Hamas-Chef Ismail Haniyeh am 19. September 2017. Foto Abed Rahim Khatib/Flash90
Hamas-Chef Ismail Haniyeh am 19. September 2017. Foto Abed Rahim Khatib/Flash90
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Die ausserhalb des Gaza-Streifens lebenden Hamas-Führer suchen verzweifelt nach einem Land, welches bereit ist sie aufzunehmen. Einem kürzlich erschienenen Bericht zufolge scheint ein Land bereit zu sein, die Hamas-Führer aufzunehmen: die Türkei.

von Khaled Abu Toameh

Zwei hochrangige Hamas-Funktionäre, Ismail Haniyeh und Saleh Arouri, haben bereits beschlossen, sich in der Türkei niederzulassen, offenbar nachdem sie vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan grünes Licht dafür bekommen haben. Drei weitere Hamas-Funktionäre, Zaher Jabareen, Musa Abu Marzouk und Nizar Awadallah, sind ebenfalls aus Katar bzw. dem Libanon in die Türkei umgezogen.

Haniyehs Frau und Kinder, die im Gazastreifen leben, werden voraussichtlich in naher Zukunft zu ihm in die Türkei ziehen.

Berichten zufolge wurde Haniyeh, der den Gaza-Streifen im Dezember 2019 verlassen hat, von den Ägyptern verboten, in die von der Hamas regierte Küstenenklave zurückzukehren. In den arabischen Medien wurde berichtet, dass Haniyeh in Ägypten in Ungnade gefallen sei, als er sein Versprechen brach den Iran nicht zu besuchen, nachdem Ägypten ihm erlaubt hatte, den Gaza-Streifen über den Grenzübergang Rafah zu verlassen.

Kurz nachdem er den Gazastreifen verlassen hatte, reiste Haniyeh in den Iran, wo er an der Beerdigung von Qassem Soleimani, dem ehemaligen Kommandeur der iranischen Quds Force, teilnahm, der am 3. Januar in Bagdad, Irak, bei einem gezielten Drohnenangriff der USA ermordet wurde. Soleimani, den die USA 2005 als Terrorist einstuften, wurde auch von den Vereinten Nationen und der Europäischen Union sanktioniert.

In seiner Rede bei der Beerdigung von Soleimani in Teheran sagte Haniyeh, der Leiter des „politischen Büros“ der Hamas: „Ich erkläre, dass das Projekt des Widerstandes in Palästina weitergeführt und nicht geschwächt wird, der Widerstand wird sich nicht zurückziehen“. Haniyeh lobte den getöteten iranischen Militärkommandanten als einen „Märtyrer von Al-Quds [Jerusalem], der grosse Opfer gebracht hat, um Palästina und den Widerstand zu schützen“.

Ägypter verärgert

Haniyehs Besuch im Iran und die fortgesetzten anti-israelischen Aktivitäten und Terroranschläge der Hamas haben Ägypten, dass sich intensiv um ein langfristiges Waffenstillstandsabkommen zwischen der Hamas und Israel bemüht, erzürnt. Die Ägypter sind offenbar auch verärgert über die fortgesetzte militärische und finanzielle Unterstützung des Iran für die Hamas und den Palästinensischen Islamischen Dschihad, die beiden Hauptakteure im Gaza-Streifen.

Arabische Länder, die zuvor Hamas-Führer begrüsst und ihnen erlaubt haben, Stützpunkte zu errichten und ihre Gebiete zur Planung von Terroranschlägen gegen Israel zu nutzen, scheinen der Hamas nun den Rücken zu kehren.

Im Jahr 2011 wurden Hamas-Führer aus Syrien ausgewiesen, nachdem sie sich geweigert hatten, Präsident Bashar Assad in seinem Konflikt mit syrischen Oppositionsgruppen zu unterstützen. Die Syrer haben seither Bitten der Freunde der Hamas im Iran und der Hisbollah abgelehnt, die Beziehungen zur Hamas-Führung wiederherzustellen.

Katar, Libanon und Sudan haben offenbar aus Angst davor, von der internationalen Gemeinschaft beschuldigt zu werden, einer palästinensischen Terrorgruppe Unterschlupf zu gewähren die Israel beseitigen will, ihre Beziehungen zur Hamas eingeschränkt.

Saudi-Arabien ist noch weiter gegangen und hat Dutzende von Palästinensern und jordanischen Aktivisten wegen Unterstützung der Hamas vor Gericht gestellt. Mindestens 68 Palästinenser und Jordanier sind vor einem „Sondergericht für Terrorismus“ im Königreich angeklagt worden. Die Verdächtigen wurden im April 2019 von den saudischen Sicherheitsbehörden festgenommen. Unter den Festgenommenen war Mohammed al-Khudari, 81, ein langjähriger palästinensischer Einwohner Saudi-Arabiens, der zuvor als offizieller Vertreter der Hamas im Königreich fungierte.

