Bericht: Zunahme von Angriffen, Anfeindungen und Intoleranz gegen Christen in Europa

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Symbolbild. Foto hurk auf Pixabay.
Symbolbild. Foto hurk auf Pixabay.
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In Europa nehmen Angriffe, Anfeindungen und Intoleranz gegen Christen zu. Das geht aus dem Jahresbericht hervor, den die Beobachtungsstelle für Intoleranz und Diskriminierung gegen Christen in Wien am 18. November vorgelegt hat.

Die Beobachtungsstelle verzeichnete im vergangenen Jahr 325 antichristliche Vorfälle in 14 europäischen Ländern, gegenüber 180 im Jahr 2015, 250 im Jahr 2016 und 275 im Jahr 2017. Die Fälle reichen von Drohungen und Flaschenwürfen bis hin zu Mord. Immer wieder werden Kirchen geschändet, mit Hassparolen beschmiert oder gar in Brand gesteckt. Dazu gibt es in vielen Ländern Europas ein christenfeindliches Klima. In dem Bericht heisst es:

„In ganz Europa wurden Christen gefeuert, verklagt und sogar wegen Ausübung ihrer Meinungs- und Gewissensfreiheit verhaftet. Christlich geführte Geschäfte wurden finanziell ruiniert, christliche Studentengruppen zum Schweigen gebracht, christliche Symbole und Feiern wurden aus dem öffentlichen Raum entfernt. Wie wir schon in der Vergangenheit festgestellt haben, sind Christen in Europa nicht bloss sozialer Diskriminierung, Vorurteilen oder Einschränkungen der Freiheit ausgesetzt; Christen, einschliesslich Geistlicher, wurden wegen ihres Glauben angegriffen oder getötet.“

Einige Beispiele:

  • In Grossbritannien erhalten 15 Kirchen handschriftliche Drohbriefe, in denen sie aufgefordert werden, sofort alle Messen zu stoppen. Anderenfalls würden die Kirchen während der Messe in Brand gesetzt und alle Gottesdienstbesucher getötet.
  • In Frankreich wird ein 38-jähriger Mann verhaftet; er war während der Messe in die Kathedrale Saint-Vincent de Chalon-sur-Saône eingedrungen, hatte gedroht, alles mit einer Granate in die Luft zu jagen und auf seine Tasche gedeutet. Er griff auch nach einer Bibel oder einem Gesangbuch und rief: „Es ist der Koran, der gelesen werden sollte!“
  • In Berlin-Charlottenburg wird Pater Alain-Florent Gandoulou,der Leiter der katholischen französischsprachigen Gemeinde,in seinem Büro ermordet. Dem 54-jährigen, der ursprünglich aus dem Kongo stammt, wurde nach Angaben der Polizei mit einem Metallkreuz der Schädel eingeschlagen und mit einer Regenschirmspitze in den Kopf gestochen. Ein 26-jährigerMann aus Kamerun wird im Zusammenhang mit der Tat verhaftet. Er gibt an, „Stimmen“ gehört zu haben, die ihn zu der Tat aufgefordert hätten. Er wird in einer geschlossenen Psychiatrie untergebracht.
  • In der Pariser U-Bahn verbreitet ein Mann Panik, als er ein Messer schwingt und schreit: „Ich bin ein Muslim und ich ziele auf alle Katholiken!“
  • Auf Facebook gibt es eine anarchistische Seite, die eine brennende Kirche zeigt, dazu auf spanisch den Slogan: „Die einzige Kirche, die erleuchtet, ist die, die brennt (“La única iglesia que ilumina es la que arde“). Auf der Seite sind Cartoons, die das Christentum und die katholische Kirche verspotten.
  • In einem Flüchtlingslager in Griechenland werden zwei christliche Familien mitten in der Nacht von ca. 30-40 Leuten angegriffen, nachdem sie von einer Bibellesung im Flüchtlingslager zurückgekehrt waren.„Die Angreifer gossen Benzin auf die Hütte, in der sie sich trafen und drohten, sie anzuzünden. Sie schlugen die Männer zusammen, hielten Messer an die Kehlen von Frauen und Kindern und sagten: Dies ist ein muslimisches Lager. Ihr müsst gehen.“
  • In Spanien nimmt die Polizei zwei Mitglieder einer linksextremen Gruppe fest. Sie hatten Jugendliche beleidigt, bedroht und schliesslich mit Messern angegriffen und verwundet. Der Grund: „Sie mochten ihre T-Shirts [der katholischen Universität San Antonio de Murcia] nicht.“

