Die Mauern der Altstadt von Jerusalem wurden am Sonntagabend in den Farben der italienischen Fahne beleuchtet, als Zeichen der Solidarität mit dem italienischen Volk während der Krise wegen des Coronavirus. Foto Amichai Stein / Twitter
Die Mauern der Altstadt von Jerusalem wurden am Sonntagabend in den Farben der italienischen Fahne beleuchtet, als Zeichen der Solidarität mit dem italienischen Volk während der Krise wegen des Coronavirus. Foto Amichai Stein / Twitter
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Die moderne Technologie ermöglicht es uns in diesen Tagen der Isolation mit unseren Lieben in Kontakt zu bleiben, doch jeder Kilometer der uns trennt, ist immer noch belastend.

von Fiamma Nirenstein 

Als mein Vater nach dem Zweiten Weltkrieg im kommunistischen Polen inhaftiert war, bestand der einzige Kommunikationskanal unserer Familie mit ihm weit über vier Jahre lang in einem Telefon auf einem Kaffeetisch in Florenz.

Und als er schliesslich abgemagert am Bahnhof in Florenz ankam und getrocknete Pilze und Holzpuppen als Geschenke mitbrachte, war nichts mehr wie vorher. Unser Leben, dass sich durch seine Abwesenheit so enorm verändert hatte, wurde durch seine Rückkehr erneut verändert, erhellt von der Freiheit zu reisen und zu sein wo man will, in der Gesellschaft derer, die man sich wünschte.

Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte spricht darüber in Artikel 13, wo es heisst: „Jeder hat das Recht, sich innerhalb eines Staates frei zu bewegen und seinen Aufenthaltsort frei zu wählen.“ und weiter „Jeder hat das Recht, jedes Land, einschliesslich seines eigenen, zu verlassen und in sein Land zurückzukehren.“

Heute hat uns der Krieg gegen die Coronavirus-Pandemie dazu veranlasst, dieses grundlegende Recht abzuschaffen.

Wir sind hier in Israel mit harten Einschränkungen konfrontiert, darunter die Schliessung von Schulen, das Verbot öffentlicher Versammlungen von mehr als 10 Personen und Zehntausenden unter Selbstquarantäne – aber dafür mit einer relativ geringen Zahl von Infizierten und bisher ohne Todesfälle, dank der rechtzeitigen Massnahmen der Regierung. In Italien sind meine Lieben und Freunde in ihren Häusern eingesperrt, in Isolation. Die Zahl der Infizierten und Toten ist auf jedem Fernsehschirm zu sehen.

Zwischen uns liegen die leeren Flughäfen, verwandelt in Marmor-Denkmäler einer neuen und ungewohnten Zeit. Ich kann nicht mehr über einen weniger als dreistündigen Flug zu meinen Wurzeln zurückkehren, zu meiner Landschaft, meiner Sprache und meinen Lieben. Ich verfolge die Debatten in den italienischen Medien, ich höre meinen Journalistenfreunden zu, die versuchen, Erkenntnisse und Ideen aus einer unpraktischen Situation herauszuquetschen, ich schwitze mit ihnen, ich sehe Nicola Porro krank im Fernsehen und bekomme Angst, ich kontaktiere meine Leute über Whatsapp und über Skype.

Anders als das Telefon auf dem florentinischen Kaffeetisch, über das wir teure Liebesworte mit meinem Vater austauschten, erlaubt mir das Internet jetzt, in der Nähe derer zu bleiben, die mir wichtig sind, sie zu sehen und mit ihnen zu sprechen. Jede Minute piept und zwitschert mein Handy auf Italienisch. Durch das Mittelmeer getrennt, sind wir zusammen. Doch diese Beschränkung auf den virtuellen Raum verschärft die Nostalgie – ohne die Freiheit, sie physisch zu durchqueren, wiegt jeder Kilometer schwer.

Als ich über den Fall der Berliner Mauer berichtete, sah ich wie Kinder massenhaft in die Kaufhäuser im Westen strömten; sie kamen angerannt und blieben dann mit grossen Augen vor Schokolade und Spielzeug stehen, die sie zum ersten Mal sahen. Diese kleinen Freiheiten eröffneten eine emotionale und kognitive Welt. Bewegungen, wie die „Refuseniks“, die jahrzehntelang dafür kämpften die Sowjetunion zu verlassen, wussten sehr wohl, dass es die Freiheit selbst ist.

Wir sollten uns an die Worte des französischen Schriftstellers Alexis de Tocqueville erinnern: „Die Freiheit zieht die Bürger aus der Isolation […] sie wärmt sie und vereint sie jeden Tag mit dem Bedürfnis, einander zu verstehen, einander zu überzeugen und sich gegenseitig zu begünstigen“. Sowohl hier in Israel als auch in Italien kämpfen wir nicht nur gegen eine Krankheit, sondern auch für die Freiheit, ein gemeinsames Ziel, welches uns über das Meer hinweg verbindet.

Die Journalistin Fiamma Nirenstein war Mitglied des italienischen Parlaments (2008-2013), wo sie als Vizepräsidentin des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten in der Abgeordnetenkammer und im Europarat in Strassburg tätig war und den Ausschuss zur Untersuchung des Antisemitismus gründete und leitete. Sie ist Fellow am Jerusalem Center for Public Affairs. Auf Englisch zuerst erschienen bei Jewish News Syndicate. Übersetzung Audiatur-Online

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