Ungeachtet der Kritik: Im belgischen Aalst will man erneut mit antisemitischen Figuren am Karneval auftreten

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Foto Facebook / Vismooil'n
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Die Stadt Aalst in Belgien liegt nur 51 km von der Kaserne Dossin in Mechelen entfernt, dem Durchgangslager, von dem aus von 1942 bis 1944 über 25.000 Juden und Roma auf 28 Transporten in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert wurden. Nur 1.219 Juden überlebten. Ein Holocaust-Museum in Mechelen erzählt von diesen tragischen Ereignissen.

von Yossi Lempkowicz, European Jewish Press

Aalst ist berühmt für seinen berüchtigten traditionellen Karneval, bei dem fast jedes Jahr antisemitische Umzugswagen zu sehen sind. Letztes Jahr haben jüdische Gruppierungen, aber auch die Europäische Kommission, die ausgestellten rassistischen und antisemitischen Karikaturen des Karnevals verurteilt, darunter einen Wagen mit zwei riesigen Puppen, die orthodoxe Juden mit Hakennasen darstellen und Ratten, die auf Geldsäcken sitzen. Die Karikaturen schockierten die jüdische Gemeinde, da sie an die Propaganda der Nazizeit erinnern.

Im Dezember beschloss die UNESCO, die in Paris ansässige Organisation der Vereinten Nationen für Bildung und Kultur, den Karneval von ihrer Liste des Weltkulturerbes zu streichen. In einer Erklärung hiess es, dass die Organisation „zu ihren Grundsätzen der Würde, Gleichheit und des gegenseitigen Respekts zwischen den Völkern steht und daher alle Formen von Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit verurteilt.“

Trotz dieser Entscheidung und der allgemeinen Verurteilung, veröffentlichten die Organisatoren der Karnevalsausgabe 2020 Ende letzten Jahres Dutzende von Bändern, in denen Juden in stereotyper Weise mit Hut, Locken, Hakennase und goldenen Zähnen dargestellt wurden. Sie machten sich auch über die UNESCO lustig.

Einen Monat nach den Feierlichkeiten zum 75. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau wird der am 23. Februar stattfindende Karnevalszug in Aalst voraussichtlich wieder die als Juden mit Hakennasen verkleideten Figuren zeigen. Das Forum Jüdischer Organisationen der Flämischen Region Belgiens teilte mit, dass es im Voraus eine neue Beschwerde bei der Europäischen Kommission eingereicht habe und darauf hoffe, den Umzug damit zu verhindern.

„Wir hatten gehofft, dass der gesunde Menschenverstand in der Zwischenzeit in Aalst eingekehrt sei“, sagte Forumssprecher Hans Knoop.

Trotz der Verurteilung bleibt der Bürgermeister der Stadt, Christophe D’Haese, der die Teilnehmer des Karnevals konsequent verteidigt und sogar der Entscheidung der UNESCO, den Karneval von ihrer Liste zu streichen, zuvorkommen wollte, bei seinen früheren Aussagen. Er führte an, dass „der Karneval etwas sein sollte, bei dem man über alles lachen kann“, dass sich hinter der Fassade der sogenannten „Meinungsfreiheit“ versteckt.

Während die belgische Regierung beschämenderweise nie offiziell auf den Aufruhr reagierte, wies der Vorsitzende der Partei der Neuen Flämischen Allianz (N-VA), der grössten in der flämischen Region des Landes, in dem die Stadt Aalst liegt, den Bürgermeister – der aus derselben Partei stammt – zurück und betonte sein Verständnis für die Gefühle der jüdischen Gemeinde.

Der N-VA-Vorsitzende De Wever, der auch Bürgermeister von Antwerpen ist, einer Stadt mit einer grossen jüdischen Gemeinde, erklärte letzten Monat, dass die jüdischen Figuren, die letztes Jahr auf dem Karneval gezeigt wurden, „respektlos“ seien. Er sagte, es sei sinnvoller, die Gefühle innerhalb der jüdischen Gemeinde zu berücksichtigen. „Ich verstehe sehr gut, dass manche Bilder, ungeachtet der Absicht mit der sie präsentiert werden, die Gefühle der Menschen erschüttern. Es zeigt einen Mangel an Einfühlungsvermögen. Es ist respektlos. Ende der Geschichte“, sagte er.

Fast einen Monat, nachdem sich die Staats- und Regierungschefs der Welt in Auschwitz und Jerusalem dazu verpflichtet haben, den Antisemitismus mit konkreten Massnahmen zu bekämpfen, unter anderem im Bereich Bildung und der Justiz, ist es höchste Zeit, Organisatoren, Gruppen oder Einzelpersonen, die in der Öffentlichkeit antisemitische Stereotypen vertreten, zu belangen und zu bestrafen.

„Alle EU-Mitgliedstaaten sind sich einig in der Entschlossenheit, dass jede Form von Rassismus, Antisemitismus und Hass in Europa keinen Platz hat, und wir werden alles tun, um ihnen entgegenzutreten“, erklärten im vergangenen Monat die Vorsitzenden der drei wichtigsten EU-Institutionen, Charles Michel für den Europäischen Rat, David Sassoli für das Europäische Parlament und Ursula von der Leyen für die Europäische Kommission. Ja, die jüdische Gemeinde in Belgien ist nicht nur von Veranstaltungen wie in Aalst angewidert, insbesondere in einer Zeit des wachsenden Antisemitismus. Wir stimmen zu, dass Bildung für die Bekämpfung des Antisemitismus von entscheidender Bedeutung ist, aber welches Beispiel liefert dieser Karneval gegenüber den jungen Menschen, die zu Hunderten an solche Veranstaltungen strömen?

1 KOMMENTAR

  1. Ich mochte Belgien, ich hatte dort Freunde, habe dort viel Schönes erlebt.. Auch jetzt würde ich sie noch haben, wären sie nicht verstorben. Aber wenn ich so etwas lese, wackelt meine Liebe und nicht wenig. Dass Juden karikiert werden, ihre Eigenarten, evtl. auch ihre Religion, würde mich an und für sich nicht stören. Warum auch sollten sie nicht? Was mich stört, ist die Art und Weise, wie man es macht. Nämlich teils abwertend (wie z.B. die Hakennasen), teils, weil sie sowohl auf totale Unkenntnis der Jüdischen Geschichte in Europa fussen, teils auf Lügen, (Ver)Fälschungen (z.B. ihr Verhältnis zum Geld, woher es kam). Darum, auf die letzte Frage des Artikels antwortend: das schlechteste Beispiel. Das nur Antisemitismus verbreitet. Ich kann über solcher Art Karikaturen nicht lachen, egal um wen, um welche Volksgruppe, Berufsgruppe usw. es geht. Es ist diese unmögliche, feindselige Einstellung zum Menschen, die auf mich so abstossend wirkt. Ich kann daran nicht ändern, will es auch nicht. Es ist so.
    lg
    caruso

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