Die brennende orthodoxe Synagoge am Börneplatz in Frankfurt am Main. Foto Vashem Fotoarchiv
Die brennende orthodoxe Synagoge am Börneplatz in Frankfurt am Main. Foto Vashem Fotoarchiv
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In dieser Woche gedenkt Deutschland des 81. Jahrestags der Novemberpogrome von 1938, der sogenannten „Reichskristallnacht“. Der landesweite NS-Pogrom gegen die jüdische Gemeinde in Deutschland fand am 9. und 10. November 1938 statt; in Erinnerung blieb vor allem die Zerstörung so vieler Juden gehörender Geschäfte, Gebäude und Synagogen; Trümmer und Glassplitter von zerbrochenen Fenstern und Türen füllten die Strassen.

von Jonathan S. Tobin

Die „Kristallnacht“ wird oft als Vorbote des Holocaust betrachtet, dem in den folgenden Jahren sechs Millionen jüdische Männer, Frauen und Kinder zum Opfer fielen, getötet von Deutschen und ihren Helfern. Doch exakter könnte man sie als den Höhepunkt eines Prozesses der Dämonisierung und Marginalisierung von Juden durch das NS-Regime bezeichnen, der schliesslich zu dieser nationalen Zurschaustellung von Intoleranz und Gewalt führte. Wenige Jahre später sollte der Schrecken des von den Mördern vergossenen Blutes den Schock der Novemberpogrome in den Schatten stellen – doch was man im Hinblick auf die Ereignisse des Novembers 1938 begreifen muss, ist, dass es bis dahin noch möglich gewesen war, so zu tun, als sei Deutschland eine zivilisierte Nation, mochten Adolf Hitler und seine Anhänger, die im Januar 1933 die Macht ergriffen hatten, auch so sprechen und handeln wie Barbaren.

Die Bedeutung dieses Datums ist heute, im Jahr 2019, unbestritten. Die zu diskutierende Frage ist, ob es für uns als Massstab für die Bewertung des heutigen Antisemitismus dienen sollte. Nach dem Massaker in einer Synagoge in Pittsburgh, dem Anschlag auf eine Synagoge in Poway, Kalifornien, und dem kaltblütigen Anschlag auf eine Synagoge in Halle im vergangenen Monat sowie einer Reihe weiterer Vorfälle in ganz Europa ist unübersehbar, dass die ansteigende Flut des Antisemitismus, die es in den letzten Jahren überall auf der Welt gab, nicht nachlässt. Rechtsextreme Gewalt gegen Juden ist zu einer Tatsache geworden, die man nicht ignorieren darf.

Unterdessen ist auch die Dämonisierung der Juden und Israels vonseiten der politischen Linken, Teil des Mainstream-Diskurses in Europa geworden. Sie fasst auch in den Vereinigten Staaten Fuss. BDS-Propagandisten werden immer lauter und sind auf schockierende Weise präsent in Form der beiden Kongressabgeordneten Ilhan Omar und Rashida Tlaib (beide Demokraten), die von der Presse als Opfer von Islamfeindlichkeit dargestellt werden, statt als Hetzer.

Diese Entwicklungen haben Befürchtungen geweckt, dass sich der Kreislauf von Gewalt und Delegitimierung, der zur „Kristallnacht“ geführt hat, wiederholt. Doch obwohl es offensichtlich notwendig ist, alarmiert zu sein über den Aufschwung des Antisemitismus, kann nicht genug betont werden, dass nichts, was heute geschieht, dem entspricht, was 1938 geschah.

„Unser Problem besteht nicht darin, zu erkennen, dass es Antisemitismus gibt, sondern in der Frage, wie wir angemessen darauf reagieren“

Dies zu sagen, bedeutet nicht, die Tatsache in Abrede zu stellen, dass das jüdische Leben in Europa in einem Zustand der Belagerung ist, wo ja selbst wohlmeinende Regierungsbeamte deutsche und französische Juden dazu raten, in der Öffentlichkeit keine Kleidungsstücke zu tragen, die sie als Juden kenntlich machen – wie etwa eine Kippah oder eine Halskette mit Davidstern –, um sich nicht zum Ziel zu machen. Das schmälert auch nicht die Bedrohung durch terroristische Gruppen oder antisemitische Regimes wie das des Iran, das immer noch nach Atomwaffen strebt und so den einzigen jüdischen Staat auf dem Planeten der Gefahr der Vernichtung aussetzt. Die Befürchtung, dass Grossbritannien von einem Antisemiten wie dem Labour-Führer Jeremy Corbyn regiert werden könnte, ist ebenfalls berechtigt.