Saleh Arouri, der andere Hamas-Funktionär, von dem erwartet wird, dass er sich Haniyeh in der Türkei anschliesst, wird von Israel und den USA wegen Beteiligung am Terrorismus gesucht. Im Jahr 2018 setzte das US-Aussenministerium eine Belohnung von bis zu 5 Millionen Dollar für Informationen aus, die zur Identifizierung oder zum Auffinden von Arouri, dem stellvertretenden Leiter des „politischen Büros“ der Hamas, führen würden.

Hamas wird Israel nicht anerkennen

Nach Angaben des Meir Amit Intelligence and Terrorism Information Center ist Arouri eine Schlüsselfigur bei der Herstellung von Verbindungen zwischen der Hamas und dem Iran und der Hisbollah und ist am Aufbau und der Handhabung der terroristischen Infrastrukturen der Hamas im Westjordanland beteiligt. Im Jahr 2014 verkündete Saleh Arouri, der in den letzten Jahren zwischen dem Libanon und der Türkei pendelte, die Verantwortung der Hamas für die Entführung und Ermordung von drei israelischen Teenagern im Westjordanland am 12. Juni 2014.

Laut einer Hamas-Quelle verliess Arouri die Türkei 2015 nach einem beispiellosen amerikanischen und israelischen Druck auf die türkischen Behörden. „Er beschloss, die Türkei freiwillig zu verlassen, um die Türkei nicht in Verlegenheit zu bringen, die einem enormen Druck seitens Israels und der US-Regierung ausgesetzt war“, so die Quelle.

Letzten Monat sagte Haniyeh, dass die Hamas zwar eine „strategische Beziehung“ zum Iran unterhalte, aber auch Verbindungen zur Türkei und zu mehreren anderen Ländern pflege. „Wir brauchen Araber und Muslime, die sich mit uns gegen den Deal des Jahrhunderts stellen“, erklärte Haniyeh und bezog sich dabei auf den kürzlich von US-Präsident Donald Trump enthüllten Plan für den Frieden im Nahen Osten. „Alle palästinensischen Gruppen haben das Recht, ihre Strategie beizubehalten. Die Hamas glaubt, dass Palästina vom [Jordan] Fluss bis zum [Mittelmeer] Meer reicht. Die Hamas wird Israel nicht anerkennen.“

Erdogans Bereitschaft, die Hamas-Führung zu beherbergen, ist höchstwahrscheinlich auf seine langjährige Unterstützung für die Muslimbruderschaft zurückzuführen.

Erdogans Verbindungen zur Muslimbruderschaft reichen bis in die 1970er Jahre zurück, als er einer der vertrauenswürdigen politischen Schüler von Necmettin Erbakan, dem Vater des Islamismus in der Türkei, war.

Lorenzo Vidino, Direktor des Extremismusprogramms der George-Washington-Universität, wies darauf hin, dass Erdogan seit dem Sturz des ägyptischen Muslimbruderschaft Präsidenten Mohammed Morsi im Juli 2013 versucht hat, „verfolgten“ Mitgliedern der Bewegung einen sicheren Hafen zu bieten.

Die Nachrichtenwebsite Ahval stellte darüber hinaus fest, dass die Dutzenden von Persönlichkeiten der Muslimbruderschaft, die heute in der Türkei im Exil leben, zu den mächtigsten und einflussreichsten Figuren der Bewegung gehören. „Diese Anführer der Bruderschaft und ihre Verwandten leben ein komfortables Leben unter dem Schutz der Regierung Erdogan, so die Website.

Da die Hamas ein Ableger der Muslimbruderschaft ist, überrascht Erdogans berichtete Bereitschaft, ihre Führer in der Türkei willkommen zu heissen, nicht. Es scheint, dass Erdogan versucht, der Muslimbruderschaft dabei zu helfen, ihren Einfluss auf weitere Regionen auszudehnen und gleichzeitig als geistiger Führer der Bewegung zu agieren.

Wenn die Berichte über Erdogans Bereitschaft, Führungsmitglieder der Hamas einzuladen in der Türkei zu leben, zutreffen, dann würde dies Erdogan auch zum geistigen Vater einer terroristischen Organisation machen, die versucht, Israel zu zerstören und durch einen islamischen Staat zu ersetzen.

Es bleibt nun abzuwarten, ob die internationale Gemeinschaft, darunter auch einige arabische Länder wie Ägypten und Saudi-Arabien, die Türkei auffordern, sich von der Hamas zu distanzieren.

Ein Umzug der Hamas in die Türkei würde bedeuten, dass die Terrorgruppe weiterhin Terroranschläge gegen Israel planen und ausführen könnte – diesmal jedoch unter den schützenden Augen der Regierung Erdogan.

Khaled Abu Toameh ist ein preisgekrönter arabisch-israelischer Journalist und TV-Produzent. Auf Englisch zuerst erschienen bei Gatestone Institute. Übersetzung Audiatur-Online

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