Foto AronPW / Unsplash.com
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„Es gibt nichts Neues unter der Sonne!“ – Predigte ein frommer und weiser Jude namens Schlomo (Koheleth, 1:9). In der Mitte des 14. Jahrhunderts breitete sich die Pest vom Süden nach Norden aus und richtete einen enormen demographischen und wirtschaftlichen Schaden an. Auf den Fersen der Seuche und der Misere folgte eine neue, schreckliche Welle von Hass und Gewalt gegen die Juden.

Zunächst kam es zu Bluttaten im französischen Sprachraum, vor allem in Genf und danach in Strassburg. Im November 1348 erreichte die Pogromwelle Solothurn. Anfang 1349 wurden in Basel, in Freiburg im Breisgau und in Feldkirch Juden lebendig verbrannt. Die Pogrome breiteten sich weiter im Rheinland aus und verwüsteten die alten SchUM-Städte – die Wiege der jüdischen Gemeinschaft im deutschen Sprachraum. Dem verwirrten, wütenden, blutrünstigen Mob reichte als Vorwand zur Gewalt die Beobachtung, dass die Ansteckungs- und Sterberate unter Juden verdächtig gering sei. Statt nach Sündenböcken zu suchen, könnte man das rational erklären, z.B. dadurch dass die Juden mehr auf Hygiene achteten als ihre Umgebung im Spätmittelalter und kurz vor Pessach, als die Pandemie vor ihrem Höhepunkt stand, ihr Geschirr und Besteck austauschten und ihre Häuser reinigten.

Zwischen der Pest im finsteren 14. Jahrhundert und dem Covid 19 heute liegen die Epochen des Humanismus, der Aufklärung, der industriellen Revolution, der Globalisierung. Und dennoch fühlt man sich zurück ins Mittelalter versetzt, wenn man z.B. über den Aufruf zur weltweiten Meditation am 5. April um 4 Uhr 45 morgens liest (Kommentar von Simon Hehli in der NZZ vom 30.3.), und zwar zwecks «endgültigen Auslöschung des Coronavirus.» Es ist eher eine Auslöschung von Rationalismus, ebenso wie die verantwortungslose Weiterverwendung von Weihwasser, nachdem die Schweizerische Bischofskonferenz die Weihwasserbecken leeren liess und öffentliche Eucharistiefeiern wegen der Ansteckungsgefahr offiziell aussetzte.

Keinesfalls seien diese Zeilen als Kritik am Christentum zu begreifen, mit dem die ältere Schwester, das Judentum seit 2000 Jahren in einem regen geistigen Austausch steht. Es waren auch keine richtigen Christen, die den Juden im 14. Jahrhundert die Schuld für die Seuche gaben und wehrlose Menschen ermordeten. Wahre Christen agierten damals und heute ganz anders, leider mit bescheidenem Erfolg. Vergeblich erklärte der Papst Clemens VI den getauften Heiden, dass auch die Juden von der Pest betroffen seien. Nur mit sehr viel Mühe konnte der Herzog Albrecht von Österreich in seinem Regierungsbereich Pogrome verhindern. Gleichzeitig gewährte der Pfalzgraf Ruprecht I den jüdischen Flüchtlingen aus Speyer und Worms Asyl, während Peter IV von Aragón „seine“ Juden vor grösseren Ausschreitungen rettete und Kasimir III in Polen dasselbe tat. Dennoch kam es zu unzähligen jüdischen Opfern der Gewalt in Europa. Der kollektive Wahnsinn der heidnischen Massen machte die Bemühungen der kirchlichen und weltlichen Macht zunichte.

Dennoch überlebte die jüdische Gemeinschaft sowohl die Seuche als auch ihre verheerende Auswirkung auf die Gesellschaft, so wie die biblischen Hebräer die geopolitische Katastrophe im Alten Ägypten überstanden hatten. Ein Sinnbild ihrer Überlebensstrategie war die Markierung von Türpfosten ihrer Wohnstätten: Eine Unterscheidung zwischen Innen und Aussen. Die Hebräer blieben im geschützten Raum ihrer Lehmhütten, während der Tod draussen tobte und die Eisernen Vorhänge der Paläste und Imperien verhöhnte. Die Idee vom Zusammenhalt der Familie und vom Rückzug in den privaten Bereich wurde in dem weisen Gebot zur Sprache gebracht: Das Pessach-Opfer war keine öffentliche, sondern eine häusliche Tätigkeit: Ein Lamm pro Haus. Nur sehr kleine Haushalte durften sich zusammentun, um ein Lamm zu teilen. In den darauf folgenden Jahrtausenden konnte immer wieder die klare Grenze zwischen der Familie und der Aussenwelt das Unheil von den Türpfosten der jüdischen Häuser fernhalten. Die Familie zeigte sich stärker als alle Regierungsmassnahmen, sei es Schikanen der Seleukiden in der Antike oder der „Judenschutz“ im abendländischen Mittelalter.

