Palästinenser: „Die Altstadt von Jerusalem – und nur Jerusalem – ist unsere Hauptstadt.“

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Kundgebung anlässlich des 55. Jahrestags der Gründung der Fatah am 1. Januar 2020. Foto Majdi Fathi/TPS
Kundgebung anlässlich des 55. Jahrestags der Gründung der Fatah am 1. Januar 2020. Foto Majdi Fathi/TPS
Lesezeit: 5 Minuten

Mein erster Besuch in Abu Dis ist schon mehr als fünfzehn Jahre her. Ein Kollege hatte mich zum Mittagessen eingeladen, allerdings vergessen, mir zu sagen, dass ich, wenn ich der Strasse von Ost-Jerusalem aus folgen würde, direkt vor der Sicherheitsmauer landen würde. 

Das war zur Zeit der Zweiten Intifada, (Palästinenseraufstand) Anfang der 2000er Jahre. Nach einer Welle von Selbstmordattentaten hatten die israelischen Behörden den Ort vom Hauptteil Jerusalems abgeschnitten. Heute liegt er ausserhalb der israelischen Stadtgrenzen und gehört zum palästinensischen Gouvernement Jerusalem. Von der Altstadt Jerusalems fährt man mit dem Auto fast eine Stunde bis hierher.

Und wenn Sie ankommen, erwartet Sie nichts Spektakuläres. Ein relativ langweiliger Stadtteil, der weder die religiöse noch die kulturelle Bedeutung Jerusalems besitzt. Ausserdem ist das Stadtbild weit entfernt von dem, wie man sich eine Hauptstadt vorstellen würde. Dies ist der Grund, warum die Einwohner Ihnen vor allen anderen sagen, dass die Vision des amerikanischen Präsidenten Donald Trump von einem zukünftigen Palästinenserstaat mit einer Hauptstadt in einer von drei propagierten Orten – darunter auch Abu Dis – nicht praktikabel ist. 

Ein grosses, verlassenes Gebäude mit Müll auf dem davor liegenden Gehweg und Sträucher, die durch den Eisenzaun wachsen, der das Parlamentsgebäude umzäunt. Nach den gescheiterten Friedensverhandlungen von Oslo liegt das Parlament verlassen und ungenutzt da.

„Wir langweilen uns hier“

In der Nähe einer Statue in Form eines Schlüssels, der die Besucher der Stadt willkommen heisst, betreibt ein Einheimischer einen Kiosk. Er bringt die hier herrschende Stimmung auf den Punkt. 

„Abu Dis verfügt überhaupt nicht über die Infrastruktur, um die Hauptstadt Palästinas zu sein. Wir alle sind dagegen. Die Altstadt von Jerusalem – und nur Jerusalem – ist unsere Hauptstadt.“

Als ich so da stehe und mit dem jungen Mann rede, der sich nur Mohammed nennt, wirft der graue Beton der Sicherheitsmauer einen Schatten vor uns auf den Boden. Rechts von uns gibt es ein paar Häuser aus traditionellem Jerusalemer Kalkstein. Vor ihnen wächst in ungleichen Büscheln Gras.

„Wir langweilen uns hier“, sagt Mohammed, während er mich argwöhnisch durch seine trendige dunkle Sonnenbrille ansieht. „Wir haben nichts, wofür wir leben und wir haben keine Träume. Das führt mit Sicherheit zu Konflikten. Was den Vorschlag von Premierminister Netanyahu und Präsident Trump angeht, so ist nichts Neues daran.

Im Zentrum von Abu Dis. Foto Paula Slier.
Im Zentrum von Abu Dis. Foto Paula Slier.

Wir haben immer wieder gehört, dass sie Abu Dis zur Hauptstadt machen wollen. Aber das wird nicht funktionieren. Wir sind Palästinenser und wir wollen Frieden schliessen, aber damit es Frieden geben kann, müssen wir Jerusalem als Hauptstadt haben.“  

Auch wenn es stimmt, dass die Idee von Abu Dis als Hauptstadt eines zukünftigen palästinensischen Staats nicht neu ist, gab es auch eine Zeit, in der der palästinensische Präsident Mahmoud Abbas diesen Gedanken unterstütze – zumindest auf dem Papier. 

1995 unterzeichneten der damalige Wirtschaftsminister der Arbeiterpartei, Jossi Beilin, und Abbas – der den Ehrennamen Abu Mazen trägt – einen inoffiziellen Vertragsentwurf, der als Basis für einen künftigen israelisch-palästinensischen Friedensvertrag dienen sollte. In dem als Beilin-Abu-Mazen-Plan bekannten Entwurf wird Abu Dis als künftige palästinensische Hauptstadt genannt. In der Folge wurde ein Parlamentsgebäude errichtet, das heute jedoch einzig von Strassenhunden bewohnt wird.  

Der Vertragsentwurf wurde nie offiziell angenommen. Premierminister Jitzchak Rabin wurde ermordet, bevor er ihn unterzeichnen konnte, und sein Nachfolger, Shimon Peres, wollte ihn nicht umsetzen. Auch Abbas‘ Bemühungen, Befürworter unter den Palästinensern zu finden, scheiterten. Und obwohl er weder von Israel noch von den Palästinensern je unterzeichnet wurde, wurden die in dem Entwurf enthaltenen Ideen, insbesondere in Hinblick auf Abu Dis, immer wieder als potentielle Lösungen für einige der offenen Punkte der Friedensverhandlungen zitiert. 

