Ein offener Brief an Emmanuel Macron, Präsident von Frankreich

Warum lässt Frankreich zu, dass sein Staatsgebiet in Jerusalem als Schauplatz für Übergriffe auf die jüdische Souveränität in Israel benutzt wird?

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Foto Screenhsot Twitter / Ava Djamshidi
Foto Screenhsot Twitter / Ava Djamshidi
Lesezeit: 6 Minuten

An den ehrenwerten Emmanuel Macron, Präsident von Frankreich:

Ich habe gerade ein Video von Ihrer Konfrontation mit der israelischen Polizei in der St. Anna-Kirche in der Altstadt von Jerusalem gesehen. Es war eine Kurzversion, die auf Twitter gepostet wurde, ich weiss also nicht genau, was passiert ist, aber es sieht so aus, als ob Sie den Status der Kirche als souveränes französisches Territorium schützen wollten.  Das scheint eines der Ziele zu sein, die Sie vor Ihrer jetzigen Reise nach Jerusalem für sich selbst hatten.

Ich hoffe, die Israelis werden sich ein Urteil über die Konfrontation sparen. Wie Sie in dem Video sagten: „Niemand muss niemanden provozieren.“

Worte, die es zu befolgen gilt!

Ich hoffe auch, dass die Konfrontation zwischen Ihnen und den israelischen Sicherheitsbeamten nicht zu einem Streit wird, der so verdreht wird und die Juden von heute so aussehen lässt wie die Leute, die vor Jahrhunderten den heiligen Stephanus gesteinigt haben. Angesichts der Tatsache, dass Sie die israelischen Sicherheitsbeamten dafür gelobt haben, Sie während des Spaziergangs durch die Altstadt beschützt zu haben, glaube ich nicht, dass dies der Fall sein wird.

Aber man kann nie wissen. Heutzutage gibt es eine grosse Nachfrage nach dieser Art von Erzählungen und viele Menschen in Jerusalem leben davon, diese Nachfrage zu befriedigen. Eine Person, die diese Art von Erzählungen liefert, Yusef Daher, leitet das Jerusalem Inter Church Center (JICC), dessen Büro sich auf dem Gelände von St. Anna’s befindet. Während er dort ist, geniesst Daher den Schutz der französischen Hoheit, die Sie so leidenschaftlich verteidigt haben.

In der Vergangenheit hat Daher die legitimen israelischen Sicherheitsmassnahmen in der Grabeskirche als einen gewaltigen Akt der Unterdrückung von Christen weltweit dargestellt. Beispielsweise hat Daher die israelischen Bemühungen, eine Massenflucht ausserhalb der Kirche zu verhindern, ungerechterweise als einen bösen Akt gegen die Christen in Jerusalem dargestellt.

Aber ich schweife ab . . .

Sehen wir den Tatsachen ins Auge. Die Altstadt ist ein stressiger Ort. Sie ist von einer Menge religiöser Bedeutung durchdrungen, und für die Unvorbereiteten kann Jerusalem ein rauer Ort zum Besuchen sein. Ein Teil des Schocks ist es, all diese normalen Menschen – vor allem souveräne Juden – zu sehen, die ihr tägliches Leben in einer Stadt leben, die für die westliche Vorstellungskraft und Erinnerung so zentral ist wie Athen, Paris und Rom.

Ein weiser christlicher Freund von mir, der im Heiligen Land lebt, sagte mir einmal: „Die Menschen kommen mit viel Gepäck ins Heilige Land. Wenn sie in Tel Aviv aus dem Flugzeug steigen, wird ihr Gepäck mit dem Faktor 10 multipliziert“, sagte er. „Und wenn sie in Jerusalem eintreffen, wird es mit dem Faktor 100 multipliziert.“

Da die französische Hoheitsgewalt über die St. Anna-Kirche bis in die 1800er Jahre zurückreicht, ist es wahrscheinlich, dass die Israelis eine gewisse Sympathie für Sie haben. Denn sie wissen, wie wichtig es ist, die Souveränität zu schützen. Wenn es eine Gruppe von Menschen gibt, die die Gefahren des Souveränitätsverlusts noch besser kennt als die Franzosen, dann sind es die Israelis.

 

Es ist interessant, dass einer Ihrer Vorgänger, Jacques Chirac, bei seinem Besuch in der Kirche von St. Anna 1996 für einige Kontroversen gesorgt hat. Offenbar ist Sankt Anna ein ziemlich neuralgischer Ort für französische Präsidenten.

Wirklich!

Ich will Ihnen nicht noch mehr Kopfschmerzen bereiten, aber da Sie gerade die französische Souveränität über St. Anna in der Altstadt von Jerusalem verteidigt haben, sehe ich mich gezwungen, Ihnen einige Fragen darüber zu stellen, wie Frankreich das Eigentum verwaltet. Die zentrale Frage ist folgende: Warum lässt Frankreich zu, dass sein Hoheitsgebiet in Jerusalem vom JICC, das von Yusef Daher geleitet wird, als Schauplatz ideologischer und theologischer Angriffe auf die jüdische Souveränität in Israel benutzt wird?

