Aus der Geschichte gelernt? Die Ansprache von Frank Walter Steinmeier in Yad Vashem

4
574
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei seiner Rede in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Foto Yad Vashem
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei seiner Rede in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Foto Yad Vashem
Lesezeit: 6 Minuten

Anlässlich des 75. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz, reisten rund 55 Staatsoberhäupter nach Jerusalem um der Gedenkveranstaltung des World Holocaust Forums beizuwohnen und der Shoah zu gedenken. Überlebende der Shoah entzündeten eine Gedenkfackel und die Delegierten legten Kränze nieder, besuchten Yad Vashem und hielten Reden als Stellvertreter ihrer Nationen.

Die Ansprache von Frank Walter Steinmeier, der als erster deutscher Bundespräsident in Yad Vashem sprach, wurde besondere Aufmerksamkeit zu Teil, handelte es sich hierbei doch um das Staatsoberhaupt des Landes der Täter.

Er eröffnete seine Rede mit einem Gebet aus der Thora, welches er, nebenbei bemerkt, in einem recht guten Hebräisch vortrug. Diese Geste wurde mit einem lauten Applaus bedacht, darunter auch von Seiten der Shoah Überlebenden. Bis auf das Ende der Rede, in der Steinmeier erneut ein paar Worte in Hebräisch sagte, erfolgte die Ansprache in Englisch, höchstwahrscheinlich, weil ihm Deutsch anlässlich des Gedenkens unpassend erschien. Er gedachte in seiner Rede den Opfern der unbeschreiblichen Katastrophe der Shoah und betonte die Wichtigkeit des Gedenkens und der Anerkennung, sowie der deutschen Schuld und der Pflicht des Erinnerns. Steinmeier sagte: „75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz, stehe ich hier als deutscher Präsident vor Ihnen, beladen mit grosser historischer Schuld.“ Die Wahl der Worte: „historische Schuld“, ist durchaus kein Zufall, betonen doch, laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2015, rund 77 Prozent der Deutschen: „man sollte die Geschichte ruhen lassen und sich gegenwärtigen oder zukünftigen Problemen widmen“. Bei Vorträgen oder einfach Begegnungen in Deutschland begegnete mir selbst oftmals die entnervte Aussage, dass man doch bitte nicht mehr so viel über die Shoah reden sollte, die Schuld wäre gesühnt und man habe es satt für etwas verantwortlich gemacht zu werden, für das man als Nachfolgegeneration gar nichts könne. In diesem Fall zitiere ich gerne George Santayana mit den folgenden Worten: „Wer die Vergangenheit vergisst, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen“. Indem Steinmeier das Wort „historisch“ vor Schuld stellt, nimmt er diesem Argument zumindest den Wind aus den Segeln, denn es geht bei der Erinnerung an die Shoah nicht darum, dem jeweiligen Gegenüber die Schuld daran zu geben, sondern an die besondere Verantwortung zu erinnern, die ein jeder Deutscher hat, nämlich die Verantwortung dafür Sorge zu tragen, dass so etwas in Deutschland nie wieder geschehen darf. Hierbei ist es wichtig, um die Geschichte seines Landes zu wissen und dementsprechend zu erinnern und das Wissen weiterzugeben.