Das Problem in Europa ist jedoch nicht, dass der Kontinent in die Hände der Nazis fällt. Es besteht darin, dass die Welt nur wenige Jahrzehnte nach dem Holocaust noch immer von Antisemitismus überschwemmt ist, der den anhaltenden Krieg gegen Israel und den Zionismus legitimiert und eines Tages an anderer Stelle mehr Hass und Gewalt vorbringen könnte, wenn man ihm nicht Einhalt gebietet. Unser Problem besteht nicht darin, zu erkennen, dass es Antisemitismus gibt, sondern in der Frage, wie wir angemessen darauf reagieren, um der zweifachen Gefahr von Hysterie und Selbstzufriedenheit zu entgehen.

Die Novemberpogrome waren nicht so sehr der Beginn von NS-Verbrechen gegen die Juden – Diskriminierung, willkürliche Inhaftierungen und Gewalt hatte es ja schon vorher gegeben. Sondern es war der Punkt, wo es keine Umkehr mehr gab, der Punkt, ab dem sich ausländische Beobachter nicht mehr über das Wesen des Regimes täuschen konnten und darüber, zu welchen Taten es imstande war. Bis dahin hatten auch diejenigen, die den Juden nicht feindselig gegenüberstanden – und selbst einige Juden, einschliesslich derer, die ihrer deutschen Heimat treu blieben, obwohl schmerzlich klar war, dass diese Liebe zu ihrem Land nicht erwidert wurde –, Hitlers Aufstieg als Verirrung ansehen können, als eine vorübergehende Phase, die bald entweder überwunden werden oder in eine weniger gefährliche übergehen würde. Bis dahin hatte man Nazideutschland noch, wenn auch nur unter einigen Verrenkungen, als irgendwie verwandt mit jenem Deutschland ansehen können, das einst Zentrum der europäischen Hochkultur und Wissenschaft gewesen war, statt als Barbarei.

Wenn wir uns einen klaren Begriff davon machen wollen, welche Bedeutung die „Kristallnacht“ für die Gegenwart hat, müssen wir aufmerksam sein, aber auch realistisch, was das Wesen des zeitgenössischen Antisemitismus betrifft. Man muss nicht glauben, dass in naher Zukunft ein neues Auschwitz möglich wäre, um zu verstehen, dass die Judenhasser auf der rechten Seite und ihre seltsamen islamistischen Bettgenossen die Schrecken der Vergangenheit wiederholen würden, wenn sie denn nur könnten. Zu was sie in der Gegenwart in der Lage sind – Israel und seine jüdischen Unterstützer zu dämonisieren –, ist schlimm genug; man muss nicht zu Übertreibungen greifen, die dem Bemühen, Bewusstsein für das Problem zu schaffen, eher schaden. Man kann die Sicherheit der Juden auch nicht dadurch verbessern, dass man so tut, als hätte der Rechtsextremismus einen grossen Teil der deutschen Bevölkerung hinter sich, so wie einst die Nazis. Die heutigen rechtsextremen Mörder sind politisch weitgehend isoliert und können nicht auf die Unterstützung des politischen Establishments in Deutschland oder den USA zählen. Ebenso töricht ist der Versuch, Präsident Donald Trump mit antijüdischer Gewalt in Verbindung zu bringen und dabei sowohl Trumps Unterstützung für Israel zu ignorieren als auch seine wiederholten Verurteilungen des Rechtsextremismus.

Wenn wir der Novemberpogrome gedenken, dann sollten wir auf besonnene Weise Hass anprangern, wo immer es ihn gibt, und alle notwendigen Massnahmen ergreifen, um die Sicherheit unserer Gemeinden zu gewährleisten. Wir müssen auch bereit sein zu verstehen, dass die Juden heute – anders als 1938 – nicht mehr allein sind. Und dank der Existenz des Staates Israel sind sie auch nicht ohnmächtig. Diejenigen, die die Geschichte vergessen oder falsch interpretieren, um entweder törichten Alarmismus oder gefährliche Selbstzufriedenheit zu verbreiten, erweisen den Juden und dem Kampf gegen Hass keinen Dienst.

Jonathan S. Tobin ist der Chefredakteur von JNS – Jewish News Syndicate. Er ist auch ein Mitautor der National Review und Kolumnist für die New York Post, Haaretz und andere Publikationen. Auf Englisch zuerst erschienen bei Jewish News Syndicate. Übersetzung Audiatur-Online.

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