Wenn Sie den Ausdruck verzeihen, scheint das nicht . . . koscher zu sein.

Ich habe diese Frage 2018 bei den Leuten im französischen Aussenministerium angesprochen, aber niemand hat sich bei mir gemeldet.

Ich fragte sogar Vertreter der «Weissen Väter», der römisch-katholischen Ordensgemeinschaft, die St. Anna betreiben. Sie waren ziemlich wortkarg, aber eine Sache die sie sagten war, dass das St. Anna-Kloster diplomatischen Schutz geniesst, „genau wie eine Botschaft“.

Hier ist also der relevante Text einer E-Mail, die ich interessanterweise am 6. Juni 2018 an die Leute im französischen Aussenministerium geschickt habe:

Ich schreibe derzeit einen Artikel über eine Organisation mit dem Namen Ökumenisches Begleitprogramm in Palästina/Israel (EAPPI). EAPPI ist eine Einrichtung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), die Aktivisten nach Israel und in die Westbank entsendet. Die Organisation ist von einer Reihe von Organisationen und Kommentatoren in Israel und anderswo zunehmend kritisiert worden, weil sie dazu neigt, anti-israelische Propaganda sowohl im Heiligen Land als auch im Heimatland der EAPPI-Aktivisten zu fördern.

EAPPI ist eng mit einer anderen ÖRK-Institution verbunden – dem Jerusalem Interchurch Center – dessen Generalsekretär, ein palästinensischer Christ namens Yusef Daher, hässliche anti-israelische Propaganda auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht hat.

Ich schreibe Ihnen, weil das EAPPI seinen Sitz derzeit in der St. Anna-Kirche hat, einer Basilika in der Altstadt von Jerusalem. Die Kirche, die derzeit von den Weissen Vätern, einem Orden katholischer Missionare, betrieben wird, befindet sich auf französischem Boden, der Frankreich in den 1850er Jahren vom Osmanischen Reich geschenkt wurde. Das Osmanische Reich gab Frankreich den Besitz aus Dankbarkeit für die Unterstützung während des Krimkrieges. Ich glaube auch, dass sich das JICC auf demselben Grundstück befindet. (Ich war am Sonntag, dem 3. Juni 2018, auf dem Grundstück und sah, dass eine französische Flagge über dem Grundstück weht).

EAPPI "Aktivisten" in Jerusalem. Foto TPS
EAPPI „Aktivisten“ in Jerusalem. Foto TPS

Ich stelle zur Zeit sowohl dem Ökumenischen Rat der Kirchen als auch den Weissen Vätern Fragen über die Präsenz des EAPPI und des JICC auf dem Gelände der Basilika, aber ich brauche auch einige Informationen von der französischen Regierung. Meine Fragen lauten:

      1. Ist das fragliche Grundstück souveränes französisches Territorium? (Wenn ja, verleiht dies den Operationen des EAPPI und des JICC besonderen diplomatischen Schutz?) Ich stelle diese Frage, weil die Sprache, die ich in den Artikeln sehe, darauf hinweist, dass das Eigentum der französischen Regierung „gehört“, aber den Weissen Vätern „anvertraut“ ist.
      2. Gehe ich recht in der Annahme, dass auch das JICC seinen Sitz im St. Anna’s hat?
      3. Wer hat die Entscheidung getroffen, EAPPI und JICC zu erlauben, ihren Hauptsitz auf dem Gelände einzurichten?
      4. Hat die französische Regierung oder jemand aus dem französischen diplomatischen Korps zugestimmt, dass EAPPI und JICC ihre Büros auf dem Gelände einrichten dürfen, oder wurde diese Entscheidung ausschliesslich von den Weissen Vätern getroffen?
      5. Ist jemand in der französischen Regierung oder im diplomatischen Korps besorgt über die Nutzung von französischem Eigentum zur Unterbringung von Organisationen, die antizionistische Propaganda fördern? [Sic]
      6. Was würde passieren, wenn die Situation anders gelagert wäre und israelisches Eigentum in Frankreich zur Delegitimierung Frankreichs benutzt würde? (Ich weiss, dass dies eine herausfordernde Frage ist, aber es scheint eine vernünftige Frage zu sein, die man sich stellen sollte).

Ich möchte nicht aufdringlich sein, Herr Präsident, aber angesichts Ihrer glühenden Verteidigung der französischen Souveränität über St. Anna’s scheinen diese Fragen völlig vernünftig zu sein.

Ich habe gehört, dass viele Juden Frankreich verlassen und es scheint nicht richtig zu sein, ihnen das Leben in ihrer neuen Heimat zu erschweren.

Ich warte auf Ihre Antwort!

Hochachtungsvoll,
Dexter Van Zile

Dexter Van Zile ist christlicher Medienexperte für das Committee for Accuracy in Middle East Reporting (CAMERA) in den USA. Dieser offene Brief wurde erstmals am 22. Januar 2020 in der Times of Israel in englischer Sprache veröffentlicht. Übersetzung Audiatur-Online.

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