Anschliessend bedankte sich der Bundespräsident für das Vertrauen und die Freundschaft Israels und der anderen Länder in den heutigen Deutschen Staat. Er führt weiter an, dass trotz einer Erinnerungskultur in Deutschland, immer noch rechtes Gedankengut und völkisches Denken existiert und auch eine neue Art von Antisemitismus erwächst. Hierbei fallen ein paar wichtige Sätze, die sowohl analytisch richtig sind, jedoch auch ein typisch deutsches, um nicht zu sagen europäisches Problem aufzeigen: „Ich wünschte sagen zu können, wir Deutsche haben für immer aus der Geschichte gelernt. Aber das kann ich nicht sagen, wenn Hass und Hetze sich ausbreiten, das kann ich nicht sagen, wenn jüdische Kinder auf dem Schulhof bespuckt werden, das kann ich nicht sagen, wenn unter dem Deckmantel angeblicher Kritik an israelischen Politik, kruder Antisemitismus hervorbricht, dass kann ich nicht sagen, meine Damen und Herren, wenn nur eine schwere Holztür verhindert, dass ein Rechtsterrorist an Yom Kippur in einer Synagoge in Halle ein Blutbad anrichtet.“ Die Wortwahl „wir Deutsche“ ist insofern interessant, als dass es Steinmeier theoretisch inkludiert und somit wäre es doch besser gewesen, wenn er anschliessen angefügt hätte, dass „einige Deutsche“ aus der Geschichte nichts gelernt hätten. Von Aussen betrachtet, könnte seine Wortwahl jedoch folgerichtig sein, doch dazu später.

Präsident Mahmoud Abbas bei einem Treffen mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Ramallah im Mai 2017. Foto  Osama Falah / Palästinensische Autonomiebehörde
Präsident Mahmoud Abbas bei einem Treffen mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Ramallah im Mai 2017. Foto Osama Falah / Palästinensische Autonomiebehörde

Richtig ist, dass sich Hass, Hetzte und Antisemitismus neu ausbreiten und dies vor allem im Gewand von Antizionismus. Es ist immer noch durchaus selten, dass Politiker letzteres benennen. Schade ist jedoch, dass er lediglich den Antisemitismus von Rechts betont und dabei vergisst, dass der Antizionismus, der sich rasant ausbreitet, in einem hohen Masse von der politischen Linken und von Muslimen ausgeht. Bei beiden Gruppierungen hat die jeweilige Ausprägung verschiedene Wurzeln, dies macht es jedoch nicht minder erwähnenswert. Der linke Antizionismus etwa nahm erst richtig Fahrt auf, nachdem Israel den Sechs-Tage Krieg im Jahr 1967 gewann und die Palästinenser als Goliath und die Israelis als David wahrgenommen wurden. Der Antizionismus von Seiten der Muslime ist vor allem einer „patriotischen“ Haltung gegenüber den Palästinensern zu entlehnen und, wenn es sich um Einwanderer oder Flüchtlinge handelt, der politischen und schulischen Indoktrinierung ihrer Herkunftsländer. Doch wie kommt es, dass Steinmeier vor allem letztgenanntes derart aussen vorlässt? Die Erklärung ist so einfach, wie auch fatal. Zum einen will es sich der deutsche Bundespräsident natürlich nicht mit Ramallah verscherzen, scheint er doch über den Antisemitismus von u.a. Mahmud Abbas, der diesen sogar in seiner Doktorarbeit Ausdruck verlieht, hinwegsehen zu können. Dies zeigt z.B. eine herzliche Umarmung bei einem Treffen im Jahr 2017. Doch der deutsche Bundespräsident toleriert offenbar nicht nur den Antisemitismus der Palästinenser, sondern auch den des Staates, der sogar eine Uhr aufgestellt hat, die die Zeit zeigt, die der einzige Jüdische Staat der Welt noch bis zu seiner völligen Zerstörung übrig hat. Die Rede ist hierbei freilich von der Islamischen Republik Iran, dessen Mullah Regime regelmässig mit der Zerstörung Israels droht. Doch dies scheint Steinmeier nicht weiter zu stören, gratulierte er dem Iran doch zum 40. Jahrestag der Revolution, einem Staat, der nicht nur antisemitisch ist, sondern auch für unzählige Proxy Kriege im Nahen Osten verantwortlich ist und heute der EU damit droht, ihre Soldaten anzugreifen, sollten die Länder, die das damalige Atomabkommen ratifizierten, der Islamischen Republik nicht ein weiteres Mal entgegenkommen. Dieses Verhalten schmälert nicht nur den Wert der Rede des Bundespräsidenten in Yad Vashem, sondern lässt auch vermuten, dass er nichts aus seiner historischen Verantwortung gelernt hat und diese, wenn es zum Beispiel der Wirtschaft dient, wie im Falle des Irans, schnell unter den Teppich kehren kann, bis er sie wieder hervorholt um eine schöne Rede zu halten. Gerade als ehemals zweimaliger Aussenminister, sollte er um den muslimischen Antisemitismus wissen und ein anderes Verhalten an den Tag legen.

