Foto Dr. Fatih Erbakan / Yeniden Refah Partisi / Twitter
Foto Dr. Fatih Erbakan / Yeniden Refah Partisi / Twitter
Lesezeit: 5 Minuten

Die Türkei scheint die Coronakrise relativ gut zu bewältigen, wenngleich die niedrigen Fallzahlen zeigen, dass nur eine geringe Zahl an Tests durchgeführt wird. Fromme türkische Muslime machen finstere anti-türkische Mächte und natürlich die Juden dafür verantwortlich, das Virus auf die Welt losgelassen zu haben.

von Burak Bekdil

Der Kampf der Türkei gegen das Coronavirus (COVID-19) wird allgemein als vernünftig, rechtzeitig, recht gut geplant und relativ effektiv angesehen. Zu einem Zeitpunkt, da es in Deutschland bereits 7.000 (und in den Niederlanden und Grossbritannien jeweils etwa 2.000) Fälle gab, lag die Zahl in der Türkei bei nur 98. Und als am 19. März die Zahl der Todesfälle in Italien die der 4.400 in China überschritt, betrug die Zahl der Todesopfer in der Türkei lediglich drei. Die Regierung riegelte die Grenzen – am wichtigsten die zum Iran – gerade rechtzeitig ab, verbot alle öffentlichen Versammlungen und Veranstaltungen, einschliesslich Fussballspielen, ordnete die Schliessung der meisten Geschäfte an und startete eine wirksame Sensibilisierungskampagne, damit die Türken zu Hause blieben. Rund 3.000 türkische Pilger wurden nach ihrer Reise nach Mekka unter Quarantäne gestellt. Laut einer Umfrage waren Mitte März 100 % der Türken für das Thema Coronavirus sensibilisiert.

Einige Fragen blieben jedoch unbeantwortet. Warum hatten die türkischen Religionsbehörden zuvor 21.500 Menschen überhaupt erlaubt, nach Mekka zu reisen? Wäre es für sie nicht sicherer gewesen, ihre Pilgerreise erst dann anzutreten, wenn die Welt wieder im Normalzustand ist? Und warum wurden nur 3.000 Pilger unter Quarantäne gestellt? Die anderen 18.500 Rückkehrer aus Mekka laufen frei in der Türkei herum.

Auch die folgende Frage stellt sich: War die Zahl der Fälle in der Türkei aufgrund der Regierungszensur so gering? Nein, der „türkische Erfolg“ ist viel einfacher zu erklären. Die Zahl der gemeldeten Fälle in der Türkei war niedrig, weil die Zahl der in der Türkei durchgeführten Tests niedrig war. Bis zum 16. März hatte die Türkei nur 2.800 Tests durchgeführt (mit zwei positiven Ergebnissen bei einer Bevölkerungszahl von 83 Millionen). Im Vergleich dazu hat Südkorea 250.000 Tests durchgeführt (mit 8.100 positiven Ergebnissen bei einer Bevölkerungszahl von 51 Millionen). So einfach ist das: Wenn man die Leute nicht testet, werden auch keine Fälle verzeichnet.

Das Coronavirus in der Türkei wirft, wie so vieles in diesem Land, ein Licht auf den schwarzen Humor in dieser Tragödie. Wie immer gilt, die Türkei ist klasse, wenn man nicht dort leben muss.

Professor Ali Erbaş, Präsident des Diyanet, der höchsten religiösen Behörde der Türkei, hielt eine Freitagspredigt, in der er Muslime dazu anhielt, keine vollgedrängten Veranstaltungen zu besuchen. Er hielt diese Predigt in einer Moschee mit 5.000 Besuchern. Einige Tage später gab das Diyanet eine Fatwa heraus, mit der Freitagsgebete auf unbegrenzte Zeit ausgesetzt werden.

Türken sind tapfere Leute und fromme Türken sind offensichtlich die tapfersten von allen. Grosse Gruppen von Muslimen protestierten wegen der Aussetzung der Freitagsgebete gegen das Diyanet und argumentierten, Gebete würden die Frommen doch zweifellos vor allem Bösen schützen, auch vor einem dummen kleinen Virus. Aber wie „gebildetere“ Türken, darunter Journalisten und Kolumnisten, die Coronakrise interpretieren, ist noch unterhaltsamer.

