Zeigen einer Israelflagge bei einer Demonstration, 2013. Foto Fatelessfear, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=27467260
Zeigen einer Israelflagge bei einer Demonstration, 2013. Foto Fatelessfear, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=27467260
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Ende Januar veröffentlichte die englischsprachige Website der israelischen Tageszeitung Haaretz einen Artikel, in dem der Autor, Ofri Ilany, eine angebliche proisraelische Verschwörung in Deutschland beschrieb. Diese, so glaubt er, reiche von „antideutschen Kommunisten“ – oder kurz: „Antideutschen“ – bis hin zu der „neoliberalen ökonomischen Rechten“ und habe „beträchtlichen Einfluss in der Zivilgesellschaft und in den Redaktionen der wichtigsten Zeitungen in Deutschland“.

Wow. Laut Ilany ist diese imaginäre Front wahnsinnig mächtig: „Antideutsche“ zensieren die öffentliche Meinung, indem sie „jeden“ (!) angreifen, der „auch nur ein bisschen kritisch gegenüber der israelischen Politik ist“ (seltsam, dass man diese mächtige Maschinerie nie in Aktion sieht und sie auch nichts zu bewirken scheint) und kontrollieren die deutschen Medien, glaubt er weiter. Und das, obwohl sie laut Ilany „allerhöchstens ein paar Tausend Aktivisten zählen“ und „an einen bizarren Kult erinnern“.

Die Schlagzeile von Ilanys Artikel lautet: „Deutschlands proisraelische Linke hat ein neues Ziel im Fadenkreuz: Juden“. Schon der erste Teil ist irreführend, denn Ilany hat, wie der Artikel zeigt, gar nicht die Absicht, sich mit „Deutschlands proisraelischer Linken“ in ihrer Gesamtheit zu befassen (wozu etwa proisraelische Abgeordnete der Sozialdemokraten, der Grünen und ja, sogar der Linken gehören würden, ebenso wie zahlreiche Studentenverbände, Journalisten und Privatpersonen). Stattdessen liegt Ilanys Fokus nur auf einer Splittergruppe der radikalen Linken, den sogenannten „Antideutschen“ eben. Laut Ilany dominierten diese die Debatten über Israel nach Belieben. Erstaunlicherweise habe ich (der ich in Deutschland lebe und die Debatten verfolge) schon seit Jahren nichts mehr von „Antideutschen“ gehört. Ilany offenbar auch nicht, denn der einzige Beleg, den er liefert, ist mehr als zehn (!) Jahre alt. Ilany erzählt, wie er „vor über einem Jahrzehnt“ einen gewissen „Thomas“ getroffen habe. Das sei auf einer „linksradikalen Demonstration in Berlin“ gewesen, bei der gegen die Feiern zum Jahrestag der Deutschen Einheit demonstriert worden sei. Dort sei der Autor „überrascht“ gewesen, so viele Demonstranten mit israelischen Flaggen zu sehen. „Thomas“ habe ihm dann erklärt, er sei „Antinationalist“ und hasse jede Flagge, „ausser der israelischen“, weil Israel die „Antwort auf den Faschismus“ sei. Heute sei „Thomas, der enthusiastische Demonstrant“, der „Redakteur einer einflussreichen Kulturkolumne in einer deutschen Zeitung“. Den vollen Namen verrät Ilany nicht.

Auf dem dürftigsten aller Beweise – ein anonymer Mann, den er vor über einem Jahrzehnt irgendwo getroffen hat – baut Ilany die verstiegene Behauptung auf, dass die „Antideutschen“ „beträchtlichen Einfluss“ hätten:

„Antideutsche Sympathisanten sind heutzutage die treibende Kraft hinter den von Journalisten und in den sozialen Medien geführten Attacken auf Institutionen in Berlin, insbesondere jenen, die sich mit jüdischer Geschichte und sogar mit Antisemitismusforschung beschäftigen.“

Es scheine, schreibt Ilany weiter,

„als wäre niemand in der Lage, den Wahnsinn der Antideutschen zu stoppen, die an proisraelische Evangelikale oder rechtsextreme Gruppierungen erinnern.  