Ein Vierteljahrhundert später wies Abbas Trumps Vision einer Lösung für beide Seiten strikt ab. Er sagte „tausendmal Nein“ und erklärte, der sogenannte „Durch Frieden zum Wohlstand“-Plan würde im „Papierkorb der Geschichte“ landen.

Ashira, eine Einwohnerin Abu Dis‘, verfügt sowohl über die amerikanische als auch die palästinensische Staatsbürgerschaft. Als verheiratete Lehrerin und Mutter von vier Kindern appelliert sie an „meinen Präsidenten Trump, fair zu sein – wenigstens ein bisschen – und zu sagen, was wir hören wollen, damit es keinen Aufstand gibt. Niemand hier wird irgendetwas anderes als Jerusalem als unsere Hauptstadt akzeptieren. Gleichzeitig sage ich zu meinem palästinensischen Volk, dass wir Bildung brauchen und mit unserer Bildung kämpfen müssen, wenn wir jemals einen Staat haben und in Frieden mit Israel leben wollen.“  

„Ein Vorort Jerusalems“

Ashira glaubt, dass Trump sein Bestes gibt, um eine Lösung zu erreichen, befürchtet jedoch, dass er ausschliesslich Netanyahu Gehör schenkt. „Sein Plan wird nicht funktionieren. Die Menschen hier lehnen ab, was er sagt, weil er uns im Gegenzug nichts gibt. Anstatt uns etwas zu geben, nimmt er uns den Grossteil unseres Landes ab!“  

In einem Begleitdokument zu Trumps Vorschlag heisst es, dass die Sicherheitsmauer um Abu Dis als „eine Grenze zwischen den Hauptstädten beider Parteien fungieren“ soll. Das heisst, dass sich die Altstadt und weitere Stadtviertel mit bedeutenden religiösen Stätten auf israelischem Hoheitsgebiet befinden würden. Ausserdem wird in dem Dokument festgelegt, dass Jerusalemer Stadtviertel im Bereich östlich und nördlich der Sicherheitsmauer Kandidaten für die Hauptstadt Palästinas sein könnten und schlägt vor, sie könnten mit dem Namen al-Quds – arabisch für Jerusalem – bezeichnet werden. 

Den Bürgermeister von Abu Dis, Ahmed Abu Hilal, beschwichtigt dies jedoch keineswegs. Er ruft Trump dazu auf, sich um seine eigenen Angelegenheiten zu kümmern. 

„Abu Dis ist ein Vorort Jerusalems“, betont er. „Wir werden uns nicht aus unserer historischen Stadt herausreissen lassen und wir haben keinen Platz, um uns auszudehnen, weil wir umschlossen sind von Siedlungen und der Mauer.“

Abu Dis hat ein Polizeirevier mit 30 Beamten, denen Israel gestattet, 10 Schusswaffen zu führen. Die Al-Quds Universität, eine der grössten palästinensischen Bildungsinstitutionen im Westjordanland, nimmt einen bedeutenden Teil des Gebiets ein. 

„Herr Trump ist der Präsident der Vereinigten Staaten. Er vertritt nicht die Palästinenser“, beharrt der aufgebrachte Bürgermeister. „Er will mit seinem Plan in Amerika auf Stimmenfang gehen. Er weiss nichts über Palästina, er weiss überhaupt nichts!“

Aber viele Israelis fragen sich, warum die Palästinenser die Sache nicht selbst in die Hand nehmen. Anstatt nur herumzusitzen und zu jammern, könnten sie etwas zur Lösung dieses seit Generationen bestehenden Konflikts beitragen. Das Engagement der arabischen Länder für die palästinensische Sache lässt auch nach, da sie mit ihren eigenen Problemen kämpfen, unter anderem im Irak, in Syrien, im Jemen und in Libyen. Die Drohungen der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA), die Kontakte zu den israelischen Sicherheitsbehörden wieder abzubrechen, und die Aufrufe zu Massenprotesten gegen das vorgeschlagene Abkommen sind wirkungslos geblieben.

Paula Slier

Über Paula Slier

Paula Slier ist eine südafrikanische Journalistin und Kriegsberichterstatterin die im Nahen Osten lebt. Sie ist als Chief Executive des Middle East Bureau für RT sowie als Gründerin und CEO von Newshound Media International tätig.

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2 KOMMENTARE

  1. „Wir sind Palästinenser und wir wollen Frieden schliessen, aber damit es Frieden geben kann, müssen wir Jerusalem als Hauptstadt haben.“

    Mal abgesehen davon, dass es auf palästinensischer Seite niemand(!) gibt, der für die Einhaltung dieser Aussage sorgen wird, steckt in diesem Satz die Lebenslüge und gleichzeitig das ganze Dilemma dieser Volksgruppe. Solche Behauptungen haben nur einen Zweck: Zu suggerieren, dass man es hier mit einer Seite zu tun hat, die mit einem Zugeständnis zufrieden ist.

    Die arabische Seite hat schon seit Langem eine Bringschuld, die sie nicht erfüllt. S I E müssen beweisen, dass sie den ernsthaft einen Frieden wollen. Doch davon sind sie so weit entfernt wie eh und je.

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