Vor Ramallah ein schneller Boxenstopp in Yad Vashem oder umgekehrt

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Treffen des französischen Präsidenten Emmanuel Macron mit dem Chef der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA), Mahmoud Abbas in Ramallah, während seines Besuchs in Israel zum Gedenken an den Holocaust. Foto Wafa
Treffen des französischen Präsidenten Emmanuel Macron mit dem Chef der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA), Mahmoud Abbas in Ramallah, während seines Besuchs in Israel zum Gedenken an den Holocaust. Foto Wafa
Lesezeit: 4 Minuten

Europa verschliesst die Augen vor dem arabisch-muslimischen Antisemitismus, in dem Glauben, dass die arabische Welt keine Mitverantwortung für den Holocaust trägt und das Europa die Palästinenser unterdrückt hat, indem es zur Errichtung des jüdischen Staates beitrug.

von Prof. Shmuel Trigano

Was für eine seltsame Idee war es von Präsident Reuven Rivlin, die europäischen Führer nach Yad Vashem einzuladen, um das Wiedererwachen des Antisemitismus, insbesondere in Europa, zu verurteilen. Trotz der politischen Bedeutung des Ereignisses spiegelt das gesamte Bestreben das Ausmass wider, in dem sich die Israelis in Bezug auf den Alten Kontinent täuschen. Die Vorstellung, dass die Erinnerung an den Holocaust aufgefrischt werden muss, um den modernen Antisemitismus zu bekämpfen, ist zwecklos, da Israel selbst nun beschuldigt wird, den Holocaust und dass Gedenken zu einem Instrument zu machen, mit dem es seine Ziele zu erreichen sucht, während die Antizionisten seine „Lektion“ zugunsten der palästinensischen Sache ändern – indem sie es mit der Nakba (der palästinensischen nationalen „Katastrophe“, die durch die Gründung Israels verursacht wurd) gleichsetzen.

Es ist ein strategischer Fehler, den Antisemitismus unserer Zeit als eine Erweiterung des Antisemitismus von vor 30 Jahren zu betrachten. Er existiert zwar immer noch bei den klassischen Rechtsextremen, blüht aber vor allem in Form von Antizionismus in muslimischen und weit linken postkolonialen Kreisen auf. Das tiefere Problem besteht darin, die „Lehren aus dem Holocaust“ zur moralischen Grundlage für die Bekämpfung des Antisemitismus zu machen. Als Erklärung dafür zieht es die Opferrolle der Politischen vor: Jüdisches Leid wird als Aufruf zur Beendigung des Hasses dargestellt, anstatt Israels Status als souveränes Land als Gegengewicht zum neuen antizionistischen Antisemitismus zu präsentieren. Wenn die Rechtfertigung für die Existenz Israels auf der Erinnerung an die Opfer beruht, kann Europa den Staat als eine Art humanitäres Zelt für Juden und weniger als ein souveränes Land betrachten. Infolgedessen ist es Israel in den Augen Europas nicht gestattet, sein legitimes Recht auf Selbstverteidigung zu verwirklichen. Folglich ist es Israel in den Augen Europas nicht erlaubt, sein legitimes Recht auf Selbstverteidigung zu verwirklichen. In dem Moment, in dem der israelische Soldat nicht mehr der ausgemergelte Überlebende des Vernichtungslagers ist, verwandelt er sich in den Augen der Europäer in ein Monster.

Die europäische Anerkennung Israels beruht daher auf den Schuldgefühlen gegenüber Juden – was impliziert, dass dieselbe Schuld auch für die Palästinenser gilt. Europa verschliesst die Augen vor dem arabisch-muslimischen Antisemitismus – der die Hauptquelle des modernen Antisemitismus ist – in der Überzeugung, dass die arabische Welt keine Mitverantwortung für den Holocaust trägt und das Europa die Palästinenser unterdrückt hat, indem es zur Errichtung des jüdischen Staates beitrug. Ist es deshalb nicht verständlich, dass einige der Teilnehmer, die Yad Vashem besuchen, unmittelbar nach dem Ende der Veranstaltung auch Ramallah besuchen werden? Die Rückbesinnung auf den Holocaust bedeutet in dieser Hinsicht eine weitere Stärkung der Mythen, die den neuen Antisemitismus hervorbringen – Nakba, Besatzung, Erbsünde.

Israel zahlt hierbei den Preis für ein grundlegendes strategisches Versagen auf symbolischer Ebene. Ein Versagen das aus der Verschleierung und Leugnung der Vernichtung von elf blühenden jüdischen Gemeinden in der muslimischen Welt resultiert, deren Nachkommen zu zwei Dritteln Israelis wurden, die nun eine klare Mehrheit der Israelis bilden. Der Krieg der arabischen Welt gegen Israel ist ein Krieg gegen diejenigen, die unter der Flagge des arabischen Nationalismus und Islamismus vertrieben wurden, unter seiner Gewalt gelitten haben und von arabischen Ländern ausgebeutet wurden.

Dies ist die Plattform, zu der Rivlin die führenden Politiker Europas hätte einladen sollen. Aber wo könnte eine solche Veranstaltung stattfinden? Existiert ein Museum wie Yad Vashem, das an diese Ereignisse erinnert und den Staat Israel in der Geschichte und Geographie des Nahen Ostens verankert? Israel kann auf die existenziellen Vorwürfe gegen das Land nicht mit ständiger Selbstrechtfertigung reagieren und seine Opferrolle für alle sichtbar herausstellen. Es braucht nicht Europa. Die Israelis müssen sich nach innen wenden und in sich selbst die Selbstvergewisserung und das Selbstbewusstsein der Souveränität finden; das ist politische und historische Souveränität. Es muss sich von der Opferrolle distanzieren, um seine Feinde zu bekämpfen.

Shmuel Trigano ist emeritierter Professor für Religions- und Politiksoziologie an der Universität Paris. Dieser Kommentar wurde erstmals am 15. Januar 2020 in Israel HaYom auf Englisch veröffentlicht. Übersetzung Audiatur-Online.

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