Die Dinge hätten „einen Punkt erreicht“, wo die israelische Regierung, sollte sie entscheiden, „alle Palästinenser zu vertreiben oder den Libanon zu annektieren“, keine Kritik vonseiten der deutschen Presse zu befürchten hätte, weil „ihre erbitterten Verteidiger“ dies zu „verhindern“ wüssten! Und schliesslich sind die „Antideutschen“ auch noch schuldig an der Vorbereitung eines Völkermords:

„Auf Demonstrationen und in Facebookeinträgen dieser linken Gruppe gibt es Forderungen danach, eine Atombombe über dem Gazastreifen abzuwerfen – also Rufe nach einem Völkermord.“

Eine bizarre Behauptung, die Ilany leicht abgewandelt am Ende des Artikels wiederholt, wo er behauptet:

„Unter dem Banner des Kampfes gegen Antisemitismus ist es möglich, mörderische Aktionen zu rechtfertigen…“

Was in Ilanys Text auffälligerweise fehlt, sind glaubhafte Belege – oder überhaupt irgendwelche Belege –, um seine schwerwiegenden Behauptungen zu stützen. Er macht sich nicht einmal die Mühe, echte Quellen zu zitieren. Die einzige „Quelle“ – wenn man sie denn so nennen will – sind besagter „Thomas“ (der „leidenschaftliche junge Deutsche“, wie er auch im Text heisst), jene anonymen Äusserungen auf Facebook (wenn es sie denn überhaupt gibt) und „die hebräische Wikipedia“, wo Ilany nachgeschaut hat, um eine Definition des Gegenstands zu bekommen, über den er schreibt: „Die hebräische Wikipedia definiert Antideutsche als eine ‚antinationalistische kommunistische Bewegung’.“ Es ist schon merkwürdig, dass er auf die hebräische Wikipedia zurückgreift, wenn er über einen politischen Diskurs schreibt, der ganz und gar auf Deutsch stattgefunden hat. Er scheint immer die am wenigsten verlässliche Quelle zu wählen.

Werfen wir einen Blick auf Ilanys Pappkameraden, die „Antideutschen“. Das Thema ist eigentlich so alt, dass es scheint, Ilany hätte viele Jahre einfach verschlafen. Am häufigsten verwendet wurde der Begriff wahrscheinlich gegen Anfang des Jahrhunderts. Google Trends zeigt, dass die Frequenz der Benutzung dieses Worts in einem stetigen Abwärtstrend begriffen ist und dass schon, seit dieser Google-Dienst im Jahr 2004 eingerichtet wurde. Ausser Ilany spricht kaum noch jemand von „Antideutschen“. Und warum eigentlich erzählt er uns von jemandem, den er vor über einem Jahrzehnt getroffen hat? Wie kann das relevant sein? Ist es nicht. Doch weil Ilany anscheinend in jüngerer Zeit mit keinem Deutschen gesprochen hat, der sich selbst als „proisraelischer Linker“ identifiziert und auch keine relevanten Bücher oder Zeitungsartikel gelesen hat, ist diese mysteriöse Person das Beste, was er aufzubieten hat. Alles, was Ilany über Antideutsche herausgefunden hat, passt in einen Satz:

„Es fing in den späten 1980er Jahren als ein exotische Abspaltung der maoistischen Linken an, deren Mitglieder die Legitimation eines deutschen Staates nach dem Nazismus bestritten, unter dem Slogan ‚Nie wieder Deutschland’“.

Das ist alles. Und auch dies kann unmöglich stimmen, weil sich jener Slogan gegen die deutsche Wiedervereinigung richtete, die vor 1990 niemand hatte kommen sehen. Darum kann es nicht „in den späten 1980er Jahren“ gewesen sein. Was also ist ein Antideutscher? Ich fragte den bekannten Journalisten, Audiatur-Online- und Buchautor Alex Feuerherdt (50), der kürzlich ein Buch über die Anti-Israel-Haltung der Vereinten Nationen veröffentlicht hat, regelmässig Vorträge über Israel und Antisemitismus hält und im Lauf seiner Karriere für verschiedene linke Publikationen geschrieben hat. Er erklärt:

Bei den Antideutschen ging es um das Thema Nationalsozialismus und dessen Aufarbeitung und dabei vor allem um die Rolle des Antisemitismus. Zudem wurden potenzielle deutsche imperiale Bestrebungen analysiert und herausgestellt, was das spezifisch Deutsche daran ist. Einige dieser Leute nannten sich dann Antideutsche.“

Später seien dann andere Themen wichtig geworden, wie die zweite Intifada und der Elfte September:

”Das brachte eine Spaltung der Linken, bei der es vor allem um Frage der Haltung zu Israel ging: Für einen Teil der Linken war klar, dass man die zweite Intifada – die ja das Ergebnis des Scheiterns der Friedensverhandlungen von Camp David war – nicht unterstützt. Darüber war ein Konsens in der Linken damals nicht möglich und ist es bis heute nicht. Es entstand eine signifikante Strömung, die sagt: Wir unterstützen die Verteidigung Israels und kritisieren die deutsche Ideologie mit der zentralen Rolle des Antisemitismus.“

