Am Rande des Holocaust-Forums in Jerusalem gab es auch einiges zu debattieren. Foto Olivier Fitoussi/Flash90
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Erwartungsgemäss mangelt es nicht an Zwischenfällen, wenn fast 50 fremde Staatsoberhäupter den jüdischen Staat besuchen, aus Anlass des Holocaustforums zum Gedenken an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz vor 75 Jahren. Wegen des ungeklärten Status von Jerusalem, absolvieren die fremden Staatsgäste nur „private“ Besuche in der historischen Altstadt, weil die staatliche Souveränität dort umstritten ist.

Der französische Staatspräsident Emmanuel Macron liess sich während seines Ganges durch die Gassen der Altstadt von israelischen Sicherheitsleuten und Polizisten beschützen. Doch bei der St. Anna Kirche nahe dem Löwentor kam es zu einem Zwischenfall, wie ihn schon vor 26 Jahren sein Amtsvorgänger Jacques Chirac ausgelöst hat. Am Eingang der zu Frankreich gehörenden Kirche mit einer atemberaubend guten Akustik beschimpfte Macron plötzlich die israelischen Personenschützer. „Die Regeln sind klar und werden sich auch unter mir nicht ändern.“ Unwirsch verlangte er von den Israelis, das Kirchengebäude augenblicklich zu verlassen, weil es unter französischer Souveränität stehe. Es fielen auch unschöne Wort wie „Provokation“, als ob die israelischen Polizisten den französischen Präsidenten zu ihrem Spassvergnügen begleiteten.

Weitere „weltbewegende“ Ereignisse sind rund um den Besuch von Putin zu erwarten.

Vor einigen Wochen hatten russische Zöllner im Gepäck der 26 Jahre alten Naama Issachar 9,5 Gramm Haschisch entdeckt, als sie in Moskau auf dem Weg von Indien zurück nach Israel in Moskau zwischengelandet war. Angeblich wusste sie nichts von dem „Schmuggelgut“ in ihrer Tasche. Gleichwohl wurde sie zu 7 Jahren Gefängnis verurteilt.

Der Fall löste grosse Anteilnahme in Israel aus und wurde in den Medien wie in den sozialen Netzen intensiv verfolgt. Premierminister Netanjahu bat Putin mehrfach um eine Begnadigung. Die Erwartung ist gross, dass Putin die junge Israeli vielleicht in seinem Flugzeug mitbringen könnte. Gemäss noch unbestätigten Berichten soll Netanjahu zu gewaltigen Veränderungen in Jerusalem bereit sein, als Gegenleistung für eine Freigabe von Naama.

Seit 1967 hatte die israelische Regierung nicht am „status quo“ der teilweise unklaren Besitzverhältnisse gerüttelt. Viel Ärger machten da die Russen. Um das zu verstehen, bedarf es eines kurzen historischen Rückblicks: Nach der Gründung Israels 1948 hielten es die sozialistisch ausgerichteten Israelis auch aus realpolitischen Gründen eher mit den Sowjets. Jeglicher russischer Kirchenbesitz, darunter mitten im Westen Jerusalems, wurde dem „rotrussischen“, dem kommunistischen Regime in Moskau nahestehenden orthodoxen Patriarchat übergeben. Die jordanische Monarchie, die damals in Ostjerusalem und im Westjordanland herrschte, war konservativer ausgerichtet und beliess die russischen Kirchen und Besitztümer den bis heute zarentreuen „Weissrussen“ mit Hauptsitz in den USA. Sie taten so, als hätte es Oktoberrevolution 1917 nie gegeben.

1967 passierte nun etwas in der Welt präzedenzloses. Als Israel Ostjerusalem und das Westjordanland von den Jordaniern eroberte, fanden sich plötzlich die „rote“ und die „weisse“ russische Kirche im gleichen Land wieder.

Um keinen „Weltkrieg“ auszulösen, rüttelten die Israelis nicht an den zufällig entstandenen Wirklichkeiten. Im Westen kontrollierten die Kommunisten die russischen Kirchen, und wenige Meter weiter, im Osten der Stadt, die zarentreuen „Weissrussen“.

