Amin el Husseini im Gespräch mit islamischen Freiwilligen, u.a. der
Amin el Husseini im Gespräch mit islamischen Freiwilligen, u.a. der "Legion Aserbaidschan, Berlin, 19.12.1942. Foto Bundesarchiv, Bild 147-0483 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5337525
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Wie ist der islamische Antisemitismus entstanden und welche Rolle spielte der deutsche Nationalsozialismus dabei? Das ist die Frage, der Matthias Küntzel in seinem neuen Buch nachgeht: „Nazis und der Nahe Osten. Wie der islamische Antisemitismus entstand.“

Es ist ein Thema, das in Deutschlands Wissenschaftswelt zuerst durch Klaus Gensickes Studie über die Kollaboration zwischen Hitler und dem Jerusalemer Grossmufti Amin al-Husseini ins Licht gerückt wurde. Gensicke verfasste sie bereits 1988, sie erschien aber erst knapp 20 Jahre später in veränderter Form als Buch, etwa zur gleichen Zeit wie Klaus-Michael Mallmanns und Martin Cüppers Studie Halbmond und Hakenkreuz. Das Dritte Reich, die Araber und Palästina. Matthias Küntzel beschäftigt sich seit geraumer Zeit mit den Wurzeln des Judenhasses in der arabischen Welt. Schon 2003 – auf dem Höhepunkt der „Al-Aqsa-Intifada“ – veröffentlichte er Djihad und Judenhass. Über den neuen antijüdischen Krieg.

Sein neues Buch schlägt einen Bogen vom Judenhass im Koran über Sayyid Qutb – den wichtigsten Ideologen der Muslimbruderschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts („Unser Kampf mit den Juden“, lautet der Titel eines seiner Werke) – und die Unterstützung des NS-Regimes für den „arabischen Volksaufstand“ in Palästina (1936-39) bis hin zur Gegenwart.

Zwar gebe es im Koran „durchaus auch Verse, die die banu Isra’il, ‚die Kinder Israels’, loben“, schreibt Küntzel. Judenfeindliche Aussagen wie „Wahrlich, du wirst finden, dass unter allen Menschen die Juden und die, welche Allah Götter zur Seite stellen, den Gläubigen am meisten Feind sind“, tauchten jedoch weitaus häufiger auf.

Mit dem Grossmufti Amin al-Husseini (1896-1974) wurde der religiöse Judenhass zu einem politischen Programm im Palästina des 20. Jahrhunderts. Gleichzeitig verlieh sein Schlachtruf „Al-Aqsa in Gefahr!“ dem Judenhass die Botschaft eines gleichermassen dringenden und heiligen Abwehrkampfes gegen angebliche Invasoren – das findet sich noch heute im Repertoire von Fatah und Hamas.

In einem kurzen Kapitel über Sayyid Qutb (1906-1966) beschreibt Küntzel, wie dieser den religiösen Judenhass des Koran in die rassistische Kategorie eines seit jeher unveränderten jüdischen Kollektivs umwandelte, dieses gleichzeitig mit bestimmten Verhaltensweisen in Verbindung brachte und selbst hinter arabisch-muslimischen Gelehrten „jüdische Agenten“ vermutete, wenn deren Lehren ihm nicht genehm waren. „Das zeigt“, so Küntzel, „worum es ihm beim Antisemitismus geht: Das seit der Frühzeit des Islam etablierte Feindbild ‚Jude’ wird revitalisiert und ins Masslose vergrössert, um den Vormarsch der Moderne in islamische Gesellschaften zu stoppen.“