Aus der Geschichte gelernt?

Schlussendlich lässt sich zusammenfassen, dass Steinmeier der Herausforderung einer Rede in Yad Vashem, vor anderen Staatsräpresentanten, aber vor allem vor den Überlebenden der Shoah und deren Nachkommen, in einer Gedenkstätte, die an diese grosse Tragödie erinnert, nicht gerecht geworden ist. Es reicht nicht aus zu Gedenken und den heutigen Antisemitismus von Rechts und dem Antizionismus in der deutschen Gesellschaft einzugestehen. Vielmehr müssen die konkreten Probleme benannt und bekämpft werden und genau diese Fakten hätte der deutsche Bundespräsident in seine Rede einbauen müssen. Durch das Auslassen des linken und muslimischen Antisemitismus scheint sich Steinmeier, wie er bereits in seiner Rede richtig festgestellt hat, in die Reihe derer einzuordnen, die nicht aus der Geschichte gelernt haben. Ansonsten würde er es wohl nicht fertig bringen, den Überlebenden der Shoah in das Gesicht zu sehen und von einer historische Verantwortung zu sprechen, wenn er Staaten und Gruppierungen hofiert, die erneut jüdisches Leben zu vernichten ersuchen.

4 KOMMENTARE

  1. Steinmeier, wie auch die meisten anderen deutschen Politiker, sind an Peinlichkeit nicht mehr zu überbieten!

  2. „Seine salbungsvolle Rede ist sinn- und wertlos und dient nur dazu, Tatenlosigkeit, fehlende Konsequenzen und vor allem die eigene Komplizenschaft mit Worthülsen zu überdecken.“ Genau. — Aus der Geschichte des Holocaust kann man nichts lernen. Dass man so etwas nicht veranstaltet, hätte man auch ohne Holocaust, ohne Geschichtsunterricht wissen können. Was am Holocaust so außergewöhnlich war, sind weder die Anzahl der Opfer, noch die Gaskammern. Sondern dass in der Mitte des 20. Jh.s in Europas Mitte die Regierung eines des fortgeschrittensten Ländern der Welt. sich entschloss, einer Menschengruppe, die jahrhundertelang unter ihnen lebte, das Mensch-Sein, damit das Lebensrecht, abzusprechen. Das war das Neue. Das andere war der Plan, diese Gruppe vom Säugling bis Greis ohne Ausnahme auszurotten. Das war für keine andere Gruppe vorgesehen, nur für die Juden. Das andere: das Judentum oder Judaismus was/ist eine der Grundlagen -vermittelt durch das Christentum- unserer europäischen Kultur. Diese Kombination traf kein anderes Volk, nur die Juden. – Genug. Ich will keinen Roman schreiben.
    lg
    caruso

  3. Steinmeier ist ein unerträglicher Heuchler.

    Wäre er es nicht, dann hätte er sich geweigert, an dem Grab des Juden- und Massenmörders Arafat einen Kranz niederzulegen und sich hinterher nicht auf irgendwelche Protokolle berufen, die ein solches Tun verlangten. Er hätte auch nicht dem iranischen Henkerregime, das sich u.a. die Vernichtung Israels als Staatsziel gesetzt hat, seine Glückwünsche zum 40-jährigen Bestehen übermittelt.

    Seine salbungsvolle Rede ist sinn- und wertlos und dient nur dazu, Tatenlosigkeit, fehlende Konsequenzen und vor allem die eigene Komplizenschaft mit Worthülsen zu überdecken.

    Die Autorin Tina Adcock hat alles Notwendige gesagt. Danke dafür.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.