Antisemitismus in Bayern 2019: Nahezu jeden zweiten Tag ein antisemitischer Vorfall

Lesezeit: 3 Minuten

Für das Jahr 2019 hat die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Bayern (RIAS Bayern) 178 antisemitische Vorfälle im Freistaat erfasst. Damit kam es nahezu jeden zweiten Tag zu einem dokumentierten antisemitischen Vorfall. Besonders besorgniserregend ist eine antisemitisch motivierte schwere Körperverletzung, die sich unter den dokumentierten Vorfällen befindet. Das geht aus dem Jahresbericht 2019 hervor, den RIAS Bayern heute in München veröffentlichte.

RIAS Bayern dokumentierte neben der schweren Körperverletzung neun Angriffe, elf gezielte Sachbeschädigungen, acht Bedrohungen, 28 Massenzuschriften und 121 Fälle in der Kategorie verletzendes Verhalten. In letztere fielen etwa 14 Versammlungen, 35 Fälle im Rahmen einer Auseinandersetzung von Angesicht zu Angesicht und 33 Fälle von öffentlich präsentierten antisemitischen Botschaften.

Der Angriff auf einen Münchner Rabbiner und seine Söhne im Sommer 2019 und insbesondere der Anschlag an Jom Kippur in Halle schockierten die Öffentlichkeit. Hierzu sagte RIAS-Bayern-Leiterin Annette Seidel-Arpacı: „Antisemitismus war für Jüdinnen und Juden in Bayern 2019 leider ein prägendes Thema. Wir haben im Kontakt mit den jüdischen Gemeinden und Einzelpersonen eine starke Verunsicherung registriert. Die uns bekannt gewordenen Vorfälle ereigneten sich häufig an öffentlichen Orten, an denen sich die Betroffenen in ihrem Alltag regelmäßig aufhalten, wie etwa beim Einkaufen oder auf dem Weg zur Arbeit“. Angesichts der nicht abschätzbaren Folgen der Corona-Krise warnte Seidel-Arpacı davor, dass Antisemitismus, insbesondere durch die vermehrte Verbreitung von Verschwörungserzählungen im Internet, noch wirkmächtiger werden könnte.

Die erhobenen Zahlen spiegeln laut RIAS nur einen kleinen Ausschnitt des alltäglichen Antisemitismus wider. Da RIAS Bayern erst 2019 den Betrieb aufnahm, sei davon auszugehen, dass mit steigender Bekanntheit in Zukunft auch mehr antisemitische Vorfälle gemeldet und bekannt werden. 

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, kommentierte: „Der RIAS-Bericht zeigt, wie häufig Juden im Alltag mit Antisemitismus konfrontiert sind. Die Übergriffe verletzen und belasten uns. Sie hinterlassen den Eindruck, dass wir nicht dazugehören und nicht erwünscht sind. Die Statistik von RIAS Bayern trägt dazu bei, ein umfassendes Bild des Antisemitismus zu zeichnen. Sie verzeichnet auch judenfeindliche Vorfälle, die unterhalb der Strafbarkeitsschwelle liegen und ergänzt die Polizeiliche Kriminalstatistik. Organisationen wie RIAS Bayern sind unverzichtbar, um Antisemitismus gezielt bekämpfen zu können. Sie brauchen weiterhin unsere volle Unterstützung.“

Staatsministerin Carolina Trautner zeigte sich entschlossen: „Antisemitismus hat in unserer Gesellschaft nichts verloren. Die Dokumentation von RIAS zeigt uns, wo wir noch stärker mit unseren Projekten in der Antisemitismusprävention ansetzen müssen.“

Ludwig Spaenle, Antisemitismiusbeauftragter der Bayerischen Staatsregierung, erklärte: „Gegen Antisemitismus und Judenhass müssen wir als Gesellschaft und Staat energisch vorgehen. Gefragt sind von uns aktive Solidarität mit Jüdinnen und Juden, Prävention gegenüber antisemitischen Einstellungen und Handlungen sowie staatliche Repression gegen Straftäter. Dabei ist die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Bayern ein wichtiges Element“.

RIAS Bayern ist beim Bayerischen Jugendring (BJR) angesiedelt, mit dessen Unterstützung die Stelle derzeit in einen eigenständigen Verein überführt wird. Das Bayerische Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales fördert die Einrichtung. RIAS Bayern beteiligt sich an der Bundesarbeitsgemeinschaft des Bundesverbandes der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus, der bundesweit ein Netzwerk von Meldestellen für antisemitische Vorfälle aufbaut. Antisemitische Vorfälle in Bayern, auch solche unterhalb der Strafbarkeitsschwelle, können unter www.rias-bayern.de oder per Telefon unter 0162 2951 961 gemeldet werden.

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