Den Kern von Küntzels Buch bilden die beiden Kapitel, die der Zusammenarbeit von NS-Regime und arabischen Führern im britischen Mandatsgebiet Palästina und den Folgen gewidmet sind. 1937 nennt Küntzel „das Jahr der Weichenstellung“. Anfang Juli 1937 empfahl eine von der britischen Regierung eingesetzte Kommission, die – Peel Commission – die Teilung des Mandatsgebiets in einen jüdischen und einen arabischen Teil, während Jerusalem unter internationaler Kontrolle bleiben sollte. Die Reaktionen auf den Plan reichten bis nach Berlin. Husseini schickte zwei Emissäre zu Fritz Grobba, dem deutschen Botschafter in Bagdad. Sie erklärten, dass Grossbritannien nur durch einen „grösseren Aufstand“ zum Verzicht auf den Teilungsplan gezwungen werden könne. Grobba telegrafierte nach Berlin:

„Araber bereiten daher diesen Kampf vor. Einzige Grossmacht, die an arabischem Sieg über Juden Palästinas interessiert sei und zu der Araber volles Vertrauen hätten, sei Deutschland. Oberster arabischer Rat reche daher auf deutsche Hilfe.“

Auch das Nazireich war, wie sich denken lässt, gegen einen wie auch immer gearteten jüdischen Staat. Es bestehe „ein deutsches Interesse an Stärkung des Arabertums als Gegengewicht gegen etwaigen solchen Machtzuwachs des Judentums“, hiess es am 1. Juni 1937 in einem Rundschreiben von Aussenminister Konstantin von Neurath, aus dem der Autor zitiert. Ein Runderlass des Auswärtigen Amtes vom 22. Juni 1937 ist ebenso deutlich: „Die Judenfrage“ sei „eines der wichtigsten Probleme der deutschen Aussenpolitik“. Es bestehe daher „auch ein erhebliches deutsches Interesse an der Entwicklung in Palästina“. Folglich unterstützten die Nationalsozialisten Amin al-Husseini: „Der Grossmufti hat mir […] seinen aufrichtigen Dank für ihm bisher geleistete Unterstützung aussprechen lassen“, zitiert Küntzel eine Mitteilung von Oberst Hans Pieckenbrock, dem Leiter der Auslandsspionage, an seinen Chef Admiral Wilhelm Canaris. „Nur durch die ihm von uns gewährten Geldmittel war es ihm möglich, den Aufstand in Palästina durchzuführen.“ Alfred Rosenberg, Leiter des Aussenpolitischen Amts der NSDAP, schrieb 1938:

„Je länger der Brand in Palästina anhält, umso mehr festigen sich die Widerstände gegen das jüdische Gewaltregime in allen arabischen Staaten und darüber hinaus auch in den anderen moslemischen Ländern.“

Der Reichsführer-SS Heinrich Himmler begrüsst in seiner Feldkommandostelle den Grossmufti von Jerusalem Amin al Husseini. Foto Bundesarchiv, Bild 101III-Alber-164-18A / Alber, Kurt / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5478109
Der Reichsführer-SS Heinrich Himmler begrüsst in seiner Feldkommandostelle den Grossmufti von Jerusalem Amin al Husseini. Foto Bundesarchiv, Bild 101III-Alber-164-18A / Alber, Kurt / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5478109

Zudem bekam Husseini seine eigene Sendung im deutschen Propagandakurzwellenradio. Deren Wirkung beschrieb ein von Küntzel zitierter Bericht des britischen War Office vom 13. Oktober 1939:

„Man kann ganz allgemein sagen, dass die mittlere und untere Klasse den arabischen Sendungen aus Berlin mit grossem Vergnügen lauscht. Sie mögen das feurige ‚saftige’ Zeug, was da rüberkommt; sie amüsieren sich über die verleumderischen und beleidigenden Angriffe auf britische Persönlichkeiten. Doch nicht mal der leichtgläubige Araber aus bescheidenen Verhältnissen kann all das schlucken, was die Deutschen über den Äther schicken. … Was der durchschnittliche palästinensische Araber aber in sich aufnimmt, ist das Anti-Juden-Material. Das will er hören, daran will er glauben und er tut beides. In dieser Hinsicht ist die deutsche Propaganda definitiv erfolgreich.“

