Warum junge Europäer israelische «Siedler» nicht verstehen können

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2010
Yishai Fleisher ist der internationale Sprecher der jüdischen Gemeinde von Hebron und ein Rundfunksprecher mit einem wöchentlichen Podcast auf The Land of Israel Network. Foto Yossi May Photo, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=84553202
Yishai Fleisher ist der internationale Sprecher der jüdischen Gemeinde von Hebron und ein Rundfunksprecher mit einem wöchentlichen Podcast auf The Land of Israel Network. Foto Yossi May Photo, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=84553202
Lesezeit: 8 Minuten

Als sich im vergangenen Monat die führenden Politiker der Welt in Jerusalem versammelten, um an Auschwitz zu erinnern und der 75 Jahre seit der Befreiung zu gedenken, sass ich mit zwei Deutschen in meinem Büro in Hebron. Diese beiden jungen Männer, aufstrebende Journalisten, hatten bereits in einigen der angesehensten deutschen Zeitungen geschrieben und verbrachten ein Semester an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Sie waren nach Hebron gekommen, um sich selbst ein Bild vom arabisch-israelischen Konflikt zu machen – und heute war mein Tag, um den Fall der jüdischen „Siedler“ zu erläutern.

von Yishai Fleisher

Wir sprachen über die aktuellen Themen, darunter das Gedenken an Auschwitz und die Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Jerusalem. Dann erläuterte ich die Geschichte des jüdischen Hebrons und sprach über die überraschend guten Beziehungen zwischen der jüdischen Gemeinde der Stadt und einigen ihrer arabischen Clans.

Eine Frage tauchte jedoch immer wieder in verschiedenen Formen auf: Warum sind Sie wirklich hier? Warum ist Hebron für Sie wichtig? Warum leben Sie in einer gefährlichen Nachbarschaft, wo Sie nicht erwünscht sind?

Ich sagte ihnen, dass Hebron ein wesentlicher Faktor für die jüdische Identität ist, weil in der Stadt der erste Immobilienkauf des jüdischen Volkes im Land Israel stattfand. Ich erzählte ihnen von der besonderen Bedeutung des Grabmals der Patriarchen, der Gründer des jüdischen Volkes und von der ununterbrochenen jüdischen Präsenz in Hebron seit der Antike. Ich ging die klassischen Antworten durch. Es wurde jedoch deutlich, dass meine deutschen Gäste nicht wirklich verstanden, was ich sagte.

Meiner Erfahrung nach ist dieses Unverständnis für die jüdische Sehnsucht nach dem Land Israel ein immer wiederkehrendes Phänomen bei jungen Europäern – die Standardantworten über den Zionismus sind für sie einfach nicht nachvollziehbar. Man könnte es dem klassischen Antisemitismus zuschreiben, aber diese Erklärung passt nicht; diese jungen Männer sind nicht mit den judenfeindlichen Gesinnungen des alten Europa aufgewachsen.

Also beschloss ich, die Vorgehensweise zu ändern und mich direkt mit dem eigentlichen Thema zu befassen, nämlich dass die jungen Europäer und ich offenbar zwei verschiedene Sprachen zu sprechen schienen. Ich begann damit zu erklären, dass es drei Säulen gibt, die das Fundament für Israel stützen: die biblische Geschichte, der Nationalismus und die Erinnerung an den Holocaust.

Die Bibel ist tot

Um Israel zu verstehen, muss man eine Ahnung von der Heiligen Schrift haben. Die Bibel kann als religiöser Text, als historischer Text oder als beides angesehen werden, aber wie auch immer man es sieht, die Bibel beschreibt eine tiefe und natürliche Verbindung zwischen Juden und dem Land Israel. In der Vorstellung eines bibelbewussten Menschen erinnert das Wort „Hebron“ an die Geschichte von Abrahams Kauf, an Jakobs Begräbnis, an König Davids erste Hauptstadt und vieles mehr. Für Menschen wie Israels ersten Premierminister David Ben-Gurion stellte die Bibel, die vom jüdischen Leben im Land Israel und von zahlreichen Berichten über Exil und Rückkehr erzählt, das grundlegende Dokument des Zionismus dar, auch wenn er selber nicht religiös war.

Aber für viele Europäer ist die Bibel bedeutungslos. Sie kennen sie überhaupt nicht, und sie glauben sicherlich nicht an ihre Wahrhaftigkeit als historisches Dokument oder religiösen Text. Für meine jungen deutschen Journalistenfreunde ist das Zitieren der Bibel wie die Lektüre eines mittelalterlichen Zauberbuches. Sie sehen sie zumindest als irrelevant, allenfalls als völlig rückständig an.

Das heutige Europa ist eine postreligiöse Gesellschaft und der dramatische Rückgang der Kirchenbesuche ist bekannt. Alles was nach Gottes Wort klingt ist verdächtig und Geschichten über die Hand Gottes, welche die Hebräer beschützt, gelten alles andere als überzeugend.

