Leere Promenade in Tel Aviv am 27. März 2020. Foto Kobi Richter/TPS
Leere Promenade in Tel Aviv am 27. März 2020. Foto Kobi Richter/TPS
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Die einzige legitime Ausrede, um jetzt von zu Hause wegzugehen, ist der Kauf von Lebensmitteln oder Medikamenten. Ich plane meine wöchentliche Fahrt zum Lebensmittelgeschäft mit höchster Sorgfalt. Ich freue mich eigentlich schon darauf.

Ich fahre die zwei Kilometer zum Laden äusserst langsam. Dabei staune ich darüber, dass wirklich alle Geschäfte geschlossen sind – meine Lieblingsbuchhandlung, die bis gestern noch geöffnet war; die Restaurants (bis auf einige wenige, weil sie nach Hause liefern) und die meist belebten Bürogebäude, in denen jetzt niemand mehr zur Arbeit erscheint. Jeder ist in seinem Haus. Nur Leute, die in Supermärkten, Apotheken, Banken oder Tankstellen arbeiten, dürfen rausgehen.

Die Strassen sind gespenstisch ruhig. Ich vermisse den Verkehr in Tel Aviv. Es gibt kaum öffentliche Verkehrsmittel. Ein Bus fährt an mir vorbei, mit drei Personen an Bord. Der Bahnhof ist geschlossen.

Das Meer ist „gesperrt“ und die Strände sind tabu. Zuwiderhandelnde können mit einer Strafe von mehr als 1.000 Dollar und/oder sechs Monaten Gefängnis bestraft werden.

Zwei Polizisten halten mich an. Sie wollen wissen, wohin ich fahre und wie weit ich von hier entfernt wohne. Man darf sich nicht weiter als 100 Meter von zu Hause entfernen – gerade genug, um mit dem Hund spazieren zu gehen, aber selbst das ist schon problematisch. Die Kinder meines Nachbarn streiten sich darum, wer den Hund ausführt – so oft ist er noch nie an einem Tag spazieren gegangen. Es gibt immer wieder Gruppen von Menschen, die sich den Anordnungen widersetzen und Polizeifahrzeuge durchstreifen die Strassen.

Video Paula Slier

Ich komme früher als geplant im Supermarkt an. Draussen warten etwa zehn Leute, jeder mit einer Maske und etwa zwei Meter von der nächsten Person entfernt – die von der Regierung vorgeschriebene soziale Distanz. Ich brauche zehn Minuten, um einzutreten. Nachdem ich durch die Drehkreuze gegangen bin, weist mich ein Sicherheitsmann an, Handschuhe anzuziehen. Im Inneren ertönt ein dumpfes Summen. Niemand spricht mit den anderen. Es fühlt sich angespannt an. Die Kassiererinnen tragen alle Masken und Handschuhe und sagen ein paar freundliche Worte. Die Regierung hat versprochen, dass die Lebensmittelgeschäfte vorerst geöffnet bleiben, so dass es noch keine Panikkäufe gibt.

IDF unterstützt Polizei

Zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Artikels wurden mehr als 4200 Israelis positiv auf das Coronavirus getestet, wobei die überwiegende Mehrheit der Fälle bisher glücklicherweise mild war. Fünfzehn Patienten sind gestorben, und über 70 befinden sich in einem kritischen Zustand, darunter auch ein 22-Jähriger ohne Vorgeschichte mit Erkrankungen. Die israelischen Verteidigungskräfte erklärten, dass ihre Soldaten die Polizei unterstützen werden, und es sind bereits acht Bataillone im Einsatz.

Leider widersetzt sich ein Teil der ultra-orthodoxen Gemeinschaft der Anordnung, zu Hause zu bleiben. Eine kürzlich durchgeführte Beerdigung zog 400 Menschen an. Die Polizei erwägt daher eine vollständige Abriegelung des religiösen Viertels Bnei Brak. Trotz den Anordnungen, sowohl der Regierung als auch des Oberrabbinats, sind viele Synagogen und einige Spielplätze in der beengten Stadt noch immer geöffnet.

Besonders beunruhigend sind jedoch die steigenden Arbeitslosenzahlen, die vor kurzem 22 Prozent der Bevölkerung überschritten haben. Es wird erwartet, dass die Anzahl Arbeitsloser bis zum Passahfest etwa eine Million erreicht. Die meisten Menschen wurden in unbezahlten Urlaub geschickt. Immer mehr Unternehmen brechen unter den verschärften Auflagen zusammen.

Abstand beim Einkaufen in Tel Aviv. Foto Paula Slier.

Der israelische Oberste Gerichtshof hat eine vom Gesundheitsministerium vorgestellte App genehmigt. Die App verfolgt den Aufenthaltsort einer Person und vergleicht ihn mit den Informationen, die dem Ministerium über die Vorgeschichte von bestätigten Coronavirus-Fällen in den 14 Tagen vor ihrer Diagnose vorliegen. Wenn sich also Ihr Weg mit jemandem kreuzt, der das Virus hat, werden Sie benachrichtigt und in eine zweiwöchige Quarantäne geschickt. Wenn man mit Israelis spricht, befürworten die meisten die Anwendung, aber sie wirft auch Fragen der Privatsphäre auf. Das Ministerium hat den Nutzern versprochen, dass die Informationen sicher sind und nicht für andere Zwecke verwendet werden.

Spezialdrink: Der Quarantini

Wie auch anderswo sind ältere Menschen und Menschen mit chronischen Gesundheitsproblemen in Israel am anfälligsten. Bereits vor zwei Wochen wurde ihnen geraten, ihre Häuser überhaupt nicht zu verlassen. Alle Pflegeheime und Einrichtungen für betreutes Wohnen im Land sind gesperrt und es wurden freiwillige Initiativen ins Leben gerufen. Die Menschen werden ermutigt, alleinlebende alte Menschen anzurufen, um täglich nach ihnen zu sehen. Ausserdem bringen Freiwillige Lebensmittel zu den isolierten Menschen. Es ist nicht klar, wie lange dies noch erlaubt sein wird.

Wenn es eine Sache gibt, die derzeit blüht, dann sind es Humor und Online-Kommunikation. Einer meiner liebsten Aussagen ist zur Zeit: „Der heutige Spezialdrink: Der Quarantini. Es ist ein ganz normaler Martini, aber man trinkt ihn allein zu Hause.“ Wenn aus all dem etwas Gutes hervorgeht, dann ist es, dass wir alle gemeinsam in dieser Lage sind. Ich hoffe, dass ich dabei nicht meinen Sinn für Humor verliere.

Paula Slier

Über Paula Slier

Paula Slier ist eine südafrikanische Journalistin und Kriegsberichterstatterin die im Nahen Osten lebt. Sie ist als Chief Executive des Middle East Bureau für RT sowie als Gründerin und CEO von Newshound Media International tätig.

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