Antisemitische Nazipropaganda in arabischer Sprache

Matthias Küntzel ist überzeugt, dass die antisemitische Propaganda aus Berlin eine tiefe und anhaltende Wirkung hatte – bis hin zur Entscheidung der arabischen Führer, 1948 gegen die Juden Palästinas in den Krieg zu ziehen. Zwar habe es dafür eine Gemengelage politischer Motive gegeben, doch die „tollkühne Mobilisierung arabischer Streitkräfte gegen den Teilungsbeschluss der Vereinten Nationen“ habe ein „Bedrohungsszenario“ zur Voraussetzung gehabt – das nicht zuletzt durch die deutsche Propaganda geschürte Gefühl, „durch den Zionismus existenziell gefährdet“ zu werden:

„Dieser Krieg war nicht ‚unvermeidlich’. Er fand trotz all der entgegenstehenden Umstände statt, weil die antisemitische Nazipropaganda in arabischer Sprache das Klima der Nachkriegsjahre prägte und weil in diesem aufgehetzten Klima niemand der Politik des Mufti und der Muslimbruderschaft eine Grenze zu setzen in der Lage war“, so Küntzel.

Hier zeigt Küntzel eine wichtige Verbindung zur Gegenwart auf. Sie besteht nicht nur darin, dass sich PLO-Führer wie Jassir Arafat als Erben des Grossmuftis sahen; auch heute noch werden muslimische Jugendliche durch antisemitische Rundfunkpropaganda indoktriniert. Das, was man auf Berliner Schulhöfen an antisemitischen Verschwörungstheorien hören kann, habe seinen Ursprung auch in Propagandaanstalten wie dem Satellitenfernsehsender Al-Manar der Hisbollah. Die westlichen Staaten müssten gemeinsam Druck ausüben, glaubt Küntzel:

„Wer würde Russland an der Ausstrahlung von al-Manar TV hindern können? Hier kommen nur Regierungen infrage, denen Sanktionsmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Insofern hat der Kampf gegen den islamischen Antisemitismus eine besondere aussenpolitische Dimension. Vor allem müsste Aussenpolitik die derzeitigen Hauptstädte des islamischen Antisemitismus ins Visier nehmen – Ankara und Teheran.“

Wie stehen die Chancen, dass das passiert? Selbst die Alliierten im Zweiten Weltkrieg hätten sich lieber mit Antisemitismus abgefunden, statt ihm entgegenzutreten, schreibt der Autor. Eine solche Tendenz präge leider auch die deutsche Aussenpolitik, die immer unter dem Paradigma der „Ausgewogenheit“ steht: „Es scheint, als wolle auch Berlin nicht in den Verdacht geraten, auf der Seite der Juden zu stehen“, so Küntzel. Auch das also ist eine Kontinuität. Der Autor schliesst sein Buch darum mit einem dringenden Appell:

„Antisemitismus ist kein Thema, das sich für ‚Ausgewogenheit’ und ‚Maklerpositionen’ eignet. Dies gilt besonders in dem Land, das einst die Shoah initiierte und keinen Aufwand scheute, den Judenhass auch unter Muslimen zu schüren. Die Parteilichkeit, die Thomas Mann 1941 einklagte, wird heute wieder gebraucht: ‚Wer nicht gegen das Übel ist, leidenschaftlich und mit ganzer Seele dagegen, der ist mehr oder weniger dafür.’“

Matthias Küntzel: Nazis und der Nahe Osten. Wie der islamische Antisemitismus entstand. Hentrich & Hentrich, Leipzig 2019, 269 Seiten.

Über Stefan Frank

Stefan Frank ist freischaffender Publizist und lebt an der deutschen Nordseeküste. Er schreibt regelmässig über Antisemitismus und andere gesellschaftspolitische Themen, u.a. für die „Achse des Guten“, „Factum“, das Gatestone Institute, die „Jüdische Rundschau“ und „Lizas Welt“. Zwischen 2007 und 2012 veröffentlichte er drei Bücher über die Finanz- und Schuldenkrise, zuletzt "Kreditinferno. Ewige Schuldenkrise und monetäres Chaos."

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