„Es gibt einen Trend zu Ungunsten gläubiger Menschen“, sagt Dr. Martin Kugler, Leiter der Beobachtungsstelle. Was den Vandalismus betrifft, könne bei der Fülle an Vorkommnissen nicht in jedem Fall gesagt werden, dass sie alle aus Hass auf Religion oder Hass auf Christen verübt würden. Es gebe auch Leute, die provozieren wollten, weil sie sozial isoliert seien oder mentale Probleme hätten und „genau wissen, dass sie damit auffallen können“. Dennoch müsse leider festgestellt werden, dass Vandalismus gegen Kirchen auch etwas mit dem gesellschaftlichen Klima zu tun habe: „In Westeuropa gibt es gerade unter den Eliten eine Feindseligkeit, mindestens aber eine Distanzierung gegenüber verbindlicher Glaubensausübung. Selbst wenn nicht jeder Einzelfall von Vandalismus ein christenfeindlicher Akt sein muss, ist es doch so, dass das gesellschaftliche Klima solche Akte leider begünstigt.“

Bewusstsein für Diskriminierung in der Gesellschaft sehr gering

Das gelte auch für Diskriminierung von Christen. Sie äussere sich nicht so sehr in Gesetzen, sondern in dem, was Kugler soft laws nennt. Bei bestimmten Themen bekämen Christen Probleme, wenn sie ihrem Gewissen folgten. Als Beispiel nennt er medizinisches Fachpersonal: „Seit 2013 wurde der schwedischen Hebamme Elinnor Grimmark an mehreren Kliniken die Arbeit als Hebamme verwehrt, weil sie – ihrem Gewissen folgend – die Mitwirkung an Abtreibungen ablehnte. Das höchste schwedische Gericht entschied 2017 gegen die Gewissensfreiheit der jungen Frau. De iure und de facto steht also der Beruf einer Hebamme an schwedischen Krankenhäusern Christinnen, die ihren Glauben ernst nehmen, nicht mehr offen. Ähnliches gilt natürlich auch für andere Positionen im medizinischen Bereich und in einigen weiteren Ländern.“ Das betreffe nicht „Taufscheinchristen“, sondern solche, „die ihren Glauben ernst nehmen“. Das sei der ein wesentlicher Grund dafür, dass das Bewusstsein für diese Diskriminierung in der Gesellschaft sehr gering sei, weil es die Durchschnittsbürger weniger betreffe.

Bei der Behandlung der Religionen sieht Kugler ein Messen mit zweierlei Mass: Während es nach dem Massaker in einer Moschee in Christchurch, Neuseeland, zurecht grosse Empörung gegen den Terrorakt gegeben habe und vielfach eine „Front gegen Islamophobie“ gefordert worden sei, habe man nach  den kurze Zeit später am Ostersonntag verübten Terroranschlägen auf Christen in Sri Lanka – mindestens 253 Menschen wurden getötet, 500 verletzt – nichts Dergleichen vernommen. „Beide Taten waren irgendwie vergleichbar. Dennoch war es bei den Terroranschlägen von Sri Lanka fast lächerlich, wie sich westliche Politiker geziert haben, die Opfer beim Namen zu nennen.“ Als Beispiel nennt Kugler die Reaktion des deutschen Aussenministers Heiko Maas, der in einer kurz nach den Anschlägen verbreiteten Twitter-Botschaft alles getan habe, um das Wort „Christen“ zu vermeiden. Zudem habe Maas den Terroranschlag nicht benannt. Stattdessen sprach er vage von „Hass“ und den „Nachrichten aus Sri Lanka“ und davon, dass „Hass unsererseits nie die Lösung sein“ könne. „Dabei weiss jeder, dass die Christen in Sri Lanka eine Minderheit und nie der Aggressor sind. Das war wirklich lächerlich, und es war nicht irgendwer, sondern der deutsche Aussenminister“, so Kugler.

In vielen Bereichen der Gesellschaft spüre man „subtile oder nicht so subtile Ressentiments“ gegen Christen, sagt Kugler. Als Beispiele nennt er Theater, Museen, die Zensur auf Facebook oder Universitäten, wo christliche Gruppen, die sich für den Schutz des ungeborenen Lebens einsetzten, keine Flugblätter verteilen dürften und keine Hörsäle bekämen, „nicht weil sie gegen Regeln verstossen würden, sondern weil man eben die Botschaft ablehnt. Weil sie etwas sagen, was man dort nicht sagen darf“. Das betreffe Bioethik, Gender, Feminismus, Sexualpädagogik, „diese Themen, die für Christen sehr wichtig sind, weil sie das Herz der menschlichen Natur betreffen. Hier gibt es mehr und mehr eine antichristliche Schlagseite.“ „Toleranz“ sei ein verbreitetes Schlagwort, so Kugler, „aber es gibt sie nicht für bestimmte Gruppen: Es gibt sie nicht für Pro-Life-Gruppen, es gibt sie nicht für Leute, die die Genderideologie kritisieren, und es gibt sie auch nicht, wenn jemand in einem muslimischen Kontext die Religionsfreiheit einfordert“.

