Foto Screenshot Youtube / Washington Post
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Bei einem antisemitischen Angriff auf ein Geschäft für koschere Lebensmittel sind in Jersey City im US-Bundesstaat New Jersey insgesamt sechs Menschen getötet worden: drei Zivilisten, ein Polizeibeamter und die beiden Angreifer. Bei den Tätern handelt es sich um David N. Anderson, 47, und Francine Graham, 50. Zumindest Anderson soll zu einer Sekte von Afroamerikanern gehören, die sich Black Hebrew Israelites nennt, Einige davon, aber nicht alle, sind ausgesprochene Antisemiten und Rassisten. Auf dem von der Polizei veröffentlichten Foto trägt er eine Kufiya („Palästinensertuch“) um den Hals.

Es habe sich um ein „Hassverbrechen“ gehandelt, sagen die Behörden. Steven Fulop, der Bürgermeister von Jersey City, sagte, die Täter hätten den Supermarkt „mit Absicht“ ausgesucht. Es sei zunächst „schwierig“ gewesen, das Motiv zu verstehen, und es gebe immer noch „viele Fragen“ dazu. Doch die Aufnahmen von Überwachungskameras legten nahe, dass es sich um einen gezielten Angriff auf das koschere Geschäft gehandelt habe.

Als sei in ihrem Wohnviertel in Jersey „ein Krieg ausgebrochen“, so habe es sich angehört, berichteten Zeugen später. Es soll einen langen Schusswechsel mit der Polizei gegeben habe. Die beiden Angreifer hatten zunächst in der Nähe eines Friedhofs den 39-jährigen Polizeibeamten Joseph (Joe) Seals erschossen, einen Vater von fünf Kindern. Möglicherweise wurde Seals ermordet, weil er misstrauisch geworden war und den – mit Waffen beladenen – Lieferwagen hatte in Augenschein nehmen wollen.

Generalstaatsanwalt Gurbir Grewal: „Anschliessend, um etwa 12.21 Uhr, parkte ein von Mr. Anderson gefahrener weisser Van von U-Haul [Name eines bekannten amerikanischen Umzugsunternehmens; S.F.] auf der dem Supermarkt JC Kosher gegenüber liegenden Strassenseite.“ Das Geschäft ist etwa anderthalb Kilometer von dem ersten Tatort, dem Friedhof, entfernt. Innerhalb von Sekunden nach seiner Ankunft, so Grewal, stieg Anderson mit einem Gewehr in der Hand aus der Fahrertür des Lieferwagens. Er ging in Richtung von JC Kosher und fing „sofort an zu schiessen“. Francine Graham folgte ihm in das Geschäft. Dort hielten sich zu diesem Zeitpunkt vier Menschen auf, so der Generalstaatsanwalt. Einer konnte trotz Schusswunden fliehen. Drei andere wurden getötet. Grewal identifizierte sie als: Mindel Ferencz, 33, die den Markt zusammen mit ihrem Ehemann betrieb; Moshe Deutsch, 24, Student an einer Talmudschule; und Miguel Douglas Rodriguez, 49, der nach Informationen der New York Times möglicherweise in dem Geschäft arbeitete.

Der Gouverneur des benachbarten Bundesstaates New York, Andrew Cuomo, nannte die Tat einen „vorsätzlichen Angriff auf die jüdische Gemeinde“. Der New Yorker Bürgermeister, Bill de Blasio, sprach von einem „Terrorakt“.

Der Anschlag ereignete sich etwas mehr als einen Monat nach dem ersten Jahrestag des Massakers in der Pittsburgher Tree-of-Life-Synagoge. Viele jüdische Gemeinden in den USA haben seither Sicherheitsmassnahmen ergriffen, die bis dahin nicht für nötig erachtet worden waren: Sie installierten Überwachungskameras und Alarmknöpfe oder engagierten sogar bewaffnetes Wachpersonal.

Juden in Angst

Die New York Times beschreibt in ihrem Bericht über den Anschlag die Trauer in den jüdischen Gemeinden:

„Vor der orthodoxen Synagoge Satmar Shul in South Williamsburg, Brooklyn, versammelten sich Tausende von Menschen auf der Strasse, um Herrn Deutsch zu betrauern. Ein ganzer Block, der sich in ein Meer schwarzer Hüte verwandelt hat … Die Frauen standen getrennt von den Männern auf der anderen Strassenseite, wie es die orthodoxe jüdische Tradition vorschreibt. Rabbiner Zalman Leib Teitelbaum, der Grossrabbiner von Satmar Shul, sprach über einen Lautsprecher und weinte, als er auf Jiddisch die Ermordung als sinnlosen, antisemitischen Akt bezeichnete. In Jersey City versammelten sich Hunderte, um im Khal Adas Greenville, das eine Synagoge im Erdgeschoss und eine Jeschiwa für Kinder in der oberen Etage beherbergt, Frau Ferencz die letzte Ehre zu erweisen. Man hörte auf einem Bürgersteig zusammengekauerte Frauen weinen, als Sargträger den Sarg von Frau Ferencz aus einem Leichenwagen hoben. Einige trockneten Tränen in ihren Augen, Sprecher für Sprecher drückten auf Jiddisch ihre Trauer aus. Mehr als hundert Männer drängten sich um den Sarg, während sie anderen zuhörten, die abwechselnd in ein Mikrofon sprachen. Wenn ein Sprecher schluchzte, wurde das Weinen der Frauen lauter. Viele schauten zu Boden und bedeckten Teile ihres Gesichts mit Taschentüchern oder ihren Händen. ‚Jeder fühlt diesen Verlust’, sagte Ginny Adams-Kafka, die am Gottesdienst teilnahm, aber Frau Ferencz nicht kannte. ‚Jeder fühlt sich unsicher. Juden fühlen sich unsicher. Alle Sorten von Juden fühlen sich so unsicher und niemand glaubt uns. Das ist beängstigend.’“

Laut der New York Times fand die Polizei in dem Lieferwagen Waffen, Munition und eine funktionstüchtige Rohrbombe, sowie ein „kurzes, manifestartiges“ Schreiben, das aber „kein klares Motiv“ erkennen lasse. Mittlerweile ist bekannt, dass Anderson einer religiösen Splittergruppe angehörte, die sich Black Hebrew Israelites nennt.

Zwei NBC-Reporter berichteten, zwei Polizisten, die nicht namentlich genannt werden wollten, weil sie nicht befugt seien, zu reden, hätten ihm gesagt, dass Anderson im Internet Angriffe auf Juden und Polizisten gelobt, Verschwörungstheorien über die Macht von Juden verbreitet und geschrieben habe, Schwarze seien „nicht gewalttätig“ genug. Unter dem Benutzernamen „Maqabath“ habe Anderson auf der Website des Radiosenders Hot97 einen Kommentar unter einem Video über Alton Sterling geschrieben, einen 37-jährigen Schwarzen, der 2016 von Polizisten in Baton Rouge erschossen worden war. Der Kommentar bezog sich laut NBC „auf eine bekannte Verschwörungstheorie, wonach das jüdische Volk die Regierung kontrolliert und die Polizei im Rahmen eines andauernden Krieges [gegen Schwarze] eine ‚Agenda’ umsetzt.“

 

Die New York Times erläutert dazu: „Während die genauen Überzeugungen der Black Hebrew Israelites in den mit der Bewegung verbundenen Gruppen variieren, glauben die Anhänger im Allgemeinen, dass die zwölf im Alten Testament genannten Stämme Israels verschiedene ethnische Gruppen oder Nationen sind und dass die Weissen nicht zu ihnen gehören.“

„Sie machen hauptsächlich in Antisemitismus“, zitiert die Zeitung Heidi Beirich, die Direktorin des Rechercheprojekts am Southern Poverty Law Center, einer in den USA bekannten Organisation, die sich dem Kampf gegen Rassismus verschrieben hat. „Sie halten Juden für Betrüger“, so Beirich. Für terroristische Aktivitäten sei die Organisation allerdings nicht bekannt.

„Einige, aber nicht alle, sind offene Antisemiten und Rassisten“

Die Bürgerrechtsorganisation Anti-Defamation League (ADL) hat als Reaktion auf den antisemitischen Terroranschlag von Jersey City ein kurzes Dossier mit Informationen über die Black Hebrew Israelites auf ihre Website gestellt. Darin heisst es, es gebe viele Sekten, die sich mit Variationen als Black Hebrew Israelites bezeichneten. „Einige, aber nicht alle, sind offene Antisemiten und Rassisten.“ Die ADL betont, dass diese extremistischen und antisemitischen Sekten der Black Hebrew Israelites nichts mit den schwarzen Juden äthiopischer Herkunft zu tun haben, die echte Mitglieder des jüdischen Glaubens sind und in den letzten Jahrzehnten nach Israel emigriert sind. Die antisemitischen Black Hebrew Israelites behaupten, so die ADL, dass Weisse „Agenten des Satans“ und Juden „Lügner und falsche Anbeter Gottes“ seien; die Schwarzen seien das wahre „auserwählte Volk“ und anderen Ethnien rassisch überlegen. Die ADL führt Beispiele für das Wirken von Gruppen der Black Hebrew Israelites an. Eine davon, die Israel United In Christ, habe auch in New Jersey aktive Mitglieder:

„Sie setzen stark auf soziale Medien, um ihren Glauben zu verbreiten, und veranstalten öffentliche Aktivitäten wie Märsche und Bibellesungen. Sie lehnen das Christentum, den Islam und das Judentum ab und bezeichnen Juden ausdrücklich als ‚die Bastarde, die den Sklavenhandel finanziert haben’. Sie machen Juden und andere ethnische Gruppen für alle sozialen Missstände verantwortlich, mit denen Schwarze zu kämpfen haben, und behaupten, dass Schwarze durch das Annehmen dieser Ideologie und durch Gott befreit würden. Zudem behaupten sie, dass Juden und Weisse den Teufel verehren und Weisse im Himmel zu ihren Sklaven werden.“ 

Erst kürzlich, im Oktober 2019, hatte die Polizei laut dem ADL-Bericht in Miami einen Anhänger dieser Sekte verhaftet: Larry Greene, der sich Elijah Israel nennt, wird vorgeworfen, zwei Besucher einer Synagoge mit einem Messer angegriffen zu haben. Nach Angaben der Polizei drohte Green, die beiden zu töten und bezeichnete sie als „falsche Juden“, die „zurück nach Israel“ gehen sollten.

Die Black Hebrew Israelites sind nur ein Teil des militanten Antisemitismus, der das Leben amerikanischer Juden bedroht, einer, von dem die Öffentlichkeit bislang kaum Kenntnis hatte. Hinzukommen die Tätergruppen, die auch in Europa anzutreffen sind: Radikale Muslime und Neonazis. Kurz vor der Bluttat von Jersey City war in New York ein 20-jähriger Weisser festgenommen worden, der in einer Filiale der Supermarktkette Costco jüdische Kunden bedroht haben soll, darunter einen elfjährigen Jungen. So soll er u.a. gesagt haben: „Verdammte Juden, die Nazis werden euch erledigen.“ Einem jüdischen Kunden soll er konkret gedroht haben: „Ich hole meine Waffe aus dem Auto und erschiesse dich.“ Rabbi Avrumi Fri, der gerade in dem Supermarkt einkaufte und die Reden des Mannes mit seinem Smartphone aufnahm, musste sich seiner eigenen Aussage nach von der eintreffenden Polizei belehren lassen, er habe sich „nicht klug“ verhalten; dadurch, dass er den Mann „verfolgt“ habe, sei er selbst zum „Aggressor“ geworden. Später entschuldigte sich die Polizei bei Fri für diese Kommentare, so die New York Post.

Ein für Juden gefährliches Klima

In den USA gibt es ebenso wie in Westeuropa eine für Juden gefährliche gesellschaftliche Mischung aus Ignoranz, Nachlässigkeit und Hetze. Die Sicherheit von Juden zu gewährleisten, hat für die Behörden nicht überall Priorität – man denke an das versuchte Massaker in der Synagoge von Halle, die zu diesem Zeitpunkt – dem Jom-Kippur-Gottesdienst – ungeschützt war, obwohl die Gemeinde um Polizeischutz nachgesucht hatte. Oder an den Mann, der mit einem Messer in der Hand auf das Gelände einer Berliner Synagoge eindrang – dazu hatte er einen Zaun überwinden müssen – und „Allahu Akbar“ und „Fuck Israel“ rief. Die Berliner Staatsanwaltschaft setzte ihn umgehend auf freien Fuss, da es „keine Haftgründe“ gebe. Auf der anderen Seite werden in der Europäischen Union jüdische Waren wie 1938 gesondert gekennzeichnet, und in New York gibt es eine demokratische Kongressabgeordnete, die im Radio sagt, man müsse die Anti-Israel-Gruppe „If not now“ unterstützen, die u.a. gegen die „Verjudung Ostjerusalems“ kämpft. Und es gibt die Kongressabgeordnete Ilhan Omar, die suggeriert, der US-Kongress sei von Juden gekauft – und die dafür Applaus von dem Neonazi David Duke erhält. Das alles – die antijüdische Hetze von Linken und Neonazis, die Anti-Israel-Obsession von Teilen des politischen Establishments und die Passivität und Schlafmützigkeit mancher Behörden – schaffen ein für Juden gefährliches Klima. Bei Leuten, die ideologisch mit Antisemitismus aufgeladen und bereit zum Morden sind, entsteht der Eindruck, dass sie leichtes Spiel haben und mit heimlicher Zustimmung jener handeln, die Tag und Nacht Israel dämonisieren. „Die reden nur, ich handle“, hat sich David Anderson vielleicht gedacht, als er seine Opfer im JC Kosher-Markt erschoss.

Über Stefan Frank

Stefan Frank ist freischaffender Publizist und lebt an der deutschen Nordseeküste. Er schreibt regelmässig über Antisemitismus und andere gesellschaftspolitische Themen, u.a. für die „Achse des Guten“, „Factum“, das Gatestone Institute, die „Jüdische Rundschau“ und „Lizas Welt“. Zwischen 2007 und 2012 veröffentlichte er drei Bücher über die Finanz- und Schuldenkrise, zuletzt "Kreditinferno. Ewige Schuldenkrise und monetäres Chaos."

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