Der Brite Lord Arthur Balfour, Autor der berühmten Balfour-Erklärung von 1917, war ein frommer Gläubiger und ein Freund der Bibel. Seine Bemühungen waren zutiefst vom Bewusstsein der Bibel geprägt. Aber im heutigen Europa ist die Bibel tot und mit ihr eine grosse Säule der pro-israelischen Überzeugung.

Der Nationalismus ist tot 

Die zweite Säule des jüdischen Staates ist der Nationalismus. Israel ist ein nationalistisches Unterfangen – ein ethnisches Volk, das auf dem Land seiner Vorfahren lebt, eine alte Sprache spricht und Geschäfte mit einer eigenen Währung und einem bestimmten Kalender macht. Die Wiedergeburt des modernen Israels war mit der antiimperialistischen Bewegung der „Selbstbestimmung“ nach dem Ersten Weltkrieg verbunden, in der ethnische Völker für das Recht kämpften, sich als unabhängige Staaten in ihren Heimatländern zu organisieren.

Während Europa vor 100 Jahren noch eine Bastion des Nationalismus war, wurde diese Ideologie durch das heutige grenzenlose gesamteuropäische Konstrukt mit nur einer Währung ersetzt. Die Fixierung auf die nationale Geschichte wird als Hindernis für die Homogenisierung des Kontinents gesehen. Schon das Wort „Nationalismus“ weckt sofort Assoziationen zum Nationalsozialismus, also zum Nazismus.

Wenn man also jungen Europäern sagt, dass Israel aufgrund des Nationalismus Rechte hat, hören sie, dass Israel wegen des Faschismus Rechte verweigert.

Mit dem Nationalismus verbunden ist auch der Begriff der Familie. Familie ist in Wirklichkeit Mikronationalismus, und um Israel zu verstehen, muss man die Bedeutung der Familie im jüdischen Denken verstehen. Die Erziehung einer Familie ist ein tief verwurzelter Wert im jüdischen Staat, der von allen geteilt wird, von der säkularen bis zur ultra-orthodoxen Familie.

Aber Europa ist notorisch postfamiliär und kinderlos. Mit jungen Europäern über den jüdischen Staat als Verteidiger der Familie, des Stammes oder der Nation zu sprechen, bedeutet nur regressive und nicht progressive Assoziationen zu wecken. Mit dem Tod der Idee des Nationalismus in Europa ist ein weiterer Pfeiler der pro-israelischen Logik verblasst.

Der Holocaust ist tot

Die dritte Säule der Existenz Israels ist der Holocaust, oder genauer gesagt, die Unterdrückung der Juden im Exil im Laufe der Jahrhunderte, die im Holocaust gipfelte. Israel zu verstehen bedeutet, sich daran zu erinnern, dass der jüdische Staat im Schatten der „Sechs Millionen“ und mit dem Bewusstsein des „Nie wieder“ geboren wurde – und in diesem Bewusstsein liegt Israels tiefsitzendes Bedürfnis nach einer starken Armee und sein Ethos der Selbstverteidigung.

Und doch wurden junge Europäer in eine Realität hineingeboren, in der Israel als ein starkes Land – sogar als eine Militärmacht – und sicherlich nicht als ein Opfer angesehen wird. Darüber hinaus wurde ihnen auf die eine oder andere Weise beigebracht, dass Israel ein ausländischer kolonialistischer Aggressor gegen die schwachen, einheimischen Palästinenser ist. Für sie ist Israel nicht ein kleines jüdisches Land inmitten einer riesigen feindlichen arabischen Welt, sondern Israel ist der sprichwörtlich brutale Goliath. Deshalb stösst man in Europa eher auf taube Ohren, wenn man an Israels Recht zur Selbstverteidigung festhält, zum Beispiel durch die Forderung das Hochland von Judäa aus strategischen Erwägungen zu kontrollieren.

Und wie ist es mit dem Holocaust – der vor nicht allzu langer Zeit geschehen ist? Sehen junge Europäer ihn als eine Begründung für Israel? Kaum. Sie wünschten, der Holocaust würde einfach verschwinden – wer würde denn diese Schuld mit sich herumtragen wollen?

Zusätzlich gibt es einen komplizierten psychologischen Mechanismus, durch den sich das europäische Schuldgefühl über den Holocaust in den Wunsch verwandelt, Israel zum Unterdrücker zu machen. Als ob man sagen wollte: Sehen Sie, die Juden selbst sind Täter und in dem Moment, in dem sie die Macht haben, verhalten sie sich wie Nazis. Die Juden sind nicht besser als wir und wir sind nicht schlechter als sie.

Mit der Stärke Israels kommt der Tod des Holocaust als Begründung für Israel – und schon ist eine dritte Säule der Begründung für Israel rückgängig gemacht.

