Symbolbild. Foto Eddie & Carolina Stigson / Unsplash.com
Symbolbild. Foto Eddie & Carolina Stigson / Unsplash.com
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Die Klagemauer – sie ist ein Ort, an dem man dem Heiligen im Judentum so nah kommen kann, wie es physisch möglich ist. Es ist ein Ort der Einkehr und des Gedenkens, an den jeden Tag viele Menschen – bisweilen sogar Päpste – kommen, um zu beten oder einfach die Faszination dieses Zeugnisses der Geschichte zu erfahren. Und obwohl sie im Deutschen Klagemauer heisst, ist sie auch ein Ort der Hoffnung – denn hier drücken die Betenden ihre Bitten auf Zetteln aus, die sie in die Ritzen der Mauersteine schieben. Es ist ein Ort, der zum Reflektieren anregt und zum Stillwerden.

Umso grösser ist die Schande, dass der Name „Klagemauer“ zweckentfremdet wird für eine Schweizer Online-Publikation, die sich gegen all das stellt, was der eigentliche, heilige Ort symbolisiert. Im Internet kursiert schon seit langem die Adresse „klagemauer.tv“ – eine Internetplattform, die Videos präsentiert und dabei versucht, den Stil seriöser Nachrichtensendungen aus dem deutschen Fernsehen zu kopieren. Doch schnell wird klar: dies ist kein seriöser Sender. Dies ist eine Plattform für tendenziöse Kommentare, Halbwahrheiten und immer wieder auch antisemitische Verschwörungsmythen.

Auch in den vor uns liegenden schwierigen Zeiten der Corona-Epidemie verbreitet klagemauer.tv diffuse Anschuldigungen – z.B. über den Ursprung des SARS-CoV2-Virus. So wird in einem PDF-Flugblatt suggeriert, dass das Virus eigentlich eine Biowaffe sei, die der amerikanische Milliardär George Soros in Wuhan habe entwickeln lassen. Der Holocaust-Überlebende Soros hat ursprünglich ungarisch-jüdische Wurzeln und ist in den letzten Jahren immer wieder Zielscheibe gewesen für unterschiedlichste Anfeindungen. Allen voran im Wahlkampf in Ungarn, für den der immer mehr autokratisch auftretende Regierungschef Viktor Orbán George Soros zum Feindbild erklärte. Er soll mit seiner liberalen Stiftung für die Migrationswelle 2015 verantwortlich gewesen sein, so die Anschuldigung von Orbán. Dabei ging es gerade nicht um sachliche Kritik, die man selbstverständlich auch gegen Soros und seine Stiftung richten könnte. Mehr und mehr wurde Soros stattdessen zum Feindbild der neuen Rechten und unterschiedlichster illiberaler Politikerinnen und Politiker innerhalb und ausserhalb Europas. Das typische antisemitische Märchen eines bösen Manipulators, der die „heile Welt“ zerstören möchte, wird hier plump auf Soros übertragen. Und in diese Verschwörungserzählung stimmt nun auch Klagemauer.tv ein.

Betrieben wird Klagemauer.tv vom Schweizer Ivo Sasek. Anfangs noch ein typischer Autodidakt im Gewand eines christlichen Predigers, driftete er zunehmend in die religiöse Radikalität des Verschwörungsglaubens. In den medialen Fokus geriet er, als Predigten von ihm bekannt wurden, in denen er Züchtigung propagierte und die oberste Aufgabe der Erziehung darin sah, den Willen der Kinder zu brechen, um sie so vor dem vermeintlich weltbeherrschenden Bösen zu schützen. Seine unbarmherzigen Ansichten verbreitete er unter Anhängern seiner selbstgegründeten „Organischen Christus-Generation“.

Protokolle der Weisen von Zion

Doch er blieb nicht bei christlich höchst streitbaren und pädagogisch gänzlich unhaltbaren Thesen. Sasek erwies sich auch als ein gefährlicher Verbreiter von Verschwörungsmythen, die begannen, immer mehr antisemitische Züge zu tragen. Mehrere Jahre lud Sasek zu einem Treffen der sogenannten Anti-Zensur-Koalition ein und liess unterschiedliche Verschwörungsverkünder auf seiner Bühne reden. Dazu zählten nicht nur typische Chemtrail-Gläubige oder Vertreter der Neuen Germanischen Medizin, sondern auch schamlose Holocaustleugner. Sasek selbst giftete vor seinen Anhängern, dass eine Verschwörung böser Mächte die Weltbevölkerung auf eine halbe Milliarde Menschen reduzieren wollen würde und behauptete, dies sei schon in den Protokollen der Weisen von Zion so angelegt – eine erwiesene Fälschung und Hetzschrift, die Jüdinnen und Juden eine Weltverschwörung andichtet.

Diese Entwicklung ist leider religionspsychologisch nicht überraschend. Saseks autoritäre Vorstellungen von absolutem Gehorsam, die er in Form von religiöser Kindererziehung verpackt, bieten einen perfekten Nährboden für seinen Antisemitismus und Verschwörungsglauben. In der gängigen Forschung zum Thema Autoritarismus wird eine enge Verbindung zwischen autoritärem Denken und Antisemitismus festgestellt: Das Gute und Reine sei akut bedroht und müsse auch schon Kindern mit Gewalt eingebläut werden. Alles Andere, Vielfältige, Freie müsse dagegen rigoros abgestossen, wenn nicht gar vernichtet werden. Diese dualistische Perspektive lässt keinen Raum für die Komplexität unserer Welt und verhindert das Nachdenken über die schwierigen aber nicht unlösbaren Probleme unserer Zeit. Der autoritäre Charakter lässt nur einfache Antworten nach Schuldigen zu: Für alles Schlechte auf der Welt seien einige wenige, absolut böse Superverschwörer verantwortlich. Und ganz häufig, sogar meistens, wird sich dazu eines althergebrachten Verschwörungsmythos bedient, um Schuldige zu finden – des Märchens von einer jüdischen Verschwörung.

Der falschen Hoffnung dieser einfachen Antworten müssen wir reflektiert entgegentreten. Gegen die einfachen (häufig antisemitischen) Feindbilder der religiösen und politischen Extreme und der neuen Rechten müssen wir uns verteidigen. Überall in Europa tauchen diejenigen auf, die einfache Antworten haben. Seien es Viktor Orbán in Ungarn, Rechtspopulisten in Deutschland oder Vertreter der Partei Recht und Gerechtigkeit in Polen: Sie alle sehnen sich nach schnellen Antworten, nach klaren autoritären Leitlinien und sehen in der globalisierten, pluralistischen und offenen Welt den Feind. George Soros als Vertreter einer offenen Gesellschaft, eines Modells, das liberale Werte vertritt und den geistigen Austausch untereinander sucht, wird bis in digitale QAnon-Kreise zum Sündenbock gemacht. Doch für eine Antwort der demokratischen Kräfte, die ein friedliches Zusammenleben und rechtsstaatliche Werte vertreten, ist es nicht zu spät. Wir alle können durch Begegnung, Reflektion und Bildung verstehen lernen und uns gegen antidemokratische Verschwörungsmythen und den menschenfeindlichen Antisemitismus stellen. Für eine solche Zukunft kämpfe ich weiterhin – auch im Netz – und habe Hoffnung für unsere europäischen Demokratien, dass sie gestärkt und solidarisch aus der vor uns liegenden Krise heraustreten werden.

Dr. Michael Blume ist Beauftragter der Landesregierung Baden-Württemberg gegen Antisemitismus.

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