Wiesenthal-Zentrum erhält Liste von Nazis in Argentinien mit Konten bei der Credit Suisse

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15 000 Menschen haben sich am 10. April 1938 in Buenos Aires bei einer Kundgebung zur Unterstützung Hitlers versammelt. Foto Delegación de Asociaciones Israelitas Argentinas DAIA
15 000 Menschen haben sich am 10. April 1938 in Buenos Aires bei einer Kundgebung zur Unterstützung Hitlers versammelt. Foto Delegación de Asociaciones Israelitas Argentinas DAIA
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In Argentinien ist eine Liste mit den Namen von 12.000 Nazis aufgetaucht, die in Argentinien eine Auslandsorganisation (AO) betrieben und Konten bei der Schweizer Grossbank Crédit Suisse – ehemals Schweizerische Kreditanstalt – besessen haben sollen. Das hat das Simon Wiesenthal Center (SWC) in einer am 2. März veröffentlichten Erklärung mitgeteilt. Die Liste könnte Hinweise auf Vermögen enthalten, die von jüdischen Opfern geplündert wurden, so das SWC.

Dass sie überhaupt aufgetaucht ist, ist den Ermittlungen des argentinischen Staatsanwalts Pedro Filipuzzi zu verdanken. Sie wurde in einem alten Lagerraum im ehemaligen Nazi-Hauptquartier von Buenos Aires gefunden und inzwischen dem Direktor für internationale Beziehungen des Simon Wiesenthal Centers, Dr. Shimon Samuels, und dem Direktor für Lateinamerika, Dr. Ariel Gelblung, übergeben.

Zum historischen Zusammenhang, in dem die Liste zu sehen ist, weist das Simon Wiesenthal Center in seiner Erklärung darauf hin, dass Argentinien in den 1930er Jahren Anziehungspunkt für deutsche Nationalsozialisten war. Aus Sicht des SWC begann das schon früh, unter der Präsidentschaft von Diktator José Félix Uriburu (1930-32), der wegen seiner deutschfreundlichen Haltung den Spitznamen „Von Pepe“ trug. Er, vor allem aber sein Nachfolger Agustín Pedro Justo  (1932-38) hiessen eine wachsende Nazigemeinschaft in Argentinien willkommen. 1938 wurde Justo vom Anti-Nazi-Präsidenten Roberto Ortiz ersetzt, der eine „Sonderkommission zur Untersuchung antiargentinischer Aktivitäten“ einsetzte, um Argentinien zu entnazifizieren.

„Bis 1938 jedoch“, so Samuels, „gab es in Argentinien die NSDAP/AO (Auslandsorganisation der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei) mit offiziell 1.400 Mitgliedern.“ Daneben habe eine NS-Tarnorganisation namens „Unión Alemana de Gremios“ (Deutsche Union der Syndikate) existiert, vormals „Frente Aleman del Trabajo“ (Deutsche Arbeitsfront) genannt. 8.000 weitere Personen hätten damals in Argentinien anderen NS-Organisationen angehört. „Dazu gehörten deutsche Unternehmen wie die IG Farben (der Lieferant von Zyklon-B-Gas, mit dem Juden und andere Opfer des Nationalsozialismus ausgerottet wurden) und Finanzinstitute wie die Banco Alemán Transatlántico und die Banco Germánico de América del Sur. Diese beiden Banken dienten offenbar für Nazi-Überweisungen in die Schweiz“, erklärte Samuels. Gelblung fügte hinzu: „Viele der aufgeführten Namen waren mit nationalsozialistischen Unternehmen verbunden, die während des Zweiten Weltkriegs von den USA und Grossbritannien auf die schwarze Liste gesetzt wurden.“

Beispiel für das gefundene Material der Cåmara de Diputados de la Nación. Foto Simon Wiesenthal Center

Bei einer Razzia in den Räumen der Unión Alemana de Gremios geriet die Liste nebst allen anderen Akten der Organisation in die Hände der Sonderkommission zur Untersuchung antiargentinischer Aktivitäten. Zwischen 1941 und 1943 wurden die Dokumente von der Cámara de Diputados de la Nación (dem Unterhaus des Parlaments) durchforstet, dabei wurde ein Bericht erstellt, in dem die Überweisungen von Argentinien in die Schweiz aufgelistet wurden – darunter auch Überweisungen an Konten bei der Schweizerischen Kreditanstalt, der heutigen Credit Suisse, so das SWC. 1943 dann übernahm eine Gruppe von Pro-Nazi-Offizieren die Macht im Land. Die Sonderkommission wurde aufgelöst, ihre Berichte verbrannt. Im ehemaligen Nazihauptquartier in Buenos Aires aber fand Filipuzzi nun ein Original der Liste, die er dem SWC übergeben hat. Ein Foto davon hat das SWC ins Internet gestellt. In einem Brief an den Vizepräsidenten der Credit Suisse, Christian Küng, erklärte das SWC:

„Wir halten es für sehr wahrscheinlich, dass diese ruhenden Konten Gelder enthalten, die von jüdischen Opfern nach den Nürnberger Arisierungsgesetzen der 1930er Jahre geplündert wurden.“ Das SWC bat um Zugang zu den Archiven der Credit Suisse, „um diese Angelegenheit im Namen der sinkenden Zahl von Holocaust-Überlebenden zu regeln“.