Free Gaza from Hamas

Dass die Verteidigung Israels und der Kampf gegen den Antisemitismus „oben auf der Agenda stehen“, sei „die zentrale Grundlage in den Anfängen der Antideutschen“ gewesen, so Feuerherdt. „Damals gab es viel Streit, Spaltungen, Freundschaften gingen an der Frage des Verhältnisses zu Israel zu Bruch. Heute sind viele junge Leute in der Linken proisraelisch, die diese Erfahrungen gar nicht mitgemacht haben.“

Auch Feuerherdt ist der Ansicht, dass der Begriff „Antideutsche“ schon eine Patina hat: Heutzutage würden sich die Vertreter dieser Richtung eher als „Ideologiekritiker“ bezeichnen. Viele ihrer Argumente rühren von der Frankfurter Schule her, Adorno, Horkheimer, dazu der vor einigen Jahren verstorbene amerikanische Historiker und Philosoph Moishe Postone. Ihre wichtigste Publikation ist die Bahamas, eine philosophische Vierteljahresschrift, die seit 1992 erscheint. „Und, wollen sie Atombomben auf den Gazastreifen werfen?“, frage ich Feuerherdt. „Das ist natürlich Blödsinn“, sagt er.

„Antideutsche würden sagen: Wir wollen die Welt so einrichten, dass alle Menschen gut leben können, das gilt auch für die Palästinenser. Eine populäre Parole lautet: Free Gaza from Hamas. Das heisst nicht, eine Bombe auf den Gazastreifen zu werfen. Wer das behauptet, ist irre. Das ist ebenso absurd wie Atombomben auf Teheran. Aber das man dem iranischen Regime das Handwerk legen und regime change herbeiführen muss, dass man den politischen Islam zu bekämpfen hat – auch und insbesondere in den Palästinensischen Gebieten – das ist in der Antideutschen Konsens.“

Egal, ob man mit dieser spezifischen Strömung in der deutschen Linken übereinstimmt oder nicht, eines sind deren Vertreter nicht: jene Karikaturen, als die Ilany sie darzustellen versucht. Doch er benötigt den angeblichen „bizarren ideologischen Kult“ als Pappkameraden. In einem nächsten Schritt behauptet er implizit, alle proisraelischen Linken – oder gar alle Unterstützer Israels überhaupt – in Deutschland seien Teil des von ihm geschmähten „Kults“. Indem er alle Israelfreunde unter dem Etikett „Antideutsche“ in einen Topf wirft, meint er, sie alle lächerlich machen und verleumden zu können, wobei der einzige Beleg für seine verrückten Unterstellungen das ist, was er irgendwo auf Facebook gelesen oder vor über zehn Jahren von „Thomas“ gehört hat.

Wie sich zeigt, verfolgt er damit einen Zweck in der Gegenwart. Im letzten Teil seines Artikels bewirft er alle mit Schmutz, die das sogenannte Jüdische Museum Berlin kritisiert haben, das in den letzten Jahren zu einer Bastion von BDS und Anti-Israel-Propaganda in der deutschen Hauptstadt geworden ist und Seyed Ali Moujani, den Kulturattaché des iranischen Regimes, herzlich willkommen geheissen hat. Das „Jüdische Museum“ wurde zu einer Institution gemacht, die von Kritikern auch als „antijüdisches Museum“ bezeichnet wird. Kritik wurde u.a. von Zeitungen und Politikern geäussert, von der Jüdischen Gemeinde Berlin, dem Zentralrat der Juden in Deutschland („Das Mass ist voll“, sagte dessen Vorsitzender Joseph Schuster) sowie von mehr als 500 jüdischen Intellektuellen. Doch Ilany sieht „Antideutsche“ als die Strippenzieher, sie seien die „treibende Kraft“ hinter der Kritik und hätten den Museumsdirektor Peter Schäfer, „einen Gelehrten der jüdischen Studien“, „verunglimpft“. Das ist falsch. Niemand hat Schäfer verunglimpft. Er wurde kritisiert, weil er, wie es der israelische Journalist Eldad Beck ausdrückte, aus dem Museum „eine Art Koscher-Zertifikat für die Industrie der Israelkritik“ gemacht hatte. Wo ist der Beleg dafür, dass Schäfer „verunglimpft“ wurde? Warum führt Ilany ihn nicht an? Auch hier wieder: gravierende Behauptungen, null Beweise. Wo wir gerade davon reden: Wie lautete noch mal die Schlagzeile von Ilanys Beitrag? „Deutschlands proisraelische Linke hat ein neues Ziel im Fadenkreuz: Juden“. Diese Anschuldigung wiederholt Ilany im letzten Absatz seines Textes:

„Es stellt sich heraus, dass es unter dem Banner des Kampfes gegen den Antisemitismus möglich ist, mörderische Handlungen zu rechtfertigen, die Meinungsfreiheit zu verletzen, Juden in den Schmutz zu ziehen und vor allem die Vernunft zu verspotten.“

Und doch, in seinem gesamten Beitrag nennt Ilany keinen einzigen Juden, der von Antideutschen oder sonst irgendjemandem angegriffen bzw. „in den Schmutz gezogen“ worden wäre. Ist Ilany wirklich so naiv anzunehmen, Peter Schäfer sei Jude, nur weil er der Direktor von Berlins „jüdischem Museum“ war? Nun, Schäfer ist kein Jude – ganz im Gegensatz zu vielen seiner Kritiker, die Ilany, jawohl: in den Schmutz zieht.

Solidarität mit Israel

Es macht ihm nichts aus, wenn ein von der Regierung finanziertes deutsches Museum, das sich „jüdisch“ nennt, die abscheulichsten Antisemiten umschmeichelt. Wenn jedoch deutsche und ausländische Staatsbürger den verantwortlichen Direktor des Museums kritisieren, dann geht das für ihn gar nicht.

Ilanys Artikel enthält keine Fakten und Argumente. Das dient seinem Ziel natürlich viel besser, als wenn er echte Recherchen angestellt hätte, denn der einzige Zweck des Textes besteht darin, die deutsche pro-israelische Linke (und überhaupt jeden Freund Israels) zu verleumden, ein Ziel, das er am besten mit Klatsch und Tratsch aus dubiosen anonymen Quellen erreicht. Ilany sagt:

„Tatsächlich interessieren sich Israels deutsche Verteidiger nicht wirklich für Israel: Der jüdische Staat scheint das Zentrum ihrer Welt zu sein, aber ihr Wissen über die israelische Politik und Gesellschaft ist normalerweise sehr begrenzt. Was sie interessiert, ist die Pflege ihrer eigenen Selbstgerechtigkeit, die schockierende Ausmasse erreicht. “

Nun, Ilany weiss auch nichts über Deutschland und all die Dinge, über die er schreibt. Er kultiviert seine eigene Selbstgerechtigkeit, indem er alle deutschen Freunde Israels beleidigt: Linke, Liberale, Konservative, Christen, Atheisten – für ihn sind sie alle „Anti-Deutsche“, die eine Meise haben. Nachdem er all diese verschiedenen Menschen zusammengeworfen hat (von denen er wahrscheinlich nie jemanden getroffen hat, ausser „Thomas“), fällt er ein Pauschalurteil: Sie alle „verspotten die Vernunft“, behauptet er. Hat er jemals einen seiner eigenen Artikel gelesen? Seine letzte Beleidigung gegen Israels deutsche Freunde: Wenn sie am Holocaust-Gedenktag über die iranische Bedrohung sprechen, dann verwandeln sie den „Holocaust-Tag in einen Iran-Tag“. Ich habe Feuerherdt danach gefragt. Er sagt:

Das Gedenken ist eine gute und wichtige Sache. Aber die Konsequenz aus „Nie wieder Auschwitz“ muss heissen, dem iranischen Regime in den Arm zu fallen und zu verhindern, dass es eine Atombombe produzieren kann, die dann auf Israel geworfen wird. Darum ist die Konsequenz völlig richtig. Man fragt: Was hat aus der deutschen Geschichte und aus Auschwitz zu folgen? Die Solidarität mit Israel und die Verteidigung Israels gegen seine Feinde.“

Dafür wird Ilany ihn hassen. Aber er sollte trotzdem mal mit Alex Feuerherdt reden. Dann bekäme er authentische Zitate eines proisraelischen deutschen Linken, der tatsächlich existiert – statt sich eine proisraelische Verschwörung ausdenken zu müssen, die nur in Ilanys Einbildung existiert.

Über Stefan Frank

Stefan Frank ist freischaffender Publizist und lebt an der deutschen Nordseeküste. Er schreibt regelmässig über Antisemitismus und andere gesellschaftspolitische Themen, u.a. für die „Achse des Guten“, „Factum“, das Gatestone Institute, die „Jüdische Rundschau“ und „Lizas Welt“. Zwischen 2007 und 2012 veröffentlichte er drei Bücher über die Finanz- und Schuldenkrise, zuletzt "Kreditinferno. Ewige Schuldenkrise und monetäres Chaos."

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