Die modernen Lämmer

Was sind die modernen Lämmer, deren Herzensblut den Todesengel stoppt? Seit der Zerstörung des Zweiten Tempels gelten folgende Ersatzformen für Opferdienste: Tzedaka (soziale Gerechtigkeit durch Wohltätigkeit) und die Heiligkeit des Ehelebens, Gebet und Gelehrsamkeit, wobei die Grundidee von Homeschooling in der Tora versteckt ist: „(Zuerst) erzähle deinem Kinde und (erst dann) spreche selber die Worte der Tora!“ (5.Buch, 6:7) – Sagen wir zweimal täglich im Gebet Schma „Höre Israel“. In die Umstände der Corona-Krise übersetzt bedeutet das: Homeschooling hat Vorrang vor Homeoffice!

Neben Korbanoth Tzibbur (Opfergaben der Öffentlichkeit) besteht das Prinzip Sewach Mischpacha (das Mahl im Kreise der Familie). Jede Sache hat seine Zeit und seine Bestimmung, wie der bereits erwähnte König Salomo predigte (Koheleth 3:14). Jetzt schlägt die Stunde der Familie. So wie die Zellen ein Gewebe bilden, besteht die Gesellschaft aus Familien. Sind die einzelnen „Zellen“ gesund und vital, bleiben auch die Abwehr- und Lebenskräfte des gesamten Organismus intakt.

Was ist mit den Einsamen? Mit Hilfsbedürftigen? Sie dürfen auf gar keinen Fall alleine gelassen werden, wie die Worte der Pessach-Haggada verkünden: „Jeder, der es braucht, komme zu uns und opfere mit!“ Darf ein Fremder doch hinein? Vielleicht – im geschützten Raum des privaten Bereiches… Ganz sicher – im virtuellen Raum der Internet-Kommunikation, in dem höchstens ein Gerät mit digitalen Viren infiziert werden kann. Ein Frevler ist, wer sein Smartphone mehr als seine Familie schützt!

Pessach bari, kascher we-sameach, liebe Juden!

Ein fröhliches und gesundes Osterfest, liebe Christen!

Elijahu Tarantul

Über Elijahu Tarantul

Rabbiner Elijahu Tarantul hat Erfahrung als Gemeinderabbiner, Lehrer und Dozent und ist zur Zeit unter anderem als Maschgiach (Aufsicht über koschere Lebensmittel) in einer Pflegeresidenz in der Schweiz tätig.

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4 KOMMENTARE

  1. „Jagt dem Frieden nach gegen jedermann“ hat Jesus der Jude gesagt. Er kannte wohl auch die Streithähne seiner Zeit. Bis heute hat sich nicht viel geändert. Wie schön ist doch der Friede, wenn man sich die Hände reicht. Wie schnell kommt doch der Friede, wenn man die Waffen niederlegt. Schabat Schalom, liebe Juden-Freunde und Brüder.

  2. So einfach würde ich es der Christenwelt nicht machen. Die aufgezählten guten Beispiele sind eher untypisch. Denn aufgehetzt wurde das Mob durch die Kirche, die doppelzüngig war. Angefangen von der Anklage „Gottesmord“, die vielen Konzile mit immer neuen Verordnungen, was man mit Juden nicht unternehmen darf, die stetige Eingrenzung der Verdienstmöglichkeiten – scheinbar städtisch, aber wenn diese sich nicht an die Verordnungen, an den Geist der Kirche hielten, drohte ihnen das Scheiterhaufen,- die vielen Wanderprediger, die Ausschmückung der Kirchen usw. – also, was Rabbiner Tarantul macht, ist in meinen Augen eine Verharmlosung der Missetaten der Kirche. Ich weiß zwar, man soll Christentum und Kirche nicht verwechseln, aber das ist in der Praxis nicht möglich, denn woran kann man die reale, die gelebte Religion messen, wenn nicht an den Taten? Und lange Jahrhunderte war die r.k. Kirche die einzig legitime Vertretung des Christentums. Erst viel später kam die Lutherische Reformation auf, die das, was das Verhältnis zum Judentum betrifft, mit nichts besser war. Wenn nun Christen versuchen, die Geschichte zu beschönigen – verständlich. Wenn ein Jude es tut, einer, der sogar eine höhere Position in einer oder der Gemeinde hat, finde ich diesen Versuch verwerflich. Tut mir leid, aber so ist es.
    lg
    caruso