Ein islamistischer Autor schlug vor: „Jetzt wo alle Bars und Unternehmen mit Alkohollizenz (vorübergehend) geschlossen sind, sollten wir in Erwägung ziehen, sie wegen des Coronarisikos dauerhaft zu schliessen.“

Ein weiterer behauptete, das „CHP-Virus“ – CHP ist die Abkürzung der wichtigsten nicht-religiösen Oppositionspartei in der Türkei – sei viel gefährlicher als das Coronavirus.

Regierungsfreundliche Medien behaupteten, die wahre Verschwörung aufgedeckt zu haben: Das Virus wurde zum ersten Mal an dem Tag in der Türkei festgestellt, als eine neue Oppositionspartei, DEVA, offiziell eingeführt wurde – das kann doch kein Zufall sein! Jede Oppositionspartei, die Präsident Recep Tayyip Erdoğan herausfordert, ist gleichbedeutend mit einem tödlichen Virus, das die Türkei bedroht.

Andere Islamisten hatten eine intellektuellere, umfassendere Antwort auf das Virus: Sie warfen der Wissenschaft den Fehdehandschuh hin. Sagt uns, ihr Positivisten und Säkularisten: Wo ist euer Heilmittel? Wo ist die „Wissenschaft“, die ihr immer über die Religion stellt?

Die sozialen Medien in der Türkei stellen natürlich eine Fundgrube für „wissenschaftliche“ Interpretationen der Coronakrise dar, viele davon gespickt mit Selbstverherrlichung, Paranoia und Antisemitismus:

  • „Dank der Stärke, die wir von unseren (osmanischen) Vorfahren ererbt haben, werden wir alle Viren und Ungläubigen töten.“
  • „Wir werden das Virus genauso besiegen, wie wir die ganze Welt besiegen werden.“
  • „Die Juden haben das Virus hergestellt und verbreitet, um der westlichen Zivilisation ein Ende zu bereiten.“
  • „Wir werden die internationalen Strippenzieher hinter dem Virus vernichten.“
  • „Das Virus ist nur ein kleiner Teil einer grösseren Strategie gegen die Türkei.“
  • „Das Virus wurde erschaffen, um Erdoğan, den Führer der Umma, zu stürzen.”
  • „Die islamische Armee wird das Virus der Ungläubigen besiegen.“

Viren ändern sich, islamistische Phrasen nicht. Yeniden Refah, eine kleine islamistische Partei, meinte: „Auch wenn wir keine abschliessenden Beweise haben, dient dieses Virus dem Ziel des Zionismus, die Zahl der Menschen zu verringern und ihre weitere Zunahme zu verhindern. Wichtige Forschungsarbeiten belegen dies. Der Zionismus ist ein fünftausend Jahre altes Bakterium, das Leid über die Menschen gebracht hat.“

Eine kollektive Reaktion, die die türkische Krisenbewältigung präzise zusammenfasst, zeigte sich in einem Fernsehinterview mit ganz gewöhnlichen Bürgern auf dem Marktplatz in Elaziğ, einer Provinz im Osten der Türkei. Eine örtliche Sendeanstalt schickte ein Team zu Interviews mit Einheimischen, nachdem die Reporter mit Entsetzen festgestellt hatten, dass die Strassen und der wichtigste Marktplatz von Elaziğ voller Menschen waren – so sehr, dass die Provinz noch überlaufener war als vor dem Coronavirus. Das Team fragte Passanten: „Was ist mit dem Coronavirus? Haben Sie keine Angst, sich an überlaufenen öffentlichen Orten aufzuhalten?“

Drei der Interviewten zeigten sich zuversichtlich, dass die Macht des Gebets alle Viren besiegen werde. Einige behaupteten, das Coronavirus gäbe es gar nicht – es sei eine Lüge, die von der leichtgläubigen Welt geschluckt werde. Ein weiterer meinte: „Allah schützt den Gläubigen immer“. Ein weiterer steuerte folgende Theorie bei: „Die ganze Welt befindet sich im Krieg mit der Türkei. Dieses Virus ist Allahs Fluch über sie.“

Burak Bekdil ist Kolumnist in Ankara. Er schreibt regelmässig für das Gatestone Institute und Defense News und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Middle East Forum. Darüber hinaus ist er einer der Gründer des Thinktanks Sigma mit Sitz in Ankara. Übersetzung Audiatur-Online.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.