts an seiner engen Verbindung zu einem Francois Genoud, einem prominenten europäischen Neonazi-Finanzier, der die entstehende PFLP finanziell unterstützte und ihr Beistand leistete.

Diese alte Geschichte ist von Bedeutung, weil sie den Opportunismus und die ideologische Flexibilität der PFLP in allen Fragen zeigt, die nicht ihr eigentliches, offen bekundetes Geschäft betreffen – gewaltsame Aktivitäten zur Zerstörung Israels. Dies ist das Element, für das sich die Iraner interessieren.

Aber der spezifische Grund für die erneute Unterstützung der PFLP durch den Iran liegt im syrischen Bürgerkrieg. Der Zusammenstoss zwischen dem vom Iran unterstützten Assad-Regime und dem grösstenteils sunnitischen islamistischen Aufstand führte zu einem Bruch zwischen Teheran und der palästinensischen Hamas-Bewegung, der noch nicht ganz überwunden ist. Die Hamas, die aus dem palästinensischen Zweig der Muslimbruderschaft hervorgegangen ist, unterstützte die syrische Rebellion nachdrücklich. Sie unterhält heute enge Beziehungen zu Katar und der Türkei und findet ihre natürliche Heimat in dem von diesen Staaten unterstützten sunnitisch-islamistischen Umfeld.

Die Position der PFLP gegenüber Syrien war beständig und unzweideutig: Sie unterstützte Assad während des gesamten Krieges nachdrücklich. Als das Regime Ende 2016 Aleppo zurückeroberte, wurde auf der Website der Bewegung erklärt, der Sieg sei „der Beginn des Rückzugs des Komplotts gegen unsere arabische Nation und die Vereitelung des reaktionären imperialistischen zionistischen Plans“.

Wie der Islamische Dschihad, Teherans langjähriger Stellvertreter unter den Palästinensern, ist die PFLP eine kleine Organisation mit einer etwas exzentrischen Ideologie, die bei den breiten Massen der konservativen, religiösen palästinensischen Bevölkerung wenig Anklang findet.

Dennoch verfügt sie über eine straffe Organisationsstruktur, einen Kader von äusserst loyalen Mitarbeitern und die Bereitschaft zur Gewaltanwendung. Es scheint nun, dass Teherans stetige Investitionen in die Bewegung während des letzten halben Jahrzehnts erste Früchte getragen haben.

Jonathan Spyer ist Direktor des Middle East Center for Reporting and Analysis und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Middle East Forum und des Jerusalem Institute for Strategy and Security. Er ist der Autor von Days of the Fall: A Reporter’s Journey in the Syria and Iraq Wars. Auf Englisch zuerst erschienen bei The Jerusalem Post. Übersetzung Audiatur-Online.

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