    • Seit Jahrtausenden ist gelehrte Diskussion, in der kontroverse Meinungen aufeinander prallen, ein zentraler Bestandteil der jüdischen Kultur. Nicht zufällig verglich Heinrich Heine die talmudischen Debatten mit dem eleganten Fechten. Was passiert aber, wenn auf unsportliche Art eine grobe Keule statt feinen Rapieren und scharfen Degen benutzt wird? Eine Meinung wird durch Gelehrsamkeit gebildet. Je weniger Aufmerksamkeit, Bildung und differenziertes Denken hinter einer Äußerung steckten, desto weniger elegant wird das Fechten.
      Mit etwas mehr Bildung hätte caruso sich selber und uns die schablonenhafte Floske des Gottesmordes ersparen können. Die Anschuldigunge von Ritualmord (in der klassischen Form seit 1144 in Norwich), Hostienschändung und – speziell bei der Pestpogromen – Brunnenvergiftung wären viel bessere Argumente und Beispiele des religiös motivierten Hasses gegen die Juden im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Selbstverständlich spielte die Kirche (nicht nur in der Prämoderne!) eine bedeutende Rolle beim Entstehen solcher mörderischen Vorwürfe. Mit etwas mehr Aufmerksamkeit hätte caruso entdeckt, dass gerade das im Zentrum des Artikels desselben Autors über die Hohen Feiertage (Audiatur Online) stand. Mit noch weniger Aufwand hätte caruso sich über den Autor kurz informiert und mit Entsetzen entdeckt, dass der Autor im Moment nicht unbedingt eine „höhere Position in einer oder der Gemeinde hat“. Wer die plumpe Keule schwingt, denkt simpel: Rabbiner gleich Gemeinderabbiner. Und ein Gemeinderabbiner sei (so caruso) kraft seines Amtes dazu verpflichtet, es der „Christenwelt nicht leicht zu machen“.
      So wird ein Weltbild skizziert, in dem die Juden immer nur die Opfer und die Kirche der boshafte Täter wären. Die gesamte (freilich hoch ambivalente) augustinische Lehre sowie (ebenfalls ambivalenter und keineswegs uneigennütziger) Judenschutz im Mittelalter haben in solch einem simplen Weltbild keinen Platz. Ambivalenz ist den Menschen zu kompliziert, die gerne schwarz-weiss denken. Ebenso wenig Platz in der „lacrimosen“ (wie der jüdischer Historiker Cecile Roth das bezeichnete) Einseitigkeit des Opfer-Täter-Denkens hat die historische Tatsache, dass viele kirchliche und weltliche Herrscher der „Christenwelt“ (wie caruso sie bezeichnet) „Zedaka und Mischpat“ den Juden gegenüber walten liessen. Zu Deutsch etwa: „wohltuende Gerechtigkeit und faire Gerichtsbarkeit“. Dass Zedaka und Mischpat als ein unermesslich wertvolles, gemeinsames jüdisch-christliches Fundament der abendländischen Zivilisation im Zentrum der Theologie von meinem Lehrer Rabbiner Shlomo Riskin stehen, ist mit dem carusianischen Keulenschwingen nicht zu vereinbaren. Konsequent von caruso wäre, sich an Rabbiner Riskin zu wenden und ihm sein Engagement im jüdisch-christlichen Dialog ab sofort zu verbieten. Soll caruso zuliebe auch die „Allee der Gerechten der Welt“ in Israel ausgerottet werden, in der Dank an viele, u.a. christliche Retter der Juden während der Schoa auf poetische Art zur Sprache gebracht wird? Das alles zählt aber nicht, weil es (so caruso) „eher untypische Beispiele“ der sehr komplexen Interaktion des „Christenwelt“ mit der „Judenwelt“ seien. Die Komplexität ist den einfachen Gemüten unheimlich.
      Kol ha-possel, baMumo possel – sagte der Talmud lange bevor Jesus sagte: „Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?“ Verzeihung! Ein Rabbiner, der Matthäus 7 zitiert, bringt einen caruso völlig auf die Palme! In unserem Fall ist es nicht mal ein Balken, sondern eine dicke, grobe Holzkeule, mit der sich caruso auf dem eleganten Fechtplatz von Audiatur lächerlich macht. So merkt der Kirchen-Hasser caruso nicht, dass er selber der beste Vertreter eines pseudo-kirchlichen Dogmatismus ist, indem er die eigene Meinung mit der absoluten Wahrheit verwechselt. „Tut mir leid, ABER SO IST ES“. – Mit dieser amüsanten Dogmatik endet der Kommentar von caruso. Auch mein Kommentar endet hier. Herzlichen Dank an alle Zuschauer eines ungleichen Schaukampfes: Das Rapier gegen Holzbalken.

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