Schulterschluss um das jüdisch-christliche Erbe in Europa zu stärken

Die Ungleichbehandlung erstrecke sich auch auf supranationale Organisationen wie die UNO und die OSZE: Islamophobie sei dort ein „Riesenthema“, Diskriminierung von Christen hingegen so gut wie gar nicht. „Länder wie die Türkei machen dort effektive Lobbyarbeit und finanzieren die entsprechenden NGOs, die die Arbeit machen.“ Von christlicher Seite gebe es solche Bemühungen nicht oder in viel weniger starkem Ausmass. „Viele Kirchen fühlen sich zu nobel, um Lobbyarbeit zu machen. Einige wollen ja nicht einmal mehr missionieren. Auch auf politischer Ebene funktioniert diese Zurückhaltung nicht.“

Kugler fordert Christen und Juden auf, den „Schulterschluss zu suchen, um das jüdisch-christliche Erbe in Europa zu stärken.“ „Die Juden sind unsere älteren Geschwister.“ Bei allen Differenzen, die Angehörige der beiden Glaubensgemeinschaften haben könnten, seien Gemeinsamkeiten doch viel grösser. „Der berühmte jüdische Professor Joseph Weiler, der in New York und Florenz lehrt, schreibt in seinem Buch Ein christliches Europa, er fühle sich als Angehöriger einer Minderheit in einer Gesellschaft, welche die eigene Religion bewahrt und das Heilige hochhält, viel sicherer als in einer säkularistischen Gesellschaft, die Gott aus dem öffentlichen Leben verbannt und nichts von Religion wissen will.“

Den Antiisraelismus, wie er in einigen westeuropäischen und nordamerikanischen Kirchen zu finden ist, hält Kugler auch für eine Folge von Ignoranz: „Es würde kaum echt gläubige Christen geben, die antiisraelisch eingestellt sind, wenn man ihnen das Thema besser erklären würde.“ Er gibt aber zu, dass die These „optimistisch“ sei.

Gleichgültigkeit oder gar religionsfeindliche Haltung

Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Flucht von Juden aus Europa und antichristlichen Anschlägen, Ressentiments und Diskriminierungen? Kugler: „Die vorherrschende Gleichgültigkeit oder gar religionsfeindliche Haltung unter den Eliten erleichtert solche Tendenzen. Das betrifft das jüdisch-christliche Erbe und das Leben der einzelnen Gläubigen.“ Christen sollten sich im öffentlichen Bereich mehr engagieren: „Man darf das nicht Bischöfen und Pastoren überlassen, um das Gemeinwohl muss sich jeder kümmern.“ Das Ausmass des Terrors gegen Christen ist vielen nicht bewusst – auch weil darüber in den grossen Zeitungen, Fernsehsendern und auf grossen Websites sehr wenig berichtet wird. Hier könne der Einzelne etwas tun, sagt Kugler, etwa, indem er Briefe an Redaktionen und Politiker schreibt. „Politiker und Journalisten brauchen auch Feedback, von christlicher Seite wird hier sicherlich viel zu wenig gemacht.“

Gerade viele junge Christen sähen das auch so: „Für sie ist Religion nicht nur Tradition oder Kultur, sondern persönliche Berufung. Das sieht man in den freien Christengemeinden, aber auch in katholischen Gemeinden.“ Junge Christen seien „widerstandsfähiger und eher bereit, ihren Glauben öffentlich zu bezeugen“. Denn Christ zu sein, bedeute nicht nur, „bestimmte Dinge zu sagen oder zu beten, sondern bestimmte Dinge zu tun bzw. nicht zu tun. Warum Christen gegen Abtreibung und Euthanasie sind, dass sie den Menschen als Ebenbild Gottes sehen, warum sie für den Schutz der Ehe sind und nicht für das kinderlose Leben – das alles müssten sie noch viel mehr erklären. Der Mut dazu ist unter jüngeren Christen stärker vorhanden.“

Über Stefan Frank

Stefan Frank ist freischaffender Publizist und lebt an der deutschen Nordseeküste. Er schreibt regelmässig über Antisemitismus und andere gesellschaftspolitische Themen, u.a. für die „Achse des Guten“, „Factum“, das Gatestone Institute, die „Jüdische Rundschau“ und „Lizas Welt“. Zwischen 2007 und 2012 veröffentlichte er drei Bücher über die Finanz- und Schuldenkrise, zuletzt "Kreditinferno. Ewige Schuldenkrise und monetäres Chaos."

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1 KOMMENTAR

  1. Walter Lübcke wurde von einen deutschen Heiden und Neonazi ermordet. Antisemitisch-heidnische Nazi-Ideologen sind auch kirchenfeindliche Aktivisten und sie haben viele Christen ermordet. Der stärkste gegenwärtige ideologische Stichwortgeber der extremen Rechten ist sicher die jetzige AfD und deren Sympathisanten. Lübcke, so der ev. Bischof Martin Hein sei ein überzeugter Christ und „ein Mann des klaren Wortes und der klaren Tat“ gewesen. In der Flüchtlingskrise 2015 habe er ihn als einen pragmatischen und unkonventionellen Politiker erlebt, der vermittelt habe, „was zu schaffen war, wenn man wollte“. Die offene Aggressivität, der Lübcke wegen seines Einsatzes für Flüchtlinge schon damals ausgesetzt gewesen sei, habe den Politiker tief getroffen. http://antifagruppeweidenneustadt.blogspot.com/2019/06/walter-lubcke.html

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