Änderungen gab es seitdem nur in den seit den Osloer Verträgen von 1994 unter palästinensische Kontrolle gestellten Gebieten, darunter in Hebron und Jericho. Die PLO und Jassir Arafat standen Moskau nahe und übergaben russische Klöster in ihrem Gebiet den Sowjets.

Moskau und allen voran Präsident Vladimir Putin pochten immer wieder bei den Israelis darauf, die Existenz der vermeintlich „illegalen“ weissrussischen Kirche in den ehemals jordanischen Gebieten abzuschaffen. Es geht dabei um einige höchst bedeutsame Gebäude, die jeder Tourist und Pilger kennt.

Es geht zum Beispiel um die Maria Magdalena Kirche auf dem Ölberg, bekannt wegen der vergoldeten Zwiebeltürmchen. Religiös mag dieses Kirchlein nicht sehr bedeutsam sein. Aber nur wenige wissen, dass im Garten die Urgrossmutter des britischen Kronprinzen Charles begraben liegt. Dieses Kirchlein jetzt den russischen Kommunisten zu übergeben, wäre ein Affront gegen das britische Königshaus.

Historisch und religiös bedeutsamer ist das Kloster Alexander Niewsky. Das riesige mit rotem Sandstein verputzte Gebäude befindet sich in der Altstadt Jerusalems, auf dem ehemaligen Gelände der riesigen Basilika der Grabeskirche, also einer der Heiligsten Stätten des Christentums. Im Keller kann man historische Ruinen besichtigen, darunter die Schwelle eines Stadttores, durch das Jesus das Kreuz auf dem Weg nach Golgota, dem Kreuzigungsort, getragen habe. Gleich neben dem Eingang hängen in prachtvoll möblierten Gemächern die Ölgemälde der letzten Zaren.

Dieses Kloster an Moskau zu übergeben, könnte ein Erdbeben auslösen. Denn umstritten sind auch die Verhältnisse an anderen Heiligen Stätten, allen voran in der Grabeskirche und der Geburtskirche in Bethlehem. Nur wenige wissen, dass diese heiligsten Stätten des Christentums den Moslems gehören. Seit etwa 1000 Jahren befinden sich die Schlüssel im Besitz von muslimischen Familien, denen die untereinander zerstrittenen Christen „Miete“ zahlen müssen. Niemand kann vorhersehen, welche Folgen es haben würde, falls die Israelis auch an dieser uralten „Sitte“ rühren würden.

Es gibt beharrliche Gerüchte, wonach Israel diese Traditionen ändern könnte, um Putin zur „humanitären Geste“ zu verleiten, die zu 7 Jahren Haft verurteilte junge Israeli Naama Issachar freizulassen.

Aber Israels Regierungschef und Andere warnten vor zu viel Optimismus und rieten, den Druck auf Putin zu dämpfen, weil das kontraproduktiv sei.

Wenige Stunden vor der Landung des amerikanischen Vizepräsidenten Mike Pence in Israel meldete sich auch das Weisse Haus in Washington mit der Aufforderung an Israel, nicht umgehend die Annexion des Jordantals voranzutreiben. Netanjahu hatte als Wahlkampfslogan ausgegeben, nach den Wahlen im März das Jordantal annektieren zu wollen, falls er siegen sollte. Sein wichtigster Kontrahent, Benny Gantz erklärte daraufhin, dass er das gleiche Ziel verfolge. Netanjahu sagte daraufhin, dass in diesem Fall die Annexion umgehend in der Knesset verabschiedet werden könnte, da beide grossen Parteiblöcke dafür seien. Was die EU und andere als schlimmen Bruch des Völkerrechts betrachten, kann die Israelis wohl kaum von diesem Schritt abhalten. Seit jeher halten die Israelis das Jordantal im Osten des Landes als gefährlichstes Einfallstor ihrer Feinde. Seit 1967 bestehen sie daher auf einer militärischen Präsenz in dieser fast menschenleeren Region. Die Amerikaner reden nicht über das Völkerrecht, sondern wollen wohl Ärger mit der arabischen Welt abwenden. Sie baten deshalb die Israelis, die Veröffentlichung des amerikanischen Nahost-Planes abzuwarten. Bekanntlich hat Trump einen grossen Plan zur Lösung der Probleme des Nahen Ostens angekündigt, aber noch nicht vorgelegt.

Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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