Der Fall erinnert daran, dass die Credit Suisse schon einmal im Mittelpunkt von Recherchen zu Konten aus der Zeit des Nationalsozialismus stand. Damals, in den 1990er Jahren, ging es um die Konten jüdischer Holocaustopfer. Zwischen 1997 und 1999 ermittelte eine Expertenkommission unter Leitung von Paul Volcker, dem ehemaligen Chef der amerikanischen Notenbank und untersuchte die Geschäfte von 60 Schweizer Banken aus jener Zeit. Wie die Schweizer Nachrichtenagentur SDA berichtet, habe die Credit Suisse aufgrund des Berichts zugesagt, bei der Aufklärung der 12.000 mutmasslichen Nazikonten mitzuwirken.

Ein Auszug aus der vom Simon-Wiesenthal-Zentrum in Umlauf gebrachten Namensliste.

Wie die israelische Tageszeitung Jerusalem Post schreibt, ist der Transfer von „Nazigeld“ aus Südamerika für das Simon Wiesenthal Center ein wichtiges Arbeitsgebiet. Es erhoffe sich davon, dass der schwindenden Zahl von Holocaustüberlebenden daraus eine Geldzahlung geleistet werden könne. Eine derzeitige Ermittlung, so die Jerusalem Post, beschäftige sich mit einem Goldtransfer aus Venezuela, der auf Zahngold zurückzuführen sein könnte, das die Nazis in den Vernichtungslagern den Leichen ihrer Opfer herausrissen, ehe sie sie verbrannten.

Dutzende von führenden Nazis, die für den Holocaust verantwortlich waren, darunter Josef Mengele und Adolf Eichmann, der für die Überführung der Juden in die Vernichtungslager verantwortlich war, suchten nach dem Krieg Zuflucht in Argentinien, meist unter falscher Identität, um die Ermittler zu täuschen.

Stefan Frank ist freischaffender Publizist und lebt an der deutschen Nordseeküste. Er schreibt regelmässig über Antisemitismus und andere gesellschaftspolitische Themen, u.a. für die „Achse des Guten“, „Factum“, das Gatestone Institute, die „Jüdische Rundschau“ und „Lizas Welt“. Zwischen 2007 und 2012 veröffentlichte er drei Bücher über die Finanz- und Schuldenkrise, zuletzt "Kreditinferno. Ewige Schuldenkrise und monetäres Chaos."

4 KOMMENTARE

  1. Ihr Kommentar ist eine reine Volksverhetzung. Kein normaler Schweizer kann wissen wer ein Konto über eine andere Bank in den 30iger Jahren bei der dieser Bank eröffnet hat.

    • Mein Kommentare bezieht sich nicht auf den geschriebenen Artikel sondern auf den Kommentar von @caruso. Der die Schweizer pauschal als Saubande bezeichnet.

  2. Die wenigsten Schweizer haben jemals bei dieser Bank gearbeitet noch gewusst wer um 1930(1.November 1936 steht auf der ersten Seite der Liste im Bild weiter oben)Konten angelegt hat. Aber Danke für die liebe Pau­scha­li­sie­rung ihrerseits, dass die ach so sauberen Schweizer eine Saubande seien. Ihr Kommentar ist eine sehr deutliche Volksverhetzung. Damals waren die Juden, die pauschalisierten Opfer. Der geldgierige, wuchernde Jude usw… Gab schon früher einige Aufklärungen mit Offenlegung von jüdischen Konten und Zahlungen. Aber dann hört man wieder nichts von so Leuten wie Ihnen, weil sie ja dann nichts mehr zum Hetzen haben. Man muss es nochmals so deutlich sagen, der Anfang von allem lag in der Hetzerei, dann die verbrannte Erde. Na ja sie wissen schon!

  3. Was für eine Saubande, diese ach so saubere Schweizer! Daß sie während des Krieges aus Angst vor den Nazis handelten wie sie handelten, kann ich verstehen. Aber nachher! Das zeugt nicht von Charakter, von Rückgrat.
    lg
    caruso

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