75 Jahre nach Auschwitz: Der bleibende Abgrund

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Torhaus des KZ Auschwitz-Birkenau, Aufnahme kurz nach der Befreiung 1945. Foto Bundesarchiv, B 285 Bild-04413 / Stanislaw Mucha / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5337694
Torhaus des KZ Auschwitz-Birkenau, Aufnahme kurz nach der Befreiung 1945. Foto Bundesarchiv, B 285 Bild-04413 / Stanislaw Mucha / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5337694
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Seit der Befreiung von Auschwitz sind 75 Jahre vergangen. 75 Jahre, nachdem in Deutschland, dem Land der Dichter und Denker, dem Land von Bach, Goethe und Kant, die Hölle ausgebrochen ist. Die menschliche Finsternis eines industriell geplanten und durchgeführten Massenmords. Millionen von Deutschen, die meisten von ihnen getaufte Christen, Nachbarn wie du und ich, haben weggesehen. Haben es geschehen lassen, dass ihre Nachbarn, Frauen, Männer, Kinder, abgeführt wurden. Haben es geschehen lassen, dass sich der Judenhass als Staatsdoktrin etablieren konnte.

Der Schriftsteller Imre Kertész, Auschwitz-Überlebender und Literaturnobelpreisträger, sagt: „Wenn jemand über Auschwitz schreibt, muss ihm klar sein, dass Auschwitz die Literatur – wenigstens in einem bestimmten Sinn – aufhebt. Womit ich sagen will, dass seit Auschwitz nichts geschehen ist, was Auschwitz aufgehoben, was Auschwitz widerlegt hätte.“

Der nicht widerlegte, bleibende Abgrund: davon zeugen, mit Auschwitz, alle Todeslager und Zeugnisse des Holocaust. Ein «satanisches Reqiuem» hat der amerikanische Schriftsteller Louis Begley das 20. Jahrhundert genannt. In diesen Abgrund gehören die Millionen getaufter Christen wie du und ich, die Auschwitz und alles, wofür Auschwitz steht, zumindest passiv mitgetragen haben. Nachbarn, die heute vielleicht nochmals wegsehen würden und die dann später nichts davon gewusst haben wollen. Wie kann man, als katholischer Christ, dazu überhaupt etwas schreiben? Vielleicht nur, indem man die Mitschuld bekennt. Auch die Schuld der katholischen Kirche am Antisemitismus, wie Johannes Paul II. sie vor 20 Jahren in seinem «Mea Culpa» öffentlich bekannt hat.

Vor 10 Jahren, anlässlich des 65jährigen Gedenktages der Befreiung von Auschwitz, hat Papst Benedikt XVI. gesagt: „Im Tiefsten wollte man mit dem Zerstören Israels, mit dem Austilgen dieses Volkes den Gott töten, der Abraham berufen, der am Sinai gesprochen und dort die bleibend gültigen Maße des Menschseins aufgerichtet hat (…) Wenn dieses Volk einfach durch sein Dasein Zeugnis von dem Gott ist, der zum Menschen gesprochen hat und ihn in Verantwortung nimmt, so sollte dieser Gott endlich tot sein und die Herrschaft nur noch dem Menschen gehören.“

Das erklärt vielleicht einen Teil des Abgrunds: der Judenhass findet seit 2500 Jahren immer wieder einen Weg in die Gesellschaft. Auch heute nimmt er erneut zu, als hätten die Menschen nichts gelernt. Die aktuelle antijüdische Stimmung im Westen, erneut unter Nachbarn wie du und ich, zeigt sich noch nicht offen als Antisemitismus. Sie präsentiert sich im unverfänglichen Kleid der Israelkritik. Auch die Einwanderung aus islamisch geprägten Ländern verstärkt unsere antisemitische Stimmung, während viele linke und grüne Aktivisten, zusammen mit Gleichgesinnten in den Medien, diese Stimmung weiter anheizen: sie verbinden den linken Antikapitalismus, Antiamerikanismus und Antiimperialismus mit Antijudaismus. Denn am Ende, wie es auch Verschwörungstheorien im Netz nahelegen, wird die Welt ja angeblich doch von Juden regiert, von Millardären à la Rothschild, Soros und Zuckerberg. Von jüdischen Strippenziehern an der Wall Street, in Hollywood und im militärisch-industriellen Komplex der USA.

75 Jahre nach Auschwitz wird der Antisemitismus wieder salonfähig. Wenn also Imre Kertész sagt, seit Auschwitz sei nichts geschehen, was Auschwitz aufgehoben, was Auschwitz widerlegt hätte, so ist das nicht nur eine Tatsache. Man kann den Gedanken von Kertész weiter deuten: Das Böse in uns, das mit Hitler entfesselt wurde und die dünne Wand der Zivilisation durchschlagen hat, ist nicht widerlegt. Und alle Versuche, dieses Böse fassbar zu machen, es einzugrenzen durch Erklärungsmodelle aufgrund der Sonderumstände des damaligen Deutschland, können es nicht aufheben. Das Böse in uns bleibt. So, wie die Wand der Zivilisation dünn bleibt.

Über Giuseppe Gracia

Giuseppe Gracia (1967), verheiratet, zwei Kinder. Schriftsteller, Kommunikationsberater (aktuell u.a. ein Mandat für das Bistum Chur). Kolumnist beim «Blick», Gastautor in verschiedenen anderen Medien. Mitglied des AutorInnenverbandes der Schweiz AdS.

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