Ein Konflikt der Grundwerte

Ohne es unbedingt an die grosse Glocke zu hängen, ist der jüdische Staat ein biblischer, ethnisch-nationalistischer Staat und steht daher für Bibel und Gott, Nationalismus und Familie, Selbstbestimmung und Selbstverteidigung. Selbst die Mehrheit der israelischen Linken vertritt die meisten dieser Grundwerte.

Europa hingegen ist Post-Gott, Post-Nationalismus, Post-Familie und Post-Holocaust – und steht daher verständlicherweise im Widerspruch zum eigentlichen Konzept Israels.

Mehr noch, Europa ist nicht nur Europa. Es ist eine Geisteshaltung, die man jenseits des Ozeans an Orten wie der New York Times und auf vielen amerikanischen College-Campussen findet. Für sie ist die Bibel überhaupt kein Grundprinzip, Nationalismus ist abstossend und Israel ist der Aggressor, nicht das Opfer.

Die Feinde Israels versuchen, diese europäische Mentalität auszunutzen und zu fördern, indem sie eine Atmosphäre schaffen, in der die Säulen Israels weiter ausgehöhlt werden. Ihren Lehren zufolge kann Israel seine Ansprüche nicht auf ein altes Buch stützen, der israelische Nationalismus ist nichts anderes als repressiver Kolonialismus und die Behauptungen über den Holocaust sind stark übertrieben – eine für junge Europäer anerkannte Rhetorik.

Ist ein Dialog möglich?

Viele Israelis und Israel-Befürworter haben einige dieser Fallen identifiziert und versucht, eine gemeinsame Sprache zu schaffen, um die Lücken zu schliessen. Deshalb hat das Image des jüdischen Staates einen „Nation-Branding“-Zyklus durchlaufen, bei dem Israel als Startnation, als Schwulenhauptstadt des Nahen Ostens und als bikinibekleidetes Nachtleben-Ziel neu besetzt wurde. Allerdings kann dadurch der biblische und nationalistische Charakter Israels kaum verschleiert werden und es gelingt auch nicht, den Schaden, den die Verfechter der postgöttlichen, postnationalen Euro-Mentalität angerichtet haben, wieder gutzumachen.

Leider sind die intellektuellen Unterschiede zwischen dem heutigen Europa und Israel unüberbrückbar – und man kann nicht viel dagegen tun. Doch wie das Sprichwort sagt, ist ein Konservativer nur ein Linker, der überfallen wurde. Während der Wind in Europa heute nach links bläst, wird er in Zukunft wieder nach rechts drehen. So zum Beispiel im Fall des britischen Brexit oder des wiederauflebenden Nationalismus in Osteuropa.

Im Gegensatz zu Europas gegenwärtiger Laune sind Israels Nationalismus, sein biblisches Erbe und seine Sehnsucht nach Selbstverteidigung uralte Wahrheiten, die die intellektuellen Schwankungen der heutigen Zeit überwinden werden. Genau das habe ich meinen jungen deutschen Journalistengästen gesagt. Haben sie es gerne gehört? Nicht unbedingt. Aber wenigstens bekamen sie eine klare Antwort und waren nicht mehr verblüfft, dass sie nicht verstehen können, warum Juden kämpfen, um in Judäa zu leben.

Yishai Fleisher ist der internationale Sprecher der jüdischen Gemeinde von Hebron und ein israelischer Rundfunksprecher. Er ist ein regelmässiger Kolumnist für Daily Wire, Jewish Press und Jewish News Syndicate. Übersetzung Audiatur-Online.

3 KOMMENTARE

  1. Ich finde so we man im Radio (jedenfalls hier in Israel) den Techniker/innen etc. Kredit gibt, muessten Webseiten ihren Redakteur/innen u n d den Uebersetzer/innen Kredit geben. Hier hat sich jemand ein Lob verdient, aber „Redaktion Audiatur“ ist sehr diskret und anonym.

  2. Leider unterscheiden sich die hier gegebenen „Begründungen“ nicht von z.B. den „Begründungen“ der so genannten „Palästinenser“ oder weiterer großer Teile der „Islamischen Welt“ für ihren „Kampf“.
    Und dass Juden bedenkenlos das Erstarken eines „Nationalismus“ in Europa begrüßen sollten, dessen Opfer sie noch vor wenigen Jahrzehnten in grausamer Weise geworden sind, wirkt vorsichtig ausgedrückt merkwürdig.
    „Selbstbestimmung“ scheint bei manchen nur für die gelten zu sollen, die bedingungslos „Bibel und Gott, Nationalismus und Familie“ folgen.
    Das erinnert daran, wie andernorts Juden nur dann „toleriert“ werden und ihnen nur dann „Selbstbestimmung“ zugestanden werden soll, wenn sie ihren angeblich „aggressiven Nationalismus“ aufgeben.

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